24 Stunden Angst

Produktionsnotizen

Seit die Produzentin Mimi Polk Gitlin und Regisseur Luis Mandoki ihre Produktionsfirma Mandolin Entertainment gegründet hatten, suchte Luis Mandoki nach einem geeigneten Thrillerstoff, um sich so endlich auch einmal jenseits seines angestammten Arbeitsfeldes, der romantischen Komödie, betätigen zu können.

Als er eines Tages das Drehbuch von 24 STUNDEN ANGST auf den Schreibtisch bekam, hatte er sich schon darauf eingestellt, nur ein bisschen darin herumzublättern, zumal auch schon der nächste Termin anstand und er sowieso in Eile war. Aber dann, so erinnert er sich, kam es ganz anders. Er war sofort gefesselt. "Das Drehbuch löste in mir ein echtes Lesefieber aus. Ich konnte es nicht aus der Hand legen. Die intensive Atmosphäre und der direkte Tonfall erinnerten mich an meine beiden Lieblingsfilme DELIVERANCE (Beim Sterben ist jeder der Erste, 1971) von John Boorman und STRAW DOGS (Wer Gewalt sät, 1971) von Sam Peckinpah."

Bereits am nächsten Tag erklärte Mandoki seiner Partnerin, dass er den Film unbedingt machen wollte.

24 STUNDEN ANGST war das erste Drehbuch aus der Feder des Romanciers Greg Iles. Mimi Polk Gitlin hatte den Autor durch die Vermittlung des Musikproduzenten und Komponisten Glen Ballard kennen gelernt. "Es war Gregs erstes Drehbuch, und es war fantastisch", erzählt die Produzentin rückblickend. "Die Zusammenarbeit war für jeden von uns eine große Bereicherung. Es ist oft heikel, mit einem gestandenen Romanautor an einem Drehbuch zu arbeiten, aber im Fall von Greg war es ganz einfach. dass zwischen Romanen und Drehbüchern wahrlich gravierende Unterschiede bestehen, leuchtete ihm ganz selbstverständlich ein. So haben wir uns schnell und klar darüber verständigen können, dass es nicht darum ging, mutwillig an seinem Buch herumzufummeln, sondern nur die klarste und effektivste Version für die Leinwand herauszukitzeln."

Der Executive Producer Neil Canton war am meisten von der Stringenz und Ökonomie des Buchs beeindruckt: "Iles ist in der Lage, strikt den Regeln eines gegebenen Genres zu folgen und die Story doch ganz neu erscheinen zu lassen. Durch den 24-Stunden-Rahmen bekam die Geschichte wirklich einen ausgeklügelten Dreh. Wenn das Publikum spürt, dass man intelligent mit dem Genre verfährt, lässt es sich auch dankbar darauf ein."

Für Mandoki bestand der wesentliche Reiz der Story in der differenzierten Zeichnung der Charaktere und darin, wie sie durch die Ereignisse förmlich gezwungen werden, psychologische Wandlungen durchzumachen: "Menschen sehnen sich nach Komfort und Bequemlichkeit, aber Bequemlichkeit ist trügerisch. Man nimmt sie schnell als selbstverständlich hin und verliert so das Gespür für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Wenn Menschen dann gänzlich unerwartet aus der Bahn geworfen werden, kann man darin auch eine göttliche Botschaft sehen - eine Art Weckruf. In solchen Momenten entdecken Menschen auf einmal Fähigkeiten in sich - Mut, Kraft und Energie -, von denen sie gar nicht wussten, dass sie sie überhaupt besitzen."

Dieser psychologische Wendepunkt ist zugleich auch der dramatische Auslöser der Geschichte. Charlize Theron, die die perfekte Ehefrau und Mutter in dieser perfekten Familie spielt, erzählt: "Dank der erfolgreichen medizinischen Experimente Wills setzt die Familie buchstäblich zum ganz großen Sprung an, doch genau in diesem Moment werden ihnen ultimative Prüfungen auferlegt, die ihre festgefügten Wertigkeiten und Prioritäten komplett über den Haufen werfen."

Mandolin hat einen First Look Deal mit Propaganda Films, die sich um die finanzielle Grundausstattung des Projekts kümmerten: Sie erwarben eine Option auf den Roman und das Drehbuch, und als später noch die Canton Company als Partner dazu stieß, wurden die Details der weiteren Finanzierung mit Senator und Columbia vereinbart. Die gesamte Vorbereitung der Produktion konnte in einem für Hollywood sensationell kurzen Zeitraum unter Dach und Fach gebracht werden.

Mit der gesicherten Finanzierung machten sich die Produzenten ans Casting und nahmen Kontakt mit Charlize Theron auf, die großes Interesse an der Rolle von Karen bekundet hatte: "Ich fand es sehr reizvoll, diese junge Mutter und Ehefrau in einer Extremsituation zu spielen. Darüber hinaus war ich sehr erfreut, dass Luis Mandoki diesen Film machen wollte." Auch bei Kevin Bacon war es nicht schwer, ihn für die männliche Hauptrolle zu interessieren.

Für den Regisseur wiederum war es ein großes Vergnügen, diese beiden Hauptdarsteller an der Seite zu haben, um das Abenteuer dieses Films zu wagen. "Sowohl Kevin als auch Charlize zeigten eine solche Hingabe für das Projekt. Sie haben wirklich geschuftet. Trotzdem waren sie zwischen den Aufnahmen sehr entspannt und für jeden Spaß mit ihren Kollegen oder den Technikern zu haben."

Luis Mandoki wollte Stuart Townsend. Er hatte ihn in England bei Dreharbeiten beobachtet und hielt ihn für die perfekte Besetzung. Mimi Polk Gitlin sagt über ihn: "Er lässt sich wirklich ganz und gar auf einen Film ein. Er hat uns mit Fragen gelöchert, wollte alle Hintergründe wissen und vieles von dem, was er aufgeworfen hat, ist dann auch noch ins Drehbuch und später in die Dreharbeiten eingeflossen." Das Gleiche gilt für Courtney Love, die Kevin Bacons Partnerin spielt. "Sie ist absolut instinktsicher. Alles was sie macht, kommt aus dem Bauch. Sie hat eine starke Persönlichkeit - sowohl auf der Leinwand als auch im wirklichen Leben."

Zu den anspruchsvollsten Aufgaben des Casting zählte es, die Darstellerin der Abby, des entführten Mädchens, zu finden. Nachdem bereits Besetzungstermine mit über 500 Kindern stattgefunden hatten, wurde schließlich Dakota Fanning aufgerufen. dass sie bereits mit dem Kinderbetreuer Andrew Magarian gearbeitet hatte, den Mandoki von den Dreharbeiten zu WHEN A MAN LOVES A WOMAN kannte, machte den Regisseur vorab neugierig. Auch das Tape, das er sich von der Kleinen anschaute, war viel versprechend. Doch es war die erste persönliche Begegnung, die Mandoki innerhalb Sekunden Klarheit verschaffte: Dieses Mädchen sollte Abby werden.

Seine Entscheidung fand große Zustimmung bei allen Beteiligten des Projekts, und sobald der Dreh begann, waren es vor allem Dakota Fannings erwachsene Kollegen vor der Kamera, die sich überschwänglich über die Arbeit mit dem Kind äußerten. Kevin Bacon etwa erinnert sich an eine Szene, die nachts im Wald gedreht wurde: "Sie ist absolut glaubwürdig, wie sie die Angst und Furcht von Abby darstellt. Wir waren alle verblüfft, mit welcher Sicherheit und Ausdruckskraft diese Kleine daherkam."

Dakota Fanning selbst ist allerdings viel bescheidener, was die Einschätzung ihrer Arbeit angeht: "Als ich am Drehort ankam, gab es überall Schilder, auf denen stand: Vorsicht Bären! So mußste ich mich gar nicht besonders anstrengen, Angst zu bekommen. Ich hatte sie sowieso schon." Mit dieser Mischung aus Bescheidenheit und Unschuld war sie schnell der Liebling des gesamten Teams. Hinzu kam, dass sie erstaunlich konzentriert und immer vorbereitet war. Sie hatte ihren Dialog gelernt und wusste genau Bescheid, worum es in ihrer jeweiligen Szene ging. Mark Canton führt aus: "Bei Erwachsenen kann man das verlangen, bei einem siebenjährigen Kind allerdings ist das sehr erstaunlich. Und noch erstaunlicher ist vielleicht, dass sie trotz ihrer Professionalität nichts von ihrer Kindlichkeit eingebüßt hat. Sämtliche Herzen hat sie im Sturm erobert."

Charlize Theron ergänzt, wie sehr sie von ihrer jungen Partnerin profitierte: "In Szenen mit Kindern glaubt man als Darsteller oft, dass man gewissermaßen für sie mitspielen mußs. Ein Kind, so heißt es, kann einfach noch keine Emotionen auf Bestellung abrufen. Aber Irrtum! Dakota, also meine Filmtochter, agierte so präzise, dass ich immer wieder ins Staunen geriet."

Ebenso begeistert äußert sich Charlize Theron über Kevin Bacon, der ihr großes Vertrauen bei der Erarbeitung und Bewältigung der vielfältigen Krisensituationen, die der Film für sie bereit hielt, einflößte: "Als Schauspielerin kann man sich nichts Besseres wünschen als einen Partner, der einerseits seine eigene Figur genau ausgelotet hat und sich für sie engagiert, aber andererseits auch genügend Offenheit für sein Gegenüber mitbringt. Kevin ist ein solcher Glücksfall."

Als einen Glücksfall sieht Charlize Theron auch, dass Luis Mandoki solch großes Gewicht auf die Entwicklung der Charaktere legte: "Er ist ein Schauspieler-Regisseur. Mit ihm konnte man sicher sein, dass er sehr genau darauf achten würde, in welchem Stadium sich die Personen der Geschichte wirklich befinden. Es war zu spüren, wie sehr es ihm um eine innere Beteiligung mit diesen Menschen ging."

Ein extremer Kontrast zur familiären Behaglichkeit, in der Karen, Will und Abby leben, ist die existenzielle Angegriffenheit und seelische Zerstörtheit der Entführer. Angetrieben von einer zurückliegenden Tragödie, verdrängt Joe Hickey die Leiden, die er anderen zufügt, durch eine heroische Vergeltungsfantasie. Nach seiner eigenen Ansicht handelt er nicht aus infantiler Rache, sondern vielmehr aus einer unendlich großen und menschlichen Liebe für ein unschuldiges Opfer.

Es war von großer Wichtigkeit, dass man in dieser Figur mehr als nur einen Schurken sehen konnte und so die Vielschichtigkeit von Hickeys Persönlichkeit auch zum Ausdruck kommen würde. Für die Filmemacher drängte sich der Gedanke an Kevin Bacon förmlich auf. Er hatte bereits eine Vielzahl äußerst komplexer "Bösewichter" gespielt, und so sah man die Figur des Hickey bei ihm in besten Händen.

Lange haben Mandoki und Bacon über die Motivation des Verbrechers diskutiert. Worauf sie dabei gestoßen sind, erzählt Bacon so: "Viele von Hickeys Handlungen finde ich wirklich verachtungswürdig. Trotzdem haben wir versucht, uns dem zu nähern, was in seinem Kopf vorgeht und ihm menschliche Züge zu geben. Ich habe selbst Kinder, und allein die Vorstellung eines Kidnappings, also anderen Menschen ihr Kind wegzunehmen, empfinde ich als Abscheulichkeit. dass einem so etwas widerfährt, ist der Albtraum aller Eltern. Das Interessante an Hickey ist aber, dass er nach seinen eigenen Vorstellungen das Rechte tut. Darüber haben Luis und ich sehr ausführlich nachgedacht, und vor jeder Aufnahme hat er mich noch mal daran erinnert: ?Denk dran, du hältst dich selbst für heldenhaft!' So zu denken, ist Teil der Tragödie dieses Mannes. Er macht das nicht wegen des Geldes. In ihm sitzt ein gewaltiger Kummer und tiefer Zorn. Im Kidnapping bricht sich das seine Bahn."

Darüber hinaus werden Hickeys pathologische Züge niemals abgemildert, indem etwa das Kino-Klischee des stupiden Täters bemüht wird, der über seine eigene Primitivität stolpert oder die Kontrolle verliert. Bacon führt aus: "Hickey ist zwar ungebildet, aber er ist clever. Er vertraut sehr auf die psychologische Macht, die er über seine Opfer erlangen kann, und er bedient sich mehr der Androhung von Gewalt als der Gewalt selbst. Er kümmert sich immer um die Mutter. Machtspiele machen ihm großen Spaß, und er gefällt sich darin, den Widerstand und die Stärke der Frauen zu brechen, bis sie nur noch Wachs in seinen Händen sind."

Aber während er mit dieser Taktik bisher immer zum Ziel kam, trifft er in Karen Jennings eine Frau, die ihm Paroli bietet. Es ist unüberhörbar, wie sehr Bacon diesen Kampf genossen hat: "Das ist eine echte Kraftprobe zwischen meiner Figur und der von Charlize."

Ganz anders dagegen die Figur der gebrochenen Cheryl, gespielt von Courtney Love. Sie ist Joe Hickeys Ehefrau und Komplizin. Ihre Psyche ist ebenso von Narben übersät wie ihr Körper, und sie ist ebenso aufgewühlt wie Joe über den lange zurückliegenden Verlust des gemeinsamen Kindes. Diese Frau macht den Eindruck einer einzigen großen Wunde, und Courtney Love erschien Luis Mandoki als die einzige Kandidatin, die sowohl von ihrer realen Persönlichkeit als auch ihrem Spielvermögen das Kaliber von Cheryl glaubwürdig transportieren konnte. "Courtney ist gleichermaßen verletzlich wie ruppig, immer absturzgefährdet und doch absolut unverwüstlich. Sie ist zu Erstaunlichem fähig."

Die psychologische Macht, die Hickey über andere ausübt, wird am deutlichsten im Zusammenspiel mit seinem Cousin Marvin, gespielt von Pruitt Taylor Vince. Dieser charakterisiert seine Figur so: "Er ist wie ein Kind im Körper eines Erwachsenen." Marvin ist eigentlich ein netter und gemütlicher Bär. Hickey gegenüber ist er bedingungslos ergeben, und der wiederum weiß, dass er den harmlosen Riesen schnell in einen bösartigen "Totmacher" verwandeln kann. Diese Ambivalenz steht Marvin geradezu ins Gesicht geschrieben. "Freiwillig würde er niemandem auch nur ein Haar krümmen wollen, schon gar nicht einem Kind", erzählt Pruitt Taylor Vince. "Aber andererseits tut er alles, was ihm Hickey aufträgt. Er lebt im Halbstundenrhythmus. Deshalb hat er überall Uhren, und er weiß, dass er in halbstündlichem Abstand von Hickey erfahren wird, ob er weiterhin lieb bleiben darf oder ob er, wenn Hickeys Anruf ausbleibt, das Unvorstellbare erledigen mußs ..."

In seiner eigenen verqueren Weise erwidert Hickey Marvins Loyalität. Kevin Bacon scherzt: "Sie haben sich gegenseitig sehr gern. Hickey kümmert sich auch rührend um Marvin, aber er behandelt ihn wie ein Kind. Marvin hört ausschließlich auf ihn."

Die Dreharbeiten für 24 STUNDEN ANGST begannen im Oktober in Vancouver, British Columbia. Zum Kreativteam, das sich um Luis Mandoki scharte, gehörten neben den Kameramännern Piotr Sobocinski (u. a. ANGEL EYES, DREI FARBEN: ROT) und Frederick Elmes (u. a. BLUE VELVET, NIGHT ON EARTH, ICE STORM) auch Production Designer Richard Sylbert (u. a. DICK TRACY, REDS) sowie Cutter Jerry Greenberg (u. a. ANGEL EYES) und Costume Designer Michael Kaplan (u. a. BLADE RUNNER).

Die Gegend von Vancouver bot sich an, da sich dort ohne Probleme die Szenen realisieren ließen, die in Portland, Oregon spielen sollten, wie auch jene, die in Seattle und Washington angesiedelt waren. Bei der Drehortsuche für das Haus der Familie Jennings stießen Mandoki und Sylbert auf ein atemberaubendes Haus in Brunswick Beach. Es hatte Seeblick, war rundum verglast und hatte einen offenen Grundriss. Natürlich war das Haus optisch sehr reizvoll, es war aber auch sehr schwer zu bespielen, weil man quasi schutzlos sämtlichen Lichtwechseln ausgeliefert war und die Kamera sich bei jeder Bewegung selbst irgendwo spiegelte.

Da Piotr Sobocinski noch in Polen weilte, mußste Mandoki diese schwere Entscheidung nun ohne Absicherung durch seinen Kameramann fällen und vertraute dabei einerseits auf seine eigenen Instinkte, aber auch darauf, dass Sobocinski bei ANGEL EYES, dem vorhergehenden Film Mandokis, buchstäblich jede Herausforderung bewältigt hat. Lachend erinnert sich Mandoki, als sein Kameramann dann den Drehort zum ersten Mal sah: "Er war begeistert, sagte aber auch: Da hast du mich ganz schön reingelegt."

Und Sobocinski führt aus: "Man mußste mit der wandernden Sonne ständig auch die Filter wechseln oder die Folien vor den Fenstern austauschen, und sogar innerhalb der meist langen Einstellungen veränderte sich häufig grundsätzlich die aufgebaute Lichtstimmung. Wir konnten diese Situation nur bändigen, indem wir permanent mit riesigen, selbst gebauten ?Segeln' arbeiteten, die uns schließlich ein einigermaßen konstantes und diffuses Licht lieferten."

Richard Sylbert betont, dass dieses Haus mehr als nur eine optisch interessante Kulisse darstellt: "Es ist ein wesentliches Erzählelement. Der gesamte Film ist um das Thema der Spiegelung angeordnet. Zwei Paare, zwei Lebenskonzepte, zwei Perspektiven. Die einen davor, die anderen dahinter. Die perfekte Familie, die unfreiwillig mit ihrem negativen Spiegelbild konfrontiert wird. Und so spiegelt sich auch das Leichte, also Behaglichkeit, Komfort und Erfolg der einen, in der Last, also den Missgeschicken, existenziellen Katastrophen und persönlichen Tragödien der anderen."

Die technischen Herausforderungen erfuhren noch eine Steigerung durch Mandokis Bemühen um größtmögliche Intensität und Nähe. Kenner der bisherigen Arbeit des Regisseurs werden vielleicht erstaunt sein über diesen neuen, von Handkamera und Zoom geprägten Stil. Für Mandoki jedoch ergab sich diese stilistische Entscheidung ganz selbstverständlich aus dem Stoff: "Wir mußsten eine Atmosphäre schaffen, die dazu beiträgt, das, was vorgeht, unmittelbar zu erfassen. Das Wichtigste in diesem Film ist nicht äußerliche Hektik, sondern das, was sich in und mit den Charakteren ereignet."

"Uns war von Anfang an klar, dass wir uns bei diesem Film unter Umständen auch unkonventioneller Methoden würden bedienen müssen", erinnert sich Piotr Sobocinski. "Dazu gehört der extensive Gebrauch des Zoom ebenso wie Licht von oben, sodass wir jederzeit in einem Blickfeld von 360° arbeiten konnten.

Ein Schlüsselwort für die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Kameramann lautete "Synchronität". So war es ein kaum zu verschmerzender Verlust - sowohl menschlich als auch professionell -, als Piotr Sobocinski nach der ersten Drehwoche völlig unerwartet starb. Executive Producer Neil Canton beschreibt die unfassbare Situation: "Jeder im Team war wie paralysiert. Wir hatten eine fantastische erste Woche zusammen verbracht. Wir waren am Boden zerstört, ganz zu schweigen davon, was Piotrs Tod für seine Familie bedeutet hat."

Nach einer Unterbrechung der Dreharbeiten übernahm Frederick Elmes die heikle Aufgabe, Sobocinskis Arbeit fortzusetzen. Heikel war diese Aufgabe nicht zuletzt deshalb, weil Elmes den Stil Sobocinskis zwar vorbehaltlos schätzte, aber doch seinen ganz eigenen hatte. In sämtlichen Gesprächen mit dem Regisseur machte Elmes allerdings deutlich, dass er sich in diesem Fall ganz zum Diener dessen machen wollte, was Piotr Sobocinski bereits so großartig begonnen hatte. Luis Mandoki erinnert sich: "Frederick ist ein großartiger Techniker und Künstler, aber am meisten hat er mich durch seinen Respekt gegenüber unserem gemeinsamen Kollegen und Freund Piotr Sobocinski beeindruckt."

Höhepunkt der Produktion stellten die Dreharbeiten eines atemberaubenden Showdowns auf einem Highway dar. Es war darüber hinaus auch die erste und einzige Sequenz, in der alle Schauspieler aufeinander trafen. Alle bisherigen Szenen wurden zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten gedreht, sodass das "Paar" Charlize Theron & Kevin Bacon nie mit dem "Paar" Courtney Love & Stuart Townshend zusammenstieß, und dieses wiederum nie dem dritten "Paar" Dakota Fanning & Pruitt Taylor Vince begegnete. Aber auch diese produktionstechnische Anomalität reflektierte ja letztlich nur die Story des Films und trug außerdem dazu bei, dass das Spiel der Darsteller in der Schlusssequenz so authentisch wirkte. Charlize Theron erzählt davon, dass sie sich fühlte, als hätte sie die Orientierung verloren: "Das entsprach genau den Empfindungen, die auch die Figuren in dieser Situation hatten. Wir wussten nicht, wie es um die anderen stand und was sie vorhatten, und umgekehrt wussten die es genauso wenig. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, war sehr unmittelbar. Man mußste gar nicht vorgeben, man würde die Rätselhaftigkeit dessen, was sich da ereignet, nicht durchschauen. Es war tatsächlich nicht zu durchschauen!"

Nicht nur für die Schauspieler war diese Sequenz eine große Herausforderung. Auch die Produktion sah sich damit vor gewaltige Aufgaben gestellt, mußsten doch zehn Meilen eines vierspurigen Highways mindestens zwei Wochen lang für den regulären Verkehr gesperrt werden. Das war vermutlich die größte Aufgabe: ein Straßenstück zu finden, das wirklich komplett und über einen solch langen Zeitraum zu kontrollieren war. Die einzige Möglichkeit bestand schließlich darin, mit der Produktion nach Vancouver Island zu ziehen.

Nun ist für eine Straßenverwaltung die 14-tägige Sperrung eines Highways schon unendlich lang. Hält man sich aber vor Augen wie Mandoki diese Sequenz entworfen hatte, war es ein äußerst knapp bemessener Zeitraum. Stunt Koordinator Brent Wolsley resümiert die Probleme: "Wir hatten 40 PKWs, die in eine Massenkarambolage verwickelt waren, außerdem sollte ein Sportflugzeug auf dem Highway landen und zu guter Letzt mußsten wir noch einen Truck in die Luft gehen lassen. Nicht zu reden davon, dass in diesem ganzen Aufruhr auch noch ein paar Schießereien und Prügeleien stattfanden. Das ganze Set mußste aus Sicherheitsgründen wirklich hermetisch abgeriegelt werden. Jeder mußste absolut auf seinen jeweiligen Bereich fokussiert sein und durfte trotzdem keinen Moment lang die Gesamtorchestrierung vergessen. Obwohl wir bei diesem Film nirgendwo länger an einem Ort waren als bei dieser Sequenz, glich die Arbeit ab der ersten Stellprobe einem einzigen rasanten Wettlauf gegen die Uhr, gegen das Wetter und gegen die Autobahnverwaltung."

Szenenfoto
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