Punch-Drunk Love

Produktionsnotizen

Bonusmeilen Der Ursprung von PUNCH-DRUNK LOVE findet sich in einem Artikel des Time Magazine, der vor etwa zweieinhalb Jahren erschien. Darin wurde David Phillips, ein Ingenieur an der University of California, porträtiert, der rein zufällig auf eine ausgesprochen lukrative Bonusmeilen-Werbeaktion gestoßen war und bei der Luftfahrtindustrie seither als "Pudding Guy" bekannt ist.

Denn Phillips war es gelungen, einzig durch den Erwerb von 12.150 Bechern von Healthy-Choice-Pudding (im Kaufwert von 3.000 Dollar) auf insgesamt 1.250.000 Bonusmeilen zu kommen - oder: Freiflüge für den Rest seines Lebens (siehe hierzu auch diese Website).

Paul Thomas Anderson war derart fasziniert von dieser schrulligen Geschichte, dass er sich sogar mit David Phillips traf. Dieses Treffen diente ihm als ursprüngliche Inspiration für die Figur des Barry Egan. Nach der Optionierung der Rechte an dem Time-Artikel setzte sich Anderson daran, eine geradlinige und zugleich etwas ungewöhnliche romantische Komödie auszuarbeiten.

"Nach MAGNOLIA, einem gewaltigen, düsteren, fordernden Film, wollte Paul etwas machen, das übersichtlicher, versöhnlicher und liebenswerter ist", meint JoAnne Sellar, die seit BOOGIE NIGHTS ("Boogie Nights", 1997) jeden Film von P. T. Anderson produziert hat.

Auf den Leib geschrieben Wie Sellar erklärt, hatte Anderson von Anfang an einen ganz bestimmten Schauspieler für den Part des Barry Egan im Kopf: "Eines Tages stand Paul vor mir, um mir zu unterbreiten, dass er sein neues Projekt Adam Sandler auf den Leib schneidern würde. Er war schon seit längerem ein großer Fan von Adam und wollte sich etwas ausdenken, das ganz spezifisch auf ihn zugeschnitten sein sollte." Mit dem gleichen Ansatz näherte sich Anderson der Figur der geheimnisvollen Lena, die er für die britische Schauspielerin Emily Watson schrieb.

Zum Glück für alle Beteiligten suchte Watson nach sehr intensiven, fordernden Rollen in Filmen wie ANGELA'S ASHES ("Die Asche meiner Mutter", 1999) oder HILARY & JACKIE ("Hilary & Jackie", 1998) gezielt nach Abwechslung. "Paul führte mich zu Art's Deli aus und erzählte mir, dass er einen Film für Adam Sandler schreiben würde", erinnert sich die Schauspielerin.

"Er fragte mich, was ich als nächstes machen wollte, also sagte ich: ,Ich will nichts mehr machen, was mit Tränen oder Tod zu tun hat.' Wir verbrachten einen tollen Nachmittag miteinander, an dem wir uns ganz entspannt miteinander unterhielten. Ich hatte natürlich keine Ahnung, dass er bereits zu diesem Zeitpunkt eine Rolle für mich geschrieben hatte."

Als sie das Drehbuch schließlich gelesen hatte, zeigte sich Watson fasziniert von der Herausforderung, eine Figur zu spielen, die keinerlei Hintergrund aufzuweisen hatte. "Ich bin es gewöhnt, stets eine schreckliche Krankheit oder ein ganz besonderes Talent vor der Kamera zu haben, was es einem Schauspieler erleichtert, einen Zugang zur eigenen Rolle zu finden", erläutert Emily Watson. "Aber Paul sagte zu mir: ,Wenn du herausfindest, dass du an dieser Rolle in irgendeiner Weise arbeitest, wie du es schon einmal getan hast, dann wirf das einfach aus dem Fenster.' Er wollte, dass ich als Schauspieler für mich völlig neue Wege beschreite."

Wie Sellar betont, setzte sich diese "noch niemals da gewesen, noch niemals gemacht"-Philosophie in allen Aspekten der Produktion des Projekts fort: "Die Herausforderung für uns bestand darin, etwas gänzlich Neuartiges zu schaffen, in dem wir einen intuitiveren, abenteuerlustigeren Ansatz als bei unseren vorangegangenen Arbeiten wählten. Paul sagte einfach zu uns: ,Ich weiß nicht, wo wir anfangen sollen, aber lasst uns nicht hier anfangen, an dieser uns allen hinlänglich bekannten Stelle.' Das bedeutete eigentlich, dass alle - Paul, die Schauspieler, die Crew - ihre Jobs noch einmal von Grund auf neu erlernen mußsten."

Überall Laien Zu Sandler und Watson stießen alsbald Philip Seymour Hoffman, Luis Guzmán und Mary Lynn Rajskub. Danach wandte sich Anderson an die Casting-Direktorin Cassandra Kulukundis und schlug ihr eine völlig neuartige Idee für die ausstehenden Rollen vor. "Um die einzigartige Welt stärker zu betonen, in der sich Adams und Emilys Figuren in PUNCH-DRUNK LOVE befinden, wollten wir sie mit absoluten Schauspiellaien umgeben", erzählt Kulukundis. "Das war vor allem im Fall von Barrys Schwestern ungeheuer wichtig. Paul wollte keine Schauspieler haben, weil er diese ganze rohe, ungelenke Merkwürdigkeit einer Familie einfangen wollte, wenn Menschen die ganze Zeit nörgeln und anderen ins Wort fallen, ohne ihren Einsatz abzuwarten."

Indem sie "Menschen auf der Straße auf die Nerven ging", sich Telefonnummern geben ließ und auf Mundpropaganda setzte, ist es Kulukundis schließlich gelungen, eine höchst eklektische Gruppe von Laien für den Film zu versammeln, darunter ein Restaurantbesitzer und einige Notaufnahmekrankenschwestern. Am besten war jedoch, dass sie eine tatsächliche Familie für Barrys Familie auftrieb: "Ich traf zwei Schwestern und fand beim Gespräch mit ihnen heraus, dass sie noch zwei weitere Cousinen hatten. Von den sieben Schwestern im Film werden sechs Schwestern von Laien dargestellt - und vier davon sind miteinander verwandt. Das war ziemlich verrückt, zumal einige der Frauen noch ihre Ehemänner mitbrachten, aber sie passten wunderbar zusammen. Sie kannten keine Angst."

Bei der Suche in Utah und Los Angeles nach zwei Laien, die Barrys hartnäckige Peiniger darstellen sollten, stieß Kulukundis auf eine weitere Familie, die die gesamte Struktur des Films ändern sollten. "Ich lernte einen Typen aus Utah kennen, der in Los Angeles auf einer Baustelle arbeitete. Er erwähnte, dass er noch drei weitere Brüder hätte - allesamt blond und von mormonischem Glauben." Kurzerhand schrieb Anderson das Drehbuch um, um diese vier Brüder unterzubringen, die den Mann mit den sieben Schwestern verfolgen sollten.

Technicolor-Feeling Um dem kreativen Team eine Vorstellung von der visuellen Ausrichtung von PUNCH-DRUNK LOVE zu geben, zeigte Anderson seinen Mitstreitern eine ungewöhnliche Auswahl von Filmen, die sich von den Kurzfilmen von Ernie Kovacs über HELP! ("Hi-Hi-Hilfe", 1965) bis zu Astaires & Rogers CAREFREE ("Sorgenfrei durch Dr. Flagg - Carefree", 1938) erstreckte. "Wir zogen uns die ganzen Sachen rein und ließen uns von jedem einzelnen Film ein bisschen inspirieren", erzählt Kostümdesigner Mark Bridges. "Das wurde alles gut durcheinander geschüttelt und von Paul nach Belieben eingesetzt."

Bridges ließ sich beim Entwurf der Garderobe der Hauptfiguren, vor allem im Fall des blauen Anzugs, den Barry trägt, von den klassischen Musicals der 40er Jahre inspirieren: "Normalerweise mußs man mit Blautönen sehr vorsichtig sein, wenn man an Filmen arbeitet, weil sie so unglaublich auffällig sind. Aber in unserem Fall funktionierten sie sehr gut, weil Paul stark daran interessiert war, das Feeling von Technicolor hervorzuheben. Wenn man Filme wie ON THE TOWN ("Heut' gehn wir bummeln - Das ist New York!", 1949) oder AN AMERICAN IN PARIS ("Ein Amerikaner in Paris", 1951) betrachtet - die hatten keine Angst, wenn es um starke Farben ging."

Einen ähnlichen Ansatz verfolgte Bridges bei Lenas Garderobe, obwohl er ihren Look mit einfachen Röcken und Kaschmir-Twin-Sets weicher wirken ließ. Bridges erklärt: "Mir gefällt die Idee, den in Liebe miteinander verbundenen Hauptfiguren einen vergleichbaren Stil zu verpassen. Hier unterstützen wir die Aussage, die allen - außer Barry und Lena - völlig klar ist: Die beiden gehören zusammen."

Wahrhaftigkeit vor Ort PUNCH-DRUNK LOVE wurde komplett vor Ort im San Fernando Valley, in Utah und auf der hawaiianischen Insel Oahu gedreht. Zu den ungewöhnlichen Locations zählen eine riesige San-Fernando-Lagerhalle, die zu Barrys Büro umfunktioniert wurde, ein Northridge-Haus, in dem Barrys Schwestern leben, und ein Matratzengeschäft in Pomona, das als Geschäftszentrum von Philip Seymour Hoffman in Utah herhalten mußste. Ausstatter William Arnold berichtet: "Paul sieht eine Wahrhaftigkeit in gewissen Orten, wenn man sie so karg und gewöhnlich belässt, wie sie wirklich sind. Also änderten wir nicht allzu viel an den einzelnen Drehorten - mit Ausnahme des Hauses in Northridge, wo wir ein paar Wände herausnehmen mußsten, um die Kamera wie gewünscht bewegen zu können. Zum Glück hatten wir es mit Besitzern zu tun, die kein Problem damit hatten."

Im gesamten Valley suchte das Produktionsteam, um die geeigneten Orte zu finden, in denen Barry und Lena leben. Sie sollten so unspektakulär und unauffällig wie nur möglich sein. "Beide Appartements sind absolut austauschbar, aber aus unterschiedlichen Gründen", merkt Arnold an. "Weil nicht wirklich klar ist, wo Lena herkommt, wer sie ist, wollten wir in ihrer Wohnung keinerlei Hinweise auf ihren Hintergrund geben. Barrys Zuhause sollte wiederum die Ödnis seines Lebens widerspiegeln, also lässt sich an seinen Wänden oder seinen Möbeln keinerlei Leidenschaft ablesen."

Die Locations auf Oahu gaben dem Designteam ausreichend Gelegenheit, die angesprochenen Technicolor-Einflüsse voll auszureizen. Arnold erklärt: "Paul wollte, dass Hawaii die Antithese zum Minimalismus des San Fernando Valley sein sollte. Also erlebt man hinreißende Sonnenuntergänge und Blumen - alles war erlaubt, um Barry und Lena in einem möglichst romantischen Umfeld zu zeigen. Wir fanden ein tolles Hotel, an dem wir fast nichts verändern mußsten, das an einer wundervollen Stelle von Waikiki Beach gelegen und mit wunderbarem Mobiliar ausgestattet war."

Percussion-Soundbites Wie bei den vorangegangenen Filmen von P. T. Anderson spielt auch in PUNCH-DRUNK LOVE Musik eine wichtige Rolle. "Paul dreht Filme und weiß in seinem Kopf bereits, wie die Musik klingen soll - sie ist ein gewaltiger, integraler Teil seiner Arbeit", meint JoAnne Sellar. Tatsächlich ist die Musik so bedeutsam, dass Anderson seinen Freund und oftmaligen Mitstreiter Jon Brion (MAGNOLIA) bat, ein zeitgemäßes Score zu komponieren, das während der Dreharbeiten am Set gespielt werden sollte.

Der Komponist erläutert: "Paul schlug verschiedene Geschwindigkeiten vor. Dann nahm ich mit meinem Engineer eine Reihe von zehnminütigen Percussion-Sequenzen auf, die sich die Schauspieler zwischen den Einstellungen anhören konnten, um ein Gefühl für den Rhythmus der Szene zu bekommen." Diese provisorischen Aufnahmen wurden mit verschiedenen Schlaginstrumenten, seltenen Instrumenten und einem behandelten Piano gemacht. Die Behandlung geht auf John Cage zurück, der auf die Idee kam, ein Objekt, wie beispielsweise eine Schraube, an einer Saite zu befestigen, um die Vibration, die Dauer der Vibration und ihre Tonalität zu manipulieren.

Schließlich nahm man sich diese perkussiven Elemente vor, fügte ein paar Overdubs hinzu, kürzte sie, und schnitt sie zum Rhythmus des Films - ein Ansatz, der die Trennung zwischen Filmmusikkomposition und Sounddesign fast völlig aufhob. Brion erklärt: "Ich gab Paul und seinem Cutter Leslie Jones zahlreiche sehr kurze, drei bis fünf Sekunden lange Stücke, die - obwohl sie klar die DNS des Scores besitzen - eigentlich nur Soundbites und nach Belieben einsetzbar waren. Das Ganze war ein sehr organischer Prozess, in den viele Menschen involviert waren."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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