Moonlight Mile

Produktionsnotizen

In MOONLIGHT MILE erzählt Brad Silberling, Regisseur von CITY OF ANGELS (Stadt der Engel, 1998) eine gefühlvolle Geschichte voller entwaffnender Ehrlichkeit und feinsinnigem Humor über das Erwachsenwerden, Loslassen und das Entdecken der Liebe in Momenten, in denen wir sie nicht erwarten. Durch den gewaltsamen Tod der Verlobten wenige Tage vor der Hochzeit platzen die Heiratspläne des jungen Joe Nasts (überzeugend dargestellt durch Jake Gyllenhaal).

Er verliert den Boden unter den Füßen und versucht den Wünschen der anderen, speziell der "Schwiegereltern", gerecht zu werden - als pflichtbewusster hinterbliebener "Gatte" und als perfekter Fast-Schwiegersohn. Schicksalhaft tritt eine andere Frau in sein Leben und er gerät in einen Gewissenskonflikt zwischen Loyalität und dem Wunsch, seinem Herzen zu folgen.

Mit Dustin Hoffman, Susan Sarandon und Holly Hunter gelang es Brad Silberling, drei außergewöhnliche Oscar-Preisträger für dieses Meisterwerk zu verpflichten.

In MOONLIGHT MILE geht es Autor und Regisseur Brad Silberling um die Tragik in der Komik: "Komödie mitten in einer Tragödie ist etwas ganz natürliches. Eine düstere Situation entpuppt sich als unerwartet komisch, weil sich Menschen in schwierigen Lebensumständen völlig unvorhersehbar verhalten. Zwar ist mein Film Fiktion, aber die emotionalen Wurzeln liegen in einem bestimmten Moment meines Lebens. Ich erlitt einen ähnlichen Verlust wie Joe. Die dargestellten Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftige Art der Familientrauer, entsprechen in keinster Weise unseren Erwartungen. Aber sie sind real. Wir wissen nicht, was in solchen Situationen in uns vorgeht, wie wir reagieren. Ich habe diese Dinge selbst erlebt. Manchmal schreibt das Leben die besten Bücher."

"Mir gefiel besonders der leicht humorige Ton dieses Drehbuches, das mich an THE GRADUATE ("Die Reifeprüfung", 1967) erinnert", bemerkt Producer Mark Johnson. "Hier ist ein junger Mann, der herauszufinden versucht, was er mit seinem Leben anfangen soll und jeder will ihm dabei helfen wie der Typ in der legendären Party-Szene von "Die Reifeprüfung", der Dustin Hoffman rät, in 'plastics' (Kunststoff) zu machen." ("Plastics" gilt inzwischen als geflügeltes Wort in Amerika).

In MOONLIGHT MILE verkörpert Jake Gyllenhaal den jungen Joe Nast, der durch das tragische Ereignis wie gelähmt ist und glaubt, es sei seine Pflicht bei Ben und Jojo Floss, den Eltern seiner Verlobten, im Haus zu bleiben. Die unterschwellig komische Ebene des Films reflektiert Joes komplizierte Liebesgeschichte, seine innere Zerrissenheit, die Rolle des trauernden Hinterbliebenen zu spielen und gleichzeitig der Stimme seines Herzens zu folgen.

"Infolge des Verlustes ist Joe verunsichert, ob er eine bestimmte Treue beweisen mußs oder ob er sein eigenes Leben wieder anpacken soll. Das alles bringt ihn durcheinander, es gibt keine Regeln in so einem Fall. Er ist Gefangener der Situation und trifft wie aus heiterem Himmel eine andere Frau, eine richtige Seelenverwandte. Und plötzlich hängt er zwischen allen Seilen - eine ziemlich unangenehme Situation. Aber Liebe kann man nicht lenken, Liebe geschieht einfach" beschreibt Silberling das Dilemma.

"Manchmal ist es leichter, sein Innerstes Fremden zu offenbaren, weil das keine Konsequenzen nach sich zieht", erkennt Ellen Pompeo, Darstellerin der Bertie Knox, der neuen Liebe in Joes Leben. "Durch Joe lernt Bertie sehr viel über sich selbst und indem er offen zu ihr ist, lernt er auch sehr viel über sich. Am Anfang verbindet die beiden der Verlust eines Menschen, aber später kommt die gemeinsame Hoffnung auf etwas Neues, auf die Schönheit des Lebens dazu."

"Wir wollten, dass Joe zu sich findet" erklärt Johnson. "Jeden von uns kann in den Strudel von Ereignissen geraten, bevor wir wieder soweit gefestigt sind, alles in den Griff zu bekommen. Joe verliert in dieser extremen Situation seine Entscheidungsfähigkeit, aber am Ende handelt er doch sehr ehrlich und beweist Stärke."

Die Besetzung Autor und Regisseur Brad Silberling ließ sich durch die glanzvolle Besetzung - drei Oscar-Gewinner, insgesamt 15 Nominierungen - nicht einschüchtern: "Ich habe sie herausgefordert und wollte, dass sie an einem Tag alle ihre Oscars mitbrachten und einfach auf dem Abstelltisch deponierten. Ich dachte, die Statuetten würden in all dem herumstehenden Krempel etwas hermachen und motivieren" amüsiert er sich noch im Nachhinein. Dann fügt er ernsthaft hinzu, "als Regisseur mußs man schon in einem frühen Stadium Entscheidungen treffen und sich darüber im Klaren sein, dass es wohl die eigene Sensibilität und Begabung sind, auf die die Schauspieler erst einmal ansprechen. Warum soll man da nicht genug Selbstvertrauen haben, schließlich beruht doch alles auf gegenseitigem Respekt. Man mußs sich selbst fragen, warum nicht? Warum sollte ich nicht die Chance bekommen, die Sache erfolgreich durchzuziehen?"

"Von Anfang an schwebten mir zwei Schauspieler vor und für die habe ich geschrieben: Susan Sarandon und Dustin Hoffman", sagt Silberling. "Ich träumte davon, die beiden vor der Kamera zu vereinen. So berücksichtigte ich beim Schreiben schon ihren Rhythmus und ihre Eigenarten. Als dann beide den Vertrag unterzeichneten, erfüllte sich mein Traum."

Hoffman spiel Ben Floss, einen Immobilienmakler, der sich in Arbeit flüchtet und trotz Tod der Tochter eisern den Plan verfolgt, den Verlobten Joe in den Familienbetrieb aufzunehmen. "Ich halte ihn für einen großer Verdränger", charakterisiert Hoffman die Figur, " Ben lehnt es einfach ab, sich der Trauer bewusst hinzugeben, fast tut er so, als sei nichts passiert. Ein Aspekt der Geschichte handelt von Eltern, die emotional noch nicht erwachsen sind. Jedenfalls trifft das auf Ben zu. Oft kommen Eltern nicht damit klar, dass ihre Kinder erwachsen sind, sie können diesen Wechsel einfach nicht ertragen. Sie wissen mit ihren Kindern umzugehen, solange sie noch Kinder sind, aber den jungen Erwachsenen stehen sie hilflos gegenüber."

"Ben vermittelt diese trotzige `Yankee can-do`-Haltung", sagt Mark Johnson. "In diesem Stadium möchte er gerne so etwas wie der Fels in der Brandung sein, ist aber in Wirklichkeit weit davon entfernt. Er stopft sich mit Medikamenten voll, um über den Schmerz hinwegzukommen."

Als Geschäftsmann und Vater war Ben ein Versager, das machte ihm schon vor dem Tod der Tochter sehr zu schaffen. "Er kann damit nicht umgehen, so versucht er, sie durch ihren Verlobten zu ersetzen" analysiert Hoffman. "Ben bildet sich ein, die ganze Stadt habe sich gegen ihn verschworen, dabei stellt er sich unbewusst gegen die ganze Stadt."

Johnson ergänzt: "Auf der anderen Seite steht Jojo, die sich hinter Humor und Sarkasmus versteckt. Sie trauert und nimmt für sich deshalb in Anspruch, alles sagen und tun zu dürfen, was immer sie will. Ich glaube, im normalen Alltag kracht es manchmal laut zwischen Ben und Jojo, aber sie betet ihn an, die beiden lieben sich wirklich."

Silberling stimmt zu. "Jojo und Ben führen eine unglaubliche Ehe, eine sehr leidenschaftliche Beziehung. Jojo empfindet sich als total ehrlich - jedenfalls macht sie sich das vor. Sie ruht in sich, glaubt sich souverän und kompetent und verzichtet auf Selbstkritik. Sie verlangt sehr viel, gibt aber auch viel."

Susan Sarandon stieß als erste Schauspielerin zu dem Projekt. "Susan ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit", erinnert sich Silberling. "Sie unterzeichnete als erste ungefähr zwei Jahre bevor wir in Produktion gingen. Ich kam nach New York zurück und traf sie. Sie sagte nur 'go for it'."

"Für mich ist es wichtig, immer einen neuen Charakter darzustellen, mich nicht zu wiederholen. Es gefällt mir, wenn die Figur eine Änderung durchmacht. Ich fand Brads Drehbuch toll, endlich mal etwas anderes. Ich kenne niemanden, der so mit Trauer umgeht wie Jojo" sagt Sarandon. "Ich spreche einen Monolog im Film, der Jojos Beziehung zu Ben beschreibt, unheimlich lustig, aber gleichzeitig philosophisch angehaucht und bodenständig. Das hat mich sehr berührt."

Obgleich sie erstmals zusammen in einem Film mitwirkten, schlüpften Hoffman und Sarandon schnell in die Rolle des lang verheirateten Paares. "Wir hatten viel gemeinsam. Susan ist eine sehr gute Mutter und ich bin auch eine gute Mutter" lacht Hoffmann. "In den Drehpausen redeten wir ständig über unsere Kids. Irgendwie wurden aus unseren beiden Familien im Gespräch eine einzige."

"Ich bin zufrieden, dass Dustin und ich den Eindruck eines lang verheirateten Paares erwecken", pflichtet Sarandon bei. "Jeder von uns lebt sehr glücklich mit der Familie. Daraus schöpfte ich sehr viel Kraft und ich bin sicher, Dustin auch."

"Zwischen dem Casting von Jojo und Ben habe ich versucht, die Rolle des Joe zu besetzen, ein schwieriges Unterfangen", resumiert Silberling. "Ich besuchte Cameron Crowe, der sich gerade in der Postproduktion von ALMOST FAMOUS ("Almost Famous - Fast berühmt", 2000) befand. Er sagte mir klipp und klar, ich müsse mir erst einmal eingestehen, dass ich eigentlich meine eigene Person als Vorlage genommen hätte. Diese Erkenntnis sei der erste Schritt, den richtigen Jungen zu finden. Es war hart, aber er hatte Recht. Als ich dann Jake traf, hatte ich das Gefühl, einer jüngere Version meiner selbst gegenüber zu stehen. Die Suche war vorbei."

"Eigentlich sollte ich Brad nur zum Kennenlernen kurz treffen, daraus wurde dann ein zwei- oder dreistündiges intensives Gespräch" bemerkt Gyllenhaal. "Mit Dustin Hoffman zu arbeiten - dazu will ich eigentlich nicht das übliche sagen. Ich möchte etwas Originelles von mir geben. Aber ich kann nur die Klischees wiederholen: er treibt dich an, macht deine Leistung besser, hat permanent Ideen für dich, respektiert dich. Ich kann ihn nicht anderes beschreiben. Er ist ein ruhender Pol, einfach genial."

"Ich wollte mich nicht einschüchtern lassen und ihnen kollegial begegnen" definiert Gyllenhaal seine Arbeitsbeziehung zu Hoffman und Sarandon. "Aber das ist schwer. Ich hatte es mit lebenden Legenden zu tun, Leuten, die auf eine unglaubliche und gewaltige Leistung zurückschauen können. Eine Leistung, die ich auch einmal im Leben erreichen möchte. Aber trotz dieser Überlegungen ist man erst einmal baff am Set und benötigt einige Zeit, um sich daran zu gewöhnen, sie auf gleichem Level zu sehen."

"Ich glaube ihm keine Sekunde, wenn er sagt, er sei fast in Ehrfurcht vor Dustin erstarrt", witzelt Sarandon. "Wir empfanden ihn als Gleichberechtigten am Set. Ich fühlte mich ihm sehr verbunden während der Arbeit und denke, das zeigt sich auch im Film. Es existiert eine besondere Beziehung zwischen Jojo und Joe."

Die Besetzung von Ellen Pompeo als Joes neuer Freundin war eine aufregende Angelegenheit, nicht nur weil sie sich auf der Leinwand verlieben. Nach zahllosen Kandidatinnen-Vorstellungen über zwei Jahre hinweg, sehnte sich Silberling nach einem frischen Gesicht mit einer neuen und belebenden Wirkung auf das Publikum wie Joe. Silberling wurde eine Unbekannte vorgestellt und er erinnert daran, dass Jake strahlte als Ellen den Raum betrat. "Es stellte sich heraus, dass er sie vor einigen Wochen zufällig vor einem West Hollywood Restaurant traf. Und beim Abschied hatten sie sich scherzhaft zugeworfen, vielleicht arbeiten wir mal zusammen. Die Chemie stimmte sofort. Wir wussten sofort, das ist unsere Bertie."

"Sie traf den Nagel auf den Kopf", erinnert sich Executive Producer Patty Whitcher. "Die Figur der Bertie strahlt eine totale Ehrlichkeit aus und Ellen ist auch so. Sie trägt eine wirkliche Reinheit und Ganzheitlichkeit in die Rolle. Sie stellt die Bertie nicht dar, sondern sie ist die Bertie."

"Sie personifiziert die Liebe in diesem Film, weckt die Liebe in uns allen - wie sie das Positive aus mir herausholt, so tue ich das bei Ben, bei Jojo. Und Ellen verkörpert dieses Gefühl optimal, sie stellt eine Schlüsselfigur dar, steht zwar unter gewaltigem Druck und strahlt dennoch eine gehörige Portion Charme aus" betont Gyllenhaal. "Seltsam, als ich das erste Mal vorsprach, ahnte ich nichts von der Star-Besetzung, ich kannte nur Jake. Und ehrlich, ich wusste nichts über seine vorherige Arbeit. Als ich dann herausfand, wer noch mitspielte, war das eine Riesenüberraschung", gesteht Pompeo.

Holly Hunter, eine Freundin von Silberling, schien die ideale Besetzung als Anwältin Mona Camp, eine hoch intensive und äußerst intelligente Frau, die sich durch einen seelischen Panzer in einem Job schützt, der sie mit dem Schlimmsten im Menschen konfrontiert.

"Ich kenne Holly, habe aber nie mit ihr gearbeitet. Erst unser Casting Director Avy Kaufman stieß mich mit der Nase drauf als er meinte, da sei doch eine gewisse Freundin von mir, die an dem Part interessiert sein könnte und ob ich vielleicht mit ihr arbeiten wolle. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wieso hatte ich nicht an Holly gedacht? Den Großteil ihrer Szenen drehten wir innerhalb einer Woche ab und da sie bei den Szenen fast immer im Bild ist, weil sie die meisten Dialoge führt, hatten wir das Gefühl, einer Solistin auf der Bühne des Hollywood Bowl zuzuschauen. Einfach großartig. Eine Woche lang applaudierten wir nach ihren Auftritten, sie ist ein Riesentalent", so Silberling.

"Die Geschichte steckt voller emotionalem Chaos", so Hunter. "Die Menschen fühlen sich ziemlich orientierungslos. Das traumatische Ereignis hat ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt. Mona lockert mit ihrer pragmatischen und juristischen Herangehensweise den Kontext auf, das erleichtert den Umgang mit Trauer und Verlust." Hunter bereitete sich sehr genau auf ihre Rolle vor. "Brad schlug mir vor, mit Marcia Clark (TV-Anwältin und Anklägerin im O. J. Simpson-Prozess) zu sprechen. Ich habe einige Stunden damit verbracht, jede Szene durchzugehen, Satz für Satz. Ich bin nicht sehr vertraut mit der Juristerei und dem Gerichtssystem. dass Marcia mir die Details erklärte, war sehr hilfreich."

Das Setting MOONLIGHT MILE spielt 1973 in der fiktiven Stadt Cape Anne, Massachusetts. Der Entscheidung für das Szenenbild ging eine sorgfältige Überlegung der Filmemacher voraus. "In dieser Liebesgeschichte gibt es zwei `Geister`, sagt Silberling. "Bei Joe ist es zweifellos Diana, seine vor kurzem ermordete Verlobte. Bei Bertie stellt sich die Sache komplizierter dar. Ihr Freund Cal gilt als in Vietnam vermisst. Ich wollte sie in einer Situation ohne festen Endpunkt haben. Sie sollte ihre Bürde tragen und glauben, dass sie - wenn sie sich von ihm entfernt oder die Bar aufgibt - sein Schicksal besiegelt, so als würde sie ihn selbst töten. Deshalb macht es ihr so viel Mühe, sich auf ein Leben mit Joe einzulassen. Die Fokussierung der Geschichte exakt auf diesen Moment gab mir die Möglichkeit, auf die Duplizität der Ereignisse hinzuweisen. Ähnliche Geschichten spielten sich damals wahrscheinlich in vielen Städten im Land ab, so viele junge Männer galten in der Zeit als vermisst."

Silberling: "Ich besuchte damals noch die Grundschule, die mich aus verschiedenen Gründen sehr prägte, aber ich verfüge dennoch über ein starkes Bildergedächtnis an die frühen 70er. Wenn ich die Kleidung der Frauen und jüngeren Männer im Film betrachte, kommen mir Assoziationen an Farbe, Stil und Beschaffenheit."

Kostümdesignerin Mary Zophres erinnert sich, dass Silberling sich schon beim ersten Treffen eine bestimmte Farbpalette vorstellte, "warme Erdtöne, zu denen auch Gold, Rost, Braun, einige Olivtöne und ein Waldgrün zählten. Sogar die Beerdigung stand in dunkelsten Schattierungen dieser Palette, aber nicht im traditionellen Schwarz. Nur Joe fällt etwas aus dem Rahmen, er trägt einen neuen dunkelblauen Anzug. Das gibt dem Zuschauer sofort das Gefühl von seiner Isolation, seinem Außenseiterdasein. Zusätzlich verfügt Joe nur über wenig Kleidung zum Wechseln, was betont, dass er vielleicht nie wirklich beabsichtigte, sehr lange zu bleiben. Er trägt sehr oft eine Lammfelljacke, die symbolisiert so etwas wie ein Sicherheitsschild, eine Sicherheitsdecke."

"Ich liebe Übergangsmomente im Leben", präzisiert Silberling. "Der Mensch verirrt sich oft in einer Sackgasse - in Beziehungen, im Job, in Lebensumständen oder in einem diffusen Schuldgefühl wie Joe. Ich wollte die Story in einer Zeit ansiedeln, die einen Wandel in der Unschuld reflektiert. 1973 neigte sich der Vietnamkrieg dem Ende zu und in der Heimat machte uns eine Energie-Krise zu schaffen. In der kleinen Stadt, in der Ben Floss als Immobilienmakler arbeitet, zeigt das traditionelle wirtschaftliche Umfeld Risse. Ein Franchise Restaurant hat schon in der Hauptstraße eröffnet. Nach einer nicht sehr erfolgreichen Periode sieht Ben nun die Gelegenheit zum persönlichen Durchbruch, indem er einen Auftrag an Land zieht, der auf Teufel komm raus die sogenannte Modernisierung eines ganzen Blocks zum Ziel hat."

"Die New England-Stadt spielt eine Art Nebenfigur in diesem Film", erklärt Produktionsdesignerin Missy Stewart. "Unser fiktives Cape Anne, ist eine Mischung aus mehreren Städten wie Glocester und Marblehead in Massachusetts - Städte mit verblasstem Glanz. Wir haben auf ihren Main Streets gedreht, die Namen der Geschäfte geändert, die Häuser etwas älter und heruntergekommener gemacht. Glück für uns, dass in den 70er Jahren diese Städte von Immobilienhaien relativ ungeschoren blieben.

Das auffallend bunte Franchise Eis-Café namens "Neighbors" passt so gar nicht in das Herz des Stadtkerns, direkt gegenüber von Bens Immobilienbüro. Mit der gleichen Ironie gab Produktionsdesignerin Missy Stewart dem Ganzen eine pseudo-New England Fassade nach den geschmacklosen Vorstellungen von Bauherren, die dann glauben so etwas passe in das Stadtbild."

Die Musik Für die glaubhafte Atmosphäre der 70er Jahre spielt in MOONLIGHT MILE auch die Musik dieser Epoche eine wichtige Rolle. "Den ganzen Film über verbirgt Joe ein Geheimnis", erläutert Silberling. "Deswegen mußs er höllisch aufpassen, was er sagt. So benötigte ich einen speziellen Score für seine inneren Gedanken - eine Mischung aus Musikstücken und von mir bevorzugte Songs. Dadurch sollte das Publikum Joes Gedanken und Gefühle verstehen. Diese Songs halfen mir schon bei den konzeptionellen Überlegungen zur Regie und leiteten auch meinen Schreibprozess."

"Die Musik und bestimmte Momente gingen Hand in Hand beim Schreiben", bemerkt Silberling, "die Menge der Musik im Film ist die Musik, die schon im Drehbuch stand. Dazu kommt noch eine Anzahl von Songs wie `Moonlight Mile`, Van Morrisons `I`ll Be Your Lover, Too` und auch Jefferson Airplanes `Comin Back to Me`, das beim Schreibprozess auf CD lief. Silberling, 1973 neun Jahre alt, verbindet bestimmte Klangvorstellungen mit der Zeit: "Wenn man nach der Schule Freunde zu Hause besuchte, hörte ich immer diese Musik aus den Zimmern der älteren Geschwister. Mir schienen diese Songs wunderbar romantisch und geheimnisvoll."

"Brad schickte mir Musik schon vor Drehbeginn" so Susan Sarandon. "Ich denke, er lauscht der Musik mit den Dialogen. Dieser Sound ist wichtig, besonders bei einem Film, der in der Vergangenheit spielt. Brads Musikauswahl gibt den Szenen eine ganz bestimmte Energie, ist aber niemals sentimental."

Als zentralen Filmsong nahm Silberling den Titelsong, ein Rolling Stones-Stück aus dem sehr vielfältigen Album "Sticky Fingers" - ein weniger bekannter Song unter den großen Album-Hits. "Ich wollte nie einen Soundtrack à la "die Top 40 von 1973", äußert Silberling. "Ich versuchte eine Mischung aus neuer musikalischer Erfahrung und großer Vertrautheit. Das gelingt durch sogenannte "album cuts", Tracks von der B-Seite - eben nicht die ganz großen Hits, aber ähnlich im Stil. Die B-Seite, die wir in der Music-Box in Cals Bar finden, entspricht der Erforschung der B-Seite des Lebens im Film, der B-Seite der Gefühle.

Jeder ist vertraut mit den populären Songs von "Sticky Finger", komischerweise kennen die wenigsten "Moonlight Mile". Sogar Robert Plant, der den "Song to the Siren" für den Film covert, fragte mich bei Sichtung des Films `Was war das denn für ein Rolling Stones-Track?` Niemand kennt diese Musik!." Im Film benutzt Bertie "Moonlight Mile" als Erinnerung an ihren in Vietnam stationierten Freund Cal. Es sollte ihr Song sein, selbst wenn Cal nie mehr die Chance hätte, ihn zu hören. "Und dann wurde es seltsamerweise Joe und Berties Song mit einer Schlüssel-Lyrik `I am just living to be lying by your side, but I`m just about a moonlight mile away`. Wenn mich jemand fragt, um was es in dem Song geht, antworte ich immer, er handelt von der Entfernung zwischen dem Ort, wo du bist und dem, wo dein Herz sein möchte."

"Die Stones wählen sehr genau die Projekte aus, die ihre Songs benützen dürfen" äußert Silberling. "Ich begann mich um die Genehmigung ungefähr neun Monate vor Drehbeginn zu kümmern. Es wurde eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich schrieb jede Menge Briefe an die Band und die Verleger und lieferte die ersten Film-Muster an die Manager in New York. Das gleiche Prozedere auch bei Van Morrison, der ebenfalls sehr auf die Freigabe seiner Songs achtet. Van wollte noch vor Fertigstellung des Films alle Szenen sehen, in denen ich seine Musik einsetzen wollte. Ich habe ihm eine Videocassette geschickt und war ziemlich nervös. Aber er war fantastisch. Beide Male als wir ihn kontaktierten, erhielten wir die Antwort innerhalb von 48 Stunden."

Andere Songs unterstrichen die emotionalen Momente der Handlung. "Für mich war `Razorface` ideal für die oft schmerzhafte Suche von Jugendlichen nach dem richtigen Weg, deshalb begleitet der Song Jake, wenn er mit seinen Gefühlen nicht mehr ein noch aus weiß. Sein Herz schlägt für das Mädchen, gleichzeitig soll er als Quasi-Schwiegersohn seine Pflicht erfüllen und damit eigentlich ihr Geschäft kaputtmachen. Bob Dylans `Buckets of Rain` war für mich immer einer der wirklich lyrischen Songs und Reflexion einer bitter-süßen Stimmung, Spiegel von Verlust und Hoffnung mit versöhnlichem Ende. Durch die große Ehrlichkeit miteinander, können sie die Wunden der Vergangenheit beweinen, aber auch einen gemeinsamen Neuanfang wagen."

"Bei der Filmmusik war ich erst einmal verzweifelt, sie sollte eine Einheit bilden mit der Epoche und den einzelnen Songs" differenziert Silberling. "Wir wussten, dass wir nur ca. 25 Minuten benötigten und träumten davon, den Score mit den Songs verbinden zu können. Als Komponist Mark Isham und ich loslegten, war es unser Ziel, zwei meiner musikalischen Ikonen aus der Zeit anzuwerben - Jorma Kaukonen und Jack Casydy, früher bei Jerfferson Airplane und dann Hot Tuna. Als Teenager hörte ich auf meinen wahnsinnig langen Zugreisen in Europa immer ihre Kassetten und ich dachte mir, wer könnte diese Epoche besser wieder heraufbeschwören als die beiden. Und zufällig traf ein Freund von mir Jack in einem Starbucks-Café, fragte ihn nach der Telefonnummer und kurz drauf hing ich schon am Telefon. Sie hatten noch nie für einen Film gearbeitet, waren aber sofort Feuer und Flamme für die Sache. Zwei Tage verbrachte ich mit ihnen im Studio und beobachtete, wie Mark sie dirigierte. Eine der schönsten und unvergesslichsten Erfahrungen bei diesem Projekt."

Szenenfoto
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