City of God

Ausführlicher Inhalt

Die Cidade de Deus ist eine Barackensiedlung am Rande von Rio de Janeiro - fern der Postkartenbilder der Zuckerhut-Metropole. In einer langen Rückblende erfahren wir die Geschichte zweier Jugendlicher, Zé Pequeño und Buscapé, deren Lebenswege sich mehrfach kreuzen. Am Ende ist der Tod des Gangsters Zé Pequeño der Anfang der Karriere von Buscapé als Fotoreporter.

So beginnt der Film: ein großes Schlachtermesser wird rhythmisch über den Schleifstein gezogen, Zé Pequeño, genannt Locke, feiert mit seiner Gang ein Fest. Doch eines der Schlachttiere, ein Huhn, kann sich befreien und rennt in panischer Hast davon.

Auf seiner Flucht durch diese verdreckte, wimmelnde Barackenstadt wird es von Zé Pequeños grölender Gang verfolgt, für die diese Jagd ein Heidenspaß ist. Plötzlich treffen sie auf Buscapé, der auf Zé Pequeños Befehl das Huhn einfangen soll. Als am anderen Straßenende die Polizei aufzieht, steht Buscapé zwischen den Uniformierten und Zé Pequeños schwer bewaffneter Gang.

Mit einer kreisenden, wirbelnden Bewegung umfährt die Kamera Buscapé und dieser Strudel zieht uns zurück an den Beginn der Geschichte, in die späten sechziger Jahre, als Buscapé und Zé Pequeño, der damals noch Dadinho hieß, Kinder waren.

Damals wurde mit städtischen Mitteln eine neue Barackenstadt, die Cidade de Deus errichtet, um den durch die Wirtschaftskrise verarmten Mittelstand und die Arbeiterschaft in geordnete Verhältnisse - in Wirklichkeit ein geordnetes Elend - zu führen.

In dieser auf dem Reißbrett entwickelten Barackensiedlung, stehen an baum- und strauchlosen Wegen die kleinen Hütten ordentlich aufgereiht. Die Väter gehen noch ihren Berufen nach, arbeiten als Fischhändler, Wirtsleute oder auch in einer Fabrik - die Söhne jedoch, darunter auch Buscapé, Marreco, Bené, Cabeleira und Aicate, träumen vom schnellen Reichtum.

In diesen frühen Tagen wird das Leben der Kids in der Cidade de Deus von einer Jugendgang, den 'Wild Angels' beherrscht: neben Aicate sind das Buscapés Bruder Marreco und Cabeleira, der große Bruder von Bené. Ihr Motto ist ein ungebändigtes Toben, immer hart am Rande der Legalität - oft auch jenseits davon.

Von Dadinho, dem besten Freund Benés, werden die 'Wild Angels' zu einem Überfall angestiftet, der die Verhältnisse in der Cidade de Deus nachhaltig erschüttert: Dadinho will einmal ein gefürchteter Gang-Leader sein und bewundert die 'Wild Angels'.

Er stiftet sie an, ein Bordell zu überfallen und die Freier und Huren zu berauben. Aber, obwohl er der Ideenlieferant ist, soll 'Der Kleine' lediglich Wache schieben. Nachdem die Großen drinnen bereits mehrere Freier überfallen und niedergeschlagen haben, warnt ein Schuss von Dadinho das Trio vor der Polizei und sie fliehen.

Drei Monate später: nach dem Überfall auf das Bordell hat die Polizei die Razzien und Kontrollen in der Cidade de Deus drastisch verschärft. Buscapé und sein Bruder Marreco ziehen von Haus zu Haus und verkaufen von einem Handwagen Fisch.

Aber der ältere Marreco bändelt auch mit den frustrierten Hausfrauen an und wird dabei von einem misstrauischen Ehemann ertappt. Zwei Menschen müssen dafür sterben. Die Epoche der 'Wild Angels' ist zu Ende.

Ein Zeitsprung in die siebziger Jahre: in der heruntergekommenen Barackensiedlung haben Dadinho und Bené, inzwischen selbst junge Erwachsene, mittels brutaler Liquidationen fast den gesamten Drogenhandel unter ihre Kontrolle gebracht.

In einer reportageartigen Sequenz erfahren wir die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre: Um für den Unterhalt ihrer Familie zu sorgen, organisierten einst Hausfrauen von ihren Wohnungen aus den Drogenhandel bis sie von ihren nun erwachsen gewordenen Lieferantenjungen mit Gewalt verdrängt wurden.

Daran anschließend, wie ein Exempel dieser allgemeinen Entwicklung: die Erzählung des legendären Aufstieges des Dealers Sandro Cenoura, genannt Karotte. Er ist ein Freund Benés, und der einzige der 'alten' Drogenbarone, den Dadinho und Bené - zumindest vorerst noch - neben sich dulden.

In einer dieser Drogenwohnungen will sich Buscapé gerade einen Joint kaufen als Dadinho mit seiner Gang auftaucht. Anlass für den Erzähler des Films, noch einmal zurück zu blenden und die Geschichte von Dadinho zu erzählen, der sich irgendwann von einem Schamanen in Zé Pequeño 'umtaufen' ließ:

Vor zehn Jahren hatte er den 'Wild Angels' den Tip zum Überfall auf das Bordell gegeben. Weil er sich ärgerte, dass er dabei nur Schmiere stehen sollte, hatte er das Trio mit einem Schuss fälschlich vor der Polizei gewarnt, um nach deren Flucht die verschreckten Freier und Huren mit geiler Mordlust zu erschießen.

Wegen der darauf folgenden Polizeirazzien verschwanden Dadinho und Bené von der Bildfläche und trieben sich in den kommenden Jahren anderswo in Rio herum, lebten von Überfällen und Gaunereien. Als Marreco, Buscapés älterer Bruder, sie einmal zufällig trifft, wird er von Dadinho kaltblütig erschossen. Dadinho und Bené, inzwischen vielleicht 18 Jahre alt, beschließen in die Favelas zurückzukehren und dort das Drogengeschäft zu übernehmen.

Von dieser Bereinigung der Machtverhältnisse profitieren die Einwohner der Favelas in ihrer Art, denn die Auseinandersetzungen der einzelnen Gangs waren immer wieder Anlass für Gewalt und Aufstände. Nun, da sich Zé Pequeño und Bené fast als Alleinherrscher in der Cidade de Deus durchgesetzt haben, ist eine kriminell verordnete Ruhe eingekehrt.

Lediglich einige Kinderbanden terrorisieren noch die Läden und Passanten, provozieren dadurch Razzien der Polizei und stören so den reibungslosen Ablauf der Geschäfte. So überfällt Zé Pequeño eine dieser Kinderbanden und statuiert an ihnen ein grausames Exempel: Obwohl die Kinder schon kapituliert haben, zwingt er einen der Jungs, einen anderen zu erschießen.

In den Umkreis und Sog der Drogenhändler werden aber nicht nur die Jugendlichen der Favelas gezogen, sondern auch einige Kinder aus bürgerlichem Elternhaus, die sich ihren Drogenkonsum mit Botengängen zu verdienen suchen.

Einen dieser Jungs, Tiago, erwählt Bené praktisch zu seinem Assistenten. Er ist dafür zuständig, ihn in allen Fragen des Stils - so die Wahl der Klamotten, der Uhren und der Haarfarbe - zu beraten.

Hier deutet sich auch ein tiefer Konflikt zwischen Zé Pequeño und Bené an: für Bené sind die enormen Geldsummen, die er mit dem Drogenhandel 'verdient', nur das einfachste Mittel, sich ein schönes Leben zu machen; für Zé Pequeño dagegen sind Kontrolle und straflose Gewalt das höchste Ziel seines Lebens.

Mit zwei weiteren Exkursen zeigt der Film auch Buscapés Bemühungen, mit einfacher Arbeit oder kleinen kriminellen Aktionen Geld zu verdienen - und er zeigt, wie ihm beides nicht gelingt: aus dem Kaufhaus, in dem er sich einen Job beschafft hat, wird er hinausgeworfen, weil man ihn verdächtigt, mit Ladendieben gemeinsame Sache zu machen, und bei Überfällen entwickelt er regelmäßig zuviel Mitgefühl und Sympathie für die Opfer.

Darüber hinaus hat er auch das Mädchen, in das er sich am Strand verliebt hat, inzwischen an Bené verloren. Ihretwegen will Bené sogar aus dem Drogengeschäft aussteigen und organisiert zum Abschied eine große Party, zu der er alle rivalisierenden Gruppen der Favelas eingeladen hat.

Ein Tanz auf dem Vulkan: Zé Pequeño will nicht akzeptieren, dass sein Freund Bené die Liebe dem brutalen Räuberleben vorzieht, und im weiteren Trubel der Nacht wird Bené durch einen Schuss, der eigentlich Zé Pequeño galt, erschossen.

Dieser Mord beginnt das gesamte Machtverhältnis der Favelas aufzubrechen. Sandro Cenoura ("Karotte"), der einzig verbliebene Konkurrent, stand bisher immer unter dem Schutz von Bené, nun mußs er sich gegen Zé Pequeño wehren.

Erneuter Exkurs: Um sich für die Zurückweisung einer begehrten Frau zu rächen, demütigt Zé Pequeño deren Freund, Mane Galinha, und spitzt diesen Privatterror immer weiter zu: Während er die Frau von seiner Gang vergewaltigen lässt, zwingt er Mane Galinha, der Misshandlung zuzusehen und überfällt anschließend auch noch Mane Galinhas Haus.

Bei der Auseinandersetzung fallen schließlich sein Bruder und sein Onkel der brutalen Gewalt Zé Pequeños zum Opfer - willkommener Anlass für Sandro Cenoura, sich den Hass von Mane Galinha zu Nutze zu machen und ihn als Verbündeten gegen Zé Pequeño zu rekrutieren.

Anfang der achtziger Jahre: Der Bandenkrieg eskaliert. 'Vernünftige' Geschäfte sind nicht mehr möglich. Mit Überfällen auf Waffenhandlungen rüsten die rivalisierenden Banden auf. Immer mehr Unschuldige werden Opfer in diesem brutalen Machtkampf, und Mane Galinha, der früher ein äußerst friedliebender Zeitgenosse war, entwickelt sich zu einem mindestens ebenso berüchtigten Gangster wie Zé Pequeño und Sandro Cenoura.

Als Mane Galinha bei einem Überfall angeschossen und im Krankenhaus behandelt wird, berichten die Medien in großer Aufmachung über diesen kriminellen Star. Zé Pequeño ist wütend über die 'Gute Presse' für die Konkurrenz - denn wenn hier einer der Star ist, dann doch wohl er!

Erneute Rückblende: kurz bevor Bené auf seinem Abschiedsfest erschossen wurde, hatte er Buscapé einen Fotoapparat geschenkt, der ihm gerade für ein paar Joints angeboten worden war. Für Buscapé ist damit die Erfüllung seines Traumes näher gerückt: eine eigene Kamera zu haben, um als Foto-Reporter das Leben der Stadt einfangen zu können. Immerhin arbeitet er inzwischen schon als Laufbursche bei einer großen Tageszeitung.

Als Buscapé zufällig Zé Pequeño und seinen Leuten begegnet, will sich der sofort von Buscapé fotografieren lassen: richtig groß, wild, gefährlich und böse will er aussehen, eben so, wie er sich einen kriminellen Star vorstellt.

Durch einen Irrtum werden diese Fotos von Zé Pequeño und seiner Gruppe in der Tageszeitung veröffentlicht, aber während Buscapé noch befürchtet, damit sei etwas Schlimmes passiert, erfüllt sich genau Zé Pequeños eitler Wunsch. Nun ist er der Star! Jetzt prangt sein Foto von den Titelseiten der Tageszeitungen!

Kein Fotograf hatte sich bisher in die Favelas getraut, um ein Foto der rivalisierenden Gangster zu bekommen. Aufgrund dieses meisterlichen Schnappschusses kann Buscapé fortan als regulärer Fotograf für die Zeitung arbeiten. Bei einem seiner Streifzüge durch die Cidade de Deus, seinem Zuhause, begegnet er schließlich wieder Zé Pequeño, der mit seiner Bande gerade das entlaufene Huhn jagt.

In einer großen Kreisbewegung sind wir so fast wieder am Anfang der Filmerzählung angekommen: Als am anderen Straßenende die Polizei auffährt, steht Buscapé zwischen den beiden schwer bewaffneten Gruppen... doch die Polizei zieht sich vor der Gang zurück, die sich im Rausch dieses Erfolgs nun wieder stolz von Buscapé fotografieren lässt.

Nur kurz darauf: Sandro Cenoura und Mane Galinha locken Zé Pequeño und seine Bande in einen Hinterhalt. Der Kampf eskaliert. Während sich die Gang-Mitglieder gegenseitig erschießen, will Buscapé das eine, das alles zusammenfassende Foto von diesem Ghetto-Krieg bekommen.

Er kennt die Schleichpfade und Abkürzungen in diesem Labyrinth und verfolgt in wilder Jagd die Gegner. Mane Galinha wird tödlich getroffen, erschossen vom Bruder eines seiner früheren Opfer, und nicht weit davon entfernt, verhaftet die Polizei schließlich Sandro Cenoura und Zé Pequeño ...

Hier wie dort ist Buscapé zur Stelle, um mit seinen Fotos zu zeigen, was passiert. Die Verhaftung zweier mächtiger Gangster? Nein, die Polizei braucht nur Sandro Cenoura; "als Futter für die Medien", sagen sie.

Kaum aber ist Zé Pequeño frei - gegen ein gehöriges Handgeld für die Polizei - , da macht sich eine Kindergang mit großkalibrigen Waffen über den großen Verbrecher her. Buscapé wird erneut Zeuge, wie eine Etappe in der Cidade de Deus zu ihrem Ende kommt.

Der durchlöcherte Körper eines Mitzwanzigers in der Rinne einer schäbigen Gasse. Achtlos davonziehend: eine Horde Jungs, die anderswo die Grundschule besuchen würden. Ihre schweren Revolver stecken in kurzen Hosen ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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