Soloalbum

Produktionsnotizen

Als 1998 der Buchverlag Kiepenheuer & Witsch den Roman "Soloalbum" veröffentlichte, hatte Popliteratur "Made in Germany" gerade zu einem Höhenflug angesetzt. Bei den Popliteraten hielt ein reflektierendes Subjekt in den deutschen Roman Einzug, mit dessen egozentrischem Wertekatalog sich eine ganze Generation junger Menschen identifizieren konnte.

Vor allem Benjamin von Stuckrad-Barres semi-autobiografische Erzählung von dem Musikredakteur mit Liebeskummer, der sich nach der Trennung von seiner Freundin als "Solist" in der deutschen Gesellschaft zu positionieren sucht, scheint mit bis heute fast 300.000 verkauften Exemplaren über einen hohen Wiedererkennungswert zu verfügen.

Doch nach welchen Kriterien entstand aus dem Manifest deutschsprachiger Popliteratur eine Komödie für die Kinoleinwand?

Regel 1: Die Gelegenheit nutzen! Als 1998 Produzent Christoph Müller den Roman "Soloalbum" als Reiselektüre in den Winterurlaub mitnahm, war er sofort davon überzeugt, eine außergewöhnliche Filmvorlage in Händen zu halten. Zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings schon verschiedene Produktionsfirmen Optionswünsche bei Kiepenheuer & Witsch angemeldet. Also hieß es, direkter vorzugehen: "Da ich damals noch zusammen mit Helmut Dietl arbeitete und wir gerade "Late Show" mit Harald Schmidt abgedreht hatten, habe ich Schmidt ein wenig zu Benjamin v. Stuckrad-Barre befragt.

Benjamin hatte ja früher für ihn als Gag-Schreiber gearbeitet. Derartig vorbereitet habe ich dann Benjamin direkt kontaktiert und mich mit ihm im Sommer 1999 getroffen. Wir haben uns gleich hervorragend verstanden, und so bekam ich schließlich die Option auf die Filmrechte."

Regel 2: Schwerpunkte setzen! Während der Konzeptionsphase wurde schnell klar, dass eine Adaption des Romans nur durch inhaltliche Fokussierung erreicht werden konnte. "Als mir die Regie für "Soloalbum" angeboten wurde, existierte bereits ein erster Drehbuchentwurf. In seinen Grundzügen gefiel der mir auch ganz gut, doch die Art und Weise, wie das existentielle Thema des Romans, der Liebeskummer, dargestellt war, traf nicht ganz meine Zustimmung." Gregor Schnitzlers neuer Blickwinkel machte eine Überarbeitung des Skripts notwendig, in dem nun die Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler und seiner Freundin klar in den Vordergrund gerückt wurde.

Jens-Frederik Otto bestätigt, dass dies einige elementare Modifikationen mit sich brachte: "Die Frage war, wie man die Geschichte dramatisch, konfliktgeladen und plotorientiert erzählen kann. Liebeskummer, wie er im Roman beschrieben wird, ist ja eigentlich das Gefühl, sich von der Welt abzukapseln und sich zu gar nichts mehr aufraffen zu können. So eine lethargische Figur erschien uns aber unpassend. Uns schwebte mehr so eine Woody-Allen-Figur vor, die mit dem Mut des Underdogs gegen ein übermächtiges Problem ankämpft und immer wieder aufsteht, wenn sie zu Boden fällt. Dadurch zeichnete sich ein Plot über das Zurückgewinnen ab, in dem sich alles darum dreht, wie Ben dieses Mädchen wieder kriegt. Und das hatte wiederum zur Folge, dass die Figur der Katharina im Film wesentlich präsenter werden mußste als im Buch."

Regel 3: Persönliche Erfahrungen einbringen! Auch wenn die Entwicklung eines neuen Skripts den Drehbeginn um fast ein Jahr nach hinten verschob, war es eine sinnvolle Entscheidung. "Das Tolle am Schwerpunkt Liebeskummer ist, dass es sich um ein allgemeines Thema handelt, mit dem jeder etwas anfangen kann", attestiert Produzent Müller, der sich zu diesem Zeitpunkt immer wieder mit Schnitzler und Otto in Klausur begab, um an dem Drehbuch zu feilen.

"Das war richtiges Teamwork. Jens hat etwas vorgeschrieben, und dann haben wir zu dritt die Szene auseinander genommen und uns gefragt: Was tut man denn, wenn man verlassen wird? Und da konnte jeder ganz unterschiedliche Erfahrungen beisteuern."

Drehbuchautor Otto bestätigt diesen kreativen Schaffensprozess: "Ich habe vormittags Entwürfe geschrieben, und dann haben wir uns nachmittags bis spät in die Nacht in einer Pizzeria in Berlin getroffen, ich glaube, die waren zum Schluss echt genervt von uns. Die von Stuckrad-Barre geschilderten Gefühle machen ja bei jemandem, der schon einmal selbst Liebeskummer erlebt hat, ein ganzes Fass voll ähnlicher Erlebnisse auf. Da hatten wir drei noch reichlich zusätzliches Material."

Regisseur Schnitzler betont allerdings, dass keine privaten Ereignisse konkret ins Drehbuch eingeflossen sind: "Auch ich konnte mich natürlich sehr gut in Bens Situation versetzen, doch natürlich lenken die eigenen Erfahrungen nur die Perspektive, aus der eine fiktive Geschichte geschildert wird."

Regel 4: Auf das Schicksal vertrauen! Nachdem eine alle zufrieden stellende Drehbuchfassung entstanden war, stellte sich die nächste elementare Frage: Wer sollte die beiden Hauptfiguren Ben und Katharina spielen? "Wir haben extrem lange gecastet, denn wir wollten nicht nur gute Schauspieler, sondern auch frische Gesichter für die Rollen haben", erinnert sich Christoph Müller. Und wie so oft im Leben, half schließlich Fortuna bei der Entscheidung.

"Das ist eigentlich eine ganz lustige Geschichte", berichtet Drehbuchautor Otto. "Wir hatten noch immer keinen Ben gefunden, als mir die Schwester meiner Freundin Matthias Schweighöfer ans Herz legte. Dann rief Christoph abends an, und noch bevor ich meinen Tipp loswerden konnte, jubelte er, dass sie soeben fündig geworden seien. Ein Junge, der eigentlich für eine Nebenrolle gecastet wurde, wäre der ideale Ben. Sein Name: Matthias Schweighöfer!"

Da aber die Entscheidung für Matthias recht spät fiel, mußste die komplette, bereits gecastete Frauenriege wieder umbesetzt werden. "Das ist natürlich eine Konstellationssache. Wenn du einen blonden Jungen hast, kannst du ihm keinen hellen Frauentyp an die Seite stellen", betont Müller. "Bei Katharina kam erschwerend hinzu, dass die Figur im Roman kaum beschrieben wird, wir sie also ganz neu visualisieren mußsten.

Regel 5: Der Jugend eine Chance geben! Doch vom Typ her harmonisierende Mimen müssen ja nicht zwangsweise begnadete Schauspieler sein. Gregor Schnitzler hatte in Bezug auf die Besetzung anfangs ohnehin ein mulmiges Gefühl: "Als ich zum Projekt dazu stieß, dachte ich zunächst: 'Oh Gott! Anfang-Zwanzigjährige, die spielen können müssen, und dann auch noch Comedy, was ja doppelt so anspruchsvoll ist. Das wird schwierig!' Doch mit der tollen Unterstützung von Rita Serra-Roll, die das Casting gemacht hat, haben wir wirklich exzellente Schauspieler gefunden, die alle sehr talentiert sind und auf einem Niveau eingestiegen sind, das mich echt überrascht hat."

Diese unerwartete Professionalität der jungen Schauspielerriege gestaltete die 36 Drehtage für den Regisseur ungewohnt angenehm: "Es war ein wahnsinnig schönes Arbeiten, denn so konnte man natürlich vieles ausprobieren, ohne die Schauspieler damit zu verunsichern. Vor allem Matthias hatte eine wahnsinnige Spiellaune, die oft dazu führte, dass er spontan Dinge in seinem Spiel ergänzte, die aus einer normalen Szene dann eine gelungene Anekdote machten. Das ist halt das Tolle, wenn du mit Schauspielern dieser Klasse arbeitest, dass es sich wirklich gegenseitig befruchtet, und dass das Skript immer weniger artifiziell, die Realität oder Wahrhaftigkeit hingegen immer größer wird."

Zudem verfügen die letztendlich ausgewählten Darsteller in Schnitzlers Augen über Eigenschaften, die sie für ihre jeweilige Rolle prädestinieren: "Matthias ist ein extrem variabler Schauspieler, der gleichzeitig über ein sehr introvertiertes und sehr extrovertiertes Spiel verfügt. Genau diese innere Unruhe ist für die Ben-Figur ideal, denn auch die pendelt ja zwischen latenter Arroganz und Aggression sowie komplettem Sentiment und Sensibilität hin und her. Bei Nora war mir sehr wichtig, dass sie von ihrer Erscheinung her eine wahnsinnige Ausstrahlung hat. Sie bringt eine große Schönheit mit und etwas sehr Charmantes, dem man einfach gerne zusieht, und das erklärt, warum Ben nicht aufgibt. Obwohl Nora auch im Film gar nicht so oft auftaucht, hat man aber das Gefühl, dass sie ständig präsent ist, und das macht eben Noras tolles Charisma. Im Falle von Christian Näthe und seinem Part als Christian ist das Spannende, dass er und die Rolle überhaupt keine Überschneidungen haben. Der Film-Christian ist so ein orientierungsloser Intellektueller, der mehr in seiner Musik als im wahren Leben existiert. Der reale Christian ist das genaue Gegenteil, aber für einen routinierten Schauspieler wie ihn war ein persönlicher Abstand zur Figur eher Anreiz als Hindernis. Und Oliver Wnuk hat einfach ein wahnsinnig komödiantisches Talent und bringt eine Trockenheit mit, die für die Figur des Alf mit seinen Rauschzuständen dringend notwendig war. Oliver kann mit einem super Timing ganz trockene Pointen setzen und war der erste, der beim Casting für eine Rolle feststand."

Auch Christoph Müller ist von seinem Ensemble sehr angetan: "Ich glaube, dass wir nicht einen Part im Film haben, von dem man behaupten könnte, dass man ihn hätte besser besetzen können." Dies schließt ausdrücklich "No Angels"-Sängerin Sandy Mölling mit ein, die in "Soloalbum" ihr Schauspieldebüt gibt. "Eigentlich wollten wir die ganze Band in der Musikredaktion auftreten lassen, doch dann kam terminbedingt etwas dazwischen.

Aber als klar war, dass Sandy echte Schauspielambitionen hegt, haben wir uns die Sache mit der Popstar-Party ausgedacht. Damit verleihen wir ihrem Auftritt dramaturgisch Sinn, ironisieren ihn aber auch gleichzeitig. Und sie hat ihre Sache wirklich sehr gut gemacht."

Regel 6: Die Sache mit Humor nehmen! Derartig ironische Anspielungen gibt es im Film "Soloalbum" einige. Doch damit allein konnte keine Komik erzeugt werden, die Benjamin von Stuckrad-Barres bissige Gesellschaftskommentare adäquat ersetzt. Regisseur Schnitzler verfolgte deswegen ein eigenes Komikkonzept nach visuellen Kriterien:

"In "Was tun, wenn's brennt?" hatte ich ja bereits komödiantische Elemente einfließen lassen. So gesehen war mir die Vorgabe Komödie nicht fremd. Doch abgesehen davon, dass das Skript extrem gut geschrieben sein mußs, teile ich die Auffassung nicht, dass bei einer Komödie das Timing, also wann-wie-welcher Satz gebracht wird, das Allerwichtigste sei. Ein Amerikaner sagte mir mal: 'Comedy is the reaction-shot', und da hat er absolut recht. Deswegen erzeuge ich Komik am liebsten dadurch, dass der Zuschauer in Gesichter schauen kann, in deren Reaktionen sich die Komik einer speziellen Situation spiegelt. Hier deutet sich auch ein zweites, mir sehr wichtiges Komikprinzip an: Was passiert, wenn komische Welt auf normale Welt trifft? Es existiert immer ein Spannungsfeld zwischen diesen beiden Welten, und genau dort entsteht Witz."

Drehbuchautor Otto überträgt diese Erkenntnis auf Stuckrad-Barres Roman: "Beim ersten Lesen haben mich vor allem die Szenen gereizt, in denen es Benjamin hingekriegt hat, dass sich das Erlebte mit der Art und Weise, wie er es kommentiert, am Stärksten widerspricht. Also immer dort, wo die Gedankenstimme des Erzählers einen ironischen Kontrapunkt setzt zu dem, was eigentlich passiert."

Im Film übernehmen Zwischentitel diese Funktion, indem sie den Plot mit "10 Verhaltensmaßregeln bei Liebeskummer" episodisch strukturieren, die nachfolgenden Handlungen aber das genaue Gegenteil widerspiegeln.

Regel 7: Eine Vision verfolgen! dass Gregor Schnitzler bei seinem visuellen Komikkonzept "Soloalbum" in Cinemascope-Format gedreht hat, mag da zunächst irritieren. "Bei Cinemascope herrscht ja gleich eine ganz andere Erwartungshaltung", bestätigt Produzent Müller. "Am Anfang denkt man, dass man in einem Filmepos von Bernardo Bertolucci sitzt, und dann folgen fast nur Innenaufnahmen. Doch gerade das fördert die Semantik."

Regisseur Schnitzler erklärt dieses Phänomen: "Cinemascope ist für mich die Möglichkeit, mehr im Bild zu haben. Der Mensch wirkt ja nicht nur über sein Gesicht, sondern auch über seinen Kontext. Wo befindet er sich? Und was kann die Umwelt in Interaktion mit dem Gesicht zusätzlich ausdrücken? Die Diskussion darüber, dass das Format für Comedy kleiner sein müsse, finde ich müßig. Für mich hat Scope generell einen realistischeren Touch, weil ich einfach mehr von der Umwelt wahrnehme."

Und auch die wurde von Schnitzler unter bedeutungstragenden Gesichtspunkten entworfen: "Die farbliche Ausstattung der unterschiedlichen Räume soll die verschiedenen emotionalen Zustände widerspiegeln, in denen sich die Figuren befinden. Zudem bewegt sich Ben in seinem Mikrokosmos aus Wohnungen, Büro und Clubs in einer sehr ausschnitthaften Welt, wo wir atmosphärische Kontraste schaffen mußsten."

Für Christoph Müller ist dies nicht nur gelungen, sondern auch eine besonders originelle Darstellung der Hauptstadt, in welche die komplette Handlung von "Soloalbum" verlagert sowie der ganze Film gedreht wurde: "Wir haben zwar versucht, Berlin in seinem Facettenreichtum so natürlich wie möglich darzustellen, doch gleichzeitig haben wir den Großstadt-Look extrem gestylt und so dem typischen Berlin-Realismus einen neuen Anstrich verliehen."

Regel 8: Den richtigen Ton treffen! Entsprechend sorgfältig ging Produzent Müller auch bei der Gestaltung des Soundtracks vor, zumal "Soloalbum" ja nicht nur im Clubmekka Berlin, sondern auch noch im Szeneumfeld der Musikbranche spielt: "Der Score kommt von Fetisch und Meister. Fetisch hatte die besten Layouts vorgelegt und ist witziger Weise auch noch ein guter Freund von Stuckrad-Barre. Das Besondere an Fetisch und Meister ist, dass sie zu jeder Szene immer einen originellen Sound finden. Dabei kleistern sie aber nicht alles mit so einem steril-coolem Songteppich zu, sondern komponieren ihre Musik regelrecht und setzen ganz bewusst Akzente. Damit verleihen sie der Filmmusik in "Soloalbum" eine zusätzliche Dramaturgie, die das Geschehen entweder unterstützt oder ironisch bricht."

Ebenfalls aussagekräftig ist der Titelsong, den die Sportfreunde Stiller nach Vermittlung durch Universal Music, wo der "Soloalbum"-Soundtrack erscheinen wird, geschrieben haben. In "Ans Ende denken wir zuletzt" lautet eine Zeile: "Zwischen perfekt und schlecht liegen gute Zeiten!"

Regel 9: Eine Botschaft verkünden! Unter diesem Blickwinkel wird nachvollziehbar, weshalb in der Filmversion von "Soloalbum" eine streng genommen existentielle Krise wie Liebeskummer als rasante Komödie daherkommt. dass selbst die Phase des Liebeskummers ihre positiven Seiten hat, wenn man sich nicht unterkriegen lässt, ist schließlich auch der Aspekt, der Christoph Müller an dem Roman "Soloalbum" von Beginn an faszinierte und ihn bewog, über drei Jahre lang die Verfilmung voranzutreiben:

"Ich fand es enorm spannend, eine Liebesgeschichte zu erzählen, die nicht vor, sondern nach der Trennung des Paares stattfindet. Nachdem er verlassen wurde, kümmert sich Ben zunächst nur aus narzisstischen Gründen und verletztem Stolz um sie. Dabei lernt er Katharina aber immer besser kennen und verliebt sich so schließlich wirklich in sie. Getreu dem Motto: Trennung lohnt sich, weil man dadurch erst richtig erkennt, was man verloren hat."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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