Der alte Affe Angst

Produktionsnotizen

Es ist nicht leicht, in Berlin eine so außergewöhnliche Penthouse-Wohnung wie die von Robert und Marie zu finden. Und so wird manch einer erstaunt sein, zu erfahren, dass es sich bei der Location in Wirklichkeit um einen stillgelegten Flur des Urban-Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg handelt. Nachdem die Produktion lange nach einem geeigneten Drehort gesucht hatte, stieß man durch reinen Zufall auf den leeren Trakt in einem der bekanntesten Berliner Krankenhäuser.

?Berlin ist keine Luxusstadt,? erklärt Regisseur Oskar Roehler, ?daher haben wir lange vergeblich nach einem geeigneten Drehort gesucht.? ?Auf das Krankenhaus stießen wir, als wir uns Krankenzimmer für die Szenen mit Roberts an Krebs erkranktem Vater ansahen,? fährt Dietmar Güntsche fort, der den Film als ausführender Produzent betreute. Und noch ein Zufall ergab sich, als gleichzeitig im Urban-Krankenhaus Aufnahmen zu ?Anatomie 2? stattfanden und sich die Filmcrews des öfteren über den Weg liefen.

Gemeinsam mit Eberhard Junkersdorf fungiert Güntsche als geschäftsführender Gesellschafter der Neue Bioskop Film, die den Film in Co-Produktion mit TV60Film, dem Bayerischen Rundfunk, Bioskop Film und Ziegler Film produzierte. Gabriela Sperl, damals Fernsehfilmchefin des Bayerischen Rundfunks, las das Skript und war begeistert von Roehlers "Ausdruckwut und -kraft". Sie wollte diesen Film unbedingt realisieren, doch zunächst gab es beim Sender kein Budget dafür.

Dafür gab es aber die Produzenten der Neue Bioskop Film und von TV60Film, denen Oskar Roehler das Drehbuch geschickt hatte. Und die fanden sich zusammen, weil, so Gabriela Sperl, "dieser Film entstehen mußste. Oskar hat wie ganz wenige in diesem Land die Kraft so zu erzählen, dass man sich nicht entziehen kann.? So entstand eine kraftvolle Zusammenarbeit, die das Projekt beflügelte und man es schließlich gemeinsam durchsetzen konnte. "Besondere Filme entstehen, wenn positive Energien zusammenfließen und sich potenzieren" beschreibt Sperl die konstruktive Zusammenarbeit.

Bernd Burgemeister, Kopf der TV60Film, ergänzt: ?Natürlich war ich nicht der einzige, der das Drehbuch spontan umsetzen wollte, die Kollegen von der Neuen Bioskop waren ebenso euphorisch. Statt also um das Projekt zu kämpfen, beschlossen wir, es lieber gemeinsam anzugehen, wobei der ausführende Produzent Dietmar Güntsche und die Neue Bioskop Film waren.?

Was Güntsche und Junkersdorf besonders reizte, war das Authentische dieser Geschichte. Roehler betont zwar, dass natürlich eigene Erfahrungen ins Script eingeflossen sind, dass er aber auch viel zum Thema recherchiert und zahlreiche Gespräche darüber geführt hat. DER ALTE AFFE ANGST ist also nicht so autobiografisch wie zum Beispiel ?Silvester Countdown?, ?der fast eine Eins-zu-Eins-Umsetzung von etwas war, das ich wirklich erlebt habe? (Roehler), aber trotzdem, so Güntsche, ?spürt man bei Oskar immer, wie sehr seine Filme aus dem eigenen Leben schöpfen.?

?Er ist ganz sicher einer der interessantesten Regisseure, die wir haben,? ergänzt Eberhard Junkersdorf. ?Wenn ich ein Drehbuch lese, das mir zur Produktion vorgeschlagen wird, habe ich meist spontan eine Idee davon, ob und wie man den Film auf der Leinwand umsetzen könnte: Im Fall von DER ALTE AFFE ANGST war es so, dass mich das Skript sofort gefesselt hat, und das ich nicht nur am nächsten Tag, sondern auch noch die nächsten Wochen nicht von ihm loskam.? Er lobt insbesondere Roehlers Spontanität, ?die ihn Dinge tun lässt, die andere nicht machen.?

Burgemeister ergänzt: "Oskar verfügt über eine kompromisslose Radikalität, sowohl in seiner Erzählweise, als auch in seiner Bildersprache. So entstand ein Film von hoher Kinoqualität." "Filme von dieser Konsequenz und Disparatheit suchen sich ihr Geld," so Sperl, die sich stark im Development engagierte und bis zur letzten Minute mit Oskar Roehler am Skript feilte.

Wie Roehler erklärt, standen zwei Darsteller für ihn von Anfang an fest: Zum einen Vadim Glowna, der zur Konstante in seinem Werk avanciert, nachdem er bereits in ?Die Unberührbare? den Vater verkörperte. ?Er ist quasi bloß von Schwarz-Weiß in Farbe rübergewechselt,? scherzt Roehler. Zum anderen wollte er unbedingt Marie Bäumer als Hauptdarstellerin gewinnen, mit der er bereits den Fernsehfilm ?Latin Lover? gedreht hatte.

Auch damals fungierte Güntsche als ausführender Produzent, der sich als enthusiastischer Fan outet: ?Bei diesem sehr erfolgreichen TV-Movie, aber ich denke auch in ihren anderen Filmen spürte man stets, dass sie noch viel mehr kann. So sehr wie jetzt hat sie ihr Potential als Schauspielerin noch nie ausschöpfen können. Es wird bestimmt nicht das letzte Mal sein, dass man sie so toll gesehen hat, und es ist wunderbar, an einer solchen Entwicklung beteiligt zu sein.?

Sein Partner Junkersdorf schwärmt davon, welch einzigartige Persönlichkeit Bäumer ist: ?Eine wahnsinnig liebenswerte Frau, die unendlichen Charme, und dazu noch eine immense Herzlichkeit und Natürlichkeit besitzt!?

Für die männliche Hauptrolle war ein großes Casting angesetzt, bei dem um die ?20 Top-Leute? (Güntsche) um den Part konkurrierten. André Hennicke hatte dabei zunächst niemand auf der Liste, doch er setzte sich souverän gegen all seine Mittbewerber durch. Für Roehler stand er schnell als Idealbesetzung fest, ?weil man bei André sofort spürt, was für ein intelligenter Mensch und gestochen scharfer Denker er ist.? Eigenschaften, die für den Regisseur immens wichtig sind, ?denn ich will doch kein Dompteur sein.?

Schauspieler müssen für ihn ihre Rolle verstanden haben ? ?deswegen braucht man meistens eigentlich gar kein Casting, sondern kann schon nach einem Gespräch sagen, ob jemand für die Rolle passt oder nicht.? Trotzdem mußste er manchen seiner Produzenten erst noch von seinem Wunschkandidaten überzeugen. ?Doch die ersten Muster räumten bei allen Beteiligten sofort alle Zweifel aus,? erinnert sich Güntsche, ?denn er war einfach großartig.?

Ein Zuspruch, der für Hennicke wichtig war, da er an den ersten Drehtagen mit sich selbst haderte. ?Ich war gut, aber ich wollte noch besser sein, weil ich wusste, dass ich bis an die Grenzen gehen mußste, um diese Rolle wirklich wahrhaftig zu verkörpern. Als ich abends nach Hause kam, kriegte meine Freundin einen Schrecken, weil ich so erschöpft und ausgelaugt aussah. Dabei machte mir etwas anderes zu schaffen: dass ich das Gefühl hatte, nur 70 Prozent gegeben zu haben.?

Später sollte sicher niemand mehr an seinem Einsatz zweifeln: Als er sich während der Dreharbeiten schwer verletzte ? ihm rissen beide Bänder des linken Schulterblatts ? eilte er von der Notaufnahme sofort zurück ans Set und fiel nur wenige Tage für die notwendige OP aus.

Doch auch die Nebenrollen in DER ALTE AFFE ANGST sind prominent besetzt. So übernahmen zum Beispiel Herbert Knaup, Christoph Waltz, Nina Petri, Ralf Bauer und Catherine Flemming kleinere Parts. ?Oskar besitzt einen guten Ruf in der deutschen Filmszene,? erklärt Güntsche, ?außerdem ist er ein fantastischer Freund, so dass viele für und mit ihm arbeiten wollen. Sonst wäre solch ein großartiges Ensemble bei diesem Budget gar nicht möglich gewesen.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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