Die Versuchung des Padre Amaro

Produktionsnotizen

Die Geschichte dieses Films handelt von Lust und Stolz, Fanatismus und Machtmissbrauch, aber im gleichen Maße erzählt sie auch von Leidenschaft, Liebe, der Suche nach dem eigenen Ich und von den Gefühlen, die uns menschlich machen.

Padre Amaro ist nicht der Erste und er wird auch nicht der Letzte sein, der einen aufwühlenden inneren Kampf austrägt zwischen dem Wunsch, seinen Idealen treu zu bleiben, und den Versuchungen, die in seinem schwachen menschlichen Naturell begründet liegen.

Tatsächlich durchlebt jede einzelne Figur des Films ihren eigenen inneren Kampf. Bei jeder neuen Wendung erhöhen sich für die im katholischen Glauben verwurzelten Personen des Films die Aussichten auf die Hölle; jedoch, wie der alte Bischof sagt, "gibt es dort, wo die Sünde im Überfluss existiert, noch mehr Gnade".

Dieser Film offenbart ohne jeden Zweifel die handwerkliche Kunst von Regisseur Carlos Carrera (der bislang weit über 30 internationale Auszeichnungen gewonnen hat), die Brillanz von Vicente Leñeros Drehbuchadaption, die jeder Figur Tiefe und Menschlichkeit schenkt, sowie das Talent und die Leinwandpräsenz eines absolut hochkarätigen Darstellerensembles - all dies ist Grund dafür, warum Mexiko in den Kinos so angesagt ist.

Die Versuchung des Padre Amaro ist eine Co-Produktion von Alameda Films (Alfredo Ripstein), Blu Films (Daniel Birman Ripstein) und Wanda Vision aus Spanien mit Unterstützung des Mexikanischen Filminstituts (Imcine), des Verbands zur Förderung des Qualitätskinos (Foprocine - Fondo de Fomento a la Producción Cinematográfica de Calidad, ebenfalls Mexiko), der Regierung des mexikanischen Bundesstaates Veracruz - Llave, des EU-Programms Ibermedia, Cinecolor in Mexiko, Videocolor in Argentinien sowie Artcam in Frankreich.

Die Versuchung des Padre Amaro basiert auf einem portugiesischen Gesellschaftsroman aus dem 19. Jahrhundert, verfasst 1875 von José María Eça de Queiroz, der als einer der bedeutendsten Romanciers seines Landes gilt.

Sein Werk erzählt vor einer ländlichen Kulisse vom zerstörerischen Effekt, den das Zölibat auf einen willensschwachen Priester ausübt, und von der Gefahr, die mit Fanatismus einhergeht. Das Buch wurde von dem bekannten mexikanischen Dramatiker und Autor Vicente Leñero auf brillante Art und Weise und relativ frei auf unsere Zeit übertragen und nach Mexiko verlegt.

Er siedelte die Handlung in Los Reyes, Aldama, im Jahr 2002 an, doch die Geschichte könnte sich überall in Mexiko ereignen - oder auch im gesamten Rest der Welt.

Der Film kam dank der Beharrlichkeit und der Geduld des Produzenten Alfredo Ripstein zu Stande. Bereits seit 1970 wollte er diese Geschichte ins Kino bringen, hat das Projekt zuvor jedoch aus unterschiedlichsten Gründen nicht realisieren können.

Die Dreharbeiten beanspruchten ungefähr sechseinhalb Wochen (von Anfang November bis Ende Dezember 2001); gefilmt wurde an verschiedenen Orten in Mexiko-Stadt (unter anderem im Stadtteil Guerrero), im Bundesstaat Veracruz (in Xalapa, Xico und Coatepec) als auch im Bundesstaat Mexiko (Tetlaztoc).

Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang, dass jede Location von Massen von Fans von Gael García Bernal förmlich belagert wurde, dem ganz sicher eine große Karriere bevorsteht.

Gael konnte für den Film auf seinen eigenen Tapatío-Akzent zurückgreifen. Er bereitete sich auf die Rolle des jungen Priesters vor, indem er Texte der Befreiungstheologie und des heiligen Thomas von Aquin las. "Es war das erste Mal in Mexiko, dass ich nicht wie ein Städter, sondern wie ein Priester aus Los Altos de Jalisco sprechen mußste", erklärt er.

Er verkörpere einen progressiven Geistlichen, fährt Gael fort, "in einer intensiven Rolle, in der sich dessen Ansichten über Liebe und Gerechtigkeit unvereinbar gegenüberstehen". Eigentlich sollte an Gaels Seite der berühmte spanische Darsteller Paco Rabaldo den Padre Benito verkörpern. Nach dem Tod Rabaldos im September 2001 schlüpfte ein anderer Spanier, nämlich der oft als "Paco Rabals kleiner Bruder" bezeichnete Sancho Gracia, in die Rolle des älteren Priesters.

"Dieser Film hat alles, um zum Film des Jahres zu werden", scherzt der junge García Bernal. Und tatsächlich entpuppte sich das Melodram in Mexiko als absoluter Kassenhit und wurde auf zahlreichen Festivals von Publikum und Presse euphorisch gefeiert.

Die Musik zu diesem Film, erläutert Carlos Carrera, "ist so konzipiert, dass sie dem Geschehen etwas hinzufügt, statt Emotionen zu illustrieren". Die Originalmusik komponierte Rosino Serrano, neben seinem Score finden sich auf dem Soundtrack auch Lieder von Pablo Montero, José Guadelupe Esparza und Julio Preciado und vielen anderen.

Anmerkungen des Regisseurs 1875 schrieb Eça de Queiroz in Portugal seinen Roman "El crimen del padre Amaro".

2002 findet man in einigen Städten in Mexiko Zustände vor, die sich heute nicht sehr von den damaligen unterscheiden. Trotz Gemeinderäten, den Episkopalkonferenzen und den Enzykliken dient das Tun der Kirche nicht stets dem Wohle derer, die in sie ihr Vertrauen setzen.

Eine Vorschrift, die die Priester befolgen müssen, ist das Zölibat. Streng wie wenige andere Auflagen, ist dies eine Regel, die der menschlichen Natur gemäß nicht leicht einzuhalten ist. Und ordiniert zu werden, heißt zudem nicht, dass ein Mann fortan frei von jeglichen Impulsen ist. Priester sind Männer, sie sind fehlbar und haben Bedürfnisse wie alle anderen auch.

Geschichten, in deren Mittelpunkt das Zölibat steht, haben zahlreiche Werke der Literatur- und Filmgeschichte und die öffentliche Vorstellung inspiriert. Im Aufeinanderprallen von Verlangen und Moralvorschriften liegt das Potenzial für einen gewaltigen, kraftvollen dramatischen Konflikt.

Die Versuchung des Padre Amaro besitzt zwei wichtige Elemente: zum einen die Beziehung zwischen Amaro und Amelia, zum anderen das Verhältnis von Kirche und Macht.

Zwar war es für einige Zeit liberalen Priestern möglich, wirkliche Verbesserungen in den Lebensbedingungen und größere Gerechtigkeit für die Menschen durchzusetzen, jedoch verteidigen gewisse extrem konservative und sehr einflussreiche Elemente in der Kirche aktiv ihre Machtinteressen.

Dazu kommen die bewiesenen Verwicklungen gewisser Kirchenkreise in Korruptionsaffären und den internationalen Drogenhandel.

Die Versuchung des Padre Amaro ist die Geschichte einer aufrechten Seele: eines jungen Mannes mit guten Absichten und voller Treue, der nach und nach korrumpiert wird und die besten Interessen der Kirche hintergeht. Durch das Versprechen auf eine bessere Position innerhalb der Institution wandeln sich seine Großzügigkeit und seine große Seele in reinen Egoismus und Verbitterung.

Dem Film gelingt es, unterschiedliche Sichtweisen und Zweifel bezüglich des Spirituellen aufzuzeigen, indem er eine Anzahl klar definierter Charaktere entwirft. Statt lediglich die böse Natur des Menschen als dualistisches Wesen aufzuzeigen, war es uns wichtig, die Komplexität menschlicher Beweggründe fassbar zu machen.

Padre Amaro verkörpert in seiner Person ganz gegensätzliche Leidenschaften. Er ist von dem Verlangen getrieben, die Verpflichtungen der Kirche gegenüber denen, die in größter Not sind, zu erfüllen; er will sich aber auch nicht den Anweisungen der Diözese widersetzen. Dieser Wunsch mündet schließlich in Selbstbetrug.

Padre Benito akzeptiert Almosen der Drogendealer und hilft ihnen bei der Geldwäsche, doch er benutzt das Geld für gute Zwecke und glaubt, damit richtig zu handeln. Er liebt Sanjuanera, gerät jedoch durch sein gebrochenes Keuschheitsgelübde in einen Konflikt.

Padre Natalio weiß, dass seine oberste Pflicht seiner Gemeinde gilt noch vor seiner Verpflichtung gegenüber dem Klerus. Er ist vielleicht die Figur mit der eindeutigsten Motivation inmitten eines Wespennests der Bestechung.

Amelia ist ein klares Beispiel für die vom katholischen Mystizismus forcierte Verwirrung zwischen göttlicher und fleischlicher Liebe.

Dionisia lebt ihre Verrücktheit in der Religion aus. Paradoxerweise ist es auch genau die Religion, die sie an der Realität festhalten lässt.

Die Versuchung des Padre Amaro interessiert mich auf Grund der Spannbreite der Menschlichkeit und wegen der Möglichkeiten, die mir geboten sind, menschliche Beweggründe darzustellen, die immer komplex und niemals eindimensional sind. Der Film handelt nicht lediglich von einem Spiel der Kräfte des Guten und des Bösen, sondern liefert einen Überblick darüber, was menschliche Wesen miteinander verbindet.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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