Moonlight Mile

Ausführlicher Inhalt

Durch den gewaltsamen Tod eines jungen Mädchens gerät das Leben von vier Menschen aus den Fugen. Zu Beginn scheint dieser Tag ein Tag wie jeder andere in dem kleinen Städtchen Cape Anne im Jahre 1973. Das Telefon klingelt Sturm, der junge Joe Nast (JAKE GYLLENHAAL) schreckt aus einem unwirklichen Traum hoch und zieht sich langsam an, Hausherr Ben Floss (DUSTIN HOFFMAN) rasiert sich akribisch vor dem Spiegel, seine Frau Jojo (SUSAN SARANDON) kommt mit Sonnenbrille die Treppe hinunter.

Doch nichts ist, wie es mal war. Draußen wartet eine Limousinen-Kolonne, die im Konvoi losfährt - zur Beerdigung der Tochter Diana, im Eiscafé von tödlichen Kugeln getroffen, ausgelöst durch einen Ehestreit am Nebentisch. Wenige Tage vor der Hochzeit mit Joe.

Am Sarg versuchen alle, die Fassung zu bewahren, wie auch beim anschließenden Kaffee und Kuchen im Hause der Eltern - Smalltalk, Beileidsbekundungen, nette Nichtigkeiten. Jeder fühlt sich unwohl in der Haut, sucht nach den passenden Worten. Aber gibt es die überhaupt in so einem Fall? Nach der Verabschiedung der Besucher beweist Jojo ihre ganz spezielle Art, Trauer mit Sarkasmus zu verbinden. Sie wirft zum Entsetzen ihres Mannes Bücher ins Feuer, will keine Ratgeber-Literatur wie "Trauern für Erwachsene" lesen und findet es befreiender, die gut gemeinten Geschenke lichterloh brennen zu sehen. Auch eine Möglichkeit, mit der Situation fertig zu werden.

Was ist Rache, was Gerechtigkeit? Die Floss` wollen beides und hoffen auf Unterstützung durch die pragmatische Anwältin Mona Camp (HOLLY HUNTER), die den Schießwütigen nicht nur für sieben Jahre, sondern als Mörder lebenslänglich hinter Gitter bringen will. Zurück von der Anwältin finden sich die Drei unversehens allein abends im Flur. Die Stimmung ist gedrückt, Hoffnungslosigkeit zu spüren, Unsicherheit und immenses Leid. Aber niemand wagt, offen den Schmerz zu zeigen, man beschäftigt sich. Irgendwie.

So bittet Ben den Fast-Schwiegersohn, die schon bei der Post abgegebenen Hochzeitseinladungen zurückzuholen. Der macht sich auf in das kleine Postbüro und trifft dort auf die hübsche Bertie Knox (ELLEN POMPEO), gemeinsam fischen sie die Einladungen aus den Postsäcken. Später liefert das Mädchen noch eine letzte Hochzeitseinladung ins Trauerhaus. Joe bringt sie nach Hause und beide spüren instinktiv, da ist mehr als nur Sympathie zwischen ihnen. Eine spontane Einladung zum Kaffee, schlägt er aber aus.

Bei den Floss heißt es "business as usual", Aktivismus und Verdrängung ersetzen Trauerarbeit und Therapie. Vor allem Ben entpuppt sich als brillanter Verdränger, der jede Sekunde zum Nachdenken meidet.

Joe ist wie Treibgut zwischen Vergangenheit und Zukunft gestrandet und arrangiert sich, steigt wie selbstverständlich als Bens Junior-Partner in das ihm fremde und nicht sonderlich interessierende Immobiliengeschäft ein. Der bisher glücklose Makler wittert das Geschäft seines Lebens, ein ganzer Straßenzug in der Innenstadt soll modernisiert, sprich für eine gesichtslose Shopping-Mall plattgemacht werden, darunter auch "Cal`s Place", Berties Bar.

Joe erklärt sich bereit, die Sache in die Hand zu nehmen, hat er doch so einen Grund in Berties Nähe zu kommen und vielleicht auch, dem örtlichen beinharten Bauunternehmer (DABNEY COLEMAN)einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ben freut sich über das Engagement des jungen Mannes und darüber, nicht mehr allein arbeiten zu müssen, betrachtet ihn als Teil der Familie, als Tochterersatz. Wie alte Kumpel sitzen sie da und rauchen Zigarren, reden über Gott und die Welt, aber immer um den heißen Brei herum. Zu tief bohrt der Schmerz, um wirklich offen miteinander zu sprechen.

Auch Jojo gibt sich gefasst, ein Zeichen ihrer inneren Verstörung: Die Schriftstellerin hat eine Schreibblockade. Und Joe verbirgt ein schwerwiegendes Geheimnis, findet aber nie Gelegenheit, damit herauszurücken. Die Abende verbringt man gemeinsam bei Chips und Dips, bis eine frühere Freundin Dianas ihn in "Cal`s Place" schleppt. Der Lärm und die Avancen der kreischenden Mädels gehen ihm auf den Nerv, er wirft einen Nickel in die Music-Box und bei den Klängen von "Moonlight Mile" nimmt ihn Bertie an die Hand. Selbstvergessen tanzen die beiden miteinander. In einem kleinen Nebenzimmer unterhalten sie sich, wollen die Anziehung aber nicht wahrhaben. An der Wand hängen Fotos von Bertie und einem Mann, Joe weiß nicht, wie er sich verhalten soll.

Ben fühlt sich derweil von der halben Stadt angegriffen, wird nervöser. Um seinen inneren Zorn abzureagieren, stürmt er in das Todeslokal, stänkert herum und will wissen, auf welchem Barhocker seine Tochter erschossen wurde und regt sich darüber auf, dass das Fenster mit den Einschüssen noch nicht repariert ist. Er mimt den Don Quichotte, der gegen den Rest der Welt kämpft. dass Joe nicht pünktlich zum verabredeten Dinner mit Gästen erscheint, gibt ihm Gelegenheit, noch einmal Dampf abzulassen. Aber Joe gehen ganz andere Dinge durch den Kopf, hat er doch in Bertie eine Seelenverwandte gefunden, mit der er reden kann über verlorene Lebensperspektiven und die Trauer, die beide in sich hineinfressen. Denn Berties Freund Cal (Namensgeber des Lokals) gilt seit drei Jahren in Vietnam als vermisst.

Nach dem verpatzten Abend wirft ihm Jojo vor, nicht ehrlich zu Ben zu sein. Dabei greift sie wieder zur Zigarette und macht auf souverän, kaschiert nur mühsam ihre innere Zerbrechlichkeit. Auf Joes Frage, was sie und Ben überhaupt zusammenhält, zögert die Ältere einen kurzen Moment und gesteht dann die Sehnsucht nach emotionaler Geborgenheit, jemand ist für sie da und "gehört" ihr, das macht sie stark. Und der Jüngere begreift, dass auch Vertrautheit etwas Schönes sein kann.

Die gespannt-düstere Atmosphäre im Hause Floss deprimiert Joe, von Zeit zu Zeit bekommt er Luftnot. Als er sich nachts wieder ruhelos auf dem Laken wälzt, klettert er heimlich aus dem Fenster und rettet sich zu Bertie. Er braucht jemand, der ihn in den Arm nimmt und versteht. Zärtlichen Küssen folgte eine Liebesnacht. Beim Nachhausekommen erwartet ihn eine sich betrinkende Jojo in seinem Zimmer, die ihren seelischen Kummer nicht mehr kaschiert. Am nächsten Morgen macht Ben eine Riesenszene, er sieht die falsche Harmonie zerbröckeln, will sich mit der Wirklichkeit aber noch nicht auseinandersetzen. Der Konflikt spitzt sich zu.

Ben moniert erneut im Eis-Café die fehlende Fensterreparatur und lässt Bertie in "Cal`s Place" seine Missachtung fühlen, Jojo ahnt, dass mit der Beziehung zwischen Diana und Joe etwas nicht stimmte und Ben beschimpft Joe, dass er ihn geschäftlich im Stich gelassen und die Sache mit der Bar versiebt hat, zeigt sich enttäuscht, dass sich Joe scheinbar so schnell mit einer anderen tröstet. Bertie dagegen fühlt sich als One Night Stand benutzt und knallt Joe ihren Frust um die Ohren. Der Junge, der es allen recht machen wollte, sieht sich nun von allen unverstanden und abgewiesen. Besonders von Bertie, für die er tiefe Gefühle hegt, aber nicht mit einem Phantom teilen möchte.

Bei Gericht sieht es nicht gut aus für die Anklage. Die Zeugin macht einen Rückzieher, sie glaubt sich wieder vom schießfreudigen Mann geliebt und verweigert die Aussage. Die Anwältin spekuliert darauf, durch Mitleid die Geschworenen auf ihre Seite zu bringen. Deshalb hängt alles an Joe, der im Gerichtssaal überzeugend erklären soll, wie der Todesschütze kaltblütig sein Leben und seine Liebe, seine Zukunft zerstört hat.

Erst beantwortet er die suggestiven Fragen der Anwältin noch zögerlich, doch dann bricht die Wahrheit aus ihm heraus, schleudert er das bisher gehütete Geheimnis in die Menge und durchschlägt damit den Knoten - Diana wollte am Todestag den Eltern von ihrer Trennung und der geplatzten Hochzeit erzählen. Mit tränenerstickter Stimme schildert er seine Verlobte als einzigartigen und integren Menschen, nicht nur ein Verlust für ihn, sondern für alle, die sie gekannt hätten. Die Katharsis wirkt wie ein reinigendes Gewitter. Vier Menschen sind endlich bereit, Trauerarbeit zu leisten, aber auch einen Schlussstrich unter Vergangenes zu ziehen und einen Neuanfang zu wagen.

Joe packt sich ein Herz und schickt Bertie 75 Liebeserklärungen per Post, er ist endlich heimgekommen und hofft, dass auch sie bald zu sich findet und ihm antwortet.

Jojo entdeckt ihre Kreativität wieder und sogar Ben macht Nägel mit Köpfen. Er geht ein letztes Mal in das Eis-Café kauft für 90 Cent eine Kleinigkeit und "spendet" den Rest der 50 Dollar für ein neues Fenster, um nicht mehr ständig an den Mord erinnert zu werden. Und macht seinen Laden dicht. Der immer diensteifrige Mann, der sonst beim ersten Telefonklingeln aufsprang, lässt es einfach bimmeln. Kein Anschluss mehr unter dieser Nummer.

Joe verlässt den Ort, der ihm nie Heimat war. Doch vorher macht er noch einen Abstecher zu "Cal's Place" ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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