Dreamcatcher

Produktionsnotizen

"Science-Fiction, Fantasy und Horror beeindrucken uns am meisten, wenn uns die Menschen der Geschichte wirklich am Herzen liegen", sagt Lawrence Kasdan, der "Dreamcatcher" geschrieben, inszeniert und produziert hat.

Seit er am Anfang seiner Karriere als Co-Autor an "Raiders of the Lost Ark" (Jäger des verlorenen Schatzes), "The Empire Strikes Back" (Das Imperium schlägt zurück) und "Return of the Jedi" (Die Rückkehr der Jedi-Ritter) beteiligt war, suchte Kasdan nach einer Geschichte, die er als großen Special-Effects-Film selbst inszenieren könnte. Bekannt wurde der Regisseur mit sehr persönlichen, menschlichen Filmen wie "The Big Chill" (Der große Frust), "The Accidental Tourist" (Die Reisen des Mr. Leary), "Grand Canyon" (Grand Canyon - Im Herzen der Stadt) und "Mumford" (Dr. Mumford) - es ging ihm also um eine emotional packende Story, die in der Realität angesiedelt ist.

"Ich versuche in meinen Filmen immer sehr überzeugende Metaphern einzusetzen", sagt Kasdan. "Und zu Stephen Kings hervorragenden Qualitäten zählt, dass er eingängige, extravagante Metaphern als Ausdruck unserer tiefsten Ängste erfindet. In ,Dreamcatcher' geht es um die Überwindung der Furcht vor dem Unbekannten da draußen - egal, ob uns etwas aus dem All bedroht, in der dunklen Nacht lauert oder im eigenen Körper, der sich gegen uns wendet. Aber in der Handlung kommen auch all die Komponenten vor, die ich in meinen Filmen immer wieder zum Thema gemacht habe: das Verhältnis der Hauptfiguren, Freundschaft, Treue und Erlösung. Wie bei King üblich, sind diese Elemente eng mit einer exotischen, gruseligen Action-Story verwoben. Genau so etwas habe ich mir immer gewünscht."

Als Kasdan von Stephen Kings Bestseller "Dreamcatcher" (Duddits) hörte, befand sich bereits eine Drehbuchfassung in Vorbereitung, und zwar bei Castle Rock Entertainment, jener Produktionsfirma, in der auch die King-Verfilmungen "Stand by Me" (Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers), "Misery" (Misery), "The Shawshank Redemption" (Die Verurteilten), "Dolores Claiborne" (Dolores), "The Green Mile" (The Green Mile) und "Hearts in Atlantis" (Hearts in Atlantis) entstanden.

"Dies ist die erste wirklich überzeugende Horror-Thriller-Verfilmung eines meiner Stoffe in den letzten 15 Jahren", sagt King. "Kein Wunder, dass der letzte auch von Castle Rock produziert wurde: ,Misery' mit Kathy Bates. Als einzige Firma hat Castle Rock mich nie einfach in die Horror-Schublade gesteckt. Dort kapiert man, dass es in meinen Geschichten vorrangig immer um Menschen geht - dass die Monster und Gruselelemente manchmal eine gute Methode sein können, um unsere realen Probleme zu beleuchten."

Der zweifache Oscar-Preisträger William Goldman ("Butch Cassidy & the Sundance Kid"/Zwei Banditen; "All the President's Men"/Die Unbestechlichen) hat bereits Kings Romane "Misery" und "Hearts in Atlantis" für die Leinwand bearbeitet. Er übernahm jetzt die Aufgabe, aus den sechshundert Seiten des Buches eine zweistündige Filmhandlung zu destillieren. Anschließend folgte Kasdan seiner Gewohnheit und arbeitete die Adaption persönlich zu seiner eigenen Drehfassung um.

"Dreamcatcher" handelt von vier Freunden, die als Kinder eine Heldentat begehen und dadurch übernatürliche Fähigkeiten erlangen, die ihr Leben nachhaltig verändern. Als Erwachsene fühlen sich Jonesy, Henry, Pete und Beaver als Außenseiter - sie haben den Enthusiasmus verloren, der sie als Kinder zu Helden machte. Vor allem können sie ihre Begabung nicht in den Griff bekommen und sind deshalb tief frustriert: Sie wissen, was in ihnen steckt, ohne dieses Potential sinnvoll nutzen zu können.

Besetzung: Wer wird dem Schneesturm trotzen? Bei der Besetzung achteten die Filmemacher vor allem auf zwei Dinge: Die Darsteller müssen ihre Rollen überzeugend verkörpern, aber sie müssen auch als Gruppe glaubhaft erscheinen, die durch ungewöhnliche Freundschaftsbande geprägt ist und so ihren Frust, ihre Einsamkeit erträglich macht - dieser Umstand bildet das Herzstück der Geschichte. "Dreamcatcher" profitiert erheblich von Kasdans langjähriger Erfahrung mit starken Darsteller-Ensembles. "Wir haben traumhafte junge Darsteller gefunden", bestätigt der Regisseur. "Ich schätze mich glücklich, denn ich habe es in meiner Karriere immer wieder mit hervorragenden Schauspielern zu tun gehabt - und diese Jungs sind die neue Generation."

Thomas Jane spielt Henry, der zu Beginn des Films nicht mehr weiter weiß. "Henry hat telepathische Fähigkeiten", erklärt Jane. "Als Psychiater ist er in einer schwierigen Situation: Er liest die Gedanken der Menschen. Er weiß immer sofort, wer lügt - ob der Betreffende nun Henry etwas vormacht, seiner Ehefrau oder auch sich selbst. Henry bekommt große Probleme, denn er versucht den Menschen verzweifelt zu helfen, was ihn in Teufels Küche bringt, weil die Leute die Wahrheit gar nicht hören wollen. Häufig macht er alles nur noch schlimmer. Henry denkt daher ernsthaft an Selbstmord, als wir ihn anfangs kennen lernen."

"Ich kannte Thomas aus ,Deep Blue Sea', ,Magnolia' und ,Boogie Nights'", sagt Kasdan. "Daher war mir klar: Das ist ein hervorragender, risikofreudiger junger Schauspieler mit echten Starqualitäten."

Jason Lee spielt Beaver, einen Zimmermann, dem ständig ein Zahnstocher im Mundwinkel steckt. Er verzweifelt an seiner Gabe, die Zukunft leider immer nur sehr vage voraussehen zu können; er spürt genau, dass etwas Schlimmes passieren wird, kann aber die näheren Umstände nicht erkennen und daher das Unglück auch nicht verhindern."

"Mit Jason habe ich bereits ,Dr. Mumford' gedreht", sagt Kasdan. "Außerdem bewundere ich seine Leistung in Cameron Crowes Film ,Almost Famous' (Almost Famous - Fast berühmt). Jetzt, in unserem Film, wirkt er unglaublich überzeugend: Er ist komisch und verblüfft uns immer wieder. Als ich die Beaver-Rolle schrieb, habe ich sofort gedacht: Das ist Jason Lee."

"Beaver ist ein lieber, gutmütiger Kerl", sagt Lee. "Larry gehört zu den wenigen Regisseuren, die von ihren Darstellern erwarten, dass sie ihre Rolle selbst ausgestalten. Zum Beispiel so: Als ich mich in Beaver hineindachte, spürte ich, dass er die Musik der 50er-Jahre mag: Für ihn besteht ein schöner Abend aus einem Kneipenbesuch, wo das Radio Oldies aus den 50ern spielt. Da trinkt er seine zwei Biere. So ist er - er raucht nicht, hat immer sein Leatherman-Werkzeug dabei, kaut auf seinem Zahnstocher herum, sieht ein bisschen so aus wie Buddy Holly. Da sagte Larry sofort: ,Gekauft'. Das war toll, denn erstmals durfte ich eine Rolle derart ausführlich definieren. Beaver gehört sicherlich zu den ungewöhnlichsten Rollen, die ich je gespielt habe."

Den Jonesy besetzte Kasdan mit Damian Lewis - Jonesy hat am Anfang des Films einen schrecklichen Unfall, dessen bizarre Konsequenzen er selbst nicht völlig begreift.

"Jonesy ist ein sensibler und recht bodenständiger Typ", berichtet Lewis. "Das heißt nicht, dass er immer eine ernste Miene macht, aber er ist eher zurückhaltend und nachdenklich. Am Anfang des Films wird er von einem Auto angefahren - hier beschreibt Stephen King seinen eigenen Unfall erstmals in dramatischer Form. Dieses autobiografische Element überträgt er auf Jonesy, der eine schwierige Phase durchmacht - er verliert praktisch sein ganzes Selbstvertrauen. Fast bis zum Schluss des Films mußs Jonesy ein Geheimnis mit sich herumschleppen, und im Laufe der Geschichte zerbricht er fast daran."

"Damian Lewis ist mir erstmals in der Serie ,Band of Brothers' (Wir waren wie Brüder) aufgefallen: ein sehr außergewöhnlicher junger britischer Schauspieler", sagt Kasdan. "Er hat Charisma, eine magnetische Ausstrahlung, eine große Seele. Ich war einfach hingerissen von ihm; und ich merkte, dass er sehr locker einen Amerikaner spielen kann. Ich fand seine Leistung einfach umwerfend."

Jonesy zeichnet sich durch sein einzigartiges "Erinnerungsarchiv" aus, das Kasdan und seinem Filmteam große kreative Möglichkeiten bietet, aber natürlich auch erhebliche Design-Probleme aufwirft. "In dem Erinnerungsarchiv sind alle Erinnerungen und Erfahrungen aus Jonesys Leben gespeichert - man mußs sich das wie eine große Bibliothek vorstellen", erklärt Kasdan. "Da finden sich seine schwachen Sportleistungen, die alten Schulzeugnisse, die Texte zu allen Songs und Platten, die er je besessen hat. So etwas lässt sich auf der Leinwand schwer umsetzen, aber unserem Produktionsdesigner Jon Hutman ist das wunderbar gelungen: Er dachte sich eine elegante Spirale aus, und unsere Innenrequisiteurin Rose Marie McSherry hat jedes einzelne Regal dieses vielstöckigen Archivs bestückt. Im Lauf der Handlung wird es zum Schauplatz einer Verfolgungsjagd: Jonesy versucht eine gespeicherte Information vor einem Eindringling zu verstecken, der sich Zugang zu seinem Gedächtnis verschafft hat. Das Gedächtnis ist wirklich eine äußerst private Angelegenheit - wer will schon, dass jemand anderes darin herumwühlt?"

Timothy Olyphant spielt Pete - wie kein anderer kann er verloren gegangene Dinge aufspüren. Auf diese Weise hat er einst ein kleines Mädchen gefunden - so wurde er ein Held. Heutzutage sucht er mit seiner Fähigkeit verlorene Autoschlüssel - und versucht damit Frauen zu beeindrucken.

"Ich habe Tim Olyphant in ,Go' (Go) gesehen", sagt Kasdan. "Er spielt völlig aus dem Bauch heraus und kann die verschiedensten Akzente nachmachen. Ihn brauchte ich als Pete, dem in mancher Hinsicht traurigsten der Freunde." "Pete wollte eigentlich Astronaut werden", sagt Olyphant. "Stattdessen verkauft er heute Gebrauchtwagen. Mit dieser Enttäuschung mußs er leben - oder sie verdrängen: Er trinkt zu viel. So charmant und humorvoll Pete auch auftritt - dahinter steckt eine gewisse Traurigkeit: Er kann sich nicht erklären, wie er in diese Situation geraten und warum sein Lebenstraum gescheitert ist."

Donnie Wahlberg übernahm die Schlüsselrolle des geheimnisvollen Duddits im Zentrum des Freundeskreises. Voraussetzung für Kasdans Besetzung war ein Darsteller, der das Publikum innerhalb kurzer Zeit ganz intensiv für sich einnehmen kann, weil er als Duddits erst recht spät im Film auftaucht: "Duddits spielt eine zentrale Rolle, mußs also in kürzester Zeit einen ungeheuren Eindruck hinterlassen. Donnie stellt sich dieser Herausforderung mit großer Begeisterung, hat sich intensiv bemüht, möglichst krank auszusehen, er nahm ab, ließ sich den Kopf rasieren und erduldete eine extreme Make-up-Tortur."

"Irgendwie ist Duddits der fünfte der Freunde", sagt Wahlberg. "Als die Jungen sich kennen lernen, retten sie ihn vor einem Rüpel, und er bedankt sich, indem er ihnen besondere Gaben verleiht. Durch diese Fähigkeiten werden die Freunde zusammengeschweißt - das ist die eigentliche Kraft, die er ihnen gibt - diese Gemeinsamkeit, die sie für den Rest ihres Lebens verbindet."

"Ich habe mit tausend Duddits-Varianten experimentiert", verrät Wahlberg. "Doch wirklich gefunden habe ich ihn in den anderen Figuren, in ihren Aussagen über ihn. Man tappt leicht in die Falle und will dann eine grandiose Darstellung liefern, weil Duddits eben sehr krank ist - aber damit stellt man sich selbst ein Bein. Ich habe mich also immer wieder darauf besonnen, was die anderen über ihn sagen: Wie nett und liebenswert Duddits war, wie sehr sie sich um ihn sorgten - er hatte das größte Herz von allen."

Eine weitere Hauptrolle übernimmt der renommierte Schauspieler Morgan Freeman als Alien-Jäger Colonel Abraham Curtis, Commander einer streng geheimen Elite-Einheit namens Blue Unit. Seine Aufgabe ist es, abseits der offiziellen militärischen Operationen alle außerirdischen Invasoren zu eliminieren und die mit ihnen verbundene Seuchengefahr einzudämmen. Seit 25 Jahren jagt Curtis wie besessen den Aliens hinterher - das ist seinem Verstand nicht gut bekommen.

"Curtis hat alle Fäden in der Hand - in seinem Bereich verfügt er über große Macht", sagt Freeman. "Er befehligt seine persönliche Armee. Was er braucht, bekommt er sofort - Geld, Männer, Waffen. Inzwischen ist er etwas ausgebrannt, aber als Soldat ist er zu jedem Opfer bereit. Er führt jeden Auftrag bis zum bitteren Ende durch. Andere nennen das Skrupellosigkeit - er hält das für die Mittel, die den Zweck heiligen."

"Ich erlebe Morgan Freeman schon lange wie einen Gott", sagt Kasdan. "Er zählt zu jenen einzigartigen monumentalen Schauspielern, die - finde ich - nie eine schwache Leistung oder auch nur eine schlechte Szene abliefern. Wenn Morgan Freeman eine Rolle übernimmt, gibt es darin keine einzige Phase, die aufgesetzt oder gekünstelt wirkt. In unserem Film spielt er einen sehr finsteren Typen - und zwar mit Bravour. Er kniet sich voll in den Part hinein - ich habe den Eindruck, dass ihm das besonders gefällt, weil er sich hier von den vielen Gutmenschen verabschieden darf, die er schon gespielt hat. Denn natürlich setzen die Kollegen sein unglaubliches Charisma gern für ,Heiligenschein-Rollen' ein. Doch in diesem Fall geht es um eine eher zwielichtige Figur."

Tom Sizemore spielt Owen Underhill, Colonel Curtis' Stellvertreter und übereifriger Protégé - irgendwann soll er das Kommando über die Blue Unit übernehmen.

"Tom hat bereits in meinem Film ,Wyatt Earp' mitgespielt", sagt Kasdan. "Seine Auftritte wirken immer äußerst überzeugend - aktuell lieferte er traumhafte Darstellungen in ,Saving Private Ryan' (Der Soldat James Ryan) und ,Black Hawk Down'. Ein grandioser Schauspieler."

"Zwischen Owen und Curtis besteht ein Vater-Sohn-Verhältnis im wahrsten Sinne des Wortes", sagt Sizemore. "Denn Owen will ständig von Curtis gelobt werden. Curtis redet viel zu liebevoll mit ihm, und wenn er aggressiv reagiert, dann viel zu aggressiv. Er kann Owen treffen, wie nur ein Vater seinen Sohn mit einem Wort tief treffen kann - wenn er nur sein Chef wäre, ließe sich Owen nicht so beeindrucken. Doch in unserem Film ist Owen sehr verletztlich."

"Dreamcatcher" ist ein ungewöhnlicher Film durch seine Kombination unterschiedlicher Genres. Um seine Darsteller auf die Atmosphäre möglichst intensiv einzustimmen, setzte Kasdan vorab Proben an. "Mehr als andere Autoren versucht Larry herauszufinden, was die Figuren antreibt", sagt Jason Lee. "Die eine Hälfte des Filmemachens besteht aus den Dreharbeiten, doch die andere Hälfte macht den eigentlichen Spaß aus: Es geht darum, den Figuren auf den Zahn zu fühlen, und das gelingt Larry hervorragend. Bei den Vorbereitungen zu ,Dr. Mumford' haben wir in der Gruppe tagelang nur diskutiert, und daraus entwickelten sich unsere Rollen. Erstaunlich, aber sogar bei ,Dreamcatcher', einem Action-Film voller Special Effects, geht er genauso vor. Egal, ob man nun Al Pacino oder Robert De Niro heißt - ohne Regisseur kommt kein Schauspieler aus. Er ist der Dirigent - wenn der Dirigent die Bühne verlässt, fallen die Musik, das Orchester auseinander."

"Der Geschichtenerzähler Larry Kasdan hat einen fabelhaften Humor und einen untrüglichen Instinkt für dramatische Situationen", sagt Stephen King. "Er bringt die epischen Proportionen und die zahlreichen Figuren problemlos unter einen Hut. Ich könnte mir vorstellen, dass er bei ,Dreamcatcher' vor allem den ständigen Wechsel zwischen komischen und gruseligen Situationen besonders anziehend fand. Seit der Eingangsszene zu ,Der große Frust' sind wir Ähnliches von Larry gewohnt: Zunächst hat man dort den Eindruck, dass sich jemand für eine große Party herausputzt - zu den Klängen von Marvin Gayes ,I Heard It Through the Grapevine', bis dann die Kamera zurückfährt und klar wird, dass eine Leiche für das Begräbnis vorbereitet wird. Darin liegt vielleicht das Wesen des Lawrence Kasdan: Er ist ein Meister, der sich in allen Genres heimisch fühlt."

Durch diese Flexibilität bekam Kasdan die vielen unterschiedlichen Ebenen des Films geschickt in den Griff. "Das Tolle an diesem Film ist: Man lacht, man wird nervös, bekommt Angst, ist traurig, erlebt Tragödien? alles in einer einzigen Szene", sagt Timothy Olyphant. "Wenn die Hölle losbricht, dann wird es erst recht lustig. Doch im Grunde geht es um die wunderschöne Geschichte von Freunden, die noch einmal Helden spielen dürfen - vielleicht erreichen sie jetzt das, was ihnen seit den Kindertagen verwehrt blieb."

Monster und andere Computer-Katastrophen Kasdan fand das Action-Element der Story besonders verlockend, denn dafür konnte er die neueste Filmtechnologie einsetzen. "Ich habe reichlich Filme gemacht, in denen die Leute herumsitzen und reden", sagt er. "Doch diesmal gibt es Verfolgungsjagden mit Schneemobilen, kollidierende Autos, Raumschiffe und Monster. Ich finde es traumhaft zu lernen, wie man ein Auto in Schrott verwandelt, wie man ein Maschinengewehr-Gefecht zwischen Bodentruppen und Helikoptern inszeniert oder wie man ein Tier darstellt, das von einem Alien infiziert wurde."

Inzwischen weiß Kasdan, dass visuelle Effekte Knochenarbeit bedeuten. "Der totale Frust", sagt er. "Man macht zunächst halbe Sachen, bereitet Effekt-Einstellungen vor, die erst Monate später abgeschlossen werden. Doch die technischen Probleme sind nur ein Teil, denn wir mußsten bei allen Überlegungen ein extrem realistisches Resultat anstreben - das hatten wir uns für unseren Film vorgenommen."

Über vierhundert Einstellungen in "Dreamcatcher" enthalten visuelle Effekte - das dafür zuständige Post-Production-Team war fast genauso umfangreich wie das Drehteam. Für die visuellen Effekte zeichnen einige der renommiertesten Profis der Branche verantwortlich: Stefen Fangmeier, mit "The Perfect Storm" (Der Sturm), "Der Soldat James Ryan" und "Twister" (Twister) zweifach für den Oscar nominiert und mit drei British Academy Awards (BAFTA) ausgezeichnet, leitete das umfangreiche Team bei Industrial Light & Magic (ILM); Monster-Designer Steve Johnson, der mit seinem Make-up für die Miniserien "The Shining" (The Shining) und "The Stand" (Das letzte Gefecht) zwei Emmys gewann, schuf die Puppenversionen des als "Scheißwiesel" bezeichneten Monsters: und Produzent Jacqui Lopez übernahm die Koordination der visuellen Effekte.

Weil die realistische, menschliche Seite der Story im Vordergrund stehen sollte, mußste sich das Team etwas umstellen. "Bei Science-Fiction- oder Fantasy-Filmen konzentrieren sich die Regisseure üblicherweise ganz auf den visuellen Eindruck", erklärt Lopez. "Die stellen ihre Storyboards zusammen und halten sich strikt ans dramatische Konzept, das sie in der Vorbereitungsphase entworfen haben. Larry arbeitet normalerweise vorwiegend mit Schauspielern, er orientiert sich viel intensiver an der Geschichte, an den Figuren. Die visuellen Effekte müssen also als natürliche Ergänzung der Schauspielerauftritte verstanden werden - ein sklavisches Umsetzen des Storyboards nützt da nichts. Also müssen wir erheblich flexibler arbeiten. Das machte die Trick-Arbeit schwieriger, aber ich finde diese Arbeitsweise sehr viel effektiver."

Gerade die Effekte, die auf der Leinwand ganz simpel erscheinen, stellten die größten Anforderungen an die Designer. Als Beispiel sei "die Linie" genannt, sichtbarer Ausdruck von Petes Radar-Sinn, der ihn zu verlorenen Objekten führt. "Die Linie ist von einer mystischen Aura umgeben, wirkt also reichlich abstrakt - so etwas lässt sich nicht gerade einfach in Bilder übersetzen", erklärt Stefen Fangmeier, Leiter der visuellen Effekte. "Wenn wir einen Apache-Helikopter realistisch digital darstellen wollen, ist das eine rein technische Aufgabe - uns stehen hervorragende Fotos als Vorlage zur Verfügung: Das Ergebnis ist also ganz klar vorgezeichnet. Aber beim Design der eher abstrakten ,Linie' mußsten wir uns etwas völlig Neues einfallen lassen."

Viel Arbeit bedeutete auch die Umsetzung der schaurigen Monster, die in der "Dreamcatcher"-Welt Angst und Schrecken verbreiten. Das ursprüngliche Design stammt von Crash McCreery. Nach diesen Vorlagen wurden dreidimensionale Skulpturen aus Ton gestaltet, die man anschließend digital in den Computer scannte. So entstand eine Matrix, die von den Computer-Grafikern virtuell mit allen nötigen Details ausgestaltet wurde. Anschließend bekam das Rechner-Modell einen digitalen Anstrich und digitale Armaturen, mit deren Hilfe die Animatoren die Bewegungen des Monsters dirigieren.

Bei seinen Bewegungen verbiegt oder verformt sich das Monster oft auf merkwürdige Weise. Deswegen schalten die Designer einen Arbeitsschritt dazwischen, den sie "Einwickeln" nennen: Die gesamte Oberfläche des Objekts wird dahingehend bearbeitet, dass die abgebildete Haut jede auch noch so wilde Bewegung des Monsters ohne Aussetzer mitmacht. Nachdem die Bewegungsabläufe einer bestimmten Einstellung animiert sind, sorgt der technische Regisseur für die Ausleuchtung und für die Einpassung des Monsters in die dreidimensionale Welt der Szene.

"Man mußs für die verschiedenen Monster zunächst ein gewisses Bewegungsgefühl entwickeln - das geht nur mit reichlich kreativem Ausprobieren", stellt Fangmeier fest. "Wie bringt man solch ein Wesen dazu, sich unnachahmlich individuell zu bewegen? Durch Bewegung drückt sich auch die Persönlichkeit aus - und die Interaktion mit den anderen Figuren." Nachdem die Modellierer, die Maler, Animatoren und der technische Regisseur ihre Arbeit abgeliefert haben und die Bilder vom Computer ausgegeben werden, wird das errechnete Bild in das von der Kamera aufgenommene Filmmaterial eingepasst. Jetzt fügt man Details hinzu, die den Echtheitslook verstärken: Schatten, oder das Spiegelbild in einer Blutlache am Boden. Alle diese Einzelheiten summieren sich zu einem Fabelwesen, das die Zuschauer als völlig real erleben.

Die Seuche aus dem Schminktopf Ähnlich knifflige Anforderungen der kreativen Art ergaben sich auch für das Make-up-Team. Ein großes Problem stellte sich dem Chef-Maskenbildner Bill Corso, als er sich die Auswirkungen jener Seuche ausmalen mußste, die sich unter den Menschen und Tieren im Wald ausbreitet. "Wir mußsten uns eine biologische Epidemie ausdenken, die nicht von dieser Welt stammt und mit nichts Bekanntem vergleichbar ist - das Krankheitsbild soll nicht nur interessant aussehen, sondern auch praktisch umsetzbar sein", erklärt Corso. "Besonders bei den Tieren war das schwierig, denn irgendwie mußste ich die Geschwüre, die wir den Menschen anklebten, auch auf die Tiere übertragen, ohne ihnen dabei zu schaden. Giftstoffe konnte ich nicht verwenden, denn das Make-up mußste essbar sein - wie sollten wir die Tiere schließlich im Zweifelsfall davon abhalten? Aber wie sollten wir das Make-up an ihnen befestigen? Fressen sie es sich gegenseitig ab? Das Faszinierende an dieser Aufgabe ist nicht so sehr das originelle Designkonzept, sondern ein Verfahren, das die praktische und realistische Umsetzung dieser Ideen erlaubt."

Üblicherweise spielen die grässlichsten Szenen eines Horrorfilms in traditionell unheimlicher Umgebung - einem verlassenen Haus, einem pechschwarzen Keller oder einem nachts im Wald geparkten Wagen. "Dreamcatcher" entdeckt den Horror an ganz anderen Orten: Die ersten grauenhaften Monster erlebt der Zuschauer ... im Badezimmer.

"Die Badezimmerszene ist wohl die lustigste Szene, die ich je gedreht habe - allerdings auch die ekelhafteste, blutigste und abartigste", sagt Kasdan. "In gewisser Weise bin ich stolzer auf diese Szene als auf alle meine Filme, weil derart viele Leute hart daran gearbeitet haben, sie mit Leben, mit Details zu füllen: Der Monster-Designer, der Puppenspieler, die ILM-Gruppe, die Schauspieler, der Ausstatter. Die Auswirkungen des Alien-Auftritts müssen durch reichlich Make-up sichtbar gemacht werden. Wenn man ins Badezimmer kommt, erscheint es wie ein Schlachthaus, das völlige Chaos. Das geht an die Grenze des Erträglichen - witzig und spannend und gruselig, alles gleichzeitig. Und genau diese Kombination schwebte mir von Anfang an vor. Bei einem Film wie diesem gehören Horroreffekte einfach dazu - aber nur für Sekunden. Und dann sehen sich die Zuschauer an und fragen: Habe ich das eben wirklich gesehen?"

Die Schlüsselfigur für die Puls beschleunigende Gruselatmosphäre des Films ist der australische Kameramann John Seale, der mit "The English Patient" (Der englische Patient) den Oscar gewann. Seale ist ein humorvoller Mann und unermüdlicher Arbeiter - gern verwendet er mehrere Kameras gleichzeitig.

"Ich tüftele mit dem Regisseur am liebsten Einstellungskonzepte aus, die zwei oder drei Kameras gleichzeitig vorsehen", sagt Seale. "Immer wieder höre ich, wie gern die Schauspieler mit mehreren Kameras arbeiten. Ich erinnere mich an einen Schauspieler, der sagte: ,Jedesmal, wenn ich um eine Ecke biege, nimmt mich eine neue Kamera aufs Korn - ich mußs also ständig konzentriert weiter spielen, immer in der Rolle bleiben.' Das fand ich fantastisch, denn das Endresultat ist sicherlich ein besserer Film."

"Die Arbeit mit mehreren Kameras gleichzeitig ist sehr anregend", sagt Kasdan. "Wir kommen dadurch aber enorm schnell voran. Man erhält die Szene automatisch aus verschiedenen Blickwinkeln, was auch bedeutet, dass nicht jeder Take perfekt sitzen mußs, weil man reichlich Schnittoptionen hat. Dadurch wird der Arbeitsprozess viel offener - so etwas ist mir früher nicht immer gelungen."

Was den Drehstil angeht, bereitet sich Seale auf jeden Film vor, als sei es sein erster. "Larry sagte: ,Ich will den Eindruck vermitteln, dass wir die Szenen nicht für die Kamera eingerichtet haben, sondern wie zufällig dazu kommen. Wir haben uns die Bilder nicht ausgedacht, sondern versuchen nur, sie einzufangen.' Die Idee gefiel mir sehr - so etwas hat noch niemand von mir verlangt. Dadurch entsteht ein völlig neuer Look, das Gefühl, als seien wir nur Beobachter, wir halten einfach drauf, mit mehreren Kameras gleichzeitig und mit Weitwinkel. In diesem Film geht es nicht um wunderschöne Einstellungen, von denen man jede Einzelne einrahmen könnte. Sie wirken eher dokumentarisch, mit falschen Ausschnitten, flachen Zooms, ohne perfekte Fahraufnahmen. Wenn man das konsequent durchhält, stellt sich beim Publikum das Gefühl ein: ,Mann, wir waren direkt dabei! Wir haben's mit eigenen Augen miterlebt!'"

Schlechtes Wetter? verzweifelt gesucht Die "Dreamcatcher"-Handlung spielt vorwiegend während eines schweren Schneesturms irgendwo in den Wäldern von Maine. Leider kamen Dreharbeiten vor Ort in Stephen Kings Heimatstaat nicht in Frage. Produktionsdesigner Jon Hutman, der den Emmy für die Ausstattung der erfolgreichen US-Serie "The West Wing" gewonnen hat, suchte in den USA und Kanada nach einem hügeligen Waldgebiet mit garantiertem Schneefall. Weil viele Szenen verlangten, dass nur eine Reifenspur oder Fußstapfen eines einzelnen Mannes zu sehen sind, mußsten der Filmstab, das Team, die Kamera, die Scheinwerfer und Schneekanonen am Drehort irgendwie verschwinden können. Außerdem mußste sich in der Nähe eine Stadt befinden, in der sich 250 Leute unterbringen ließen.

Hutman entschied sich für den Ort Prince George/British Columbia, etwa 800 Kilometer nördlich von Vancouver. Fast alle wichtigen Außenaufnahmen entstanden in der Umgebung von Prince George. Eine Scheune, ein Lebensmittelladen und die als "Loch in der Wand" bekannte Hütte wurden in Vancouver entworfen und vorgefertigt, dann in Einzelteilen nach Prince George geschafft und vor Ort zusammengebaut. Sie waren mit Patina derart überzeugend auf alt getrimmt, dass die Anwohner ernsthaft überlegten, ob die Gebäude nicht immer schon dort gestanden hatten.

Die meisten Filmteams hoffen bei Dreharbeiten auf mildes und freundliches Wetter - bei "Dreamcatcher" war das genaue Gegenteil unabdingbar. Obwohl die Gegend für ihre harten Winter bekannt ist, wurden die Verantwortlichen eine Woche vor Start der Dreharbeiten im Januar 2002 reichlich nervös, denn in der Stadt herrschten völlig untypisch laue Temperaturen. Zum Glück stellte sich mit Beginn des Drehs in British Columbia auch der Schnee wieder ein.

"Das Wetter war unzuverlässig", sagt Hutman. "Wir haben natürlichen Schnee verwendet, haben natürlichen Schnee auf Lastwagen herangeholt und mit Schneekanonen Schnee aus Wasser fabriziert. Wir benutzten Schnee aus Papier verschiedener Größenordnungen, um Bodenflächen abzudecken, Schnee aus Popcorn, aus Maisstärke, die sich für fallende Schneeflocken eignet. Ein Smörgasbord aus Schnee." Dennoch lag immer so viel vom echten Weiß in den Wäldern, dass die Ausrüstung auf Schlitten transportiert werden mußste.

Und über mangelnde Kälte konnte sich niemand beklagen. Bei einem Nachtdreh wurden die tiefsten Temperaturen gemessen: Das Quecksilber fiel auf -37°C. An den Kotflügeln der Autos hingen Eiszapfen, innen auf den Scheiben der Hotelfenster bildeten sich Eisblumen, die Mineralwasserflaschen am Set waren komplett gefroren. Weil das Tageslicht nur wenige Stunden zur Verfügung stand, mußste das Team trotz der Kälte äußerst effizient arbeiten. Um Zeit zu sparen, bekamen die Crew-Mitglieder ihre warmen Mahlzeiten vor Ort im Wald serviert.

Anschließend drehte man in Vancouver weiter, zunächst im Studio, wo die Innenaufnahmen entstanden: die Hütte und das riesige Gedächtnisarchiv, das sich wie eine spiralförmige Bibliothek ins Unendliche schraubt. Als der Frühling kam, filmte man die Rückblenden aus der Kinderzeit der Freunde in der ländlichen Umgebung. Das Wetter wurde besser, die Tage allmählich länger, aber das Arbeitstempo ließ nicht nach.

Auch nach den scheinbar endlosen Problemen und immer neuen Herausforderungen bei einem Film dieser enormen Größenordnung bestätigt Kasdan, dass seine Leidenschaft fürs Filmemachen durch "Dreamcatcher" eher noch zugenommen hat.

"Ich inszeniere seit nunmehr 20 Jahren Filme - was mich letztlich dazu bringt, möglichst etwas ganz Neues auszuprobieren. Mein Filmgeschmack umfasst alle Genres, und deswegen möchte ich mich in allen Bereichen bewähren. Häufig habe ich Menschen ins Zentrum gestellt, die mit dem Alltag unserer normalen Welt fertig werden müssen. Was mir bei diesem Film so Spaß macht, ist seine derart extreme Geschichte - sie geht wirklich weit über den Alltag hinaus: Sie baut auf Grundbedürfnissen auf, vergrößert sie aber in ungeheurem Maßstab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir Filmarbeit mehr Vernügen bereiten könnte als bei diesem Stoff, in dieser bizarren Situation. So etwas habe ich noch nie gemacht. Diese große Chance ergibt sich, wenn wir viele Stile und Ansätze zu einem neuen Ganzen kombinieren."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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