Bollywood Hollywood

Produktionsnotizen

Bollywood für Einsteiger Hintergrund Bombay (mittlerweile Mumbai) ist für die indische Filmindustrie das selbe wie Hollywood für sein nordamerikanisches Pendant - so wurde die Bezeichnung Bollywood für das indische Kino geprägt. Bollywoods Wurzeln reichen zurück bis in das Jahr 1913, als der erste Stummfilm über die Leinwand flimmerte. Die Industrie schafft einen enormen Output.

In jedem Jahr werden schätzungsweise 500 Filme in Indien veröffentlicht, darunter etwa die Hälfte in Bollywoods "Muttersprache" Hindi. Doch die Sprache erweist sich stets als minimales Hindernis. Das Kino verbindet indische Auswanderer von Mumbai über Dakar, Dubai, New York, Toronto und zahllose andere Großstädte.

Wie auch in Hollywood, folgt man im zeitgenössischen Bollywood Konventionen, die in zeitlosen Filmklassikern festgelegt wurden.

Regeln Auch in Bollywood werden die typischen Genres bedient, die sich in Hollywood größter Beliebtheit erfreuen - Komödie, Actionfilm, Romanze, Familiendrama, Thriller - sowie deren Weiterentwicklungen und Kombinationen. Doch es sind nicht die Geschichten per se, sondern deren Erzählweise, durch die sich Bollywood von Hollywood unterscheidet. Folglich hier einige bemerkenswerte Zutaten eines typischen Bollywood-Films:
  • Musik: Alle Bollywood-Produktionen sind Musicals und enthalten Original-Kompositionen. Musik wird allgemein als Verstärker der emotionalen Bindung des Zuschauers an die Story verstanden und ist ein "mußs" des Bollywood-Kinos. Songs begleiten den gefühlsmäßigen Spannungsbogen der Handlung. Deshalb enthält ein Soundtrack typischerweise Lieder, die die Glückseligkeit vor der Krise widerspiegeln, Musikstücke, die das Gefühlschaos der Protagonisten während der Problembewältigung reflektieren und Songs, die die glücklichen Ergebnisse feiern, bzw. das negative Ende der Story beklagen.

    Während eines Spielfilms werden zwischen fünf und sechs Original-Stücke vorgetragen, die etwa fünf Minuten dauern. Bollywoods Zuschauer sind derart an dieses filmische Format gewöhnt, dass Produktionen ohne Songs als Rarität und definitives Risiko an der Kinokasse angesehen werden.

  • Themen: Die Bewahrung der Tradition gehört zu den Hauptthemen des indischen Kinos. Das Traditionelle wird unweigerlich als dem Modernen überlegen dargestellt: das Landleben höher bewertet als das Stadtleben, die 'Tongas' genannten Pferdekarren sind besser als Lastwagen, Indien wertvoller als Indiana und so weiter.

    Eine weitere Technik, die Traditionen hoch zu halten, ist die genaue Beschreibung überlieferter Bräuche, darunter insbesondere der Hochzeit. Viele Bollywood-Filme - besonders Produktionen der 90er Jahre - zeigen dieses aufwändige, mehrtägige Event von seiner glamourösesten Seite.

  • Typische Charaktere: Ältere Familienmitglieder, männliche wie weibliche (Großmütter/Großväter, Väter/Mütter, Schwiegermütter/Schwiegerväter), verkörpern im indischen Film die Kräfte der Traditionen. Der Protagonist - der wiederum die Veränderung symbolisiert - ist ein jüngeres Familienmitglied.

    Obwohl es Produktionen mit weiblichen Hauptfiguren gab, ist der typische Bollywood-Protagonist männlich, während sein weiblicher Counterpart als emotionale Stütze während des Verlaufs seiner Krise fungiert.

Der typische Bollywood-Plot enthält die Interaktion zwischen zwei Archetypen, die die Kräfte von Tradition und Veränderung symbolisieren. Dieser Machtkampf wird über Komik oder Tragik vermittelt, kann aber auch die Basis für einen Actionfilm bilden. Bollywood Hollywood: Der Film Der Film repräsentiert Deepa Mehtas spielerischen Tribut an die Regeln des indischen Kinos. Zum Beispiel die Verwendung von Bildunterschriften vor Musiksequenzen - wie etwa Rahuls Klagelied - das ist ein absolutes Tabu in Bollywood, denn der Untertitel vermittelt Humor und negiert so die Aussage des Liedes.

Ebenso der Untertitel - "Die Familie die zusammen betet, bleibt auch zusammen. Wer weiß das schon" - er veräppelt auf charmante Weise all die jüngsten Bollywood-Blockbuster, die mit überzogener Ernsthaftigkeit das rituelle Familiengebet zeigten.

Deepa Mehtas Verwendung von typischen Bollywood-Figuren erscheint zwar vertraut, ist es aber nicht. Keine Bollywood-Matriarchin, die etwas auf sich hält, würde Shakespeare zitieren. Niemals! Sie würde ihre Pfeile aus dem reichhaltigen Köcher der indischen Überlieferungen abschieße.

Als zweite liebenswerte Figur fungiert der Vater der weiblichen Hauptfigur. Während es ihn nach Tradition dürstet, sind die einzigen traditionellen Quellen, aus denen er schöpft, alte Bollywood-Filme!

Die Handlung des Filmes entspricht nur scheinbar der traditionellen Bollywood-Geschichte eines Machtkampfes zwischen Bewahrung und Wandel. Ab dem Zeitpunkt, an dem die weibliche Hautfigur mit ihrer Identität und ihren Handlungen zur treibenden Kraft der Geschehnisse avanciert, driftet die Produktion ab vom indischen Standard. Dann übernimmt Hollywood das Ruder.

Produktionsnotizen Anmerkung der Regisseurin Was passiert, wenn zwei Genres im Kino aufeinandertreffen?

• Hollywoods Vorliebe für Romantik. Bollywoods Leidenschaft für Spannungsbögen.

• Hollywoods Gier nach einer Handlung, die Zufälle und Schicksalsschläge enthält. Bollywoods Sehnen nach einem Lied alle paar Minuten.

• Hollywoods Bedürfnis nach hübschen, modernen Frauen, die ihr leben im Griff haben. Bollywoods übliches Bild von Müttern, die ihre Männer im Griff haben.

• Hollywoods Sucht nach Happy Endings. Bollywoods Bestehen auf einer Moral.

Das Resultat ist ein Hybrid. Eine Liebeserklärung an beide Welten.

Ich empfand eine subversive Komödie als den besten Weg, das Schubladendenken von Hollywood wie Bollywood zu entlarven. Denn sind nicht Komödien das öffentliche Abbild persönlicher Entdeckungen?

Die Kernaussage von Bollywood Hollywood unterscheidet sich nicht von der meiner Filme Fire und Earth (1998). Dennoch ist die Taktik diesmal eine völlig andere. Obwohl Bollywood Hollywood einen romantischen, kulturübergreifenden Ausflug unternimmt, legt er auch das Aufeinanderprallen des Orthodoxen mit dem Zeitgenössischen bloß, zwischen der Tradition und dem Bedürfnis nach einer eigenständigen, unabhängigen Meinung.

Natürlich kann so etwas nur in Kanada, dem selbsternannten Hollywood North stattfinden. Einem Land, in dem die indischen Bewohner zuhause vor dem Altar Bollywoods beten, doch von Hollywoods Einflüssen bombardiert werden, sobald sie auf die Straße gehen.

Hintergrund Bollywood Hollywood ist eine Romantikkomödie über eine vielschichtige Gruppe von Kanadiern indischer Abstammung, die vom Millionär zum Automechaniker, vom der Edelhostess über die erzkonservative Großmutter bis hin zum rebellischen Teenager jede Facette der Gesellschaft widerspiegelt. So sehr sich die Individuen auch unterscheiden, eine Leidenschaft vereint sie - Bollywood.

Angefüllt mit der Sehnsucht nach einer Heimat, die zurückgelassen oder - wie in vielen Fällen - noch nie betreten wurde, besteht die Nabelschnur zu Indien für alle aus Filmen, die in Bombay gedreht wurden. Das Phänomen Bollywood ermöglicht nicht nur einen Zugang zum Vaterland, sondern auch Nähe. Satellitenfernsehen, DVDs, Filmtheater und Kinozeitschriften leisten ihren Beitrag dazu, diese hochgeschätzte Verbindung aufrechtzuerhalten.

Von Brampton bis Boston werden die Häuser wie MMMs (Mumbai Movie Mansions) eingerichtet, halbwüchsige Mädchen kleiden sich wie verführerische indische Heldinnen und junge Männer schlendern wie Shah Rukh Khan, ihr Idol aus den Vormittagsvorstellungen, oder tanzen mit der Verve eines Hritik Roshan. Selbst unverbesserliche Zyniker und Intellektuelle ergehen sich in begeisterten Kommentaren über ?Desi'-Filme.

Popularität und Einfluss des Genres haben sich weit über Indiens Grenzen hinweg manifestiert. In ganz Nordamerika und eigentlich auch der gesamten Welt eignen sich große Teile der ausgewanderten südasiatischen Bevölkerungsgruppen die Rituale von Bollywood an. Modetrends und traditionelle Zeremonien wie Hochzeiten, Geburtstage oder sogar Bestattungsrituale werden mit größter Sorgfalt imitiert.

Die Ironie liegt darin, das die meisten Bollywood-Produktionen selbst stark von den modernen Mainstream-Filmen Hollywoods beeinflusst sind. Natürlich wird die Handlung dem indischen Geschmack angepasst und Lieder wie Tänze mit unermüdlichem Feuereifer eingebunden. Doch Produzenten wie Regisseure in Mumbai sind dafür bekannt, sich mit großem Stolz zu brüsten, ihr "authentischer Film" sei eine "Originalkopie" eines großen Hollywood-Blockbusters.

In vielerlei Hinsicht erscheint die Popularität Bollywoods auch außerhalb seiner geographischen Grenzen als unvermeidlich. Deepa Mehta erhielt Anrufe von großen US-Publikationen, die über das Phänomen berichteten.

Im letzten Jahr wurde Lagaan: Once Upon a Time in India (Regie: Ashutosh Gowariker) als bester ausländischer Film für einen Oscar nominiert. Und das, obwohl der Film dreieinhalb Stunden dauert und acht Songs enthält! Mit der Zeit wurden die Leute aufmerksam und neugierig auf Bollywood und wollten es kennen lernen," verdeutlicht Mehta.

Die Story Nach dem vor zwei Jahren der Versuch gescheitert war, Water zu drehen, den letzten Teil der in Indien spielenden Trilogie, mußste Deepa Mehta unbedingt ein Stück schreiben, das sie zum Lachen brachte. Bollywood Hollywood war da genau das richtige. "Ich wollte eine Komödie drehen, die nicht nur die Kultur Bollywoods im Westen reflektierte, sondern auch auf subversive Weise die Komplexität und Eigenheiten des zeitgenössischen Kinos thematisierte."

Mehta wollte die Kluft zwischen den Kulturen erforschen und wie man sich die Bindung zum Vaterland bewart, ohne notwendigerweise sein Leben in einem neuen Land zu kompromittieren. Sie beschloss, sich in ihrer gewählten Heimat Kanada nach Inspiration umzusehen.

"Bollywood Hollywood hat überhaupt nichts mit den Problemen von Einwanderern zu tun," verdeutlicht Mehta. Denn Kanada ist voll von Immigranten, die sich mit ihrer Identität als Kanadier völlig wohl fühlen. Die Verbindungen zu ihrer Heimat geben ihrem Leben höchstens noch den gewissen Pep." Mehta verließ sich beim Schreiben des Drehbuchs über die Familie Seth auf ihre eigene Vertrautheit mit der indischen Gesellschaft.

"Die Familie lebt in Toronto und basiert hautsächlich auf meinen intensiven Recherchen. Doch dabei geht es nicht darum, in eine Bibliothek zu gehen und Bücher zu wälzen; man mußs schon Leute treffen. Die Seths sind wohlhabende Leute, deren Nabelschnur nach Indien verläuft. Jeder braucht etwas Heimatgefühl, und das definiert auch ihr Verhalten."

Obwohl Bollywood Hollywood einen Tribut an typisch indische Filme mit ihren Gesängen und Musicaleinlagen zollt, wurde Mehta auch stark von alten und neuen Hollywoodproduktionen beeinflusst. Thematisch konzentriert sich die "Hollywood"-Hälfte des Films auf dessen Cinderella-Pretty-Woman-Syndrom.

Darüber hinaus boten die Werke von Frank Capra und Billy Wilder eine Quelle der Inspiration. "Ich wollte Rahuls Figur wie einen James Stewart oder Cary Grant der 50er Jahre gestalten. Denn ich empfinde diese Charaktere als typisch für Romantikkomödien, und da kommt eben Hollywood ins Spiel."

Schon der Titel Bollywood Hollywood weist auf das Bestreben hin, eine Synthese der zwei unterschiedlichen Herangehensweisen an das Filmemachen zu schaffen. "Wie verschieden die beiden Genres auch wirken mögen, sie haben auch viel gemeinsam. Und nicht nur den klassischen Handlungsstrang. Der Vermischung von Hollywood und Bollywood bildet die Plattform, von der diese Komödie aus startet."

Das Casting Als sie den Entwurf der Geschichte komplettiert hatte, begann Mehta mit der Zusammenstellung ihres Ensembles. Diese Besetzung kombiniert altbewährte Schauspieler mit Industrie-Neulingen. Während sie die Hauptrolle des Millionärs Rahul Seth kreiere, hatte Mehta von Anfang an einen Darsteller vor Augen - Rahul Khanna.

"Rahul hat bereits bei Earth, meinem letzten Projekt mitgewirkt. Ich wollte unbedingt wieder mit ihm arbeiten. Rahul verfügt schauspielerisch über eine unglaubliche Bandbreite und Kontrolle - beides sind essentielle Voraussetzungen für eine mit Tradition und Verpflichtung beladene Figur. Sozusagen für das ?Auge' des Wirbelsturms. Es schadet natürlich nicht, dass er darüber hinaus noch wahnsinnig gut aussieht."

Auch Khanna wusste die Möglichkeit einer erneuten Zusammenarbeit mit Mehta zu schätzen. Ich mag viele Dinge an Deepa. Am wichtigsten aber sind ihre Fähigkeiten in der Führung der Schauspieler. Meiner Ansicht nach versteht sie die Darsteller wirklich und weiß, wie man die erwünschte Leistung aus einem Schauspieler herauskitzelt. Außerdem haben wir ja schon zusammengearbeitet, deshalb verstehen wir uns und wissen, wie wir funktionieren."

Khanna freute sich sehr über die Rolle des Rahul Seth. "Bollywood Hollywood dreht sich um die Geschichte seines Gewissenskampfes zwischen der Loyalität seiner Familie und deren Werten gegenüber und sich selbst, seiner kanadischen Erziehung, seinen Freundinnen und den anderen Aspekten seines Lebens."

Khanna fährt fort: "Die Familie Seth ist eine typisch indische Durchschnittsfamilie in Toronto, nur etwas extremer - natürlich haben wir alles bewusst ein wenig übertrieben und abgedreht dargestellt -. Bei der Entwicklung der Figuren der ausgewanderten Inder hatten wir großen Spaß."

Für die Figur von Sue, des Mädchens von der anderen Seite der Gesellschaft in die sich Rahul verlieben sollte, entschied sich Mehta für Lisa Ray. "Lisa wuchs in Toronto auf und wurde in Kanada geboren. Sie emigrierte in den 90ern nach Indien und gab ihr Filmdebüt in einer Bollywood-Produktion. Deshalb kennt sie sich in beiden Welten genauestens aus. Lisa hat ihren eigenen Kopf und richtig Mumm, also war sie prädestiniert dazu, Sue zu spielen. Mit Bollywood Hollywood gibt sie ihr nordamerikanisches Kinodebüt."

Ray fühlte sich sofort zu den Charakteren des Films hingezogen. "Neben der Möglichkeit mit Deepa Mehta zu arbeiten, faszinierte mich vor allem die Tatsache, dass ich mich in jede Figur hineinversetzen konnte. Ich lebe seit zehn Jahren in Bombay, kann also aufgrund meiner Erfahrungen den Finger auf jeden Unterschied zwischen den Familien dort und hier in Kanada legen."

Ihre tiefe Verbundenheit zu den Charakteren machte einen Großteil ihrer Faszination für die Verfilmung des Stoffes aus. "Sue steht mit beiden Beinen im Hier und Jetzt. Ihr indisches Erbe wurde bei der Erziehung großgeschrieben, doch gleichzeitig fühlt sie sich als Kanadierin und ist stolz darauf. Sie nimmt ihre Zukunft selbst in die Hand.

Anstatt bedingungslos dem Diktat der Tradition zu gehorchen, analysiert sie ihre Möglichkeiten und trifft selbständige Entscheidungen ... damit kann ich mich natürlich identifizieren. All diese Qualitäten geben mir ein vielschichtiges Betätigungsfeld zur Interpretation."

Die Beziehung zwischen Rahul und Sue stolpert zuerst so dahin und kommt aufgrund einiger Missverständnisse nicht recht in die Gänge, bevor die beiden schließlich in klassischer Liebesfilm-Tradition zueinander finden. Ray vergleicht ihr Problem mit dem eines Kultur-Kampfs. "Da prallen quasi zwei Welten aufeinander," erklärt sie.

"Rahul entstammt zwar keiner traditionsbewussteren Familie, doch er identifiziert sich mehr mit den kulturellen Traditionen als Sue. Dennoch ist er voll von Widersprüchen. Und ich denke, das ist genau der Punkt... es existieren massenhaft Widersprüche in der indischen Gemeinschaft. Man kann gar nicht wirklich "Inder" sein."

Mehta entschied sich dazu, die Rollen der älteren Ensemblemitglieder an Moushumi Chatterjee, die Ruby Seth verkörpert, und an Dina Pathak zu vergeben, die die Rolle der unverwüstlichen Grandma ji übernimmt. Chatterjee wie Pathak zählen zu Bollywoods legendären Superstars.

Die Zusammenarbeit mit beiden erwies sich als Riesenfreude für Khanna. "Die Erfahrung mit beiden war großartig, denn wir durften mit den Bollywood-Heroinen spielen. Moushumi Chatterjee, die meine Mutter verkörpert, hatte schon zuvor als weibliche Hauptdarstellerin mit meinem Vater gedreht, der während meiner Jugend in Bollywood schauspielerte.

Auch mein Bruder dreht Filme und erst kürzlich spielte sie seine Mutter in einer Produktion. Nun ist diese wunderbare Schauspielerin mit der immensen Filmerfahrung, die überall extrem respektiert wird, also meine Mutter. Dann auch noch meine Film-Oma Dina ... gehört zu den absoluten Veteranen des indischen Films."

"Ich castete eine ganze Menge kanadischer Darsteller," erklärt Mehta, "denn ursprünglich wollte ich eigentlich nur Leute von hier besetzen. Doch für die Rolle von Mutter und die Großmutter brauchte ich reife, ältere Schauspielerinnen und von denen gibt es nur wenige in Kanada. Besonders bei den Frauen, denn niemand wanderte vor 30 Jahren aus Indien nach Kanada aus, um Schauspieler zu werden."

Sowohl Chatterjee als auch Pathak genossen die Herausforderung, einmal außerhalb des Systems Bollywood zu arbeiten. Als Bollywood-Heroine ist Chatterjee seit den 70er Jahren für ihr herausragendes Talent bekannt. Sie hält Ruby Seth als "wahnsinnig witzig". "Sie besitzt die unerklärliche Fähigkeit, in Tränen auszubrechen, sobald sie ihren Kopf nicht durchsetzen kann. Außerdem fällt sie beim leisesten Windhauch in Ohnmacht.

Ich habe noch nie zuvor jemanden wie sie gespielt." Chatterjee schätzt Mehtas Fähigkeiten, die Dynamik einzufangen, die sich zwischen Familienmitgliedern abspielt. "Die Familienmitglieder wurden außerhalb Indiens geboren, da sind die Beziehungen der einzelnen Mitglieder ganz besondere - zwischen den Kindern und der Mutter sowie Großmutter ...

Sie wollen ihr Kultur bewahren, denn es gibt zwar gute Jobs in Kanada, doch sie haben ihre familiären Werte aus Indien nicht vergessen... Das ist das wichtigste Merkmal der Familie und Mehta verdeutlicht das auf sehr komische Weise."

Dina Pathak zählt zu Indiens bekanntesten Charakterdarstellern und drehte bereits über 100 Filme. Diesmal verkörpert sie Grandma ji, die Shakespeare-zitierende Matrone der Familie Seth. Pathak sieht in Grandma ji die moralische Triebkraft der Story.

"In Indien werden Großmütter als sehr weise angesehen und das repräsentiert sie auch im Film. Sie nimmt regen Anteil an Rahuls Leben, auch wenn sie es sich oft nicht anmerken lässt." Zuerst hegte Pathak große Zweifel, als sich die restliche Welt für Bollywoods Filmkultur zu interessieren begann. "Ich dachte, das wäre ein vorübergehender Trend. Doc mittlerweile finde ich das toll, denn ich empfinde das Interesse der Außenwelt an dem, für was Bollywood steht, als echt."

Die kanadische Nachwuchsdarstellerin Jessica Paré wurde als Kimberly Stewart verpflichtet, Rahuls blonde Popstar-Freundin. Für Paré repräsentiert Kimberly "das weiße Mädchen. Sie ist ein Popstar und in Kanada so berühmt wie Britney Spears. Eigentlich aber wirkt sie ehrlich und ernst und zitiert viel von Deepak Chopra."

Wie alle anderen Darsteller erhielt auch Paré ein intensives Tanztraining vom Choreografen David Connelly. Außerdem verfolgte sie ständig den Musiksender MTV, um sich auf den im Film gezeigten Videodreh vorzubereiten. "Ich hatte so viel Spaß, denn ich war so etwaswie eine Mischung aus Britney Spears und Faith Hill. Das Spiel mit der Kamera war großartig."

Ranjit Chowdhry dürfte Kennern von Mehta Filmen bereits ein Begriff sein, denn er spielte sowohl in ihrem ersten kanadischen Spielfilm Sam & Me als auch in Camilla und Fire - Wenn Liebe Feuer fängt. Nun verkörpert Chowdhry Rocky, den Chauffeur der Seths. Rocky vermutet, das Sue nicht die ist, die sie zu sein schein, doch im Laufe des Films wird klar, dass auch er einiges verbirgt.

Rishma Malik spielt Twinky Seth. "Twinky rebelliert zwar, hat aber großen Respekt vor ihrer Familie. Sie liebt es, auszugehen und das Leben zu genießen, doch schließlich wird sie schwanger. Deshalb wird von ihr erwartet, dass sie heiratet.

Falls Rahul jedoch nicht vorher heiratet, wird die gesamte indische Community von Twinkys Schwangerschaft und dem Fehlen eines Ehemanns erfahren. Diese Dinge haben in Indien immer noch einen hohen Stellenwert. Der Film gibt einen Einblick in das Leben indischer Familien und Geschwister."

Der Wechsel kultureller Standards und Werte gehört zu den Themen, die Mehta in ihrem Werk anschneidet. "Wir sind hier aufgewachsen, doch unsere Eltern erwarten von uns eine strenge Beachtung von kulturellen Werten, die nicht einmal mehr in Indien gelten. Manchmal kommt es einem vor als wären sie einer Gehirnwäsche unterzogen worden, nur ja indisch zu bleiben. Doch im Film beweist gerade Grandma ji, dass man das so nicht befolgen mußs. Denn diese alte Dame schaut fern und liebt das Tanzen."

Für Malik gebührt Mehta der große Dank, die indische Kultur der Öffentlichkeit in all seinen Nuancen nahegebracht zu haben. "Ich hoffe, das wird die Erwartungen der Leute entmystifizieren, die sie an indische Familien haben. Denn Inder sind wie jede andere Familie auch - verspielt, lustig und mit universellen Problemen."

Als junges Mädchen in Kanada konnte Malik ihre Leidenschaft für Bollywood-Filme nicht mit den Schulkameradinnen teilen. "Bollywood war in den 70er Jahren unser Geheimnis. Obwohl Grease als damals erfolgreichster Hollywoodfilm viele Parallelen zu Bollywood-Filmen aufweist ... konnte man das Geheimnis nicht enthüllen, denn Bollywood galt als bizarr."

Malik fühlt sich geradezu befreit durch die Veröffentlichung von Bollywood Hollywood. "Aus meiner Perspektive, die ich als indisches Kind in Toronto unter dem Einfluss von Bollywood aufwuchs, kann ich das nur als befreiend bezeichnen. Jetzt dürfen wir es alle zusammen genießen."

"Ich hoffe, das Publikum wird sich auf die Filmsongs freuen. Denn die Magie Bollywoods bestand auch immer aus den Liedern und der Musik. Diese Tanznummern geben einem auch einen gewissen Raum zum Atmen, besonders wenn die Handlung schwierig wird. Solche Szenen durch Einschübe aufzubrechen halte ich, wenn ich darüber nachdenke, für eine nette Idee. Wenn das Publikum mitwippt, ist das doch immer gut."

Die Dreharbeiten Bollywood Hollywood wurde innerhalb von 30 Tagen in und um Toronto gedreht. Dabei dienten von Little India im Osten der Stadt über die Innenstadt von Toronto, den Nachtclub-Bezirk im Westen bis hin zu einer als das Heim der Familie Seth umfunktionierten Villa in North York die verschiedensten Orte als Locations für die Produktion.

Produktionsdesignerin Tamara Deverell und ihre Leute achteten besonders auf die Details. Zur Vorbereitung durchkämmte das künstlerische Team Bibliotheken und Internet-Suchmaschinen nach Informationen über die indische Kultur sowie religiöse Elemente der Sikhs und Hindus. Die Künstler durften darüber hinaus einige Wohnstätten von Kanadiern indischer Abstammung als Inspiration besuchen.

"Wir wollten der Produktion einen realen Eindruck verleihen, obwohl wir uns natürlich bei einigen Sets wie dem Musikvideo und der Transvestiten-Lounge kreativ austoben konnten," erinnert sich Deverell. Als ihre Lieblings-Kulisse erwies sich die Wohnung, in der Sue mit den Eltern lebt. Alles war unglaublich sparse???, blauer Druck auf blauem Hintergrund mit seltsam surrealen Kunstrosen und rosafarbenen Flamingos."

Deverell empfand die Zusammenarbeit mit Mehta als interessant und herausfordernd. "Deepa Mehta verfügt über eine genaue Vorstellung von ihren visuellen Anforderungen, doch sobald diese einmal verraten sind, ist sie offen und vertrauensvoll. Ein Ton, der vor allem durch sein völliges Fehlen auffällt, ist die Farbe Grün.

Mehta orderte eine Farbskala von Rot- und Blautönen an und verbat sich den Einsatz von Grün und Orange in den Sets oder den Kleidern. "Orange und Grün sind Farben, die mich immer an indische Landschaften erinnern. Doch Bollywood Hollywood spielt in Nordamerika, das mich immer sofort an ?Blau' denken lässt. Die Rot-Töne repräsentieren die Immigranten und den Schwung, den sie nach Nordamerika bringen," verdeutlicht Metha.

Die Kostümdesignerin Anne Dixon dankt dem Skript dafür, ihr zu einem Gespür für die Charaktere verholfen zu haben. "Deepas Drehbuch fand ich einfach toll. Die Figuren waren schon völlig ausformuliert auf Papier zu erleben, deshalb viel es mir leicht, sie auch in Kostümen zu visualisieren."

Die weltbekannte Designerin Ritu Kumar versorgte die Produktion für die Hauptdarsteller mit einigen Stücken aus ihrer Kollektion. Kumar wurde durch die Wiederbelebung traditionell indischer Stofftechniken und Kunstfertigkeiten bekannt. Zu ihren zeitlos modischen Designs gehören Block-Muster, Kasauti, Chikankari, Zardosi, Bandhai und Kalamkari.

Oft wird sie für die Einkleidung der Bewerberinnen bei Miss Universe und Miss World Wettbewerben engagiert. "Ihre liebenswerte Art und Hilfsbereitschaft wurde sehr geschätzt. Ohne sie wäre es unmöglich gewesen, diese Stoffqualität und die Perlenstickereien für die Kostüme zu bekommen, die wir wollten," schwärmt Dixon.

Wie es sich für einen an Bollywood angelehnten Film gehört, müssen auch bei Bollywood Hollywood alle Schauspieler tanzen und singen. Nicht alle Darsteller fühlten sich jedoch bereit für diese Herausforderung und manchen waren davon überzeugt, nicht tanzen zu können.

"Ich habe da überhaupt nicht darüber nachgedacht, sondern bin einfach davon ausgegangen, dass sie es machen würden. Doch unser Choreograph David Connelly war fantastisch. Er trainierte mit allen und sie haben ihre Sache super gemacht," erzählt Mehta.

Rahul Khanna hält sich für einen "schrecklichen" Tänzer. Ich mußste noch nie zuvor bei einem Film tanzen oder singen. Damit habe ich David das Fürchten gelehrt. Ich entdeckte zwar nicht gerade meine geheime Leidenschaft, doch es war trotzdem lustig."

Ray dagegen verfügt durch ihre Bollywood-Produktionen über gewisse Tanzerfahrung. "David war fantastisch. Er recherchierte gründlich und schaute sich eine Menge von Hindi-Filmen an, und das bewundere ich sehr.

Die Art, wie er westliche und asiatische Stile in den Liedern und Tänzen miteinander kombinierte, beeindruckte mich. Er begriff das Konzept vieler traditioneller indischer Tänze und gab dem dann schließlich einen modernen Touch."

Connellys Begeisterung für sein Fach und die Story wird in den großen Tanzszenen des Films augenscheinlich. "Die Atmosphäre wirkte sehr inspirierend. Jeder gab sih Mühe, etwas zu erreichen, was noch niemand zuvor gesehen hat.

Wir wollten eine echte Verbindung zwischen Ost und West erschaffen. Gleichzeitig sind die Stücke fest der Tradition verhaftet und der Aussage darüber, was es bedeutet, zu dieser zeit in dieser Stadt zu leben," erinnert sich Connelly.

Der bekannte Komponist Sandeep Chowta schrieb die Musik für den Film. Seine Texte und die Fusion-Rhythmen kreieren einen ansteckenden Flair, den Lisa Ray genoss. "In Bombay finden wir es nicht ungewöhnlich, wenn die Schauspieler aus dem Dialog in den Gesang wechseln, doch bei uns gehört das einfach zur filmischen Kultur. Hier aber fügen sich die Lieder nahtlos in die Handlung ein und treiben sie sogar voran," verdeutlicht Ray.

Durch seine romantische Handlung und die Gesangs- und Tanzeinlagen wirkt Bollywood Hollywood als wäre er genau auf ein Zielpublikum zugeschnitten. Doch Mehta widerspricht. "Ich denke nie über das Publikum nach. Denn ich kann nicht einen Film für eine gesichtslose Masse machen. Ich mache Filme allein für mich selbst. Egal, ob du mit dem Projekt auf die Nase fällst oder Erfolge feierst... zumindest weißt du, dass es dein Werk ist."

Khanna hofft, dass "das Publikum sich gut unterhält. Ich möchte, dass sie ihre Sorgen vergessen und Lachen und Weinen ... und mit einem Lächeln auf den Lippen das Kino verlassen."

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Universum Film © 1994 - 2010 Dirk Jasper