It's All About Love

Produktionsnotizen

Authentische Geschichten, Originalton, bewegliches Kameraequipment, keine Stars, kein Glamour - nur wenige Filme erfüllten das Glaubensbekenntnis der dänischen Dogma-Regisseure so perfekt wie Das Fest. Thomas Vinterbergs intensiver Film begeisterte 1998 nicht nur die Jury des internationalen Filmfestivals in Cannes. Mit It's All About Love hat Vinterberg dem Glauben von früher abgeschworen. Eine im Showbiz angesiedelte Geschichte, Hollywood-Stars und ein Team hoch qualifizierter Spezialisten für komplexe Kinoillusionen markieren die Gegenposition zum Dogma-Reinheitsgebot. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - erlaubt It's All About Love einen verstörenden Blick auf den Zustand der Welt.

Claire Danes, die in ROMEO + JULIET ("William Shakespeares Romeo & Julia", 1996) an der Seite von Leonardo DiCaprio zum Star wurde, und Joaquin Phoenix, der zuletzt in SIGNS ("Signs - Zeichen", 2002) und GLADIATOR, 2000, brillierte, spielen das junge Paar, das ihre Liebe füreinander wiederentdeckt. Sean Penn, zuletzt in der Titelrolle von I AM SAM ("Ich bin Sam", 2001) im Kino, spielt Phoenix' Bruder, der gegen Flugangst unter Drogen gesetzt, den Untergang der Welt in der Druckkabine eines Reisejets erlebt. Zum Filmteam gehörten neben den Freunden aus Dogma-Tagen wie der Produzentin Brigitte Hald, Vinterbergs Co-Autor Mogens Rukov und Kameramann Anthony Dod Mantle, Peter Greenaways Production Designer Ben van Os, der zum Beispiel für den Look von THE COOK THE THIEF HIS WIFE & HER LOVER ("Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber", 1989) verantwortlich war und Krzysztof Kieslowskis langjähriger Mitarbeiter, der Komponist Zbigniew Preisner, der bis zu TROIS COULEURS: ROUGE ("Drei Farben - Rot", 1994) für alle Kieslowski-Spielfilme die Musik schrieb.

It's All About Love spielt in der nahen Zukunft. Der visuelle Stil sollte sich deutlich von dem üblicher Science Fiction Filme absetzen. So war es eine bewusste Entscheidung von Thomas Vinterberg und Produktions-Designer Ben van Os, mit eleganten Art deco Innenräumen Erinnerungen an alte Technicolor Filme zu wecken. "Wir wollten ein New York, das an alte Hitchcock-Filme erinnert", erklärt Thomas Vinterberg. "Darum verzichten wir auf fliegende Autos, blaue Milch, merkwürdige Zigaretten und implantierte Telefone. Futuristische Technologie hat uns einfach nicht interessiert. Wir entschlossen uns, den umgekehrten Weg zu gehen, weil wir einerseits etwas über die nahe Zukunft sagen und andererseits zeigen wollten, worum es wirklich geht: Um Liebe und die wirklichen, die natürlichen Dinge. Die Vergangenheit wurde zum Zentrum dessen, wonach unsere Charaktere und der ganze Film strebte. Das hatte selbst auf unsere Vision von New York Einfluss und die Entwicklung unserer Charaktere."

It's All About Love spielt im New York des Jahres 2021, und obwohl viele der Schauspieler in New York leben, fanden hier noch nicht einmal die Außenszenen statt. Das Film-New York wurde in den Studios im schwedischen Trollhättan nachgebaut, zentrale Außenmotive wurden in Kopenhagen gedreht und nur einige unverzichtbare Panoramashots und Zwischenschnitte sind tatsächlich in New York aufgenommen worden. Die Produzentin Brigitte Hald: "Die Geschichte spielt in New York. Aber wenn man dort tatsächlich drehen will, kann zu viel Unvorhergesehenes dazwischenkommen. Auch die Kosten für Vorbereitung und Drehgenehmigungen haben uns überzeugt, New York woanders auferstehen zu lassen." Die Neu-Erfindung New Yorks erwies sich als eine weitreichende Entscheidung, gab sie Thomas Vinterberg doch die vollkommene künstlerische Freiheit, seine Vision zu verwirklichen. Außerdem konnten ganz neue Techniken und Arbeitsabläufe ausprobiert werden.

So wurden die New Yorker U-Bahn Szenen in einem innerstädtischen U-Bahnhof in Kopenhagen gedreht. Die New Yorker Skyline wurde erst später hinzugefügt. Mit ein paar amerikanischen Straßenlaternen, Parkbänken und Mülleimern wurde aus einem Kopenhagener Park der New Yorker Central Park. Nicht an Originalschauplätzen zu drehen, hatte auch Einfluss auf die Arbeit der Schauspieler. Joaquin Phoenix: "Ich glaube, ich hatte hier mehr green-screen-Szenen (auf die Hintergründe nachträglich digital eingefügt werden) als in allen anderen Filmen, inklusive GLADIATOR". Dafür wurde umfangreiches Material gebraucht, das ein Second Unit-Team in New York, Kenya, Norwegen, Paris, Venedig, Nord-Schweden und Kanada drehte.

Grundsätzlich wollte Thomas Vinterberg mit It's All About Love die genaue Gegenposition zu Das Fest und dem Dogma Manifest, das er 1995 gemeinsam mit Lars von Trier formuliert hatte. "Die Zuversicht, die mir das Dogma-Projekt gegeben hat, setzte eine enorme Energie frei, die ich unbedingt beibehalten wollte. Die Idee von einem Projekt mit einem gewissen Risiko faszinierte mich. Wir wollten etwas Radikales, eine ganz vorsichtig konstruierte Illusion." Das hatte ästhetische Konsequenzen.

"Sollte bei Dogma mit Handkamera und an Originalschauplätzen gedreht werden, wollten wir jetzt mit Stativ in gebauten Studio-Sets arbeiten. Die Flucht von Joaquin Phoenix und Claire Danes durch die Straßen New Yorks haben wir zum Beispiel auf einem Parkplatz im dänischen Filmbyen gedreht. In den Fugzeugszenen mit Sean Penn ist weder die Landschaft noch irgendetwas sonst echt." Das hat mit dem Dogma Manifest nicht mehr viel zu tun. Vinterberg: "Die vielleicht wichtigste Qualität von Dogma-Filmen ist ihre Innovation. In diesem Sinn entspricht mein Film vollkommen dem Geist von Dogma. Man kann sagen, ich habe ein paar Regeln hinzugefügt, die mich zur Innovation gezwungen haben."

Trotzdem möchte Co-Autor Mogens Rukov It's All About Love lieber mit dem Gütesiegel "Anti-Dogma" versehen. Rukov: "Dieses Projekt markiert doch genau die Gegenposition zu Das Fest. In jeder Hinsicht hat Thomas immer genau das Gegenteil von dem gemacht, was er sonst hätte tun müssen." Die Produzentin Brigitte Hald sieht es genauso. "Bei diesem Film wollte Thomas durch nichts beeinträchtigt werden. It's All About Love nutzt alle möglichen Herangehensweisen des Filmemachens und darum kann es auch kein Dogma-Film sein."

It's All About Love auch einen Neubeginn. In Das Fest ging es darum, 'nein' zu sagen und alles anders zu machen. In It's All About Love mußsten wir dauernd 'ja' sagen und bekamen die Chance, mit demselben Regisseur an zwei sehr verschiedenen Filmen zu arbeiten. Das eröffnet ganz neue Dimensionen und erlaubt eine Zusammenarbeit, bei der man unheimlich viel lernt."

Das Drehbuch zu It's All About Love schrieb Thomas Vinterberg zusammen mit Mogens Rukov, seinem ehemaligen Lehrer an der dänischen Filmhochschule, mit dem er schon das Buch zu Das Fest geschrieben hat. Ausgangspunkt der Geschichte waren Vinterbergs Eindrücke von den Promotionreisen für Das Fest, die ihn um die ganze Welt geführt haben.

Vinterberg: "Ich begann die Mitglieder dieses Cosmopolitan Clubs zu beobachten, die über den Wolken zu leben scheinen. Ich begann zu lernen, in Budapest aufzuwachen, in London Mittag zu essen und in Venedig wieder ins Bett zu gehen. Ich sah eine Welt in Bewegung, eine Welt, in der Menschen hierhin und dorthin gingen, ohne an irgendetwas zu hängen oder irgendwohin zu gehören. Das ist eine ganz andere Art zu leben, die zunehmend zum Alltag der modernen Menschheit gehört. Die Leute sind dauernd in Bewegung, sie haben Meetings, sie wollen ihren Freund oder ihre Freundin sehen, mit denen sie nicht mehr zusammenleben, sie nehmen ihre Kinder, um sie zum Kindergarten zu fahren und dort wieder abzuholen, sie haben Konferenzschaltungen und für ihre Liebe haben sie SMS-Mitteilungen. Als ich durch Das Fest sooft von meinen Kindern und meiner Frau getrennt war, ist es mir oft genauso ergangen. Diese Erfahrung war manchmal phantastisch und manchmal ziemlich quälend."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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