Dark Blue

Produktionsnotizen

Kurt Russell war die erste und einzige Wahl für die Rolle des zynischen, desillusionierten Cop Eldon Perry. Drehbuchautor David Ayer hatte ihn bereits im Sinn, als er die Story von James Ellroy durchlas. Als Kurt Russell das fertige Skript bekam, war er sofort fasziniert von diesem Charakter.

Einen derart zwiespältigen Part hatte er bisher noch nie gespielt, und er wollte die Herausforderung unbedingt annehmen. Dennoch zögerte er mit einer definitiven Zusage. Er wollte abwarten, bis der Regisseur feststand. Kurt Russell befürchtete, der Film und damit seine Figur könnten zu oberflächlich oder politisch einseitig werden. So vergingen noch einige Jahre, bis schließlich Ron Shelton sich einbrachte und das Projekt schnell Konturen annahm.

"Als Ron Shelton auftauchte und mir seine Vision von Dark Blue schilderte", so Kurt Russell, "war mir sofort klar, dass ich den Film jetzt machen mußste oder nie." Das bestätigt auch Produzent Caldecot Chubb: "Ron Shelton gab Kurt Russell das Gefühl, dass der Film nicht zu politisch werden und sein Charakter, seine Handlungen nachvollziehbar bleiben würden. Rons Gespür für den brisanten Stoff und Kurts Vertrauen in dieses Projekt haben den Film erst ermöglicht."

"Ich mochte Ayers Skript sofort", erzählt Ron Shelton enthusiastisch. "Es reizte mich, mal eine Cop-Story zu drehen. Außerdem faszinierte mich der politische Hintergrund. Es war kein Expose für einen platten Actionfilm." Dennoch gingen Ron Shelton und Kurt Russell gemeinsam mit Ayer das Drehbuch noch einmal durch. Vor allem kümmerten sie sich um den letzten Feinschliff am Wesen von Eldon Perry. "Ich wollte seine menschlichen Facetten betonen, ohne dabei die dunklen Seiten abzuschwächen", erläutert Ron Shelton. "Wir wollten ihn als jemanden zeigen, der mit dem Teufel ringt - und verliert."

"Der Film ist ein Zeitdokument", sagt Kurt Russell. "Er handelt von unserer Gegenwart und ist mit glaubwürdigen Personen bevölkert. Ich glaube, Perry ist so echt, wie es nur ging. Jedenfalls ist er authentischer als viele Figuren, die ich vorher dargestellt hatte. Er ist ein Cop, der dem Wohl der Gemeinschaft dient - und sich dabei nicht immer politisch korrekt verhält. Denn er handelt nach seiner eigenen Moral und Überzeugung.

Er ist ein Mann, der von den Gesetzen der Straße geprägt wurde. Er hat die Grenze zwischen Recht und Unrecht längst überschritten und mehr als einmal selbst Verbrechen begannen. Und in den vier Tagen wird er herausfinden, wie weit er abgerutscht ist." Trotz oder gerade wegen seiner offensichtlichen Fehler mache das Perry für andere Leute faszinierend, so Kurt Russell: "Seine Widersprüchlichkeit macht ihn gefährlich.

Leute wie Perry haben etwas an sich, das abschreckend und unsympathisch ist, aber sich mit einem schwer greifbaren Charisma vermischt. Wenn das Publikum den Film sieht, dürfte es interessant sein zu verfolgen, wann es Eldon vom Haken lässt. Wo sie zu ihm stehen oder sich von ihm abwenden. Man kann ihn hassen, im nächsten Augenblick aber auch lieben. Am Ende hoffe ich, dass die Zuschauer Mitgefühl und Nachsicht mit ihm haben."

"Perry ist so etwas wie eine Legende und aus verschiedenen Gründen bei der Polizei - und einige davon sind gewiss nicht respektabel", ergänzt Kurt Russell. "Aber er lebt mit den Konsequenzen. Er weiß, dass der Job gewisse Aspekte mit sich bringt, die niemand gerne macht. Er kann es, und er tut es. Ob er das sollte oder nicht, mußs der Zuschauer entscheiden."

Im völligen Gegensatz zu Eldon Perry steht der junge Bobby Keough, ein Anfänger und erst seit wenigen Wochen Eldons neuer Partner. Scott Speedman spielt diesen Sympathieträger in der Geschichte, der sich im Sumpf aus schlechten Taten und Gedanken verfängt. Weil Bobby neu ist in dem Job, spielt Scott Speedman ihn mit einem naiven Staunen.

Scott Speedman sagt über seine Figur, er "sehe ihn als jemanden, der in manchen Situationen noch überfordert ist. Er sucht seinen Platz in diesem Beruf und zwischen den gestandenen Kollegen. Er möchte anerkannt werden als Cop, vor allem von den Leuten der Spezialeinheit. Er will so sein wie sie, einer von ihnen. Er bewundert seinen Onkel, der die Abteilung leitet, und der soll stolz auf ihn sein. Also lässt er sich auf Dinge ein, die er sich nicht mal im Albtraum hätte vorstellen können."

Perry ist für Bobby eine Art Mentor. Scott Speedman bezeichnet die Beziehung zwischen ihnen als familiär. "Bobby kennt Perry, seit sein Onkel die SIS übernommen hat. Sie sind wie Brüder, und Bobby idealisiert Perry. Der ist zwar ein durchgeknallter Typ, aber er macht seinen Job wie kein anderer. Das fasziniert Bobby, der verzweifelt um Perrys Respekt buhlt."

Kurt Russell sieht in Bobby einen der wenigen moralisch einwandfreien Charaktere im Film. "Manchmal werden gute Menschen aber in eine Situation gerissen, in der sie eine Entscheidung treffen müssen, die nicht unbedingt im Einklang mit ihren Idealen steht. Bobby ist nicht böse. Er will immer der Gute sein. Aber er entdeckt bald, dass es in der Welt da draußen Momente gibt, die eine solche klare Unterscheidung nicht zulässt."

Scott Speedman hat sich sehr um die Rolle bemüht, weil er mit Kurt Russell arbeiten wollte. "Es ist faszinierend, ihm bei Dreh zuzuschauen", schwärmt Scott Speedman. "Er ist unbeschreiblich nett und hat sich sehr viel Zeit für mich genommen. Ich habe viel von ihm über das Filmgeschäft gelernt."

Begeistert ist er auch von Ving Rhames: "Er improvisiert gerne. Selbst wenn eine Szene schon im Kasten ist, will er noch einen drauf setzen. Er kitzelt noch den kleinsten Rest heraus. Es ist großartig. Mit ihm zu Drehen ist, als wenn du plötzlich aufwachst und dann erst alles mitbekommst. Es war eine wunderbare Erfahrung."

Ving Rhames, der als Holland den stellvertretenden Chef des LAPD verkörpert, fühlte sich vor allem von den sozialpolitischen Gesichtspunkten im Drehbuch angesprochen. "Der Film behandelt Tatsachen, die von entscheidender Relevanz für unser Zusammenleben sind," erklärt er. "Für mich zeigt Dark Blue auch, dass sich mehr Dinge in der Welt ändern, je öfter sie sich wiederholen."

Ving Rhames betrachtet Holland als Mann, der zwischen den eigenen Ansprüchen und der Realität schwankt. "Sein Dilemma ist, ein Schwarzer in blauer Uniform zu sein. Da die Polizei als korrupt und rassistisch gilt und teilweise ja auch ist, geht seine Gleichung nicht immer auf. Außerdem ist auch er nicht perfekt. Er begeht Ehebruch, obwohl er von sich und anderen verlangt, immer das Richtige zu tun. Er erinnert mich ein wenig an Serpico mit Al Pacino. Holland ist ein Afroamerikaner, der sich im Establishment durchsetzen will. Das hat mich neugierig an der Figur gemacht."

Als Improvisationstalent hatte Ving Rhames es bei den Dreharbeiten mit ebenbürtigen Kollegen zu tun. "Kurt Russell ist ein Schauspieler für Schauspieler. Er ist sehr empfänglich für Improvisationen. Er hört sich offen jede Meinung an und kann sich auf jede Szene einstellen. Das war wichtig, weil er einen sehr differenzierten Charakter spielen mußste. So haben wir versucht ihm zu helfen, Perry menschlicher zu machen, seine Achillesfersen zu verdeutlichen und Fehler zeigen. Und er hat es meisterhaft hinbekommen."

Michael Michele spielt Beth Williamson, Hollands frühere Geliebte, die sich nun in Bobby verliebt hat. "Wir haben etliche Schauspielerinnen in Betracht gezogen", erinnert sich Produzent Caldecot Chubb. "Aber Michael Michele hat diese einzigartige Mischung aus Anmut und Strenge und im Zusammenspiel mit Scott Speedman ihrer Beziehung instinktiv glaubhaft gemacht. Danach brauchten wir uns keine andere Darstellerin mehr anzusehen."

Da Michael Michele schon zwei Mal eine Polizistin gespielt hatte, war ihr die dunkelblaue Uniform vertraut: "Ich habe gelernt, mit Waffen umzugehen. Ich weiß, wie man reden und gehen mußs. So ist mir die Persönlichkeit eines weiblichen Cop fast zu einer zweiten Haut geworden, in der ich mich sehr wohl fühle."

Neu war für sie allerdings, eine Liebesaffäre wie in Dark Blue zu spielen: "Es war sehr aufregend, denn es ist eine so unschuldige Verliebtheit, die ganz plötzlich passiert. Und sie steht im Gegensatz zu den Unruhen nach dem Rodney-King-Prozess. Auf der einen Seite schlagen Zivilisten und Polizeibeamte aufeinander ein. Auf der anderen Seite sind zwei Polizisten, auch noch eine Afro-Amerikanerin und ein Weißer, die sich ganz selbstverständlich ineinander verlieben."

Sie hofft, dass die Zuschauer hinter die Hautfarben blicken: "Wenn die Leute alles vergessen, was vordergründig mit dem Begriff beschrieben wird, sehen sie die Unschuld hinter den Gefühlen. Es ist Anziehung, Liebe, Leidenschaft. Es ist sehr körperlich und sinnlich. Darum geht es." Für Scott Speedman ist Beth auch das schlechte Gewissen von Bobby: "Sie öffnet ihm die Augen und zeigt ihm, worauf es wirklich ankommt.

Bobby will es jedem recht machen und so sein, wie es beim SIS erwartet wird. Aber sie guckt ihn nur an und sagt: ?Nein, es bist Du, den ich liebe, so wie du wirklich bist.' Sie symbolisiert das absolut Reine in diesem Film. Aber er hört ihr leider lange Zeit nicht wirklich zu."

Komplettiert wird die Hauptbesetzung von Brendan Gleeson als korrupter Jack Van Meter, Rapper Kurupt und Dash Mihok als Killerduo Orchard und Sidwell sowie Jonathan Bank als Barcomb, Khandi Alexander als Janelle Holland und Lolita Davidovich als Sally Perry.

Nach Drehschluss hatte Kurt Russell das sichere Gefühl, "dass wir alles getan haben, damit sich diese Charaktere entfalten. Denn es sind exakt gezeichnete Figuren, die von extrem guten Schauspielern dargestellt werden. Was will man mehr?" Für ihn ist Dark Blue zudem eine Herzensangelegenheit: "Wir hatten nicht jedes Geld der Welt, um diesen Film zu machen. Alle Beteiligten haben sich sehr engagiert und zusammengehalten, damit es klappt."

Dafür war auch besonders wichtig, dass die Details stimmen. Den entscheidenden Anteil hatte Bob Souza, ein ehemaliger Detective vom LAPD, der Shelton als technischen Berater beiseite stand. "Um die Cops und ihre Vorgehensweise glaubwürdig darstellen zu können, hat er uns wichtige Tipps über die Polizeiarbeit gegeben", sagt Ron Shelton.

"Es war wichtig, keinen Cartoon von Gut und Böse abzuliefern." Bob Souza sagt "es ist zwar eine fiktive Story, aber die Umstände und das Umfeld kenne ich nur all zu gut. Das betrifft die Spezialeinheiten ebenso wie das Dezernat für Raubmord, bei dem ich 20 Jahre im Dienst war."

Bob Souza wurde bereits während der Vorproduktion eingebunden, damit Setdesign und Kostüme akkurat nach den Maßstäben von 1992 entworfen werden konnten. Außerdem beriet er intensiv Scott Speedman und Michael Michele. "Sie wollten wissen, wie der Alltag eines Cop aussieht. Ich habe sie deshalb mal mit in ein Polizeirevier genommen."

Offiziell wollte das LAPD indes nicht mit den Filmemachern kooperieren. Die kontroverse Story war den Verantwortlichen nicht angenehm. Deshalb war es Scott Speedman nicht möglich, mit echten Cops auf Streife zu gehen: "Darauf hatte ich mich sehr gefreut. Aber es sollte nicht sein."

Dabei sei es nie beabsichtigt gewesen, die Polizei an sich zu diskreditieren, betont Chubb: "Einige Aspekte werfen zwar ein schlechtes Licht auf das LAPD, aber es ist kein Anti-Cop-Film.

Wenn man sich die Geschichte von Los Angeles anschaut, haben sich die Steuerzahler immer wieder darüber beklagt, es werde nicht genug Geld für eine effektive und anständige Polizei ausgegeben, vor allem in den sozial schwächeren Stadteilen. Dieser Mangel ging Jahrzehnte lang auf Kosten aller Menschen, der Polizisten ebenso wie der Bürger. So konnten die erschreckenden Zustände erst gedeihen. In genau diese Lücke stößt unser Film."

Das Lob der Schauspieler für Ron Shelton ist einmütig. Seine Herangehensweise nennt Ving Rhames "klassisch". "Die Figuren sind zwar simpel, aber er kann aus ihnen die Nuancen herausarbeiten, die sie wahrhaftig machen", lobt Ving Rhames. Für Michael Michele ist er "als Regisseur ebenso großartig wie als Autor. Das ergibt eine unschlagbare Kombination.

Er steht nicht hinter der Kamera und dirigiert, er hat außerdem das Gespür für Dialoge und wie man sie als Schauspieler umsetzen mußs. Es ist herrlich mit einem Regisseur zu arbeiten, der auch was vom Schreiben versteht." Und Kurt Russell bekennt, Ron Sheltons Filme immer schon bewundert zu haben: "Er ist perfekt als Regisseur, und sein Stil passt hervorragend zu der Art, wie die Geschichte erzählt werden mußs.

Er hat die Tragik darin betont, die Dramatik spürbar gemacht, auch etwas Humor richtig eingesetzt. Ron hat all diese Momente konsequent durchgehend umgesetzt und trotzdem im Stil von James Ellroy gehalten. Er hat einen unbeschreiblich guten Job gemacht."

Nun hoffen alle Beteiligten, dass der Film beim Publikum auf positive Resonanz stößt - und auch Diskussionen anregt. "Ich wünsche mir, dass sich die Leute angesprochen fühlen von der Geschichte, der zuweilen dunklen Welt der Cops, ihren Problemen und wie sie damit zurecht kommen", sagt Ron Shelton.

"Es ist einer der härtesten Jobs der Welt. Es ist die Geschichte eines Polizisten, der durch die Hölle geht und aufpassen mußs, dass er sie überlebt. Und wenn es mir mit Dark Blue gelingen sollte, dass die Zuschauer auf dem Heimweg etwas über Korruption und Rassismus nachdenken, ist meine Arbeit erledigt."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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