Love The Hard Way

Produktionsnotizen

Vor einigen Jahren las Peter Sehr in Frankreich ein Buch des chinesischen Autors Wang Shuo. Die Geschichte um den Kleinkriminellen Jack faszinierte den Regisseur auf Anhieb. "Für mich war dieser Jack vollkommen nachvollziehbar, obwohl es sich ja um einen chinesischen Roman handelt", erinnert sich der Regisseur. "Auf eine bestimmte Art ist das Buch absolut universell."

Noch bevor er die Rechte hatte, schrieb Peter Sehr mit seiner Koautorin Marie Noëlle eine erste Drehbuchfassung. Damit flogen sie nach Peking. "Es war schwierig an Wang Shuo heranzukommen. Im Ausland werden seine Bücher kaum verlegt und in China sind viele seiner Romane verboten. Wang Shuo zeichnet ein authentisches Bild von China, schreibt über Kleinkriminelle und Prostituierte. Genau deswegen ist er bei der Jugend so populär."

Das Drehbuch der Filmemacher überzeugte den Schriftsteller. Er verkaufte ihnen die Rechte - obwohl sie die Geschichte nur in ihrem Kern erhalten haben. "Wang Shuo hat seinen Roman in zwei Teilen geschrieben. Der erste Teil erzählt die Geschichte von Jack und Claire, an dessen Ende Claire sich umbringt. Der zweite Teil ist ein Spiegelbild des Ersten. Jack erleidet in einer anderen Beziehung die emotionalen Höllenfahrten, die Claire im ersten Teil erlebt hatte. Diese erzählerisch ausführliche 'Bestrafung' war auf die filmische Dramaturgie nicht ohne weiteres zu übertragen. So haben wir die Essenz des zweiten Teils, die Wandlung und Läuterung von Jack, in unser Drehbuch, das im Wesentlichen nur auf dem ersten Teil des Romans basiert, integriert."

Die zweite große Veränderung betraf die Stadt, in der Wang Shuos Roman spielt: Peking. "Ursprünglich wollten wir die Geschichte nach Europa verlegen. Der Vorschlag des Autors war Neapel. Dort war er schon mal, und er meinte, Neapel wäre genauso chaotisch wie Peking. Uns schwebte von Anfang an New York vor. Die Widersprüche zwischen den gesellschaftlichen Schichten sind in China sehr radikal; in den USA auch.

Im New Yorker Stadtteil Harlem prallen zwei Extreme aufeinander: Eine der elitärsten Hochschulen des Landes, die Columbia University, steht in einer kriminellen Umgebung, einem Viertel, das früher zu den Übelsten zählte. Diese Mischung der Gegensätze ist die Basis für die Geschichte von LOVE THE HARD WAY. In so einer Konstellation kann auch ein Kleinkrimineller eine Studentin treffen.

Durch die Entscheidung für New York änderte sich die Geschichte in wichtigen Teilen. "Die kulturellen Unterschiede mußsten ausgeglichen werden. Beispiel: In China darf man offiziell gar nicht arbeitslos sein. Daher hat Jack im Roman eine Arbeit und mußs bei seinem Chef immer wieder Ausflüchte finden, warum er nicht kommt. Das fällt in New York natürlich weg. Ein großes Problem war es, die Dialoge und Figuren so authentisch wie möglich für das New Yorker Milieu zu schreiben.

Marie Noëlle hat sehr intensiv an den Dialogen gearbeitet. In der letzten Drehbuchfassung haben wir ein Dialog-Polishing mit Barry Gifford, der die Drehbücher für die David Lynch Filme Lost Highway und Wild at Heart geschrieben hat, gemacht. Darüber hinaus haben Adrien Brody und Jon Seda Tipps gegeben. Sie sind beide aus New York und wir haben während der drei Probewochen viel an den Charakteren gefeilt."

Der Roman von Wang Shuo ist strikt aus der Perspektive von Jack geschrieben, Claire spielt für die Handlung nur eine katalytische Funktion. "Das gefiel uns nicht. Wir wollten einen Perspektivenwechsel und haben deswegen mit Marie Noëlle die Figur Claire fast neu geschaffen. Aber ich mußs gestehen, Jack war mir ungemein vertraut, und im Laufe der Dreharbeiten hat sich der Charakter wieder nach vorne geboxt. Das hängt auch mit Adrien Brody und seiner unglaublichen Präsenz zusammen. Darüber hinaus haben wir die Geschichte zwischen Jack und Charlie weiter entwickelt. Für mich haben sie eine Art Liebesbeziehung. Natürlich auf einer anderen Ebene, und ohne dass sie es zugeben würden. Claire und Charlie, das sind zwei Formen der Nähe: die eine kann Jack ertragen, die andere nicht. Schließlich haben wir die Polizistin Linda Fox erfunden, den Charakter den Pam Grier spielt. Ich wollte jemanden haben, der die beiden rettet. Linda Fox weiß, dass Jack mehr aus seinem Leben machen kann. Für mich ist sie so etwas wie eine göttliche Macht, die über den Dingen wacht und schaut, dass nicht alles den Bach heruntergeht."

Mit dem überarbeiteten Drehbuch machte sich Peter Sehr an die Auswahl der Schauspieler. Adrien Brody war von Anfang an sein Wunschkandidat für Jack. Doch ihn zu bekommen war nicht so einfach: im Sommer 2001 stand ein lang angekündigter Schauspielerstreik bevor. Deswegen hatten viele Studios ihre Produktionen kurzfristig vorverlegt. "Kein Darsteller wollte sich zu dieser Zeit für ein Projekt festlegen, denn alle dachten, morgen bekomme ich vielleicht ein noch besseres Angebot. So kam es, dass ich, trotz sehr vieler Castings, drei Wochen vor Drehbeginn noch keine Hauptrolle besetzt hatte. Das ist Wahnsinn!" Doch plötzlich sagte Adrien Brody zu. "Adrien meinte zu mir, dass er seit Jahren auf eine solche Figur gewartet habe. Er sagte zu, obwohl er vier oder fünf andere und sicher lukrativere Filme in Aussicht hatte."

Als besonders schwierig erwies sich die Besetzung der weiblichen Hauptrolle. "In Amerika eine junge Schauspielerin zu finden, die nicht nur naiv ist, sondern die weiß, was Brutalität und sexuelle Phantasien sind, das ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Bei den Darstellerinnen um die 18, 19 Jahre bin ich auf eine erschütternde Ignoranz gestoßen. Die lesen das Buch und wissen überhaupt nicht, wovon man spricht. Hinzu kommt, dass Nacktheit total verpönt ist. Man weiß ja nie, ob man sich damit die Karriere vermasselt. Auf Charlotte Ayanna bin ich durch eine Kassette unserer New Yorker Casting-Agentin gekommen. Darauf hat sie einen Text für den Kinofilm X-Files (Akte X) gelesen. Was sie in den vier Minuten gemacht hat, fand ich sehr beeindruckend. Danach habe ich mir Dancing at the Blue Iguana von Mike Radford (The Postman) angeschaut. Darin hat sie eine kleine Rolle als Stripperin. Wieder fand ich sie bemerkenswert, habe mich mit ihr getroffen und ihr die Claire angeboten. LOVE THE HARD WAY ist ihre erste Kinohauptrolle, und ich finde, die hat sie blendend gemeistert. Sie verkörpert die naive Studentin ebenso überzeugend wie die Hure. Sie schafft es, eine Frauenfigur zu spielen, die im Laufe der Geschichte dem sehr dominanten Jack den Rang abläuft. Claire ist eindeutig der stärkere Mensch."

Damals hatte bereits eine weitere Darstellerin zugesagt: die Blaxploitation-Ikone Pam Grier (Foxy Brown, Jackie Brown). Sie spielt die undurchsichtige Polizistin Linda Fox. "Ursprünglich hatte ich mir jemand wie Golda Meir vorgestellt, die frühere Präsidentin Israels. Das ist eine robuste Frau, die Autorität ausstrahlt und trotzdem eine große Menschlichkeit besitzt. Der Produzent Wolfram Tichy kam auf die Idee mit Pam Grier. Sie hat Wärme, aber auch Kraft und Durchsetzungsvermögen. Pam hat sich lange nicht entschieden. Dann habe ich ihr eine Kassette von Kaspar Hauser zugeschickt. Eigenartigerweise hat sie danach sofort zugesagt. Vielleicht hielt sie diese Art Kino für so exotisch, dass sie mitmachen wollte."

Von Anfang an wollte Peter Sehr die Rolle des Jeff mit August Diehl besetzen - und auch dieser Wunschkandidat war zunächst nicht disponibel. "August hatte zugesagt, aber dann bekam er die Hauptrolle in Tattoo und hatte keine Zeit mehr. Erst durch den Beinbruch seines Co-Stars Christian Redl war er plötzlich wieder verfügbar. Ich wollte einen Ausländer für Jeff, weil am Hotelempfang meistens Ausländer arbeiten. Also warum nicht ein Deutscher. Für mich ist August Diehl einer der faszinierendsten deutschen Schauspieler. Ich habe ihn in ?23' gesehen. Was er da geleistet hat, ist einfach phänomenal. Er hat eine Leidenschaft für seinen Beruf, und es gibt nichts Schöneres, als mit solchen Menschen zu arbeiten.

"Jeff ist ein spießiger Typ, der in der Gruppe nur geduldet wird. Er hat wahrscheinlich wenig Innenleben, darum beschäftigt er sich so viel mit seinem Äußeren. Durch seine extreme Erscheinung will er auffallen. Jeff hat aber zwei Begabungen: er kann sich gut verkaufen und mit jeder Lebenssituation umgehen. Er ist kein Mensch, der leicht jammert. Er macht aus jeder Situation das Beste. Das hat mir gut gefallen", erklärt August Diehl seine Leidenschaft für die Rolle.

Am 31.10.2000 fiel die erste Klappe, die Drehzeit war 33 Tage. Gefilmt wurde ausschließlich in New York: Manhattan, Brooklyn und South Bronx. "Ich wollte unbedingt in der South Bronx drehen, weil es das authentische Milieu für Jack ist. Am Anfang haben alle gesagt, das sei unmöglich. Aber ich habe mich durchgesetzt. In New York gibt es eine eigene Polizeieinheit, die sich um Filmteams kümmert. Die sind zu unserer Sicherheit mitgekommen und haben die Straßen abgesperrt. Die Bronx ist wie ein Kriegsgebiet. Kaum einer aus unserem New Yorker Team war jemals dort gewesen. Eine Polizeieinheit eskortierte uns jeden Tag zum Drehort und wieder aus der South-Bronx heraus. Ein normaler Taxifahrer bringt Sie nicht dort hin. Am ersten Tag war das Interesse der Anwohner noch groß, da standen Hunderte herum, und es gab auch eine Schlägerei. Aber schon am zweiten Tag hat sich niemand mehr für uns interessiert."

In der Bronx war auch August Diehls erster Drehtag: "Das war heftig. Überall waren Bodyguards. Die Produktion meinte, sie könnten unsere Sicherheit nur in einem ganz bestimmten Straßenabschnitt garantieren, dahinter nicht mehr. Nach dem ersten Tag habe ich mir mit Adrien ein Bier gekauft. Der Getränkeautomat hatte dreifaches Panzerglas - und das in einem normalen Drugstore. Das war schon befremdlich, aber auch spannend."

Auf eine Situation freute sich August Diehl besonders: die Szene, in der Jack in einem Hinterhof Jeff die Pistole an die Schläfe drückt, weil er glaubt, Jeff habe Claire zur Prostituierten gemacht. "Als wir die Szene zum ersten Mal probten, da bin ich so stürmisch aus der Tür gekommen, dass ich gleich die ganze Treppe heruntergeflogen bin. Peter meinte, das sei genau der richtige Auftritt für Jeff. Er fühlt sich zunächst ungemein stark. Aber dann rutscht er die Treppe herunter und ist nur noch ein Häufchen Elend. Ich weiß noch, wie ich unten angekommen bin und mit dem Lachen gekämpft habe. Adrien hat sich krampfhaft auf die Lippe gebissen, um nicht loszuprusten. Das wurde ein ziemlich langer Drehtag."

Und Peter Sehr fügt hinzu: "Diese Szene ist ein echter Glücksfall für mich als Regisseur. Sie war nicht so geschrieben und hat beim Filmen eine unglaubliche Dynamik entwickelt. August und Adrien sind beides Schauspieler, die sich ohne Angst in einen extremen Gefühlszustand werfen können. Auf jeden Fall hat ihr Spiel in dieser Szene eine Dichte erreicht, die mich richtig glücklich macht."

Für Peter Sehr gibt es einen großen Unterschied zwischen Dreharbeiten in den USA und in Europa. "Natürlich ist es anders dort zu filmen. Die Gewerkschaften haben viel Einfluss auf die Dreharbeiten. Mein Team war doppelt so groß wie in Deutschland. Jeder hat seine präzis vorgegebene Aufgabe und die Arbeit unterliegt großen Beschränkungen. Das macht das Drehen schwerfällig. Andererseits mag ich an den Amerikanern ihre Begeisterungsfähigkeit. Ich war von Anfang an akzeptiert als Europäer - und das vom Produktionsstab ebenso wie von den Schauspielern. Da hat keiner gefragt, warum kommt nun ein Europäer und macht einen Film über New York. Im Gegenteil. Sie schätzen den anderen Blick auf ihre Kultur. Eine Ausstatterin hat sogar zu mir gesagt: ich habe durch dich einen ganz neuen Blick auf New York gewonnen. Das hat mich sehr gefreut."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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