Produktionsnotizen zu Pollock

Im August 1949 publizierte das Life Magazine eine Schlagzeile, die an der eigentlichen Fragestellung vorbeiging: "Jackson Pollock: Ist er der größte, lebende Maler der Vereinigten Staaten?" Der Artikel zeigte Pollock in einer heute berühmten Pose, bekleidet mit einer abgenutzten schwarzen Jacke und Blue Jeans, die Arme herausfordernd über der Brust gekreuzt und hinter ihm ausgebreitet eines seiner kinetischen Gemälde.

Zuvor schon in der New Yorker Kunstszene bekannt, wurde er jetzt zu einem Begriff - zu Amerikas erstem "Kunst-Star" - und sein selbstbewusster und radikaler Malstil veränderte die Entwicklung der modernen Kunst. Aber die seelischen Qualen, die den Künstler sein ganzes Leben geplagt hatten - und die ihn ursprünglich zur Malerei führten oder ihm halfen seine radikal eigene Kunst zu formulieren - verfolgten ihn weiterhin. Er kämpfte mit Selbstzweifeln. Einsam, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch -, sich selbst auszudrücken und sich von der Welt zu isolieren, begab er sich auf eine Spirale, die abwärts lief. Sie sollte die Grundlagen seiner Ehe, die Aussicht auf eine große Karriere und - in einer trügerisch ruhigen und sanften Sommernacht 1956 - sein Leben zerstören.

Pollock wurde inszeniert von dem Golden-Globe-Preisträger und Oscar®-nominierten Schauspieler Ed Harris. Er gibt sein Debüt als Regisseur, spielt die Titelrolle und fungiert auch als Produzent. Der Film blickt zurück in das Leben eines außergewöhnlichen Menschen, eines Menschen, den man treffend charakterisierte als "Künstler, der im Verborgenen arbeitete, als Berühmtheit, die niemand kannte".

Harris hat an seinen Ideen zu Pollock fast ein Jahrzehnt lang gearbeitet. "Während dieser Jahre habe ich viel Zeit verbracht mit Lektüre, mit Gedanken und Gefühlen zu Pollock", sagt Harris. "Und ich habe viel ,gemalt' und versucht, nachzuempfinden, was es bedeutet, ein Maler zu sein. Ich brauchte das Vertrauen, dass etwas zu meinen Knochen durchsickern würde, das es mir erlauben würde, Pollock auf ehrliche Weise zu porträtieren. Es fiel mir nicht schwer, eine Interpretation auszuwählen, denn alles war sehr persönlich, und von allem, was ich las und hörte, mußste ich das nehmen, was mich berührte und was mir sowohl intellektuell als auch emotional sinnvoll schien."

"Ich wollte Pollock niemals für mich ausbeuten", fährt Harris fort. "Tatsächlich gab es Zeiten, wo ich zu mir selbst sagte: "Warum machst du einen Film über diesen Typ? Lass ihn in Frieden ruhen." Aber dann erkannte ich, dass das nur der Wunsch war, mich selbst in Ruhe zu lassen. Es ist kompliziert, aber ich wollte niemals so tun, als wäre ich Pollock. Ich wollte Ed Harris sein, der all seine Mittel als Schauspieler und Mensch nutzt, um sich von Pollock's Welterfahrung berühren und inspirieren zu lassen. Das sollte mich zu einer ehrlichen, wahrheitsgemäßen Darstellung bringen."

Um Pollock zu porträtieren, konzentrierte sich Harris vor allem auf die akkurate Darstellung des künstlerischen Prozesses bei Pollock. Der war damals absolut revolutionär und verblüffte viele Menschen. Um dies zu erreichen, begann Harris die Malerei und Maltechniken der frühen 90er Jahre zu erkunden. "Seit ich mich entschlossen hatte, diesen Film zu drehen, habe ich immer wieder gemalt und gezeichnet", sagt Harris. "Ich hatte mir ein kleines Atelier eingerichtet, damit ich genug Bodenfläche hatte, um große Leinwände zu bearbeiten."

"Es wäre absurd gewesen, zu glauben, ich könnte jemals so malen wie er", erklärt Harris weiter, "und dennoch mußste ich in dem Film malen. Die größte Herausforderung bestand für mich darin, genügend Selbstvertrauen zu entwickeln, um für mich in dem Stil zu malen, den Pollock praktiziert hatte. Ich mußste eine Beziehung zu mir selbst als Maler herstellen und mein Augenmerk auf den eigenen künstlerischen Schaffensprozess richten und nicht auf die Nachahmung eines anderen."

Harris glaubt, dass das Bedürfnis nach Anerkennung eine starke Antriebskraft in Pollock's Werk war. "Ein verzweifeltes Bedürfnis nach Anerkennung zwingt einen normalerweise dazu, etwas zu tun, was wiedererkennbar ist", sagt Harris. "Etwas Ähnliches zu dem, was andernorts schon Beifall gefunden hat. Pollock's Drang nach Anerkennung grenzte ans Psychopathische, doch sein noch tieferer Drang, Kunst zu schaffen, die keine Spur von Verlogenheit besaß, trieb ihn zu einer Kunst, die es noch nie gegeben hatte und die ein leichtes Spiel bot für Spott und Beschimpfung.

Aber Pollock war selbst sein strengster Kritiker, und er wusste, dass nur er allein beurteilen konnte, was rein und ehrlich und echt in seinem Werk war. Er kämpfte unermüdlich um Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst. Er machte keine Trennung zwischen sich und seiner Kunst. Es war dieser Aspekt seines Lebens: das verzweifelte Bedürfnis nach Anerkennung und dafür nichts als Aufrichtigkeit anbieten zu können, der mich an ihm faszinierte."

Die beliebte Schauspielerin Marcia Gay Harden "Rendezvous mit Joe Black" (1998) "Miller's Crossing" (1990) spielt Lee Krasner, Pollock's Frau, die mit ihren Bemühungen, die Karriere des Ehemanns zu fördern, häufig ihre eigene Entwicklung als Künstlerin blockierte. "Am Anfang ihrer Ehe ging es Lee vor allem darum, Jackson zu gefallen", erklärt Harden. "Sie gehörte zu jenen Frauen, die ihren Hut auf den Haken eines anderen Mannes hängen, um sich selbst zu finden, obwohl sie selbst brillante Fähigkeiten besaß." Harden beschreibt die Ehe von Pollock und Krasner als "wunderbar, fabelhaft und grauenhaft", "Beide hingen in einer Weise voneinander ab, die nicht immer gesund war", sagt sie. "Aber wären sie nicht zusammen gewesen, wäre Pollock nicht weltberühmt geworden, und Lee hätte ihre eigene Kunst nicht so weit vorangetrieben. Sobald sie auseinander gingen, mußste einer von ihnen der Zerstörung anheim fallen."

So wie Harris fing auch Harden an, den Pinsel in die Hand zu nehmen: "Ich nahm Malunterricht, um herauszufinden, wo Lee herkam. Würde die Art, wie Lee Farbe auf die Leinwand übertrug, mir etwas mehr über ihre Persönlichkeit sagen? Außerdem las ich alles, was mir zur Verfügung stand. Ich ging in Museen. Ich traf ihre Freunde und ihre Familie. Schließlich studierte ich auch noch Pollock."

Harden über ihre Zusammenarbeit mit Harris sowie mit den anderen Schauspielern und dem Stab von Pollock: "Jeder kümmerte sich äußerst sorgfältig um den Ablauf der Dreharbeiten. Ed ist ein erstaunlicher Regisseur. Er trieb sich selbst und uns alle ständig zu Höchstleistungen an. Und er hatte wirklich seine Hausaufgaben gemacht - so gut, dass es mich fast in Verlegenheit brachte. Er hatte so viele Informationen gesammelt, dass mich der Prozess der Dreharbeiten ein bisschen an eines von Pollock's Gemälden erinnerte - all diese Elemente lagen Schicht für Schicht übereinander."

Die Besetzung von Pollock wird abgerundet durch ein Ensemble angesehener Schauspieler, die in den Rollen von Freunden, Geliebten, Familienmitgliedern, Konkurrenten und Kritikern auftreten, die Jackson Pollock umgaben und sein Leben und seine Karriere prägten.

Jeffrey Tambor ist Clement Greenberg, der Kunstkritiker und persönliche Freund, dessen Beurteilungen Pollock's Karriere vorantrieben. Als der Künstler einmal Probleme hatte, mit seinem wachsenden Ruhm zurecht-zukommen, sagte er zu ihm: "Ich geb dir Bescheid, wenn du vom rechten Weg abkommst." Robert Knott spielt Sande Pollock, einen von Jacksons Brüdern, der oft zu Hilfe eilte, wenn ihn seine düsteren Stimmungen zu zerstören drohten. Amy Madigan verkörpert die mutige und exzentrische Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, deren Urteil eine Karriere sowohl beschleunigen als auch ruinieren konnte. (Es war Guggenheim, die den Maler dazu überredete, jenes Wandgemälde für ihr luxuriöses New Yorker Apartment zu schaffen, das ein Meisterwerk wurde.)

Bud Cort spielt Howard Putzel, Peggy Guggenheims "Augen" in der Zeit, als sie zum ersten Mal neue amerikanische Kunst ausstellte. John Heard ist Tony Smith, ein Architekt und Bildhauer und treuer Freund Pollock's. Val Kilmer stellt den berühmten Maler Willem DeKooning dar, einen Mann, den Pollock respektierte und mit dem er in seiner ganzen Laufbahn konkurrierte. Matthew Sussman spielt Reuben Kadish, einen engen Freund aus Pollock's frühen Jahren. Norbert Weisser ist Hans Namuth, dessen Fotografien und dessen Kurzfilm über Pollock mit dazu beitrugen, dass der Mythos Pollock entstand. Sada Thompson spielt Stella Pollock, die starke, aber distanzierte Mutter des Künstlers, und Jennifer Connelly spielt Ruth Kligman, seine Geliebte und letzte Hoffnung.

Pollock wurde hauptsächlich in New York City und auf dem Anwesen von Pollock/Krasner in East Hampton, Long Island, gedreht. An jedem Ort achteten Kamerafrau Lisa Rinzler ("Beste Kamera" für Three Seasons, Sundance Film Festival 1999), Produktionsdesigner Mark Friedberg (Runaway Bride/Die Braut, die sich nicht traut, 1999, The Ice Storm/Der Eissturm, 1997) und Kostümdesigner David Robinson (Scent of a Woman/Der Duft der Frauen,1992, I Shot Andy Warhol, 1996) sorgfältig auf die äußere Gestaltung und Stimmung des Films.

"Die treibende Kraft hinter den Filmaufnahmen war die Notwendigkeit, Pollock's Intensität als Mann und als Künstler auszudrücken und mit Leben zu erfüllen", sagt Rinzler. "Mein stärkster Eindruck von ihm war, dass er voll immenser Energie steckte, die jedoch nicht in sozialem Einklang mit der Welt und sich selbst stand. Seine Persönlichkeit, die Ed so brillant verkörperte, war letztlich die Leitlinie für den fotografischen Stil. Szene für Szene war Pollocks psychologische Verfassung der Ausgangspunkt für die Gestaltung des Lichts und des Bildaufbaus." Rinzler benutzte auch viele andere Informationsquellen und arbeitete eng mit Harris zusammen, um die Zeit, in der Pollock gelebt hatte, optisch einzufangen. "Die Arbeit mit Ed war eine Entdeckungsreise, denn er war sowohl Regisseur als auch Schauspieler. In Ergänzung dazu stellte das Produktionsdesign von Mark Friedberg eine Welt für sich dar und bot eine großartige Arbeitsgrundlage."

Bei den Bauten für Pollocks Welt legte Friedberg besonderen Wert auf die Rekonstruktion des Hauses von Pollock/Krasner, die angrenzende Scheune, wo Pollock malte, und das Geschäft, wo er seine Vorräte einkaufte - alles sollte exakt so aussehen wie in der damaligen Zeit. Genauso geschickt erwies er sich bei der Umwandlung und Nachschöpfung von Wohnungen, Galerien und lokalen Treffpunkten in Greenwich Village, die oft als Hintergrund für Pollock's Geschichte fungieren.

"Das Haus (auf Long Island) befindet sich immer noch mehr oder weniger in dem Zustand, in dem er es verlassen hat", sagt Friedberg, "nur hatte man einige Renovierungsarbeiten durchgeführt, die die historische Rekonstruktion etwas knifflig machten. Was die Wohnung in Greenwich Village betrifft, so fanden wir trotz unserer intensiven Nachforschungen nur drei Bilder, an denen wir uns orientieren konnten. Deshalb nahmen wir den allgemeinen Stil der Zeit als Richtschnur." Friedberg fügt hinzu, dass zahlreiche Gemälde hergestellt wurden, die die Werke Pollock's und anderer legendärer Künstler, die im Film vertreten sind, nachahmen. "Das Inspirierendste am Film war jedoch die Herstellung von Kunst: das Malen. Ed engagierte sich für eine umfangreiche Darstellung der Kunst - bis zu dem Punkt, dass er selbst malte. Er ging wirklich in dieser Rolle auf. Es war erstaunlich und inspirierend anzusehen, wie er sich in Pollock verwandelte."

Angesiedelt in der Hut- und Handschuh-Ära der 40er und 50er Jahre, war die Kostümgestaltung in Pollock für Robinson eine Herausforderung. Er war dennoch überrascht, wie Jackson Pollock und Lee Krasner sich von ihren Zeitgenossen absetzten. "Die beiden waren ihrer Zeit absolut voraus", erklärt er. "Wir betrachteten alte Fotografien von Ausstellungseröffnungen und dort unter all diesen Leuten, gekleidet im Stil der 40er Jahre, standen Jackson und Lee und sahen total modern aus.

Jackson war einer der Ersten, der T-Shirts und Jeans trug. Er versuchte immer, sein Westküsten-Image aufzuwerten. Und Lee trug niemals Hüte, Schmuck oder Strümpfe. Sie hatte eine sexy Garderobe, die auch ihre Rolle als frühe Feministin und Ehefrau wiederspiegelte." Robinsons Kostüme durchlaufen die ganze Skala von Pollock's täglicher Arbeitskleidung (übereinander liegende Pullover, mit Farbe bespritzte Jeans) bis zu den exzentrischen Stilformen der Kunstgemeinde um ihn herum (Peggy Guggenheims "Hummer"-Kleid zum Beispiel, das nach einem Originaldesign von Elsa Shapperelli rekonstruiert wurde).

Pollock ist eine Brant-Allen-Produktion in Zusammenarbeit mit Zeke Productions und Fred Berner Films. Das Team besteht aus Peter M. Brant (Basquiat, 1986) und Joseph Allen (die jeweils Chairman und Co-Chairman von Brant-Allen Industries Inc. sind), beide fungieren als ausführende Produzenten. Fred Berner (Vanya auf der 42.Strasse, 1994, The Great White Hype, 1996), Ed Harris und Jon Kilik (Cradle Will Rock, 1999, Dead Man Walking - Sein letzter Gang, 1995) sind Produzenten. Der Kunsthändler James Francis Trezza fungiert ebenfalls als Produzent. Cecilia Kate Roque (The Last Days of Disco, 1998, The Spanish Prisoner/Die unsichtbare Falle, 1998) ist Co-Produzentin. Das Drehbuch basiert auf der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Biografie "Jackson Pollock: An American Saga" von Steven Naifeh und Gregory White Smith, es wurde geschrieben von Barbara Turner (Georgia, 1995, Cujo, 1982) und Susan J. Emshwiller (Dogtown, 1997, Hole in the Day).

Dirk Jasper FilmLexikon
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