Long Walk Home

Produktionsnotizen

Als im Juli 1999 um 3 Uhr früh in Los Angeles das Telefon klingelte, nahm Phillip Noyce voller Sorge den Hörer ab. Zum Glück war es keine schlechte Nachricht. Es war die Drehbuchautorin Christine Olsen.

Noyce erinnert sich: "Eine fremde australische Frauenstimme sagte, sie besäße das perfekte Drehbuch und ich sei dafür der perfekte Regisseur. Ziemlich sauer antwortete ich, dass ich jede Woche unzählige solcher Anrufe erhalten würde, aber die kämen wenigstens tagsüber und nicht mitten in der Nacht. Sie solle am nächsten Tag in meinem Büro anrufen, aber ich glaubte nicht, dass sie das tun würde." Olsen aber rief wieder an und schickte ihm das Drehbuch. Eine wahre Geschichte Jahre zuvor hatte eine Buchkritik Olsens Interesse geweckt. In Follow The Rabbit-Proof Fence wird die wahre Geschichte dreier Aborigine-Mädchen erzählt, die aus einem staatlichen Heim flüchteten, um nach Hause zurück zu kehren: Sie wanderten monatelang durch die australische Wildnis, 1.500 Meilen entlang des sog. Kaninchenschutzzauns (Rabbit-Proof Fence), der den Kontinent von Norden nach Süden durchkreuzt.

Autorin dieses Buches ist Doris Pilkington. Die Geschichte ist die ihrer Mutter und Tanten, die im Alter von 8, 10 und 14 Jahren Ende der Dreißiger Jahre diese fast aussichtslose Flucht unternahmen. "Immer wieder las ich das Buch", erinnert sich Olsen, "bis ich eines Morgens aufwachte und wusste, ich will die Filmrechte an diesem Buch."

Für Phillip Noyce war das Drehbuch eine Offenbarung. "Als ich das Drehbuch las, wurde mir klar, dass dies eine sehr außergewöhnliche Geschichte war. Am meisten aber beeindruckte mich die Universalität dieser Geschichte. Und obwohl ich mir am Anfang durchaus bewusst war, dass diese Geschichte von Aborigine-Kindern handelt, spielte die Hautfarbe irgendwann keine Rolle mehr.

Dies waren Kinder, Kinder in Not, die erschöpft aber mit einem starken Lebenswillen alle Widrigkeiten bekämpften und letztendlich auch triumphierten. Dieses Ende war so erhebend und mein spontaner Gedanke war, diesen Film mußs es geben." Sofort reiste Noyce nach Perth, um sich mit Doris Pilkington zu treffen.

Er glaubte, wenn er die Autorin dieser Geschichte kennenlernen würde und das Erziehungsheim sehen würde, aus dem die Mädchen geflüchtet waren, würde er vielleicht die Frage beantworten können: Was bewegte Molly dazu, mit den zwei anderen, viel jüngeren Mädchen diesen langen Weg zurück zu legen? Noyce konzentrierte sich darauf, "die Gefühle zu verstehen, die so viel Kraft geben, einen fast unerträglichen Marsch durch die menschenfeindliche Wildnis Australiens durchzustehen."

Die Dreharbeiten Christine King, u.a. Casting-Agentin von "Moulin Rouge" und "Two Hands", unterstützte Phillip Noyce bei seiner Suche nach den drei Hauptdarstellerinnen. Es war ein Großunternehmen, "die drei kleinen Nadeln im gigantischen Heuhaufen Australien" (P. Noyce) zu finden. Acht Casting-Agenten waren auf dem gesamten Kontinent unterwegs.

Lehrer, Eltern, Angehörige kommunaler Einrichtungen wurden mit Handicams ausgestattet, um die drei Aborigine-Kinder zu finden, die für die Rollen geeignet erschienen. Phillip Noyce war sich sicher: "Da die Tradition der Performance ein wichtiger Teil der Kultur der Aborigines ist, sind die richtigen Kinder für diesen Film irgendwo da draußen."

Am Ende führten Regisseur und Casting-Crew über 1.200 Interviews. 16 Kinder wurden nach Broome in West-Australien eingeladen, um zwei Tage an intensiven Gesprächen und Improvisationsübungen teilzunehmen, bevor drei von ihnen ausgewählt wurden. Everlyn Sampi (12 Jahre), Laura Monaghan (10 Jahre) und Caitlyn Lawford (8 Jahre) ergänzten sich nicht nur im Zusammenspiel miteinander, jede brachte auch ein einzigartiges natürliches Talent mit.

Mollys Fähigkeit als Anführerin, Gracies kontinuierliche Hinterfragung der Entscheidungen und Daisys ernsthafte Kindlichkeit - jede sollte ihren Charakter darstellen können, aber dabei auch zu einer überzeugenden Gruppendynamik finden. Die bekannte australische Schauspielerin Rachael Maza, ebenfalls Aborigine, bereitete die drei Mädchen als "Acting Coach" auf die Dreharbeiten vor.

Sie stellte fest: "Alle drei hatten eine Art instinktives Verständnis für die Geschichte. Dies war etwas, was man ihnen nicht nahe bringen mußste. Ich glaube auch, es gibt nicht einen Aborigine in diesem Land, der diese Geschichte nicht versteht. Wenn sie selbst nicht von dieser Tragödie betroffen sind, dann sind es ihre Eltern oder Verwandten. Dies ist etwas, was wir alle teilen."

Kurz vor Drehbeginn bekam Caitlyn Lawford, die die 8-jährige Daisy spielen sollte, großes Heimweh. Hinzu kam die konzentrierte, aber anstrengende Atmosphäre am Set. Beides war zu viel für sie. Sie wurde ersetzt durch Tianna Sansbury, die Phillip Noyce bei einem Gruppen-Casting für kleinere Nebenrollen aufgefallen war.

Bei diesem Casting sollten die Kinder einen Raum betreten, auf den Regisseur zugehen und ihn davon überzeugen, dass draußen andere Kinder in Gefahr seien und seine Hilfe benötigten. Noyce erinnert sich: "Ungefähr 35 andere Kinder kamen vor ihr in den Raum und keines von ihnen hat mich überzeugt. Doch schon während Tianna noch auf mich zulief, hatte ich vergessen, dass es sich um ein Spiel handelte. Ich war wirklich in Sorge, dass draußen vor der Tür etwas passiert war. Sie war so unglaublich natürlich."

Kenneth Branagh sagte praktisch über Nacht für die Rolle des A.O. Neville zu und bezeichnet die Zusammenarbeit mit Phillip Noyce als "ein seltenes Privileg". A.O. Neville war im richtigen Leben fast 40 Jahre Chief Protector of Aborigines in West-Australien. In Vorbereitung auf den Film las Branagh alles, was er zu Neville finden konnte.

Für ihn ist er "das klassische Produkt des britischen Empires in seiner Endphase. Als echter Bürokrat war er von der patriarchalischen, interventionistischen Politik überzeugt. Erste Priorität hatte für ihn, sogenannte mindere Rassen durch zwanghafte Assimilierung zu besseren Menschen zu erziehen."

Kenneth Branagh für diese Rolle gewonnen zu haben, ist für den Produzenten David Elfick von großer Bedeutung: "Mit dem falschen Schauspieler wäre Neville zum Stereotypen geworden. Ein Schauspieler aber, der alle komplexen Rollen eines Shakespeare gespielt hat und so viel Erfahrung mitbringt, der kann diesen Charakter in einer Differenziertheit wiedergeben, dass einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft."

Durch die jahrelange Zusammenarbeit mit Phillip Noyce und dank der Qualität des Drehbuches waren sich die Produzenten David Elfick und Jeremy Thomas sicher, die Finanzierung des Filmes gewährleisten zu können. Jeremy Thomas betont: "Als ich das Drehbuch las, dachte ich, dies ist genau die Art von Film, die ich persönlich gerne produzieren möchte."

Er wandte sich mit dem Projekt an seine deutschen Partner Oliver Huzly und Reinhard Klooss von Odeon Films, mit denen er gerade gemeinsam Bernardo Bertoluccis Marivaux-Verfilmung "Triumph of Love" mit Mira Sorvino und Ben Kingsley in den Hauptrollen abgeschlossen hatte. Die deutschen Produzenten waren begeistert von dem Projekt. Odeon komplettierte die Finanzierung des Films und brachte ihn so mit dem Weltvertrieb HanWay auch nach Deutschland.

Auf die Frage, was ihm von den Dreharbeiten besonders im Gedächtnis geblieben ist, antwortet Phillip Noyce: "Ein Schlüsselerlebnis war der Szenendreh, als Constable Riggs (Jason Clarke) die Kinder von ihren Müttern wegriss. Was da geschah, war überwältigend.

Schauspieler und Filmcrew wurden zeitmaschinengleich in die Vergangenheit katapultiert, mitten hinein in jene grausamen Szenen, die so unzählige Male stattgefunden hatten und von denen so viele berichten können, die zu den sogenannten ?Stolen Generations' gehören. Allen wurde augenblicklich das Ausmaß klar. Hier ging es nicht mehr um eine Aborigine-Mutter oder ein Aborigine-Kind.

Die Frage nach Schwarz oder Weiß verschwand, wurde unwichtig. Es ging um ein Kind, unser Kind. Wir waren die Kinder, die Mütter und wir waren die Väter. Und ich hatte den Eindruck, für die Mitglieder der Filmcrew, egal ob schwarz oder weiß, ergab auf einmal alles einen Sinn.

Man stellte fest, dies ist kein Konzept mehr, das ist etwas Ursprüngliches, etwas Grundsätzliches: Eine Mutter, die ihr Kind beschützen will, ein Kind, dass bei seiner Mutter sein will. Das waren zwei sehr ungewöhnliche Stunden, die wir mit dieser Szene verbrachten. Magische Dinge passieren, aber nicht viele der Filme, die ich gemacht habe, transportieren eine so wichtige Aussage wie dieser."

Was aus Molly, Gracie und Daisy wurde Molly Kelly (geb. Craig) Molly heiratete und bekam zwei Töchter, Doris und Annabelle. 1940 wurde sie erneut gefangen genommen und nach Camp Moore River gebracht. Dieses Mal mit ihren damals vier und zwei Jahre alten Kindern. Am 1. Januar 1941 beschloss Molly, ein zweites Mal zu fliehen. Ihre 18 Monate alte Tochter Annabelle tragend, ging sie den gleichen langen Weg nach Jigalong zurück wie neun Jahre zuvor.

Ihre ältere Tochter Doris mußste sie im Camp zurück lassen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Toby und ihrer Tochter Annabelle ließ sich Molly wieder in Balfour Down Station nieder. Drei Jahre später wurde ihr Annabelle weggenommen. Man brachte sie in das Sister Kate's Children's Home in Queens Park. Molly hat sie nie wiedergesehen.

Erst 1971, dreißig Jahre nach ihrer Trennung, trafen sich Doris und ihre Mutter Molly wieder. Jahre später schrieb Doris die Geschichte ihrer Mutter auf. Dieser Film basiert auf ihrem Buch "Follow The Rabbit-Proof Fence". Molly (85) lebt heute ein ruhiges Leben in Jigalong. Nach dem traditionellen Familienverständnis der Aborigines hat Molly heute 18 Enkelkinder, 29 Urenkel und 2 Ur-Urenkel.

Gracie Cross (geb. Fields) Nachdem Gracie in Wiluna gefangen genommen wurde, brachte man sie zurück nach Camp Moore River. Dort gab man ihr einen neuen Nachnamen: Jigalong, der später zu Long gekürzt wurde. Sie wurde als Haushaltshilfe ausgebildet und arbeitete für verschiedene Farmer.

Als sie im Shark Bay District arbeitete, lernte sie den Lagerhelfer Harry Cross kennen. Sie heirateten und bekamen sechs Kinder: Lucina, Therese, Margaret, Marcia, Celine und Clarence. Jahre später trennte sie sich von ihrem Mann und zog nach Geraldton. Sie starb im Juli 1983. Gracie kehrte nie nach Jigalong zurück.

Daisy Kadibil Nach ihrer Rückkehr zog Daisy mit der Familie südwärts nach Jimalbar, später weiter in eine Aborigine-Kommune in der Nähe des Lake Naberu. Auch Daisy wurde zur Haushaltshilfe ausgebildet und arbeitete für viele verschiedene Farmer und Außenposten. Sie heiratete Kadibil, einen Lagerhelfer.

Sie bekamen vier Kinder: Noreena, Elizabeth, Jenny und Margaret. Nach dem Tod ihres Mannes wurde Daisy Köchin und Haushälterin für die Kalundi Seventh Day Adventist Mission. Sie blieb dort, bis die Mission 1970 geschlossen wurde. Daisy (79) lebt heute mit ihren Kindern und deren Familien in Jigalong.

The Stolen Generations Bis in die 70er Jahre erlaubte ein "Allgemeines Kinderfürsorgegesetz" (General Child Welfare Law), Aborigine-Kinder, vor allem Mischlingskinder gewaltsam ihren Familien zu entreißen, um sie in staatlich oder kirchlich geführten Heimen umzuerziehen und ihre Assimilierung in die weiße Gesellschaft zu erzwingen.

In seltenen Fällen wurden sie auch zur Adoption freigegeben. Ihnen wurde jeder Kontakt zu ihren Familien, zu ihrem Volk, zu ihrer Kultur untersagt. Sie wurden zu Hausangestellten und Farmarbeitern ausgebildet und dienten den Weißen als billige Arbeitskräfte. Ziel dieser Politik war es, ihren Aborigine-Rassenanteil von Generation zu Generation zu vermindern, so dass sie eines Tages in die weiße Gesellschaft, wenn auch auf unterster Stufe, integriert werden könnten.

Erst die Veröffentlichung der noch von der linken Labour-Regierung eingesetzten Kommission für Menschenrechte und Gleichberechtigung HREOC im Jahr 1997 offenbarte das Ausmaß und die Folgen der Zwangsassimilierung. Ihr Bericht "Bringing Them Home" belegt: von 1910 bis 1976 wurden schätzungsweise 100.000 Kinder verschleppt.

In manchen Generationen war jedes zehnte Kind betroffen, in anderen jedes dritte Kind. Aber jede Aborigine-Familie ist betroffen. 535 Betroffene schildern in dem Bericht ihr zerrissenes Leben. Die Kommission führt den traurigen Zustand, in dem sich das Volk der Aborigines heute befindet, ihre Entwurzelung, ihren Alkoholismus, ihren Selbsthass auf diese Maßnahme der weißen Herrscher zurück und erhebt in diesem Zusammenhang den Vorwurf des Genozids.

Heute nennt man diese Kinder "The Stolen Generations". Die Kommission erstellte einen Katalog mit 54 Ratschlägen, darunter den öffentlichen Zugang zu den Akten und die verstärkte Unterstützung bei der Familienzusammenführung. Noch 1997 wurde eine Entschädigung von insgesamt $63 Millionen als Wiedergutmachung beschlossen.

Die Mittel aber flossen in den darauffolgenden Jahren nur sehr zögerlich, und noch heute warten viele Opfer vergebens. Der Empfehlung, einen nationalen Fonds einzurichten, wurde nicht gefolgt. Auch die Empfehlung der Kommission, sich offiziell gegenüber den Opfern und ihren Familien zu entschuldigen, wurde von der Regierung bis heute nicht wahrgenommen.

(Quelle: Gesellschaft für bedrohte Völker, HREOC u.a.)

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