The Hours - Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Produktionsnotizen

Inspiriert von Virginia Woolfs 1925 erschienener "Mrs. Dalloway" schreibt Michael Cunningham 75 Jahre später seinen Roman "Die Stunden" (Originaltitel "The Hours"). Das Buch wird 1998 veröffentlicht und sofort als eine literarische Meisterleistung gewürdigt.

"The Hours" gewann den Pulitzer Preis, den PEN/Faulkner Preis und wurde von der New York Times, der Los Angeles Times, dem Boston Globe, der Chicago Weekly und der Fachzeitschrift Publishers Weekly zum besten Buch des Jahres gekürt.

"The Hours" erzählt die Geschichte von drei völlig andersartigen Persönlichkeiten, die dennoch das Gefühl teilen, ihr Leben für einen anderen Menschen gelebt zu haben.

Zur Produktion Als Scott Rudin die Filmrechte an Michael Cunninghams Roman erwarb, wunderte sich so mancher darüber, wie wohl aus einem derartig nuancierten, nicht linearen Stück Literatur ein Film entstehen könnte. Dabei geht die Idee miteinander verwobener Geschichten in verschieden zeitlichen Rahmen als anspruchsvolles kinematisches Konzept bis zu D. W. Griffiths zurück. Der setzte das Konzept bereits 1916 für INTOLERANCE ein.

Mit Unterstützung einer erstklassigen Regie und Besetzung, sowie dem Drehbuch eines der renommiertesten Dramatikers, vollzog THE HOURS den Sprung vom Papier auf die Leinwand. Und Regisseur Stephen Daldry befand "die Idee von drei Frauen, drei Geschichten und die Beziehung zwischen ihnen wunderbar geeignet, um zu einer einzelnen Erzählung zusammengefügt zu werden".

Für Drehbuchautor David Hare ist Michael Cunninghams Roman "ein außergewöhnliches Stück Literatur". Er fügt hinzu: "Mich faszinierte die Strategie, drei Geschichten zu erzählen, ohne dass der Leser zunächst versteht, auf welche Weise sie miteinander verbunden sind. Aber Michael schafft es, das Interesse wach zu halten, obwohl der Leser nicht weiß, wie sich am Ende alles zusammenfügen wird. Diese Faszination erzeugt das Buch auf meisterhafte Weise. Wenn dann schließlich die Zusammenhänge klar werden, stellt sich tiefe Befriedigung ein."

Hare war klar, dass das Drehbuch eine andere Struktur als das Buch verlangte. "Ich suchte meinen eigenen Weg, die Geschichten zu mischen und neue Verbindungen zwischen ihnen herzustellen", erläutert er. "Ich war mir sicher, die Freude nachempfinden zu können, die das Buch seinem Leser vermittelt, wenn es ihm langsam die Verbindungen zwischen den drei Geschichten aufzeigt."

Das Innenleben nach außen kehren "Virginia Woolf hat mit dem Tod, ihrer Geisteskrankheit und der Liebe gerungen. Trotzdem hat sie sich eine spielerische Leichtigkeit und eine Joie de vivre bewahrt, die die Menschen um sie herum anzog und faszinierte." Nicole Kidman

Weil sich im Buch fast alles innerhalb der Figuren abspielt, bestand die größte Herausforderung für den Drehbuchautor darin, die inneren Prozesse in Aktion und Verhalten umzusetzen. "Im Film ist ein innerer Monolog nur über eine Erzählstimme aus dem Off möglich", erläutert Hare. "Wir trafen schon früh die Entscheidung, auf ein solches Voiceover zu verzichten. Mit dieser Entscheidung stand auch fest, dass ich einige Ereignisse einführen mußste. Sie würden erklären, was sich innerhalb der Figuren abspielt ohne dabei mit dem Zaunpfahl zu winken. Ein Beispiel dafür ist das Thema Lauras Mann und dessen Rückkehr aus dem Krieg. Um zu verdeutlichen, in welcher Weise seine Kriegserfahrung die Ehe der beiden beeinflusst, sollte ein Hauch des Zweiten Weltkriegs in den Film einsickern. Das passiert in der Geburtstagspartyszene am Ende des Films, als Dan erzählt, wie er Laura das erste Mal sah. Im Buch wird das natürlich nicht so explizit ausgeführt. Ich veränderte auch die Lebensgefährtin von Clarissa und Clarissas Privatleben radikal. So konnte ich bestimmte Dinge zeigen, die sich in den Köpfen von Clarissa und Sally abspielen."

Hare genoss die Herausforderung: "Ich verweigerte mir nicht nur den Einsatz von Voiceover, sondern wollte auch unbedingt Rückblenden vermeiden. Im Buch dreht sich sehr viel um Dinge, die Clarissa und Richard in ihrer Jugend erlebten. Das mag ein Buch bereichern, aber in einem Film mit ohnehin drei Geschichten, schien es mir keine gute Idee, eine davon auch noch mit Rückblenden anzureichern. Die Disziplin solch einer selbst auferlegten Beschränkung bereichert ein Drehbuch nach meiner Auffassung."

Bevor er sich an die Arbeit machte, traf sich Hare mit Michael Cunningham. "Ursprünglich wollte Michael ein wesentlich längeres Buch schreiben, deshalb konnte er noch unschätzbar viele Hintergrundinformationen zu den Figuren und ihrem Leben beisteuern", erinnert sich Hare. Cunningham bereicherte Hares Arbeit derartig, dass dessen "Bewunderung für den Roman umso größer wurde, je länger ich an dem Drehbuch arbeitete. Und das ist sehr ungewöhnlich".

Respekt vor Frauen und ihrem alltäglichen Heldentum "Das Leben einer Frau, an einem einzigen Tag, spiegelt den Bogen wider, in dem ihr gesamtes Leben verläuft: Das ist die Grundidee", erklärt Hare. "Michael erklärte mir: ?Virginia Woolf griff es auf ihre Weise auf, ich habe es in meine Richtung entwickelt und jetzt bist du dran, David. Nimm den Spielball auf und renn damit wohin du willst.? Das war ein großzügiges Angebot. Es zeugte von Vertrauen und dem wollte ich größten Respekt zollen."

Mit Regisseur Stephen Daldry ist der Drehbuchautor schon verbunden, seit er in Daldrys Inszenierung von Hares Theaterstück "Via Dolorosa" sein Bühnendebüt gab. Das Stück lief in London und am Broadway. "Stephen hat die große Begabung, den emotionalen Kern des jeweiligen Textmaterials zu erfassen", lobt Hare. Als Scott Rudin dem Regisseur eine frühe Version von Hares Drehbuch vorlegte, hatte dieser den Roman noch gar nicht gelesen. Trotzdem erkannte er sofort die Güte des Skripts, das "die Chance bot, sich mit Virginia Woolfs 'Mrs. Dalloway' näher zu beschäftigen und es zu bearbeiten. Immerhin ist es eines der besten Bücher, die jemals geschrieben worden sind." Daldry genoss dann die Lektüre der Romanvorlage "und obwohl mir Michael freie Hand ließ, blieben wir im Laufe der Drehbuchentwicklung dem Ausgangsmaterial doch recht treu."

Für den Regisseur liegt die Quintessenz des Buches in seinem Respekt vor Frauen und den Herausforderungen, vor die sie im Verlauf der unvorhersagbaren Entwicklungen des 20. Jahrhunderts gestellt wurden. "Im Film kämpfen sich unsere Frauen durch diesen einen Tag, der ihnen gegeben wurde. Es ist ein Tag, den sie für sich selbst bestimmen, den aber auch andere für sie bestimmt haben", erklärt Stephen Daldry.

"Es ist das Heldentum im Leben dieser drei Frauen, das mich im Grunde an der Geschichte anzog. Vielleicht sind ja die kleinen Auseinandersetzungen, Hürden und emotionalen Schwierigkeiten mit denen sie sich herumschlagen in der Küche, im Garten oder im Schlafzimmer ebenso heroisch wie es ist, Berge zu erklimmen oder Kriege zu gewinnen. Oft werden die Heldentaten im Leben von Frauen unterschätzt oder von denen der Männer in den Hintergrund gedrängt. Dabei sind ihre Kämpfe ebenso grundsätzlich und mindestens genauso wichtig."

Meryl Streep (Clarissa Vaughan) fand das Buch, das sie von einem Freund geschenkt bekam, "wunderschön". Als ihr Agent sie wegen des Filmes anrief, "konnte ich mir nicht vorstellen wie die inneren Welten darin in einen Film übersetzt werden könnten. Aber als ich das Skript las, fand ich es ganz wunderbar. David Hare kann mit den Figuren sehr mitfühlen und ist ein gewandter Verbalkünstler."

Streep hatte bereits in der Filmfassung seines Stücks PLENTY mitgespielt und kannte Hares Begabung, das Innere seiner Figuren nach außen zu kehren. "Er versetzt seine Figuren in Situationen, in denen ihr Innenleben spielbar wird. Und das überzeugte mich, dass THE HOURS ein interessantes Projekt sein würde."

Laura - Zaungast im eigenen Leben David Hare schaffte es, sowohl die emotionale als auch die strukturelle Realität des Romans zu übertragen. Ich hielt das ganz sicher für unmöglich, aber er hat es hervorragend hinbekommen." Julianne Moore

Moore, selbst ein großer Fan der Buchvorlage, fügt hinzu: "Ich lese viel Belletristik und mich kann nur noch selten ein Buch überraschen. Wenn man viel liest, lernt man auf Hinweise zu achten und weiß, was als nächstes passiert. Aber THE HOURS überwältigte mich. Ich war tatsächlich überrascht und begeistert. Wenn ein Autor das schafft, fühlt man sich als Leser, als sei man wieder zwölf Jahre alt. Michael Cunningham behandelt die Dinge, die wehtun im Leben mit unglaublicher Wahrhaftigkeit. Dennoch ist er voller Hoffnung und ungemein inspirierend. Die Stunden unserer Tage und unseres Lebens zu überstehen, das macht Cunningham zufolge unser Leben schmerzhaft und im selben Moment wertvoll. Mich hat das sehr bewegt."

Für Moore hat ihre Figur viel gemeinsam mit Virginia Woolf. "Laura teilt ihre Depression mit Virginia. Aber Virginia ist sich der Depression als Krankheit bewusst, als Etwas, gegen das sie ankämpft. Laura ist dagegen schon fast untergegangen, sie scheint nicht einmal in ihrem eigenen Leben anwesend zu sein. Der Grund dafür, dass sie unglücklich ist, ist das Leben, das sie führt. Mir gefällt an dem Buch, dass es nur einen weiteren misslungenen Tag, weitere Stunden schildert, die sie irgendwie durchstehen mußs. Wenn Laura sich überhaupt selbst definiert, dann durch ihre Leseleidenschaft. Laura teilt ihre Leidenschaft für Literatur mit Virginia Woolf."

Moore war während des Drehs selbst schwanger mit ihrer Tochter, ihr Sohn war dreieinhalb. "Lauras Sohn in THE HOURS hat eine so enge Verbindung zu seiner Mutter, dass er ihre Depression spürt. dass er damit so alleine ist, macht die Situation so herzzerreißend. Ich bezweifle, ob ich das wirklich verstanden hätte, wäre ich nicht selbst Mutter. Und das Schlimmste ist, dass einem klar wird, Laura trifft am Ende ihrer Geschichte die einzige Wahl, die sie treffen kann. Sie entscheidet sich dafür, zu leben statt zu sterben. Diese Frau lebt in einer Ehe, in der sie nicht sein möchte, sie ist sich in keiner Weise ihrer Sexualität bewusst, sie weiß ja nicht einmal, ob sie überhaupt in diesem Leben sein möchte."

Julianne Moore hält ihre Laura für eine Art "Leserin ihrer eigenen Lebensgeschichte, an der sie aber nicht aktiv teilnimmt. Laura ist verloren und hat keine Wahl in ihrem Leben. Darin liegt der Gegensatz zur völlig anderen Welt von Clarissa", führt Moore aus. "Clarissa hat ein Kind, weil sie es wollte, sie lebt mit dem Menschen, mit dem sie zusammen sein möchte, sie hat Dinge in ihrem Leben entschieden. Dagegen hat Laura fast keine Entscheidungen getroffen, sie hat sich in Bücher zurückgezogen."

Virginia - Kampf um die Luft zum Atmen "David Hare kann mit den Figuren sehr mitfühlen und ist ein gewandter Verbalkünstler. Er versetzt seine Figuren in Situationen, in denen ihr Innenleben spielbar wird." Meryl Streep

Um sich auf ihre Rolle als Virginia Woolf vorzubereiten, tauchte Nicole Kidman ganz in Leben und Werk der Autorin ein. "Um eine reelle Person zu spielen, mußs man den Kern, die Essenz dieses Menschen finden", erklärt Kidman. "David Hare und Michael Cunningham haben mir Einsichten in Virginias Persönlichkeit ermöglicht. Während dieses Prozesses verliebte ich mich auf eine Weise in sie. Virgina Woolf hat mit dem Tod, ihrer Geisteskrankheit und der Liebe gerungen. Trotzdem hat sie sich eine spielerische Leichtigkeit und eine Joie de vivre bewahrt, die die Menschen um sie herum anzog und faszinierte. Sie war ihrem Mann Leonard für seine Toleranz zutiefst dankbar. Oft kämpfte sie einfach um die Luft zum Atmen, darum in London zu leben, wenn sie in London leben wollte. Denn Virginia fühlte sich in Richmond gefangen. Aber Kreativität entspringt zum Großteil der Umgebung, in der man sich befindet. Damit konnte ich mich identifizieren."

Die Figur übte auf Kidman nachhaltige Wirkung aus: "Manchmal kreuzen Rollen deinen Weg genau dann, wenn du sie brauchst. Ich war zu dieser Zeit nicht gerade in der Spaß-Phase meines Lebens und Virginia war auf merkwürdige Weise wie eine Katharsis für mich. Sie gab mir ein Geschenk. Ich brauchte sie. Ich mußste sie spielen." Für viele schien Nicole Kidman allerdings nicht die Idealbesetzung für Virginia Woolf. "Es besteht kaum natürliche Ähnlichkeit", gibt Stephen Daldry zu. "Beide verfügen aber über animalische Anziehungskraft ? und ich meine das im besten Sinne des Wortes. Sie verströmen eine Wachheit, Alarmbereitschaft. Menschen, die Virginia Woolf kannten, beschrieben sie als ?vogelgleich?. Auch wenn Nicole niemals genau wie Virginia Woolf aussehen könnte, versuchten wir, das Wesen von Virginias außergewöhnlichem Gesicht auf sie zu übertragen." Kidman selbst fühlte sich zunächst unwohl bei dem Gedanken, diese Rolle zu spielen. "Ich hatte Angst! Ich mußste mein Gesicht unkenntlich machen und jemand spielen, der so weit weg von mir selbst ist ? besonders als Australierin, die eine britische Ikone und eine Ikone der Feministinnen verkörpern soll. Also mußste ich Stephen Daldry völlig vertrauen, er führte mich und gab mir ein unglaubliches Selbstvertrauen." "Was für ein Segen, mit solch tollen Darstellern zusammenzuarbeiten", gibt Stephen Daldry das Lob zurück. "Jeder Tag am Set war ein Genuss und eine Lehrstunde zugleich, weil wir die unterschiedlichen Techniken aller Darsteller beobachten konnten."

Clarissa - Gutes, Schlechtes und Verdrängtes THE HOURS zog auch in den Nebenrollen renommierte Darsteller an. "Ich hatte mir keine Chancen auf die Rolle ausgerechnet, weil ich nicht lange genug drehfrei von meiner Rolle in der TV-Serie THE WEST WING bekommen würde", lacht Allison Janney, die Clarissas Geliebte Sally spielt. Die Produzenten von THE HOURS machten es möglich und Janney war begeistert, einmal mit Meryl Streep zusammenzuarbeiten. Mindestens ebenso begeistert war Toni Collette von ihrer Rolle als Kitty. "Kitty hat sich ständig unter Kontrolle und zeigt jedem ein gutgelauntes Gesicht. Sie sagt etwas und meint aber das Gegenteil, hat ihr ganzes Leben wie in einem Kerker gelebt und jetzt zerbricht sie daran. Aber auch das wird sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht tun."

Collette fügt hinzu, dass "THE HOURS ein ebenso exquisiter Film ist, wie es der Roman war. Ich schätze mich glücklich, ein Krümelchen in diesem ganz besonderen Kuchen zu sein." John C. Reilly zögerte ebenfalls keine Sekunde, ob er Dan Brown spielen sollte: "Es war als spielte ich meine Rolle aus DER SCHMALE GRAT weiter. Ich kannte diesen Mann schon. Dan war im Krieg im Südpazifik, wie mein alter Ego aus Terry Malicks Epos auf Guadalcanal. Auf diese Erfahrung konnte ich mich beziehen.

"Sein Kollege Jeff Daniels spielt Louis Waters, den früheren Liebhaber des an AIDS sterbenden Dichters Richard: "Mir gefiel die allgemeingültige Situation, in der zwei Menschen auf die Reise in vergangene Zeiten gehen. Sie besuchen gute wie schlechte Phasen und klammern ? was am wichtigsten ist ? auch die bis dahin verdrängten Themen aus dieser Zeit nicht aus. Es braucht nicht lange, bis der oberflächliche Small Talk echten Inhalten weicht. Dann werden die Sprengsätze gezündet und jeder geht in Deckung. Wozu sind alte Freunde denn da?" Für Daniels war die Arbeit an dem Film "wie die Teilnahme an einem All-Star-Game, von den Kollegen über die Filmemacher bis zu Kostümbildnerin Ann Roth. Der Höhepunkt war für mich aber die Zusammenarbeit mit Meryl."

Stephen Dillane fand den Zugang zu seiner Rolle als Virginias Ehemann Leonard in David Hares Drehbuch. "Leonard war auf seine eigene Weise ein bemerkenswerter Mann, er fühlte sich seinen Idealen sowohl privat als auch politisch zutiefst verpflichtet. Seine Autobiografie ist sehr interessant, weil er die Begabung hatte, auch die kleinsten Details seiner Zeit festzuhalten und so ein Bild dieser Periode zu zeichnen. Er engagierte sich überdurchschnittlich in den politischen Debatten seiner Zeit, er lebte getreu seiner Ideale und legte mit entwaffnender Ehrlichkeit Zeugnis ab über Erfolge und Niederlagen dieses Unterfangens."

Dillane ist sich bewusst, "dass viele Leonard Woolf für unsensibel und seine Frau geradezu obsessiv kontrollierend halten. Andere meinen, Virginia habe diesen Schutz vor ihren selbstzerstörerischen Instinkten gesucht. Wer weiß schon, wie es wirklich war? Das Drehbuch folgt jedenfalls dem Buch und neigt eher zu ersterer Auslegung."

Zur Geschichte um Virgina gehört auch Miranda Richardson, die Virginias Schwester Vanessa Bell spielt. "Das Tauziehen zwischen beiden erinnert mich an so manche Schwester-Beziehung. Die Zwei waren fast symbiotisch, mit einem subtilen Beigeschmack von Rivalität. Vanessa hat das Gefühl, sie müsste auf ihre Schwester Acht geben wie auf eines ihrer Kinder und ist gleichzeitig versucht, sich gefühlsmäßig Virginias Intensität zu entziehen."

Rhythmus nicht erst im Schneideraum "Mich faszinierte die Strategie, drei Geschichten zu erzählen, ohne dass der Leser zunächst versteht, auf welche Weise sie miteinander verbunden sind." David Hare

"Jede Geschichte gehorcht einer anderen Farbpalette, aber die Paletten beziehen sich aufeinander. Die verbindende Elemente liegen im Schnitt, den Farbpaletten, den Kamerabewegungen von Geschichte zu Geschichte und der Filmentwicklung." Stephen Daldry

Stephen Daldry bestand auf intensiver Probenarbeit mit den Schauspielern während der Vorbereitungsphase des Films, ein seltenes Vorgehen bei einer Kinoproduktion. "Ich komme vom Theater", erklärt Daldry "und kann nur schwer festlegen, wie ich eine Szene oder auch eine Abfolge von Szenen sehen werde, solange ich sie nicht vorher mit den Schauspielern erarbeitet habe. Für mich ist das der einzige Weg, Dynamik und Emotion einer Szene herauszuarbeiten. Erst dann kann ich auch sagen, wo die Kamera sich befinden sollte oder nicht."

Die Schauspieler genießen es, wenn der Autor an den Proben teilnimmt und das Drehbuch nach ihren Anregungen und entsprechend ihren Stärken und Schwächen umschreiben kann. Daldry war stolz auf seine erfahrene Truppe. "Die meisten kannten diesen Probenprozess von ihrer Theaterarbeit. Claire Danes, in einer Nebenrolle als Clarissas Tochter Julia zu sehen, erinnert sich: "Ich habe für manche meiner Hauptrollen nicht so viel geprobt, wie für THE HOURS. Stephen weiß, was es bedeutet zu spielen und es macht ihm Spaß seinen Darstellern dabei zu helfen, ihre Figuren von Grund auf zu entwickeln."

Die lange Vorbereitungszeit war zudem wichtig, damit das Schnittmuster der Geschichten allen vertraut war", so Stephen Daldry. "Wir wussten wo eine Geschichte in eine andere führte und was der gemeinsame Rhythmus war. Was man sieht ist ? unüblicherweise ? tatsächlich das vorher Geprobte. Mit anderen Worten: Der Rhythmus des Films entstand nicht erst im Schneideraum."

Mit Hilfe von Ausstatterin Maria Djurkovic, Kostümbildnerin Ann Roth und Kameramann Seamus McGarvey wurde eine optische Klammer gefunden, die alle drei Geschichten verbinden und ihre Gemeinsamkeiten unterstreichen sollte.

Ann Roth konzentrierte sich auf grün und grau-blaue Töne. "Mit diesen Farben wollte ich die Einzelteile des Films verbinden. Julianne Moore trägt dieselben Farben wie Meryl, die wiederum jene trägt, die auch Nicole Kidman an hat." Kidman halfen Schuhe, Kostümstoff und ein Taschentuch, um in ihre Rolle zu schlüpfen: "Sobald ich das Outfit trug, konnte ich mich anders bewegen".

Das Verbindende Band: Farben, Bilder, Musik "Wir kreierten drei Einheiten", erläutert Maria Djurkovic, "aber alle unter demselben Dach, sodass der Film insgesamt eine Einheit bildet. Vollkommene Gleichheit wäre dennoch ein Fehler gewesen. Regisseur Daldry erklärt: "Die Stories mußsten zugleich einzigartig sein, in einem visuellen Widerspruch stehen. Das erreicht man meist mit einfachen Mitteln wie Farbe. Jede Geschichte gehorcht einer anderen Farbpalette, aber die Paletten beziehen sich aufeinander. Die verbindende Elemente liegen im Schnitt, den Farbpaletten, den Kamerabewegungen von Geschichte zu Geschichte und der Filmentwicklung."

Daldry legte Wert darauf, rein dekorative Kamerabewegungen zu vermeiden. Er wollte verhindern, dass die Kamera die Emotionen des Publikums vorbestimmt. Stattdessen sollten die Darsteller die Reaktionen kontrollieren. "Die Kamera respektierte die Schauspieler. Dank einer so tollen Besetzung leisteten sie einen Großteil der Arbeit", lobt Daldry sein Ensemble. Auch Komponist Philip Glass durchzog THE HOURS mit einem eng verwobenen musikalischen Geflecht.

"Musik sollte die Geschichten eher verbinden als trennen", erklärt er. "Weil der Film sich zwischen den Geschichten bewegt, entschied auch ich mich dafür, nicht jeder Story eine eigene Musik zu geben." Statt dessen tat Glass, was vor ihm auch die Autoren Cunningham und Hare auf ihre Weise vollbracht hatten: Seine Musik bildet ein Kontinuum, das sich in Zeit und Raum bewegt, während die einzelnen Geschichten miteinander verschmelzen."

Für Glass erzählt der Film nicht verschiedene, "sondern Teile derselben Geschichte. Der emotionale Standpunkt bleibt ähnlich, denn alle drei müssen mit Selbstzerstörung fertig werden, dem Überlebenskampf und sich schließlich selbst gegenübertreten. Ich suchte nach dieser Kohärenz auch in der Musik, sie sollte das Band sein, das sich durch alle Zeiten windet und die Geschichten zu einer verbindet."

Dreharbeiten in New York, Miami und London "Cunninghams Porträt von Virginia Woolf bricht einem schier das Herz. Er hat das Unmögliche vollbracht: Einen Meilenstein der Literatur benutzt, ihn umgestaltet und so zu seinem eigenen Werk gemacht." Yale Book Review

Die Dreharbeiten begannen im Februar 2001 in New York und konzentrierten sich auf die moderne Episode in Greenwich Village. Die Außenaufnahmen von Clarissas Wohnung fanden in einem historischen Gebäude an der West 10th Street statt. Das Appartement von Richard entstand am anderen Ende der Stadt im Schlachthofviertel. Danach reiste das Team in die Nähe von Miami, um die Laura-Brown-Szenen zu drehen, die laut Drehbuch im Los Angeles der 50er Jahre spielen. "Wir hatten in L. A. nach typischen Fifties-Häusern gesucht, aber in Florida gab es wesentlich besser erhaltene", erklärt Regisseur Daldry. Lauras Filmstraße lag schließlich in einem Vorort von Miami mit dem passenden Namen Hollywood.

Wenn Laura Brown sich im Hotel einmietet, um ihrem häuslichen Leben zu entfliehen, ist im Film das Biltmore Hotel von 1920 in Coral Gables zu sehen. Danach zog das Team nach London, wo zahlreiche Innenaufnahmen in den Pinewood Studios gedreht wurden. Weil der Londoner Vorort Richmond heute in der Einflugschneise des Flughafens Heathrow liegt, war ein Dreh am Originalschauplatz unmöglich. Als Double für das Haus von Virginia und Leonard Woolf fand man ein altes Haus in der Nähe von Luton. Sogar das Haus von Regisseur Daldry kam zum Einsatz.

"Wir benötigten noch ein Haus in Sussex. Deshalb besuchte mich die Locationmanagerin täglich, um mir Fotos passender Objekte vorzulegen. Eines Tages bemerkten wir, dass mein eigenes Haus die Anforderungen perfekt erfüllen würde. Normalerweise würde ich kein Filmteam einen Fuß über meine Schwelle setzen lassen", erinnert sich Daldry schmunzelnd. "Aber diese Leute gingen sehr behutsam mit meiner Wohnung um. Zufälligerweise hatten wir auch in New York schon in einem Haus gedreht, in dem ich wohne, wenn ich dort bin."

In den ersten Frühlingstagen drehte Nicole Kidman ihre Selbstmordszene. "Sie wusste, dass sie unter Wasser mußste, in einem echten Fluss mit starker Strömung und dort auch eine Weile bleiben", erklärt der Regisseur. "Es bestand wirklich Gefahr. Dennoch stand es außer Frage, dass jemand anderes als Nicole die Szene drehen würde. Sie wollte die Szenen unbedingt selbst drehen. Es ist also immer Nicole Kidman persönlich im Wasser, auch wenn Virginias Körper im Bett des Flusses treibt." Selbst bei den kleinsten Nachdrehs war es Ehrensache für die Schauspieler, nach London zurückzukehren.

"Ich wollte nachträglich Nahaufnahmen von Virginia beim Schreiben. Es erschien mir unlogisch, dass jemand anderes das tun sollte. Nicole kehrte für die Aufnahmen noch einmal nach London zurück, obwohl sie schon mit einem anderen Film beschäftigt war. Sämtliche Schauspieler zeigten solch unglaublichen Einsatz und Professionalität." Auch für Ed Harris (Richard) war der Dreh eine tolle Erfahrung: "Dieser Set wurde hervorragend geführt, es alberte niemand herum und jeder war mit Ernst bei der Sache. Ich schätzte das ungemein, weil wir an intensiven Szenen arbeiteten." "Jeder war konzentriert auf seine Arbeit", stimmt Daldry ihm zu. "Aber darin bestand zugleich der Spaß. Eben ein ernsthafter Spaß."

Macht sich Daldry Sorgen, ob ein breites Publikum einen Zugang zu seinem Film findet? Schließlich basiert er auf einer Romanvorlage, die viele vielleicht nicht kennen. Seien Antwort überzeugt: "Es macht für den Genusswert des Films keinen Unterschied, wenn man nichts über Mrs. Dalloway oder Virginia Woolf weiß. Aber für jemanden, der 'Mrs. Dalloway' kennt, ist dieser Film eine Schatzkarte und er wird hoffentlich wohl ebensoviel Freude daran haben wie wir, damit auf Erkundungstour zu gehen."

Szenenfoto
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