Gefühle, die man sieht - Things You Can Tell

Produktionsnotizen

Vom Drehbuch zum Film Rodrigo García, der Sohn des Nobelpreisträgers Gabriel García Marquez, arbeitete insgesamt zweieinhalb Jahre an dem Drehbuch von Gefühle, die man sieht - Things You Can Tell

und war gleichzeitig hauptberuflich als Kameramann tätig. "Ich wollte schon immer eine Art Ensemblestück schreiben, eine Reihe von Liebesgeschichten, die alle in Los Angeles spielen und lose miteinander verknüpft sind", erinnert sich Rodrigo. "Ursprünglich sollten Männer und Frauen im Mittelpunkt dieser Geschichten stehen, doch je mehr sich das Thema entwickelte, desto deutlicher wurde, dass es besser wäre, die Hauptrollen mit Frauen zu besetzen."

Schon seine ersten Versuche wurden belohnt, als er im Januar 1998 zur Autoren-Werkstatt des Sundance Institute in Utah eingeladen wurde, wo er das Drehbuch unter der Anleitung einer Gruppe von erfahrenen Drehbuchautoren weiterentwickelte. "Das war es eine ungeheuer wertvolle Erfahrung", so Rodrigo. "In der Werkstatt veränderte sich das Drehbuch noch einmal von Grund auf, und mein Selbstbewusstsein wurde gestärkt. Das konnte ich damals nur zu gut gebrauchen."

Daraufhin wurde Rodrigo im Frühjahr 1998 ausgewählt, um an der renommierten Regie-Werkstatt des Sundance Institute teilzunehmen, die ebenfalls von Michelle Satter organisiert und geleitet wird. Rodrigo beschreibt Michelle als eine Person, die "beschützend und mütterlich ist, Dich aber dennoch immer antreibt, härter zu arbeiten, besonders dann, wenn Du gerade gelobt worden bist und Dich am liebsten erst einmal auf Deinen Lorbeeren ausruhen möchtest. Im Rahmen der Werkstatt hatte Rodrigo erstmalig Gelegenheit, mit Schauspielern zu arbeiten, unter ihnen Kathy Baker. Außerdem traf er dort Jon Avnet.

Jon wurde erstmalig auf Rodrigos Drehbuch aufmerksam, als er gerade im Flugzeug auf dem Weg zur Regiewerkstatt war, wo er sich als Mentor für junge Filmemacher einsetzt. Avnet, selbst auch ein einflussreicher und hervorragender Regisseur, wie er in Filmen wie Grüne Tomaten und Red Corner bewiesen hat, war gleich sehr beeindruckt von dem neuen Drehbuch. "Ich las das Skript, eines von insgesamt acht Drehbüchern, die man mir zu lesen gegeben hatte", erinnert sich Jon.

"Übrigens hatte es kein Deckblatt. Ich las es und dachte, das ist wirklich eine hervorragende Autorin, die Frauen so genau trifft, wie ich es seit Jahren sonst nirgendwo gelesen hatte. Was mir an Rodrigos Arbeit auffiel, war ein unglaublicher Blick für Details und eine fiktive Welt, die sich mir ohne weiteres erschloss. Eine Welt, die im tiefsten Sinne wahrhaftig war."

Kathy erinnert sich auch, wie sie das Drehbuch erstmals während der Regiewerkstatt las. "Damals dachte ich nur, dass es eines der besten Drehbücher war, die ich je gelesen habe".

Nachdem er mit Rodrigo gemeinsam einzelne Szenen des Drehbuchs einstudiert hatte, bot Avnet an, ihm bei der Realisierung des Films zu helfen. "Rodrigo wirkte kompetent, locker im Umgang mit Schauspielern", erinnert sich Avnet. "Ich mochte seine Art zu arbeiten." Allerdings hatte schon ein anderer Produzent Interesse an dem Projekt bekundet. "Dann bekam ich ein paar Monate später einen Anruf von Rodrigo, der mir erzählte dass der frühere Interessent sich aus dem Projekt zurückgezogen habe. Ob ich noch Interesse hätte? Und ich sagte ?Aber klar doch'. Am nächsten Tag kam Rodrigo mit der Kalkulation vorbei, und so fing alles an", sagt Jon.

Rodrigos Drehbuch wurde daraufhin beim Sundance Film-Festival im Januar 1999 mit dem "Sundance/NHK-Preis für internationale Filmemacher" ausgezeichnet.

Für Avnet, der seit über 25 Jahren Filme für große Studios und Fernsehprojekte produziert hatte, war die Arbeit im Low-Budget-Bereich eine ganz neue Herausforderung. Allerdings hatte er zusammen mit den Produzentinnen Lisa Lindstrom und Marsha Oglesby schon eine Weile über die Gründung einer Low-Budget-Abteilung innerhalb seiner eigenen Produktionsfirma nachgedacht, deren Aufgabe es sein sollte, junge Filmemacher zu unterstützen. Als die Sache mit Rodrigos Projekt klar war, konnte die neue Abteilung gleich loslegen.

Die erste große Herausforderung war die Besetzung. Für Schauspielergagen stand nur sehr wenig Geld zur Verfügung, "doch ich wusste", sagt Jon, "dass Rodrigo so etwas Einzigartiges geschrieben hatte, dass Schauspielerinnen einfach nicht widerstehen können. Außerdem wussten die Agenten sehr wohl, dass ihre Stars in anderer als rein materieller Hinsicht von solch exzellentem Material profitieren können.

Der entscheidende Gesichtspunkt bei der Besetzung von Gefühle, die man sieht - Things You Can Tell war, solche Schauspieler auszusuchen, die das komplizierte und oft geheime Seelenleben ganz gewöhnlicher Leute, wie wir sie täglich um uns haben, darstellen konnten. Aufgrund seiner Erfahrung und seines Renommees als Regisseur und Produzent stand Jon im Kontakt mit einigen der talentiertesten Schauspieler Hollywoods.

Glenn Close war die erste auf der Besetzungsliste. Sie sollte Elaine spielen, die einsame Ärztin auf der Suche nach Liebe. "Was Rodrigo zu Papier gebracht hat, ist einfach so fesselnd, dass ich gar nicht anders konnte", erinnert sich Glenn. "Schon nach fünf Seiten sagte ich mir: 'Ich bin dabei'."

"Glenns Zusage siedelte das Projekt von vorneherein auf einem hohen Niveau an", erinnert sich Jon. Jemand mit ihrem Format als Schauspielerin und Mensch genießt einfach ungeheuren Respekt und Autorität. Ich glaube, ihre Zusage bewirkte, dass wir sozusagen in der ersten Liga spielten, und jeder wusste einfach, welche Größenordnung das Projekt haben würde." Holly Hunter war als nächste dabei, und von da an wurde das Drehbuch mit immer größerem Interesse gelesen."

Je bekannter das Drehbuch wurde, desto größer war die Aufregung in Schauspielerkreisen. "Es war ein Drehbuch mit sieben großartigen Frauenrollen", erinnert sich Kathy Baker. "Frauen jeden Alters und unterschiedlichsten Typs". Calista Flockhart wollte ebenso wie Amy Brenneman jede der drei verbleibenden Rollen übernehmen. Dann kam die Nachricht, dass Cameron Diaz ernsthaft an der Rolle der blinden Frau, Carol, interessiert war, aber zum geplanten Drehtermin nicht konnte.

Man beschloss, den Zeitplan für die Produktion so zu verändern, dass sie soviel Zeit hatte, wie sie glaubte, für ihre Recherche der Rolle zu brauchen. "Während der gesamten Besetzungsphase, glaubte Rodrigo zu träumen", erinnert sich Lindstom. "Ich glaube, so prominente Schauspieler waren für ihn zugleich aufregend und einschüchternd." "Das war die beste Besetzung meines Lebens", fügt Rodrigo hinzu. "Alle erzählten mir ständig, dass ich nie wieder solche Stars bekommen würde. Und, weißt Du, wenn es wirklich so sein sollte, wäre es nur fair, weil es einfach so toll gelaufen ist."

Eine Rolle, die besonders schwer zu besetzen war, war die von Carmen, eine rätselhafte Gestalt, die in allen fünf Geschichten auftaucht, aber keine Dialoge hat. Rodrigo wollte eine Schauspielerin von so großer Präsenz, dass die Zuschauer sich an sie erinnern würden, auch wenn sie nur kurz durchs Bild liefe. Nach langer Suche erinnerte er sich an Elpidia Carillo, die in Meine Familie, Grenzpatrouille und Salvador mitgespielt hatte. Elpidia, die Rodrigo und den Kameramann Emmanuel Lubezki aus Mexiko kannte, sagte gerne zu, schon weil sie Rodrigo bei seinem Regiedebüt unterstützen wollte.

Nachdem die Besetzung feststand, machten sich Rodrigo und seine Produzenten daran, ihr Produktionsteam zusammenzustellen. "Jeder, der das Drehbuch gelesen hatte, wollte dabei sein", erinnert sich Oglesby. "So konnten wir trotz unseres knappen Budgets doch ein ziemlich eindrucksvolles Filmteam zusammenstellen." Als erste kam Effie T. Brown dazu, die schon in vielen, in der Gegend von Los Angeles gedrehten Low-Budget-Filmen als Produktionsleiterin gearbeitet hatte und sich deshalb in dieser Szene sehr gut auskannte.

Kurz darauf war auch Jerry Fleming dabei, einer dieser Shooting Stars unter den Szenenbildnern, wie sie die Independent-Szene im Spielfilmbereich so zahlreich hervorgebracht hat. Schließlich kam die Cutterin Amy Duddleston ins Team, die kurz zuvor den mehrfach ausgezeichneten Film High Art geschnitten hatte. Trotz des beschränkten Budgets wollten sich Effie, Jerry und Amy die Gelegenheit nicht entgehen lassen, an einem Projekt mit einem so originellen Drehbuch und einem so eindrucksvollen Schauspielerteam mitzuarbeiten. Der gleichen Meinung war der Kostümbildner George Little, obwohl er zuvor ausnahmslos bei wesentlich größeren Filmen mitgewirkt hatte, darunter Red Corner in Zusammenarbeit mit Avnet und Lindstrom.

Einige Leute aus dem für Gefühle, die man sieht - Things You Can Tell zusammengestellten Team hatten schon mit Rodrigo zusammengearbeitet und wollten ihn bei seinen ersten Gehversuchen als Regisseur unterstützen. Hier ist vor allem der Kameramann Emmanuel ("Chivo") Lubezki zu erwähnen. Lubezki hatte als Kameramann bei einigen großen Produktionen wie Sleepy Hollow und Rendevous mit Joe Black mitgewirkt und war deshalb froh über die Gelegenheit, zusammen mit Freunden, an einem kleineren Projekt arbeiten zu können.

"Rodrigo war lange Jahre Chivo Lubezkis Kameraassistent", berichtet Avnet. "Beide sind aus Mexico City. Sie haben eine sehr enge Beziehung und arbeiten hervorragend zusammen. Chivo hat viel Talent, er ist eine der großen Hoffnungen im Filmgeschäft. Die beiden haben so eine symbiotische Beziehung, dass es richtig Spaß macht, sie bei der Arbeit zu beobachten. "Er hat meist in Filmen mit großem Budget und langen Drehzeiten gearbeitet", ergänzt Rodrigo, "und ich glaube, er war einfach mal reif für so ein kurzes, wildes und billiges Projekt."

Gefühle, die man sieht - Things You Can Tell war tatsächlich in Rekordzeit abgedreht. Die Dreharbeiten begannen am 9. Juni 1999 in Los Angeles und waren nach 28 Drehtagen beendet. Mit Rodrigos eigenen Worten: "Wir hatten einen richtig straffen Drehplan, immer nur schnell, schnell. Für jeden Schauspieler hatten wir nur fünf oder sechs Tage und durften einfach nicht überziehen. Alle hatten sich nur eine einzige Woche freigenommen und mußsten danach gleich mit anderen Projekten weitermachen. Deshalb war das Motto: Jetzt oder nie. Und das war's dann. Kein Nachdrehen, kein Umschreiben von einzelnen Szenen."

Letztendlich mußste das Team jede Woche mit einem neuen Film anfangen, da jede Geschichte die Produktion vor immer wieder neue Anforderungen stellte. Trotz des Drucks war die Stimmung am Set jedoch immer gut. Jon erinnert sich: "Es wurde einem förmlich warm ums Herz, wenn man sah, mit welcher Sympathie die Crew Rodrigo begegnete und wie sehr sie wollten, dass dieser Film wirklich zustande kam. Es entstand etwas, was Amy Brenneman beschreibt als "unglaubliche produktive Spannung unter Leuten, die sich wirklich gut kennen, auf ihrem Gebiet hervorragend sind und gleichzeitig ihre Arbeit lieben." Oder wie Holly Hunter es ausdrückt: "Es war schon ein gutes Gefühl, einfach nur am Set zu sein."

Die Schauspieler und ihre Rollen Auf die Frage, was die Zuschauer auf den ersten Blick von ihrer Figur halten mögen, antwortet Glenn Close: "Sie ist sehr erfolgreich und ausgeglichen. Wahrscheinlich führt sie ein angenehmes Leben. Man sieht nicht gleich, dass diese Figur etwas von einem Mädchen hat, das nicht erwachsen werden kann. Sie ist allein in ihrem Haus, sie ist verlassen und einsam. Es gibt niemanden, den sie liebt, und ich weiß auch nicht, ob es jemals jemanden gab oder geben wird."

"Sie hat eine eindrucksvolle Präsenz", meint Rodrigo zu Glenns Figur, "aber sie kann ihre Fassade nur mit Mühe aufrechterhalten."

In ihrer Filmepisode, This is Dr. Keener, spielt Glenn Elaine, eine berufstätige Frau, die einem Tag zu Hause verbringt, wo sie sich um ihre sehr alte und geistig verwirrte Mutter kümmert. Was es interessant macht, Elaine in dieser Situation zu beobachten, ist, dass wir sie so sehen, als sei sie ganz allein, obwohl sie mit ihrer Mutter zusammen ist. Das liegt daran, dass die Senilität ihrer Mutter Elaine ein Gefühl der Isolation gibt. Elaine geht völlig schweigend mit ihrer Mutter um, eine Herausforderung, der sich beide Schauspielerinnen mit großem Vergnügen stellten.

"Eine stumme Rolle ist eine ausgezeichnete Übung für Schauspieler", meint Glenn. "Man mußs sehr aufrichtig sein und sich wirklich auf die Welt der betreffenden Figur einlassen, sich in ihre Gedanken hineinversetzen. Ich wollte schon immer einen Film machen, wo ich keine einzige Zeile Dialog habe, also war ich einfach überglücklich."

Angesichts des von García so facettenreich gestalteten Beziehungsgeflechts war es leicht für die Schauspieler, sich in ihre Rollen hineinzuversetzen. Besonders spannend fand Glenn Close schon die genaue Abstimmung des äußeren Eindrucks, den ihre Figur vermittelt, mit ihrer tatsächlichen Befindlichkeit.

"Äußerlich betrachtet ist diese Ärztin sehr erfolgreich, sehr ausgeglichen; sie scheint ein schönes Leben zu haben. Die Menschen in ihrer Umgebung erkennen nicht, dass diese Figur etwas von einem Mädchen hat, das nicht erwachsen werden kann. Sie ist allein in ihrem Haus und fühlt sich verloren. Da ist niemand, den sie liebt, und wahrscheinlich wird sie auch nie jemand finden", meint Close.

Die Mutter von Elaine spielt Irma St. Paule, eine über 80-jährige New Yorker Schauspielerin, die früher als Tänzerin in der Truppe von Martha Graham gearbeitet hat. Deshalb kam ihr die Aufgabe, eine Figur ausschließlich über ihre Gesten und Bewegungen darzustellen, besonders entgegen. "Sie ist wirklich wie ein sehr, sehr altes Kind", meint St. Paule, "körperlich sehr eingeschränkt. "Von Zeit zu Zeit jedoch blitzt bei aller Senilität jedoch so etwas wie Bewusstsein in ihren Augen auf, einen Moment lang versucht sie buchstäblich, mit ihrer Tochter Kontakt aufzunehmen, wohingegen ihre Tochter eher mechanisch und wie eine professionelle Pflegerin auf ihre Bedürfnisse eingeht."

Mutter und Tochter verbringen den Tag gemeinsam und doch jede für sich, bis ihr Schweigen durch das Auftauchen der Tarot-Karten-Legerin namens Christine unterbrochen wird, die von Calista Flockhart gespielt wird. Um sich für ihre Rolle vorzubereiten, sprach Calista mit einigen Kartenlegerinnen und las Bücher zum Thema.

Wie sich herausstellt, hat auch Christine ihre Geheimnisse, die später in der Episode Goodnight Lilly, Goodnight Christine aufgedeckt werden.

Was die sehr wandlungsfähige Calisa Flockhart als größere darstellerische Herausforderung empfand, war die Liebe, die ihre Figur für ihre sterbende Geliebte Lilly empfindet: "Christine liebt eine Frau, die sterbenskrank ist", erläutert Calista. "Und so durchläuft sie eine ganze Skala von Gefühlen und versucht sich vorzustellen, was passieren wird und wie sie damit fertig werden soll ... Es ist alles sehr kompliziert ... Ihre Gefühle sind nicht nur positiv. Sie ist ärgerlich. Sie ist verletzt. Sie schämt sich für ihre Ruhelosigkeit. Sie ist ungeduldig. Sie empfindet großen Schmerz. Und dabei ist sie immer noch mit dem Menschen zusammen, den sie liebt. Deshalb hat das ganze auch etwas von einer Feier, eben von allem etwas, weshalb sich die Situation auch ständig ändert."

Die Rolle Lillys, der Geliebten von Christine, wurde von der italienischen Schauspielerin Valeria Golino gestaltet. "Sie hat die sterbende Frau mit großer Intensität gespielt, aber auch mit großer Einfachheit, wodurch ihre Darstellung sehr wirkungsvoll war", erinnert sich Rodrigo. Sie hat sich nicht darauf konzentriert, eine Kranke darzustellen, vielmehr spielte sie die Einsamkeit eines Menschen, der sehr krank ist und bald sterben mußs."

Beide Schauspielerinnen fühlten sich sehr aufgehoben, als sie mit Rodrigo solch hochexplosive Gefühle ausloteten. "Er baut einen auf", meint Calista. "Meiner Meinung nach sind gute Regisseure wie gute Eltern. Sie erlauben Dir, verrückte Sachen zu tun, zu spielen, und genau das macht er."

Holly Hunter empfindet ähnlich: "Er lässt den Leuten, die er engagiert hat, ungeheuer viel Freiraum, etwas zu gestalten. So können sie richtig aufleben, Risiken eingehen und Fragen stellen, die sie zuvor nie gestellt hätten. Deshalb war die Arbeit recht vergnüglich."

Holly spielt Rebecca, Filialleiterin einer Bank und verstrickt in eine Affäre mit einem verheirateten Mann, der von Gregory Hines gespielt wird. Ihre Geschichte trägt den Titel Fantasies about Rebecca. Holly äußert sich folgendermaßen über Rebecca: "Ich finde, sie lebt ein riskantes Leben, und ich glaube, dass sie diese Lebensweise aufregend findet. Sie zieht so viel aus dieser geheimen Beziehung ? Obwohl ich auch glaube, dass diese Beziehung ihr viele Dinge nimmt. Sie hindert sie daran, zu etwas oder zu jemandem zu gehören. Sie gehört einfach nirgendwo hin, und ich glaube, da gibt es ein großes Verlangen, zu jemandem zu gehören, das in dieser Beziehung nicht befriedigt wird."

Im Gegensatz zu dem, was man über Rebecca annehmen könnte, "glaubt sie wirklich an etwas", fügt Holly hinzu, "nämlich an die Möglichkeit, sich auf etwas einzulassen, ein Kind zu bekommen, daran, mit jemanden zusammen zu sein, den sie liebt ... Das ist etwas, was ihr zu Beginn der Geschichte noch nicht klar war, was sie aber am Ende erkannt hat."

Entscheidend für Rebeccas Prozess der Selbsterkenntnis ist eine obdachlose Frau namens Nancy, die sie vor der Bank trifft, in der sie arbeitet. Penny Allen, die die Rolle der Nancy spielt, ist eine Schauspielerin, die Holly seit Anfang der 80er Jahre kennt. "Es war unglaublich toll, mit ihr zu spielen", erinnert sich Holly, "weil wir uns eben sehr gut kennen." Und ich glaube, das ist eine wirklich intime Beziehung, die wir da auf der Leinwand sehen, weil diese beiden Figuren in einer wirklich sehr tiefen Weise verbunden sind - die eine könnte fast die andere sein.

Auf die Frage nach den zentralen Themen des Films antwortet Holly schlicht: "Ich glaube, der Film handelt von der Liebe. Es geht um die schwerste Art der Liebe, nämlich die zu sich selbst. Und ich glaube, der Film erfasst völlig, wie rätselhaft all diese Dinge letztendlich bleiben."

Eine der Figuren, die nur kurz im Hintergrund einer der Szenen in Rebeccas Bank auftaucht, ist eine durchschnittlich aussehende Frau namens Rose. Sie wird von Kathy Baker gespielt. In ihrer eigenen Geschichte, Someone for Rose, erweist sich diese Frau als sehr viel exzentrischer, als man zunächst annimmt.

Als er die Rolle der Rose schrieb, dachte Rodrigo bereits an Kathy Baker als Darstellerin. Rose ist eine einsame, geschiedene und allein erziehende Mutter, deren Beziehung zu ihrem Sohn im Teenageralter an einen Wendepunkt kommt. Kathy äußert sich folgendermaßen über Roses Beziehung zu Ihrem Sohn Jay, der von Noah Fleiss gespielt wird.

"Zu Anfang halte ich ihn noch für einen kleinen Jungen. Sie [Rose] neigt dazu, nicht zu akzeptieren, dass er schon fünfzehn ist. Sie behandelt ihn, als sei er zehn. Aber am Ende hat sie begriffen, dass er erwachsen wird. Er ist schon ein Mann. Das ist eine schreckliche Zeit für eine Mutter. Schrecklich und wunderbar zugleich. Sehr emotional. Sehr aufgeladen.

Dazu Noah: "Weil es keinen Vater gibt, hat er das Gefühl, die Verantwortung übernehmen und seine Mutter beschützen zu müssen ... In dieser Position fühlt er sich ganz wohl und bildet sich etwas darauf ein, dass er der Mann im Haus ist. Das zeigt sich auch darin, dass er ihre Beziehungen zu anderen Männern kontrolliert."

Danny Woodburn spielt Albert, einen kleinwüchsigen Mann, der in das Haus gegenüber zieht und Roses Aufmerksamkeit erregt, sehr zum Leidwesen von Jay. "Rose fühlt sich vielleicht so zu ihm hingezogen, weil sie ihre Zuneigung von ihrem Sohn auf diesen neuen Mann übertragen hat", erläuterte Kathy Baker.

"Ich frage mich, ob die Veränderung, die sie in ihrer Beziehung zu ihrem Sohn erlebt, sie risikofreudiger werden lässt. Rose hat sich lange nicht in einer Liebesbeziehung erprobt und macht falsch, was sie nur falsch machen kann, als sie Albert kennenlernen will. Aber irgendwie klappt es trotzdem."

Ein wiederkehrendes Motiv des Films ist die Konzentration auf die kleinen geheimnisvollen Verhaltensweisen, die Menschen zu Individuen werden lassen. Holly drückt es folgendermaßen aus: "Es geht viel um die unerklärlichen Dinge, die Menschen so tun." Oder mit den Worten von Amy Brenneman: "Jede Person ist ihre eigene geheimnisvolle Schöpfung, und in unserer Gesellschaft, in unseren Köpfen arbeiten wir gerne Checklisten durch, ordnen ein, haken ab, was auch immer. Aber jeder einzelne dieser Menschen, egal ob Mann oder Frau, ist ein unentwirrbares Knäuel aus Widersprüchen, Hoffnung, Angst und Mutlosigkeit, und genau da liegt das Geheimnis."

In der Episode Love Waits for Kathy spielen Amy Brenneman und Cameron Diaz zwei Schwestern, die zusammenleben.

Cameron Diaz ist in der Rolle der Carol zu sehen, einer vor Leben sprühenden blinden Frau, deren unerschrockener Verstand eine tiefe Sorge verdeckt. "Carols Bewusstsein ihrer Sexualität und ihrer physischen Präsenz bestimmt im Grunde ihr Leben", meint Cameron. "Sie lässt jedermann wissen oder sorgt vielmehr dafür, dass jedermann weiß, wie furchtlos sie ist - und dass sie um ihre Attraktivität weiß."

Im Rahmen der Recherchen für ihre Rolle studierte Cameron am Braille-Institut in Los Angeles und beobachtete möglichst viele Blinde. Teil ihrer Recherche war auch, dass man sie mit verbundenen Augen und einem Stock nach draußen führte. "Ich ging auf die Straße", erinnert sie sich, "... und das erste, das ich bemerkte, war, wie lange es dauert, bis die Sinne den Verlust des Sehsinns kompensieren.

Ich lief förmlich mitten durch den Verkehr hindurch. Diese Erfahrung hat mich unglaublich demütig gemacht." "Cameron hat hart mit Tim Richard vom Braille-Institut gearbeitet", fügt Avnet hinzu, "um wirklich zu lernen, mit dem Stock umzugehen, Braille zu lesen und sich mit der Welt der Blinden vertraut zu machen, sodass sie ganz genau eine blinde Frau porträtieren konnte. Sie verbrachte mehr Zeit mit Lernen und Recherche als bei den eigentlichen Dreharbeiten."

Amy Brenneman spielt Kathy, Carols Schwester, eine Kriminalkommissarin, die ihre Rolle als Hüterin von Carol neu begreift. Amy äußert sich folgendermaßen über ihre Figur Kathy: "Ich gehe ganz in der Rolle der Fürsorglichen und Beschützenden auf. Und damit ist, glaube ich, eine gewisse Einsamkeit verbunden ... Meine Bereitschaft, meine Schwester schließlich für sich selbst sorgen zu lassen und sie nicht länger zu beschützen, ist ein kleiner Triumph zum Schluss."

Zur Beziehung der Schwestern, sagt Amy: "Ich glaube, sie (die Figur, die Cameron spielt) unterhält mich. Sie ist meine Heldin. Sie ist furchtlos. Sie ist so schön. Sie ist so lebendig und schlau und kümmert sich nicht darum, was die Leute denken. Sie ist auf eine Weise dominant und unflätig, die mich klein macht ... und zur Weißglut treibt." Da sie sich ausschließlich auf ihre Arbeit konzentriert, ist Kathys Leben mindestens so einsam wie das ihrer Schwester dunkel ist. Trotz ihrer Blindheit scheint Carol viel mehr im Leben zu stehen.

Amy genoss die Arbeit mit Cameron sehr - "Als ich zuerst darüber nachdachte, fiel mir ein, dass ich wirklich Grimassen schneiden könnte, ohne dass sie es bemerken würde ... So habe ich ein paar Tricks versucht, aber sie hat es immer gemerkt. Sie ist sehr sensibel für das, was ich sage. Ein Irrtum, dem ich in meiner Laufbahn als Filmschauspielerin aufgesessen bin, ist die Vorstellung, dass ich mein Gegenüber immer fixieren mußs, wenn ich etwas sage. Ich fand es unglaublich befreiend, die Zeitung zu lesen, zu essen, ohne sie dabei jemals angucken zu müssen. Sie besteht nur aus Stimme. Das hat Spaß gemacht."

Matt Craven spielt den Liebhaber von Cameron, Walter. Walter ist der Bankangestellte, der die von Holly Hunter gespielte Figur zur Chefin hat. Außerdem wird die von Glenn Close dargestellte Ärztin am Ende des Films auf ihn aufmerksam. "Walter ist ein typischer Mann", mein Rodrigo. "Er liebt seine blinde Tochter sehr, sie ist sein Leben, aber er versteht Frauen nicht wirklich. Er ist ein Verführer."

"Ich glaube", sagt Matt, "er möchte eigentlich das Leben führen, das er bei seiner Heirat und der Geburt des Kindes noch für sich erhoffte. Aber so lief es nicht, und man erfährt auch nichts von diesem Teil seines Lebens. Aber was ich mit dieser Figur doch vermitteln wollte, war die Vorstellung von jemandem, der nach Liebe sucht. Er drückt das so aus, dass er Beziehungen zu Frauen anfängt und mit ihnen schläft. Wenn er dann feststellt, wie wenig er ihnen emotional gewachsen ist, zieht er zur nächsten."

Ein Ritual in der Beziehung der Schwestern ist, dass Carol Kathy von ihren Abenteuern mit Männern erzählt und Kathy wiederum ihre Schwester teilhaben lässt an ihren Kriminalfällen. Carol ist besonders fasziniert von den Ermittlungen, die Kathy im Zusammenhang mit dem Tod von Carmen Alba anstellt, einer Bekannten aus längst vergangenen Zeiten. Carmens Leiche wurde in ihrem kleinen Apartment gefunden, scheinbar hat sie das Gas aufgedreht und so Selbstmord begangen. Da es keine handfesten Hinweise zu Carmens Geschichte gibt, kommen Kathy und Carol ins Spekulieren.

Was erfährt man über diese Frau, wenn man sie einfach nur ansieht? Das ist eine Frage, die Rodrigo auch dem Publikum stellt. In jeder der fünf Episoden erscheint Carmen, gespielt von Elpidia Carrillo, irgendwo im Hintergrund. Man sieht sie, ohne sie richtig wahrzunehmen. Am Ende erweist sich Carol als vermeintlich brillante Detektivin, die Theorien über Carmen entwickelt. Doch schließlich kommt sie zu dem Schluss: "Nur ein Idiot würde über das Leben einer Frau spekulieren ... Wir werden nie erfahren, was sie dachte, und das ist gut so. Das sind Dinge, die man nicht erzählen kann."

Eine der letzten Einstellungen des Films zeigt Kathy, wie sie zu dem Auto läuft, in dem Sam, gespielt von Miguel Sandoval, auf sie wartet, um mit ihr zum ersten Mal auszugehen. "Inmitten dieser ganzen Gefühlswirren endet der Film doch auf sehr einfache Weise", meint Amy, "irgendwie mühelos ... und tröstlich."

Schauplätze, Szenenbild und Ausstattung "Die Zwänge, die der Film einem auferlegt, eröffnen neue Möglichkeiten. Die Grenzen wirken in mancherlei Hinsicht befreiend. Weil es immer irgendein Spielzeug gibt, das man nicht bekommt, mußs man sich auf die wichtigsten konzentrieren." Jon Avnet

Obwohl im Drehbuch nirgendwo explizit auf die Stadt Bezug genommen wird, spielt Los Angeles doch eine wichtige Rolle in Gefühle, die man sieht - Things You Can Tell. Alle Frauen und Männer in diesem Film haben wenigstens eines gemeinsam - nämlich ihre Umgebung, das San Fernando Valley von Los Angeles.

Für Rodrigo ist L.A. "ein luxuriöser Ort voller Versprechungen, wo Menschen mit großen Träumen hinkommen, viele, um sich neu zu erfinden. Das endet oft in verzweifelter Einsamkeit unter der unbarmherzigen Mittagssonne."

Der Film spielt in einem Los Angeles, das nichts mit dem Show Business zu tun hat, einem L.A. mit ganz gewöhnlichen Männern und Frauen, die nicht weit voneinander entfernt wohnen und doch in tragischer Weise isoliert sind. Das Paradoxon aus Nähe und Isolation ist ein wichtiges Element für das Szenenbild und die Ausstattung des Films.

Angesichts des begrenzten Budgets mußste der Ausstatter Jerry Fleming verstärkt auf geeignete Locations und Veränderungen am Set zurückgreifen, um eine eigene Welt für jede der Figuren zu schaffen. Da sich Rodrigo bemüht hatte, ein breites sozio-ökonomisches Spektrum mit seinen Geschichten abzudecken, hätten die vierzehn Schauplätze, an denen gedreht wurde, kaum unterschiedlicher sein können - von einem herrschaftlichen Anwesen in Hancock Park bis zu einem kleinen vollgestopften Apartment in Nord-Hollywood. Obwohl ein Set tatsächlich im Lacy Street Production Center aufgebaut wurde, konnte es durch sorgfältige und kreative Veränderungen für zwei verschiedene Apartments aus zwei unterschiedlichen Episoden verwendet werden.

Eine der größten Herausforderungen bei der Gestaltung eines Films wie Gefühle, die man sieht - Things You Can Tell, so Jerry, "ist die Gratwanderung zwischen der nüchternen Wirklichkeit und dem Wunsch, den Film zu einer bereichernden Erfahrung für den Zuschauer zu machen. Wofür wir uns schließlich entschieden haben, war eher so etwas wie eine leicht verfremdete Realität, bei der die wohlhabenderen Figuren in sehr sorgfältig möblierten, aber irgendwie auch unpersönlichen Umgebungen angesiedelt waren, die aus bescheideneren Schichten dagegen in Wohnungen, die einfacher, aber auch individueller ausgestattet waren. Weil die einzelnen Episoden relativ kurz sind, mußsten wir das Wesen jeder Figur in recht begrenzten Räumen zum Ausdruck bringen, so dass jedes einzelne Requisit sehr bedeutsam wurde. Rodrigo meinte einmal er sähe die Figuren, wie sie in einfachen Hütten in der sengenden Sonne hockten. Ich glaube, ganz so trostlos ist die Atmosphäre des Films dann doch nicht geworden, aber der Hauptgedanke bei jedem Set war schon zu zeigen, wie die einzelnen Figur jeweils versuchen, sich einen Zufluchtsort vor den harten Realitäten des Lebens zu schaffen."

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Ottfilm © 1994 - 2010 Dirk Jasper