Adam & Eva

Ausführlicher Inhalt

Die Geschichte von Adam und Eva beginnt merkwürdigerweise nicht im Paradies, sondern in der Hölle: Meterhohe Flammen lodern aus einem Haus, das schon in den nächsten Minuten einzustürzen droht. Als Adam (Simon Schwarz), einer der Feuerwehrleute, im Gebäudeinneren eine hübsche Frauengestalt panisch umherirren sieht, lässt er seinen Schlauch auf der Stelle fallen und stürzt sich todesmutig mitten ins Inferno.

Sekunden vergehen so langsam wie Stunden. Brennende Fassadenteile fallen herab, verkohlte Balken krachen zu Boden. Doch dann - wer hätte es gedacht - kommt eine heroische Gestalt in Zeitlupe aus der Feuersbrunst geschritten: Adam.

Auf seinen Händen hingegossen, trägt er eine junge Beauty, die ihn, kaum hat sie die langbewimperten Augen effektvoll aufgeschlagen, strahlend anblickt: "Ist das der Himmel?" - Geigenmusik vermischt mit Hochzeitsglocken, das Wort "The End" in fetten Lettern auf der Leinwand und beim Aussitzen des Abspanns ein warmes Gefühl in der Bauchgegend, das vielleicht noch den Weg vom Kino bis nach Hause überlebt. Doch halt! Dieser Film fängt erst da richtig an, wo die anderen aufhören.

Vier harte Ehejahre später haben sich Schatten ins Paradies eingeschlichen: Das häusliche Miteinander ist in Ritualen erstarrt, jede Bewegung und jede Äußerung der Liebenden gerät unweigerlich zum Déja-vu.

Allein das Wort "Scheidung", das von Eva (Marie Bäumer) beiläufig beim gemeinsamen Frühstück in die ansonsten stumme Debatte geworfen wird, vermag es noch, einen gewissen Überraschungseffekt hervorzurufen. "Scheidung?", entgegnet der Gatte, nachdem er seiner Partnerin den Besten von Jacobs inklusive Milch und Zucker ins Gesicht gehustet hat, "wir sind doch glücklich miteinander!"

Evas Patentrezept zur Ehekittung, das mit dem Schlagwort "akuter Kinderwunsch" hinreichend beschrieben ist und von Adam im Hinblick auf damit verbundene Scherereien (siehe Kain und Abel) beständig mit einem entschiedenen "vielleicht später" quittiert wird, gerät anlässlich eines freudigen Ereignisses unvermittelt wieder auf die Tagesordnung.

Dafür sorgt nicht nur die Art des freudigen Ereignisses, es handelt sich um die Taufe des jüngsten Sohnes von Adams älterem Bruder Erik (Martin Brambach), sondern vor allem auch die Tatsache, dass sich dort unzählige befreundete Traumpaare tummeln, die ihre erschreckende Fruchtbarkeit in Form von noch zahlloseren quengelnden Leibesfrüchten schamlos zur Schau stellen.

Der geradezu epidemisch grassierenden Grundglücklichkeit, die sich in jeder Beckmann-Talk-Show zur Ehre gereichenden Gesprächsbeiträgen dokumentiert ("Seit wir das Kind haben, sehen wir die Welt mit vollkommen anderen Augen"), tut eine hinter vorgehaltener Hand verbreitete Info kaum einen Abbruch: Erik hat dem Gebärfanatismus seiner Angetrauten Karin (Alana Bock) mittels Selbststerilisation heimlich ein jähes Ende bereitet, ohne zu wissen, dass sie ihn ihrerseits seit geraumer Zeit durch die Einnahme von Pfefferminzdrops sichtbar erfolgreich hinters Licht führte.

Abgesehen von den ermutigenden Resultaten partnerschaftlich-vertrauensvoller Familienplanung geizt die quietschfidele Taufparty im sauer verdienten Paradiessommergarten auch nicht mit Reizen aus der Rubrik "Verführung zum Sündenfall".

So trifft Eva unvermutet auf ihren alten Schulfreund Olli (Pierre Besson), der ihr bei einer unschuldigen Spontanplanscherei im nahe gelegenen See - zu der man sich vorher vernünftigerweise entkleidet hat - noch unvermuteter seine ungebrochene Liebe erklärt.

Die Aufrichtigkeit dieses Geständnisses hätte eine mitbadende Wasserschlange gerne steif und fest behauptet. Eine andere Schlange streckt indessen - wie es sich gehört - Adam ihre knackfrischen Äpfelchen entgegen.

Es handelt sich dabei um das bereits vom Hausherrn eingehend auf ihre Qualifikation überprüfte Kindermädchen Betty (Anna Bertheau), eine kokette Kokotte vom Typus "Wiegenluder", der jede männliche Fachjury einstimmig das Prädikat "blutjung" zuerkennen würde.

Ihrem zweifellos auf kindlicher Unbekümmertheit basierender Wunsch, Aktbilder von sich machen zu lassen, wird vom Ex-Feuerwehrmann und frischgebackenem Profi-Fotograph Adam baldige Erfüllung in Aussicht gestellt, wobei natürlich allein künstlerische Erwägungen eine Rolle spielen.

Zum großen Kummer des Gatten und zu ihrem eigenen - so jedenfalls die offiziellen Verlautbarungen - sieht sich Eva gezwungen, aus beruflichen Gründen einen längeren Auslandsaufenthalt anzutreten. Adam, ganz verständnisvoller Partner, möchte ihrer Karriere, wie er unter dicken Krokodilstränen beteuert, auf keinen Fall im Wege stehen: "Vertrauen, gegenseitiges Vertrauen."

Die Abwesenheit der Gemahlin hält den überraschenderweise sehr einsamen Strohwitwer dann allerdings doch nicht davon ab, seinen Kontakt zu Betty auf rhythmische Weise recht häufig zu vertiefen. Künstlerische Erwägungen spielen dabei jetzt kaum noch eine Rolle.

Keine Rolle spielen auch die deutlichen Ermahnungen seiner alten Freundin Charly (Theresa Berlage), die dem Trostsuchenden dringend von der Inanspruchnahme weiterer Tröstungen durch das Kindermädchen abrät.

Bei Evas Rückkehr verrät sich Adams Untreue beinahe durch allzu reichlich gestreute Indizien schlechten Gewissens: aufgeräumte Schränke, gewienerte Fußböden, kostspieliges Willkommensgeschenk. Doch die Tatsache, dass sie hektisch damit beschäftigt ist, den ihr von Olli am Flughafen überreichten Strauß roter Rosen verschwinden zu lassen, mindert die detektivischen Fähigkeiten einer in Misstrauen geschulten Ehefrau, Gott sei dank, auf ein Minimum herab.

Obwohl Weihnachten das Fest der Liebe genannt wird, die glücklichen Eheleute verbringen es im warmen Schoß von Evas vollzählig versammelter Familie, sollte man diese Definition nicht ganz so wörtlich nehmen wie Adam.

Als dieser nämlich - von Evas gestrengem Vater (Hans Peter Korff) auf den Ehrenposten des Familienweihnachtsmanns befördert - in Anwesenheit seines unlängst geborenen Neffen im Kinderzimmer des Stammhauses auf seinen großen Auftritt wartet, verfällt er auf den verwegenen Gedanken, Betty anzurufen.

Das Telefongespräch zwischen Santa Claus und seiner jungen Gespielin nimmt dabei eine recht frivole Wendung. Unglücklicherweise wird die daraufhin stattfindende Telefonsexorgie aus dem Kinderzimmer via Babyphon live und in erstaunlich guter Tonqualität ins darunter liegende Esszimmer übertragen, wo eine mehr und mehr in Erstarrung verfallende Tischgesellschaft detailliert miterleben darf, wie intensiv sich der Nikolaus mit seiner Rute beschäftigt.

Als Adam, nachdem er bereits im oberen Stockwerk gekommen ist, weißbärtig und purpur bemantelt zur Bescherung ins Speisezimmer kommt, bemerkt er erst, welch schöne Bescherung er angerichtet hat: Von Ungläubigkeit und Entsetzen gezeichnete Gesichter, darunter Evas, starren ihn schweigend an. Zu allem Überfluss hat der triebgesteuerte Ochs und Esel in Personalunion auch noch vergessen, seinen Ho-Ho-Hosenstall wieder zuzuknöpfen. Fröhliche Weihnachten!

Ob dieser Begebenheit, zu einer Zeit, da schätzungsweise niemand gerne auf der kalten Straße sitzt, gibt es für Adam selbstverständlich keinen Platz mehr in der ehelichen Herberge, so dass er bei Betty anklopft.

Die pragmatische Ex-Kinderbetreuerin - "sorry, aber ich habe gerade Besuch" - hat allerdings bereits ein neues und gar nicht so übel aussehendes Betreuungsobjekt gefunden, mit dem sie offenkundig recht ausschweifend Weihnachten feiert.

So bleibt Adam nichts anderes übrig, als Charly vorübergehend um Asyl zu bitten, was ihm auch gnädig gewährt wird. Eva sucht derweil Zuflucht in Ollis tröstenden Armen, in denen sie sofort sehr bereitwillig aufgenommen wird.

Von der emotionalen Wechselatmosphäre ist auch der anstehende Jahreswechsel deutlich geprägt: Auf der Sylvesterparty in Eriks und Karins nur noch mäßig trautem Eigenheim wird Adam Zeuge des neuen Glücks seiner Noch-Ehefrau sowie Opfer der ätzenden Giftspritzereien seiner aufgebrachten Schwägerin, die ihn mitsamt all seiner Geschlechtsgenossen am liebsten zum Mond schießen würde.

Vor lauter Unglück sieht Adam sich veranlasst, diesem so unzart artikulierten Begehren insoweit nachzukommen, dass er zumindest seinem wertvollsten aber am wenigsten benutzten Körperteil eine solche Reise ermöglichen möchte. In letzter Sekunde gelingt es aber dem großen Bruder, seinen kleinen davon abzuhalten, die große Feuerwerksrakete, die letzterer sich in den Mund gesteckt hat, fachgerecht zu zünden.

Trotz des Fehlschlagens der pyrotechnischen Selbstenthauptungsaktion mußs das neue Jahr allerdings bei allgemein kopfloser Stimmung im Hospital begrüßt werden, denn mittelschwere Verbrennungen an Eriks Hand sowie an Adams Ohr ließen sich im Verlauf der brüderlichen Rettungsmaßnahmen leider nicht vermeiden. Prost Neujahr!

Während Eva und Olli an einer gemeinsamen Zukunft basteln, wobei schnell klar wird, dass Olli für die nächsten siebzig Jahre schon einen ausgearbeiteten Lebensplan in der Schublade hatte, kommt Adam immer mehr auf den Hund.

Sein Selbstmitleid, mit dem er seiner Immer-noch-Zimmerwirtin Charly beharrlich auf die Nerven geht, steigert sich infolge eines tränenreichen Scheidungstermins, bei dem sogar die Augen des Familienrichters (Wolf Dietrich Sprenger) nicht trocken bleiben, bis zur nackten Verzweiflung.

In dieser Verfassung unternimmt Adam einen zweiten Versuch, seinem nunmehr völlig verwirkten Leben ein kinogerechtes Ende zu setzten: Mit einem üppigen Tablettenvorrat begibt sich der Lebensmüde zum winterlichen Strand, dessen nebelverhangene Melancholie die geeignete Kulisse für sein morbides Vorhaben abzugeben scheint - Gustav von Aschenbach lässt schön grüßen.

Doch gerade als Adam eine größere Menge der daueranästhesierenden Pharmazeutika aus Leverkusen in seinem Mundraum verstaut hat, betritt Eva die pittoreske Szenerie. Ihr plötzliches Auftauchen bewirkt bei Adam kein verdutztes Schlucken, sondern eine sofortige orale Ejakulation in die vorgehaltene Hand. "Hast Du nicht Lust, zu meiner Junggesellinnenabschiedsfeier zu kommen?", fragt sie.

Adam hat Lust, und es wird sogar nicht nur lustig, sondern auch lustvoll. Denn als einziges männliches Wesen wird ihm auf der recht feucht-fröhlichen Party eine gesteigerte Aufmerksamkeit von allen Seiten zuteil. Dies bleibt auch Eva nicht verborgen, bei der sich eifersüchtige Gefühle regen: Schließlich ist das ihre Feier!

So kommt es, wie es kommen mußste: Am anderen Morgen - es ist der Hochzeitsmorgen - finden sich Adam und Eva zwischen zerwühlten Laken wieder, nackt wie Gott der Herr sie schuf. Alles auf Anfang?

Adams verspätetes Eintreffen in Charlys Behausung - es ist fast schon Mittag - wird von der Wohnungsbesitzerin mit einer fast schon verdächtig heftigen Zornestirade zur Kenntnis genommen: Immerhin steht eine anstrengende Hochzeitsfeier bevor.

Und hatte ihr nichtsnutziger Untermieter nicht versprochen, vorher die Küche aufzuräumen? So wütend hat Adam seine alte Sandkastenfreundin noch nie erlebt, obwohl sie immer auch schon eine Freundin des klaren Wortes war.

Die Hochzeitsfeier nimmt daraufhin einen etwas ungewöhnlichen Verlauf, vor allem aus der Sicht des frischgebackenen Bräutigams. Denn auf seinen Ehrentanz mußs Olli eine ganze Weile warten, da Eva zunächst ausgerechnet mit Adam traumversunken übers Parkett wirbelt. Später wird die Braut nach alter Sitte entführt.

Die alte Sitte sieht allerdings nicht vor, dass das lustige Kidnapping vom Ex-Ehemann veranstaltet wird und dass es dabei zwischen Täter und Opfer so einvernehmlich zugeht wie in diesem Fall. Als Adam und Eva gerade im Begriff sind, ihre gespitzten Lippen aufeinander zu pressen, werden sie jedoch vom Bräutigam und seinen Sekundanten an ihrem Zufluchtsort gestellt.

Nach Evas Rückführung auf ihre eigene Hochzeitsfeier realisiert Adam endlich, dass sie nun definitiv einem anderen gehört.

Schnitt. Zwei Jahre später. Was ist nun aus Adam, Eva, Olli und Charly geworden? Nur soviel sei verraten: Das Schicksal hat dieses Quartett ganz schön durchgemischt und die Karten völlig neu auf dem Tisch ausgebreitet ...

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