28 Days Later

Produktionsnotizen

Nach ihrer Kooperation bei The Beach suchten Andrew Macdonald und Alex Garland nach einer erneuten Möglichkeit, ihre Zusammenarbeit fortzusetzen. "Alex hat eine natürliche Begabung fürs Geschichtenerzählen. Ich wollte unbedingt einen Film drehen, der dieselbe Energie und Leidenschaft enthält, wie seine Bücher", erinnert sich Macdonald.

"Als er mir anvertraute, dass er schon immer einmal Science-Fiction schreiben wollte, gab ich ihm den Tipp, sich doch eingehend mit H.G. Wells' ,The Time Machine' oder einer anderen in Großbritannien spielenden Story zu beschäftigen."

"Ich sehe den Film indirekt als Kriegsfilm mit Anleihen bei den Zombiefilmen der 70er Jahre und englischer Science-Fiction-Literatur", verdeutlicht Garland. "Vor allem inspirierten mich J.G. Ballard und John Wyndam."

"Alex lieferte uns ein 50-Seiten-Skript, das schließlich die Basis für 28 Days Later bildete. Die Vorlage erwies sich als äußerst unterhaltsam und kurzweilig", lobt Macdonald. "Wenn Alex ein Drehbuch schreibt, kann man den Film förmlich vor sich sehen. Man wartet gespannt darauf, was als Nächstes passiert - für mich ist das der Knackpunkt einer Geschichte. Alex besitzt diese Fähigkeit im Übermaß."

Anschließend schickte Macdonald das Skript zu Danny Boyle, der soeben mit "Strumpet" und "Vacuuming Completely Nude in Paradise" zwei digital gedrehte Produktionen für die BBC fertig gestellt hatte. "Wir brauchten Dannys visuelle Ausdrucksstärke, um Alex' Schreibstil und Energie angemessen umsetzen zu können", erzählt Macdonald. "Er vermag das Geschriebene auf eine überraschende Weise neu zu interpretieren."

Garland zeigte sich hoch erfreut über die Gelegenheit, erneut mit dem Team von The Beach zusammenzuarbeiten. "Danny ist witzig und ungeheuer einfallsreich. Er bringt dich gleichzeitig zum Lachen und Nachdenken. Andrew dagegen achtet peinlich genau auf Details, sieht die Handlung jedoch trotzdem mehr als jeder andere im Kontext. Wenn man sich mit ihnen unterhält, lernt man ständig Neues über das Filmemachen und Kino im Allgemeinen. Ich schätze mich glücklich, mit ihnen arbeiten zu dürfen."

Boyle fühlte sich augenblicklich von dem Skript fasziniert, bestand aber darauf, kein typisches Genre-Movie zu drehen. "Ich mag Zombiefilme recht gern, die stammen jedoch einfach aus einer anderen Zeit. Damals war die Gesellschaft verängstigt wegen der möglichen Folgen eines Atomkriegs oder der Atomenergie.

Ich bin kein großer Fan dieses Genres, aber ich liebe die Art, wie Alex der gesamten Viren-Endzeit-Thematik einen neuen Dreh verpasst hat - den psychologischen Virus anstatt eines klinischen. Deshalb finde ich im Nachhinein, dass wir dem Genre zwar Respekt gezollt, uns dennoch neue Sichtweisen erlaubt haben."

"Die Kernaussage des Films dreht sich darum", erklärt Macdonald, "dass Wissenschaftler versuchen, ein Heilmittel gegen die Wut zu erfinden. Ein sedierendes Medikament, das ähnlich wie Valium bei Depressionen wirken soll. Während des Entwicklungsprozesses werden Schimpansen mit einem Virus infiziert, der einen permanenten Zustand rasender Wut hervorruft."

"Der Virus schlägt zunächst bei den Primaten durch", verdeutlicht Boyle. "Er ist höchst ansteckend und wird durch Blutkontakt übertragen. Als Folge ruft er entsetzliche Aggressionen hervor, die dazu führen, dass selbst das Hören einer menschlichen Stimme Mordgelüste auslöst. Die Krankheit hat etwas Selbstzerstörerisches, denn die Infizierten können sich nicht selbst ernähren. Sie verstehen die Grundlagen des Lebens nicht, sie kennen nur das Töten."

"Die Idee eines psychologischen Virus' schien völlig zeitgemäß", fährt Boyle fort. "Anders als herkömmliche physikalische Infektionen passt sich der Virus dem modernen Phänomen der Social Rage an. Wir alle können deren Auswirkungen jeden Tag selbst auf der Straße, im Flugzeug, in Krankenhäusern und Supermärkten beobachten!

Natürlich ergibt das einen tollen Stoff für die Nachrichten, doch hinterlassen diese Vorfälle ein äußerst ungutes Gefühl. Wenn man sich einmal mit älteren Leuten unterhält, bestätigen die, dass es so etwas zu ihrer Zeit nicht gegeben hat. Natürlich waren die Menschen früher auch aggressiv und haben sich bekämpft, doch Social Rage ist ein typisches Phänomen der heutigen Zeit."

"Die Handlung kreist um eine Gruppe Überlebender, die versucht, sich in Sicherheit zu bringen, nachdem der Virus aus dem Labor entweichen konnte und ganz Großbritannien, ja vielleicht sogar die ganze Welt befallen hat. Großbritannien wurde weitgehend evakuiert, deshalb wirkt die Landschaft so apokalyptisch", erklärt Boyle.

"Mir war es wichtig, mich von der Möglichkeit einer gesellschaft-lichen Lösung zu verabschieden. Vor einem Virus kann man sich nicht immer schützen. Dieser spezielle Erreger sollte bis zur Unkontrollierbarkeit ansteckend sein. Denn man kann sich nicht vor etwas schützen, das jeder in sich trägt - Wut. Zurzeit existiert so etwas wie ein psychologischer Krankheitserreger noch nicht, aber wer weiß?

Erst kürzlich haben zwei Deutsche einen künstlichen Polio-Virus aus Materialien synthetisiert, die sie sich über mehrere Jahre via Internet gekauft haben. Und dabei ist der genetische Bauplan des Polio-Virus noch relativ einfach. Aber offenbar ist das Wissen zur Herstellung eines komplizierteren Erregers wie dem der Pocken vorhanden. Die technischen Vorraussetzungen dafür sind bekannt, also ist es nur eine Frage der Zeit."

Zeitlich gesehen setzt die Handlung ein, nachdem der Virus Großbritannien bereits verwüstet hat. Genau dieser Aspekt faszinierte Regisseur Boyle. "Die Tatsache, dass die Geschichte erst 28 Tage nach dem Vorfall einsetzt, ermöglicht dem Publikum, die Dinge in Retrospektive zu erfahren.

Es gibt sichtbare Anhaltspunkte, anhand derer sich die Zuschauer vorstellen können, welche Horrorszenarien sich abgespielt haben müssen, bis es so weit kommen konnte. Das gibt dem Ganzen einen wundervollen Touch, spart Millionen an Produktionskosten und kam aufgrund Alex' schriftstellerischer Begabung so zustande."

Fünfzig Prozent des Produktionsbudgets stammten aus einer Lotterie, die Andrew Macdonalds und Duncan Kenworthys Firma DNA durchführte, die anderen fünfzig Prozent steuerte Fox Searchlight bei. Fox-Searchlight-Boss Peter Rice kam vor zwei Jahren von den Filmfestspielen in Cannes zurück, wo er das Drehbuch gelesen hatte und bekundete, dass er sich am Projekt beteiligen wolle.

"Fox mit dabei zu haben war natürlich fantastisch, denn wir arbeiten schon lange mit der Firma und vor allem mit Rice zusammen", schwärmt Boyle. "Peter war äußerst loyal und hat überhaupt keinen Druck in Bezug auf das Casting oder den Filminhalt ausgeübt. Unsere Beziehung hat sich als wertvoll erwiesen." "Schon in einem frühen Stadium der Drehbuchentwicklung kam die Idee auf, mit Digitalkameras zu drehen. Das würde dem Film einen anderen Look und ein neues Gefühl verleihen. Unsere realitätsnahe Science-Fiction würde dadurch noch interessanter wirken. Die Flexibilität des Materials erlaubte es uns außerdem, einige wirklich große Sequenzen zu realisieren - etwa die Außenszenen, für die ganze Straßen gesperrt werden mußsten," erklärt Macdonald.

Boyle hatte zusammen mit Kameramann Anthony Dod Mantle bereits "Strumpet" und "Vacuuming Completely Naked in Paradise" in DV gedreht. Deshalb konnte er viele Gründe dafür geltend machen, warum er hier wieder auf die neue Technik zurückgriff. "Für mich mußs ein in der Geschichte verankerter Grund dafür existieren, auf DV zu drehen", erläutert Boyle.

"Die Technik ist einfach angemessen für diese endzeitlichen Landschaften. Trotz der Drehtage auf dem Land ist dieser Film doch durch und durch urban. Und ich denke, die digitalen Aufnahmen besitzen eine Körnigkeit, die sie für ,Stadtfilme' prädestinieren. In allen Großstädten ist man von Überwachungskameras umgeben, sie zeichnen jede unserer Bewegungen auf. Sie sind das moderne Medium, das unser tägliches Leben dokumentiert."

"Wir wollten auch für unsere Welt ein neues Aussehen schaffen. Elektrizität und Umweltverschmutzung gehören der Vergangenheit an. Eine neue Stille hat sich der Erde bemächtigt", erklärt Boyle. "Digitalkameras passen sich schlechten Lichtverhältnissen außerdem viel besser an. Wir versuchten generell so zu drehen, als ob wir selber ums Überleben kämpfen würden."

Produzent Andrew Macdonald verdeutlicht darüber hinaus, dass der Film mit herkömmlichem Material wohl unmöglich zu realisieren gewesen wäre. "Die Szenen in London sind das Kernstück des Films. Polizei und Stadtverwaltung haben uns deshalb so bereitwillig unterstützt, weil wir alles so schnell über die Bühne bringen konnten.

Wir konnten buchstäblich ein Set-up mit sechs Kameras innerhalb von Minuten aufstellen. Dann durften wir den Verkehr für eine oder zwei Minuten stoppen. Das Ganze haben wir dann bei mehreren wichtigen Locations durchgezogen - was wir realistisch gesehen mit einer 35mm-Kamera niemals geschafft hätten. Denn damit braucht man wesentlich mehr Zeit - nur um eine einzige Aufnahme in den Kasten zu bekommen."

DAS CASTING Als es an der Zeit war, die Besetzung zu durchdenken, entschieden wir uns bewusst gegen bekannte Darsteller in den Hauptrollen. "Wir empfanden es als wesentlich passender, den Film nicht zu einem Star-Vehikel werden zu lassen. Es sollte - ganz gegen den Strich - eine Gruppe von Gleichberechtigten gefunden werden", erinnert sich Boyle.

Für die Rolle des Jim besetzte Boyle den Schauspieler Cillian Murphy. Boyle hatte Murphy in dem Bühnenhit "Disco Pigs" gesehen und in ihm genau jene Unschuld entdeckt, die er sich für seinen Hauptdarsteller wünschte.

"Zuerst ist er ein leichtlebiger Slacker, der es gerade so schafft jeden Morgen aufzustehen und der einen beinahe nabelschnurartigen Kontakt zu seinen Eltern aufrecherthält - und plötzlich wird Jim gezwungen, erwachsen zu werden und (zum Ende des Films) sogar eine Art Leitfigur darzustellen. Für mich besitzt Cillian diese Qualitäten", erklärt Boyle.

Neben der Aussicht, mit dem kreativen Team - bestehend aus Boyle, Macdonald und Garland - zu arbeiten, faszinierte Murphy vor allem das Skript. "Das Drehbuch unterschied sich grundlegend von allen, die ich vorher gelesen hatte, und meine Figur Jim hat etwas sehr Körperliches. Er begibt sich auf eine große Reise, an deren Beginn die völlige Verwirrung steht, deren Ende jedoch durch einen schrecklichen Racheakt markiert wird."

Naomie Harris übernahm den Part der Selina. "Als ich das Skript las, habe ich mich sofort darin verliebt. Ich fand es brillant und herausragend. Selina überlebt den Virus aufgrund ihrer Unabhängigkeit und Kraft. Emotional hat sie sich abgeschottet, um zu überleben.

Deshalb stellte diese Rolle eine große Herausforderung dar", schwärmt Harris. "Naomie besitzt phänomenale Talente und große Geschicklichkeit. Und obwohl sie echte Eleganz ausstrahlt, kann sie gleichzeitig recht tough sein. Damit empfiehlt sie sich natürlich für diese Rolle", erzählt Boyle.

Beim Lesen des Drehbuchs schwebte Boyle der Schauspieler Brendan Gleeson für die Rolle von Megans verwitwetem Vater Frank vor. "Nachdem ich ihn in Der General und all seinen anderen Parts gesehen hatte, wollte ich unbedingt diesen eindrucksvollen, warmherzigen und stattlichen Mann besetzen, diese vollendete Vaterfigur.

Man kann Veränderung spüren, sobald Brendan ins Bild kommt. Seine Wärme und Güte wirken sowohl im Film als auch hinter der Kamera. Er gehört zu den Schauspielern, die man am liebsten bei allen Projekten dabei haben würde", erzählt Boyle. Auch Gleeson fand das Skript extrem spannend, auch wenn er sich normalerweise nicht für derartige Stoffe interessiert.

"Eigentlich begebe ich mich weder gerne in die Zukunft noch in die Vergangenheit. Doch weil Danny mitmachte und mir das Drehbuch zusagte, fühlte ich mich zu diesem Projekt hingezogen. Mein Part ist mit seiner Wärme zwischen all diesen schrecklichen Geschehnissen gefangen, deshalb liebte ich die Rolle geradezu", gibt Gleeson zu. "Danny besitzt fantastisches Feingefühl. Dieses wunderbare Gespür machte die Arbeit mit ihm einzigartig."

Christopher Eccleston hat bereits bei Kleine Morde unter Freunden und erst kürzlich in der TV-Produktion "Strumpet" mit Danny Boyle zusammengearbeitet. Er wurde hier nun für die Rolle des Henry West ausgewählt. "Bei den Dreharbeiten zu ?Strumpet' habe ich viel Spaß mit Chris gehabt", erzählt Boyle.

"Als Schauspieler entwickelt er sich ständig weiter. Deshalb dachte ich, es würde der Dynamik des Films zugute kommen, wenn ich ihn den Henry spielen ließe. Er versieht nämlich jede seiner Rollen mit einem Schuss Menschlichkeit. Dies war gerade hier für seinen Part des Soldaten sehr wichtig - besonders, weil er die ganze Zeit eine Art Oberlehrer bleibt. Er bringt einen dazu, den Mann und dessen Weltsicht zu verstehen."

Und auch Eccleston wusste das schockierende, spannende und clever erzählte Skript zu schätzen. "An der Rolle der Autoritätsperson interessierte mich vor allem die Grauzonen, die Bereiche, in denen Führungsfiguren für uns äußerst wichtig werden, in denen sie größere Menschlichkeit erlangen können, als wir selbst. Das erschien mir viel interessanter, als nur einen typisch eindimensionalen Rüpel zu verkörpern", verdeutlicht Eccleston.

"Danny besitzt ein ausgeglichenes Wesen und diese immense persönliche Energie, die bei all seinen Filmen zum Vorschein kommt. Er schafft eine positive Arbeitsatmosphäre, in der sich jeder wohl fühlt. Außerdem liegt in der Art, wie er die Kameras nutzt und bewegt, ein toller Schwung. Es tat gut, wieder mit ihm zu arbeiten."

Die fünfzehnjährige Megan Burns war sich fast sicher, dass sie die Rolle von Franks stiller, selbstbewusster Tochter Hannah nicht bekommen würde. "Beim Vorsprechen versuchte ich einfach, ich selbst zu sein. Doch weil alle anderen sich völlig von mir unterschieden, dachte ich nicht im Traum daran, dass ich es geschafft hätte", erinnert sich Burns.

Boyle hatte Burns bereits in Liam gesehen. Für diese Leistung gewann sie auf den Filmfestspielen in Venedig den Preis als beste Schauspielerin, doch erst ihr Vorsprechen überzeugte den Regisseur von ihrer Eignung.

"Sie besitzt eine unglaublich ehrliche, schöne Ausstrahlung. Sie wirkt völlig ungekünstelt und nett, überhaupt nicht aufdringlich - diese Aura habe ich an ihr einfach geliebt", verdeutlicht Boyle.

Für die Nebenrollen der Soldaten wurde eine Truppe talentierter junger Männer ausgesucht. Leo Bill spielt Jones, Ricci Harnett Mitchell, Stuart McQuarrie Farrell, Marvin Campbell Mailer, Sanjay Rambaruth Davis, Ray Panthaki Bedford, Junior Laniyan Bell und schließlich Luke Mably Clifton.

Obwohl sie im Film nur kurz zu sehen sind, wollte Boyle das Publikum dazu bringen, sich mit den Männern zu identifizieren und sie als Einheit zu betrachten. "Sie sind ein großartiger Haufen aufregender junger Schauspieler mit einer Erfolg versprechenden Zukunft im Film", begeistert sich Boyle. "Mindestens zwei haben das Zeug zum Filmstar. Ich verrate natürlich nicht welche!"

Als Vorbereitung wurden die Film-Soldaten, darunter auch Eccleston, übers Wochenende in ein Trainingscamp entsandt. "Ich wusste, die Routine und der Ablauf in der Armee würde ihnen weiterhelfen, sich richtig zu bewegen und auszusehen wie Soldaten. Und es hat gut funktioniert", erklärt Boyle.

"Die Schauspieler hörten Vorlesungen von ehemaligen Special Air Service-Soldaten und nahmen an Manövern teil. "Wir lernten den grundlegenden Umgang mit der Waffe, um zu erreichen, dass das Gewehr eins wird mit deinem Körper", erklärt Eccleston. "Wir haben sogar mit scharfer Munition geschossen! Zuerst mit einer Maschinenpistole, anschließend mit einem aufgebockten Maschinengewehr.

Ehrlich gesagt, fand ich das ziemlich Furcht erregend. Wir hatten zwar nicht viel Zeit, doch in dieses kurze Training packten wir so viel Lernstoff wie nur möglich. So bekamen wir einen kleinen Einblick, wie sich Soldaten bewegen und denken."

Das Camp erleichterte den Darstellern auch die Entwicklung der Gruppendynamik. "Mimen tun sich damit sowieso leicht. Das gehört zu den schönen Seiten der Schauspielerei, denn man ist daran gewöhnt, irgendwo aufzutauchen und sich mit Fremden anzufreunden. Es hat dann auch sehr schnell funktioniert", erinnert sich Eccleston.

"Ich denke, die Soldaten, die uns trainierten, haben die Arbeit mit uns auch genossen. Schauspieler sind nämlich wissbegierig, probieren gerne etwas aus und lernen schnell - darum geht's in diesem Business schließlich. Außerdem spielen tolle Leute mit, die sich untereinander gut verstehen.

Und hoffentlich verleihen die Soldatenrollen der Handlung noch einen menschlichen Blickwinkel, neue Ansichten, Probleme und Charakterzüge. Die Leute, die wir darstellen, besitzen noch einen gewissen Anstand, anstatt nur die gesichtslose Autorität zu repräsentieren. Zumindest hoffe ich das."

In der letzten Woche vor Drehbeginn fanden die Proben statt. Boyle nutzte die Zeit, um mit den Darstellern im Taxi durch London zu fahren, zusammen die Szenen durchzusprechen und den Schauspielern die Gelegenheit zu geben, sich mit dem Taxi vertraut zu machen.

Gleeson empfand das Vehikel als eines der Highlights der Produktion. "Es macht wahnsinnigen Spaß. Diese Dinger sind einfach großartig. Man kann sich richtig vorstellen, wie die Leute an diesen Autos hängen, nachdem sie einmal dreißig Jahre lang gehalten haben. Ganz zu schweigen von dem Fahrgefühl."

DIE DREHARBEITEN Am 1. September starteten die neunwöchigen Dreharbeiten, doch zuvor wurden bereits über vier Juli-Tage hinweg Jims Szenen im verlassenen London gedreht. Die Filmarbeiten fanden morgens, vor Einsetzen des Berufsverkehrs statt, um die Sperrung der Straßen zu vereinfachen.

Die Szene mit den Plakatwänden am Piccadilly Circus wurde vor dem Inferno des 11. September gedreht. "Die Einstellung basierte auf einer Fotografie, die ich von einem Erdbeben in China gesehen hatte. Eigentlich bildet sie nur einen zutiefst menschlichen Wunsch ab - Leute versuchen einander zu finden, versuchen Verbindung zu anderen Menschen zu bekommen, nachdem die normalen Kommunikationskanäle zusammengebrochen sind oder sich als nicht praktikabel erwiesen haben.

Natürlich ist Ground Zero nur eines der neuesten und gravierendsten Beispiele für diese Art Vorgehen. Doch wenn man sich all diese Katastrophen einmal ansieht, wenn Menschen Kontrollverlust erleben und das Gefühl haben, nicht über die Ereignisse informiert zu werden, greift man ganz automatisch auf diese bewährte Methode der Kommunikation zurück. Nach dem 11. September hätte ich diese Szene nie so gedreht, und im Schnitt versuchten wir dann alles zu vermeiden, was voyeuristisch gewirkt oder die Gefühle wirklich Trauernder verletzt hätte."

"Das Drehen der Szenen in London war wirklich fantastisch. Vor dem Hauptdreh nahmen wir uns vier Tage im Juli Zeit, begannen jeden Tag um drei oder vier Uhr morgens mit den Vorbereitungen, bis die Sonne aufging", erinnert sich Macdonald.

"Wir konnten eine Stunde lang filmen, bevor zu viel los war, um den Verkehr aufzuhalten. Es war aufregend, die ganze Westminster Bridge und die Uferpromenade für uns sperren zu lassen und den Verkehr zu stoppen. Und dass man nichts hören konnte, wirkte toll, war aber auch ein wenig unheimlich."

"Alex' ursprüngliche Vorstellung des evakuierten Londons bestand hauptsächlich aus fehlendem Lärm - und Stille kann man ja im Film problemlos realisieren", erklärt Macdonald. "Darüber hinaus mußsten wir viele Nachtszenen tagsüber drehen, weil man Aufnahmen unkomplizierter nachdunkeln kann, als digital alle Beleuchtungen zu eliminieren."

Boyle fährt fort: "In diesem verlassenen London herumzulaufen, hat mich richtig angeturnt, denn es war eines unserer Haupt-anliegen, die Szenen so echt wie möglich wirken zu lassen. Dieses Ziel konnten wir nur durch den massiven Einsatz von DV-Kameras erreichen. Wenn man die geschickt genug platziert, kann man Sequenzen fertig stellen, die wesentlich aufwändiger und komplizierter wirken als konventionell gedrehte Szenen."

Die Londoner Szenen bedeuteten Boyle sehr viel. Er erklärt: "Wir wollten Großbritannien als eine Art magische Landschaft darstellen. Wegen seiner geringen Größe sind uns dummerweise die meisten Landstriche jedoch bereits als Hintergrund aus dem Fernsehen vertraut. Wir versuchten also, das Land unkenntlich zu machen, um das Publikum die Gegend als größer empfinden zu lassen, als sie in Wirklichkeit ist."

Als man nach Drehorten abseits der Londoner Wahrzeichen suchte, entschieden sich die Filmemacher dazu, den Dreh auf eine Gegend zu beschränken. Sie mußsten ein Gebiet finden, das relativ leicht als verlassen darzustellen war, und das East End schien dafür ideal. "Weil ich im East End lebe, weiß ich auch, dass man sich da viel leichter bewegen kann als im West End", sagt Boyle.

"Die Straße sind nicht so verstopft, die Drehgenehmigungen leichter zu bekommen und darüber hinaus wird West London im Filmbusiness ohnehin zu viel Bedeutung beigemessen." Und auch in den Docklands wurden einige Szenen gedreht. "Die Docklands wirken extrem künstlich, deshalb wirkt die Redundanz von Kommerz dort auch so treffend. Also filmten wir dort und nicht in einer bewohnteren Gegend."

Zu weiteren Drehorten zählen der Trafalgar Square in Salisbury und das TRL Research Centre in Crowthorne. Für die letzte Drehwoche zog der Produktionstross in den baden-württembergischen Schwaben Park, wo die Laborszene gefilmt wurde.

Als eine der größten Herausforderungen der gesamten Produktion sollten sich die Dreharbeiten auf einer verlassenen Autobahn erweisen. Die Filmemacher erhielten die Genehmigung, an einem Sonntagmorgen von 7:00 bis 9:00 Uhr auf der A1 zu drehen.

Mit Hilfe der Polizei, die auf beiden Fahrbahnen den Verkehr verlangsamte, sowie zehn Kameras gelang es dem Stab, eine Minute völliger Leere auf der Autobahn aufzunehmen, die sie für Franks Fahrt nach Manchester benötigten. "Die Dreharbeiten waren ein logistischer Alptraum, doch gerade diese Aufnahmen wirken wunderbar unheimlich", verdeutlicht Boyle. "Man bekommt das Gefühl, ganz Großbritannien sei verlassen."

DIE INFIZIERTEN Von Beginn an machte sich Boyle viele Gedanken über die Darstellung der Infizierten. "Wenn man einen Film über Monster oder Ähnliches dreht, mußs man sich genau überlegen, wie man sie einführt. Von meinen Monstern - den Infizierten - wünschte ich mir, dass sie sich mit beinahe übermenschlicher Geschwindigkeit bewegen sollten.

In Manchester hatte ich bereits einige Digitalfilme fürs Fernsehen gedreht und dabei einen Weg gefunden, die Möglichkeiten der Kamera auszunutzen. Dabei werden schnelle Bewegungen auf ganz besondere Weise aufgenommen und von den Digitalkameras noch einmal recht verstörend weiterverarbeitet - die Abläufe wirken nicht so fließend, wie man es erwarten würde.

Es entsteht ein Stakkato-Effekt, der jedoch ganz anders aussieht als beim Schrittkopieren. Das Ergebnis liegt irgendwo in der Mitte." Als kluger Schritt bei der Darstellung der Infizierten erwies sich der Einsatz von Sportlern - natürlich nur, wo möglich.

"Wenn man Athleten beim Ausüben ihrer Sportart beobachtet, realisiert man, dass man diese oder jene Bewegung eigentlich selbst auch umsetzen können sollte. Dennoch weiß man nur zu genau, dass man in Wirklichkeit dazu einfach nicht in der Lage wäre", verdeutlicht Boyle. "Der Gedanke an Sportler, die plötzlich aggressiv werden und auf einen losgehen, erschien mir extrem beängstigend."

Auf klinischer Ebene ähnelt der Film-Virus dem Ebola-Erreger. Der Virus, in dessen Folge extremer Blutverlust einsetzt, befällt nur Primaten - also auch Menschen -, wird mittels Blut übertragen und endet meist tödlich. Der Krankheitsbeginn erfolgt ganz plötzlich, die Opfer entwickeln in manchen Fällen Ausschlag, bekommen rote Augen und es kommt zu inneren und äußerlichen Blutungen.

Für den Film mußsten jedem Infizierten Kontaktlinsen angepasst werden, um den Eindruck zu erwecken, die Augen würden nach innen bluten. Produzent Andrew Macdonald frotzelt: "Überall war eine Menge Blut. Also gab es auch eine Menge Augen herzurichten. Dafür haben wir den Großteil unseres Budgets ausgegeben!"

28 Days Later ist eine Koproduktion von Fox Searchlight Pictures und DNA Films. Die weltweiten Vertriebsrechte liegen bei Fox Searchlight. Fox Searchlight Pictures ist Fox Filmed Entertainment angeschlossen, die wiederum zur Fox Entertainment Group gehört. DNA Films wurde 1997 von Duncan Kenworthy und Andrew Macdonald gegründet.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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