Chihiros Reise ins Zauberland

Produktionsnotizen

Ein großer Erfolg Bei einer Länge von 122 Minuten betrugen die Produktionskosten für Chihiros Reise ins Zauberland 19 Mio. Dollar. Auch wenn das ca. fünfmal weniger ist als eine normale Disney-Produktion kostet, war es eine enorme Summe für einen japanischen Animationsfilm. Der Film ist ein Präzendenzfall: Einen solchen Erfolg hatte es noch nie gegeben. Bereits vor seinem Start in Amerika und Europa wurde er als erster nicht-amerikanischer Film in der Geschichte bewertet, der 200 Mio. Dollar weltweit einspielte. Frankreich brachte Chihiros Reise ins Zauberland als erstes westliches Land im April 2002 erfolgreich in die Kinos.

Eine neue Art von Abenteuerfilm "Der unglaubliche Erfolg von Chihiros Reise ins Zauberland kann auf einige Faktoren zurückgeführt werden," erklärt Toshio Suzuki, Präsident der Ghibli Studios. "Natürlich halfen Miyazakis Popularität und sein letzter Film 'Prinzessin Mononoke'. Aber Chihiros Reise ins Zauberland ist eine gänzlich neue Art von Abenteuerfilm. Er fesselt uns ohne jeden Einsatz von Gewalt. Action und Humor sind nicht anmaßend, der Einsatz spektakulärer Spezialeffekte sehr kontrolliert.

Die kleine Chihiro entdeckt Werte wie Freundschaft, Entschlossenheit und Disziplin. Aber der Ansatz des Films ist kein didaktischer. Er versucht, Kindern Vertrauen zu vermitteln, indem er ihnen zeigt, was es bedeutet, einen Namen zu fälschen. Diese Mischung aus Modernität, Philosophie und Fantasie ist sehr selten im Kino. Dank Hayao Miyazakis magischer Note wird sich das Publikum in Chihiros Reise ins Zauberland verlieben, denn sie haben sofort das Gefühl, einen einmaligen Film zu sehen."

Abwesende Eltern "Prinzessin Mononoke" (1997) setzt die Reise von "Nausicaä" (1984) fort. Chihiros Reise ins Zauberland (2001) spinnt die Träume von "My Neighbor Totoro" (1988) weiter, dem großen pelzigen Monster, das in Japan zum Idol für Kids wurde. In "My Neighbor Totoro" ziehen zwei kleine Mädchen um - wie Chihiro - und entdecken die wundersame Existenz von magischen Kreaturen, die die japanischen Wälder bevölkern. Neugierig und großzügig, sind diese Heldinnen erfüllt von Lebensfreude. In "My Neighbor Totoro" zeigt Miyazaki eine vereinte Familie, die im Einklang mit ihrer Umgebung lebt.

In Chihiros Reise ins Zauberland stellt der Filmemacher diese Prämisse in Frage. Bei ihrem Umzug schauen die Kinder in "My Neighbor Totoro", das in den 60er Jahren angesiedelt ist, begeistert auf die Landschaft. In Chihiros Reise ins Zauberland dagegen schmollt ein kleines Mädchen auf dem Rücksitz des Wagens. Die Eltern sind in "My Neighbor Totoro" immer präsent, sei es auch nur in den Gedanken der Kinder. Chihiros Eltern dagegen scheinen weit weg zu sein.

Wovon träumen Mädchen? "Chihiros Reise ins Zauberland ist kein satirischer oder zynischer Film," erklärt Hayao Miyazaki. "Ich kenne fünf kleine Mädchen, ca. zehn Jahre alt, die ich treffe, wenn ich in meinem Haus in den Bergen bin. Eines Tages fragte ich mich, wovon sie träumen und was sie sich erhoffen, und ich fing an, Shojo Manga zu lesen. Der extrem romantische Ton stieß mich ab. Also suchte ich nach etwas anderem, das ihr Interesse wecken könnte. Und stellte fest, dass mit Ausnahme einiger weniger exzellenter Autoren wie Osamu Tezuka niemand, auch ich nicht, auf die Sorgen und Bedürfnisse dieser kleinen Mädchen einging.

Es gab eine Fülle von Publikationen, abgestimmt auf die Nöte von Jungen in diesem Alter. So machte ich mir zur Aufgabe, etwas zu schreiben, was junge Mädchen ansprechen würde. Etwas, was sie beschäftigen würde in bezug auf ihre Beziehung zur Gesellschaft und ihrer Zukunft. In einer Welt, wo sie übermäßig beschützt sind und nur in Clubs mit strikten und unflexiblen Öffnungszeiten spielen können, schwinden die Kinder dahin.

Darunter leidet auch Chihiro. Die Wut auf ihrem Gesicht ist typisch für Kinder, die nicht genug Zeit zum Spielen haben. Aber im Angesicht der Krise erwacht in Chihiro die Kämpfernatur. Ihre Fähigkeit, sich anzupassen und sich auf ihr eigenes Urteil zu verlassen tritt in den Vordergrund. Ich wollte sie nicht zu einer süßen kleinen Heldin stilisieren. Ihr Charme kommt aus ihrem Herzen und aus der Tiefe ihrer Seele."

Kraftvolle Bilder, klare Worte "Darüber hinaus wollte ich, in unserer kommerziellen Kultur, eine Idee der Kommunikation vermitteln. Sprache ist Kraft. In der Welt, in der Chihiro verloren geht, schafft das Aussprechen eines Wortes einen klaren, definitiven Akt. Als Chihiro mit Nachdruck zu Yubaba sagt, dass sie arbeiten will, kann die Hexe sie nicht stoppen. Heute ist Sprache herabgesetzt und wird als gegeben hingenommen. Proklamationen haben keinen Wert mehr. Wir verhandeln das Gewicht der Wörter. Das ist ernst zu nehmen. Keine Erklärung wird vergebens gemacht.

In Chihiros Reise ins Zauberland ist das Wegnehmen des Namens einer Person gleichbedeutend mit der Herrschaft über sie. Sen (Chihiro) lebt in der permanenten Bedrohung, verspeist zu werden. Das ist die treibende Kraft. Normalerweise wäre sie missmutig, aber stattdessen ist sie entzückend. Mit diesem Film will ich zeigen, dass Sprache ein Wert an sich ist, der Energie in sich trägt.

Die Tatsache, eine Fantasy-Geschichte in Japan anzusiedeln, ist signifikant - auch wenn es nur ein Märchen ist. Ich wollte keine westlich orientierte Fabel mit allen möglichen Fluchtlöchern. In 'Pinocchio' habe ich vor Freude gezittert bei der Szene, in der sich die Puppe und ihre Freunde betrinken, Pool spielen und Zigarren rauchen. Kinder lieben Dekadenz. Dann zahlen sie für ihre Taten, indem sie buchstäblich Arschlöcher werden. In Chihiros Reise ins Zauberland werden die Eltern in Schweine verwandelt. Wenn sie zu oft in Disneyland gewesen wären, hätte ich ihre Ohren vielleicht noch größer wachsen lassen ...

Heutzutage offenbart die Entscheidung, über niedliche Welten zu schreiben, einen Mangel an Imagination. Kinder konsumieren pausenlos überflüssige Produkte, die sie wiederum ihrer Wurzeln berauben. Jedes Land hat seine eigenen Traditionen, und es ist wichtig, sie zu pflegen und weiterzugeben. Beschränkungen und Grenzen schwinden dahin. Paradoxerweise verachten wir Menschen, die nirgends hingehören.

Ich glaube, dass Menschen, die den Kontakt zu ihrem Erbe verloren haben, verschwinden werden. Das möchte ich zehnjährigen Mädchen vermitteln. Ich will sie ermutigen und ihnen sagen, dass sie Erfolg haben können wie Chihiro. Ich glaube, das ist mir gelungen. Ich hoffe, Chihiros Reise ins Zauberland wird nicht als Initiations-Reise verstanden. Diese Masche wird oft in Filmen eingesetzt als Entschuldigung für billige Liebesgeschichten. Diese lächerliche Idee wollte ich in Chihiros Reise ins Zauberland entlarven. Am Ende des Films hat Chihiro lediglich gelernt, auf sich selbst zu vertrauen. Ich schätze, ich habe mich nicht sehr viel weiter entwickelt in 60 Jahren - außer, dass ich etwas mehr Selbstbeherrschung als früher habe."

Von Handzeichnungen bis zu digitalen Bildbearbeitung und Spezialeffekten Bei Chihiros Reise ins Zauberland letzte das Studio die gleiche Digital-Technik ein wie bei dem Vorläuferfilm, Isao Takahatas "My Neighbors the Yamadas". Anders als bei Pixar wird aber bei Ghibli nicht ausschließich mit Computertechnik gearbeitet. All die Zeichnungen, die Figuren und die Sets werden zunächst mit der Hand gezeichnet und anschließend gescannt und digitalisiert. Nur das Finish, die Animation und die endgültige Farbgebung erfolgen per Computer.

Bei Ghibli wurde die Position eines "Director of Digital Image" geschaffen und mit Okui Atsushi besetzt. Er digitalisiert die von den einzelnen Abteilungen gelieferten Bilder und setzt Kamerabewegungen und Spezialeffekte ein. "Durch die Digitalisierung des Designs hat sich unsere Arbeitsmethode komplett verändert," sagt Okui Atsushi.

"Als wir noch mit Zelluloid gearbeitet haben, war es schwierig, die Bilder mit vielen Spezialeffekten zu versehen. Dank des digitalen Prozesses können wir das Original-Design ohne Probleme modifizieren. Fehler können leicht korrigiert werden. Kernpunkt dieser Vorgehensweise ist das Scannen der Entwürfe. Unser Ziel war nicht, einen Film durch die Synthese der Bilder zu schaffen, sondern die Qualität der Animation zu verbessern und gleichzeitig ein Optimum an Übereinstimmung zwischen handgemalten Bildern und Computergrafik zu erzielen.

Die Technik, die wir verwendeten, war vor allem effizient bei der Regulierung der Klarheit einzelner Einstellungen oder um dynamische Effekte in der Isolation der Bewegung einer Figur zu erzielen. Es war nicht unsere Absicht, die Effekte des Handgezeichneten verschwinden zu lassen, denn es besitzt eine ganz eigene Struktur. Wir wollten vielmehr seine visuelle Vielfalt unterstreichen."

Tatsächlich wurden nur wenige Einstellungen und Spezialeffekte mit dem Computer generiert. Hayao Miyazakis Idee war, die besten Aspekte aus der Verbindung zwischen moderner und traditioneller Technik aufzugreifen. Zum Beispiel wurde der zunächst analog gemalte Rauch und Dunst digital aufbereitet und verdichtet. Die Statue des Steinmannes, die am Anfang des Films auftaucht und den Gott der Reisenden repräsentiert, wurde komplett in 3D geplant. Die meisten der Wasser-Sequenzen, vor allem die im Badehaus sowie das Öffnen der Tür in Zenibas Haus, wurden ausschließlich digital erarbeitet.

"Ich persönlich glaube, dass man die Arbeit aufteilen mußs, um ein qualitativ hochwertiges Bild zu schaffen," meint Atsushi Okui. "Aber unter diesen Bedingungen entstehen Probleme der Einheitlichkeit, vor allem bei der Farbgebung. Das klingt banal, aber wenn es darum geht, den Bildschirm des Computers einzustellen, können die Farben variieren. Man stelle sich die Komplexität dieser Situation vor, wenn gleichzeitig an vielen Dutzend Monitoren gearbeitet wird, die sich alle minimal unterscheiden."

Um diese Schwierigkeiten zu lösen, entwickelte Atsushi Okui ein "Farb-Management-System", das automatisch die Mehrzahl der Farben an den einzelnen Computern reguliert. "Bei früheren Studioproduktionen bestand die Integrationsphase der Spezialeffekte einfach aus einer Serie von finalen Retuschen. Durch das Digitale Filmemachen entsteht eine sehr viel stimulierendere Phase der Kreation. Ich glaube, mit Chihiros Reise ins Zauberland ist das Studio und vielleicht ein kleiner Sektor der Animations-Industrie in ein neues Zeitalter eingetreten."

Der erste japanische Film in DLP Chihiros Reise ins Zauberland ist Miyazakis erster in digitaler Technik produzierter und distribuierter Film. Das Digitalformat wurde zum Kopieren in das erforderliche DLP-Format eingesetzt. Es ist der gleiche Prozess, der bei Filmen wie "Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung", "Toy Story 2", "Dinosaurs" und "102 Dalmatiner" angewandt wurde, die DLP weltweit einführten.

Chihiros Reise ins Zauberland ist der erste japanische Film in dieser revolutionären Technik, die eine Projektion unter optimalen Bedingungen erlaubt, unabhängig von den Schwankungen und Qualitätsverlusten des herkömmlichen Filmmaterials. Was den Sound betrifft, wurden bereits seit "Whisper of the Heart" (1995) alle Studioproduktionen digitalisiert.

Dennoch stellte Chihiros Reise ins Zauberland eine ganz besondere Herausforderung für die Techniker dar. Statt das berühmte Dolby Digital 5.1 einzusetzen entschied sich Miyazaki für Dolby Digital Surround EX 6.1 und DTS-ES, das eine veredelte Akkustik gewährleistet. Zur Zeit ist Chihiros Reise ins Zauberland weltweit der einzige Film, der die neuen technischen Errungenschaften in Bezug auf Bild (Integral Digitalisation und DLP) und Ton (Dolby Digital Surround EX 6.1 und DTS-ES) einsetzt.

Ein koreanischer Zweig Vor Chihiros Reise ins Zauberland hatte Ghibli nie, wie bei den großen amerikanischen und japanischen Studios üblich, die Produktion eines seiner Filme teilweise außer Haus gegeben. Kurze Produktionszeiten und der Verlust einiger Mitarbeiter während der Wirtschaftskrise in Asien veranlassten Mr. Suzuki, Mr. Tanaka nach Korea zu schicken, um dort eine Gruppe einheimischer Animatoren zu formieren und zu beaufsichtigen. Der Film hat darunter nicht gelitten.

Einige Abgesandte des Studios hielten sich zwei Monate lang in Seoul auf. Doch die Qualitätskontrolle über das koreanische Subunternehmen mußste nicht allzu strikt sein. Die Vertragspartner überwachten den Beginn der Produktion und machten später nur noch Stichproben. Ghibli konnte alle Manpower und das technische Equipment des D.R. Digital Studios voll ausnutzen, das als eines der besten der Welt gilt.

"Auf einigen Spezialgebieten sind bestimmte koreanische Studios ihrer Konkurrenz in Japan voraus. In den D.R. Studios entstanden Filme wie 'Metropolis' und 'Jin-Roh'. Das Können der Mitarbeiter findet weltweit Anerkennung, und die zahlreichen guten Restaurants in der Nähe heben definitiv die Moral des Teams," scherzt Tanaka.

"Die Arbeitsatmosphäre dort war ebenso gut, wenn nicht besser als in den Ghibli Studios. Dennoch mußsten wir wachsam bleiben, um die Arbeit von D.R. auf dem gleichen Standard zu halten. Wir mußsten sehr genau hinschauen, damit keine Divergenzen entstanden. Aber die Energie der koreanischen Mitarbeiter erlaubte uns, 10.000 Einheiten in nur zweieinhalb Monaten fertig zu stellen."

Szenenfoto
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