Xiaos Weg

Produktionsnotizen

Während der Kultur-Revolution hatten Chinesen nur wenig Zugang zu internationaler Musik, Filmen oder Kunst. Dennoch hegte Filmemacher Chen Kaige schon immer eine große Vorliebe für westliche, klassische Musik.

Er hatte selbst einige Schallplatten und erinnert sich gern an die genussvollen Nachmittage, wenn ihn diese exotisch und fremd anmutenden Töne in Entzücken versetzten: "Meine Freunde und ich verbanden damit Romantik und Abenteuer, wenn wir uns trafen, um diese außergewöhnliche Musik zu hören, die uns irgendwie exotischer vorkam als traditionelle chinesische Musik.

Wir legten die Platten auf, und die Musik hob uns auf eine andere geistige Ebene. Manchmal waren wir den Tränen nah. Wir fühlten, wie schön das Leben sein könnte, dürften wir nur diese Musik hören," erinnert sich Chen.

Ein paar Dekaden später - inzwischen war der Kultur-Revolution die Rolle einer einflussreichen, wenn auch unnatürlichen Entwicklung der chinesischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert zugewiesen worden, und Chen Kaige war längst als international anerkannter Regisseur ausführlicher Familienchroniken und großartiger Landschaftsbilder etabliert - wurde Chen Kaige über eine Fernsehdokumentation auf eine kleine, bewegende Geschichte aufmerksam, die ihn magisch anzog.

Sie erzählte von einem Vater und dessen Sohn, die in der Musik eine gemeinsame Sprache gefunden hatten. Die beiden waren aus den Provinz nach Peking gekommen, um hier einen Musiklehrer zu finden, der das bereits beachtliche Talent des Sohnes für klassisches Geigenspiel verfeinern sollte.

Besonders ergriffen war Chen von dem beseelten Ausdruck auf dem Gesicht des Vaters, der vor einem Haus saß und durch das geöffnete Fenster den Anstrengungen seines Sohnes auf der Geige lauschte. Dieser einfache, bescheidene Mann grüßte stolz Passanten: "Hören Sie - das ist mein Sohn, der da spielt."

Etwas später erzählte der Vater, nur wenig jünger als Chen, dem Fernsehinterviewer: "Unsere Generation hat durch die Kultur-Revolution soviel Zeit verloren, aber für meinen Sohn wird es anders. Er hat eine Chance, ich werde ihn zum besten Geiger der Welt machen."

Der Fernsehfilm illustrierte in vielen Details das unablässige Streben des Jungen in der Welt der klassischen Musik. Was Chen allerdings unwiderstehlich fand, war der Hintergrund der Beziehung zwischen dem Jungen und seinem Vater. Was verband die beiden? Bedeutete die Musik für den Sohn dasselbe wie für den Vater? Was würde sie beide glücklich machen? Was hielt Vater und Sohn zusammen angesichts der persönlichen Opfer auf dieser beschwerlichen Reise zum Erfolg?

Mit diesen Fragen und Bildern im Kopf begann Chen Kaige, einer von Chinas 'Filmemachern der fünften Generation', sein nächstes Filmabenteuer. Weil er eine wahre Geschichte als Ausgangspunkt für seine Filmstory wählte, erzählt er gleichzeitig auch über ein China im Aufbruch und über ein Volk, das inmitten der Kakophonie der modernen Welt um die Wiedergewinnung von Sinnhaftigkeit kämpft.

Wie in der Vorlage spielt sich das Film-Leben in dem Spannungsfeld von Stadt und Land ab; zwischen dem Landleben in der Provinz und dem weltoffenen und nach Fortschritt drängenden Tempo der großen Stadt. Chen Kaige betont jedoch, dass auch auf dem Land die langsamere Gangart das Leben nicht länger gegen die Sucht nach Erfolg immunisiert, von der große Teile der chinesischen Bevölkerung erfasst worden sind: "Durch die Aufnahme Chinas in die Welthandelsorganisation bewegt es sich immer stärker auf die Marktwirtschaft zu.

Überall in China werden die Menschen mehr und mehr durch Materialismus und Statusbewusstsein bestimmt. Die Furcht vor Maßregelung unter dem alten Regime wird jetzt ersetzt durch die Furcht vor der Armut. Noch immer leben die Menschen in der Angst, nicht ins Kollektiv zu passen, aber jetzt aus anderen Gründen. Das grenzt an eine geistige Krise innerhalb der chinesischen Gesellschaft," bemerkt Chen.

Während Chen Kaige mit seinem Co-Autor Xue Xiao Lu die Arbeit am Drehbuch beendete, bat er seinen ersten Regieassistenten Chen Xiao, einen jungen Schauspieler zu suchen, der die Hauptrolle des 13-jährigen Geigers Xiao Chun spielen könnte.

Der Assistent beobachtete deshalb einen Geigen-Wettbewerb in der Umgebung von Shanghai, wo er einem offensichtlich idealen Kandidaten begegnete: Tang Yun. Ebenso wie die Filmfigur war auch dieser Geiger 13 Jahre alt und stammte aus einer Provinzstadt unweit Shanghais. Chen Kaige war sofort begeistert von der zurückhaltenden und ruhigen Ausstrahlung des Jungen.

Im allgemeinen sind Teenager auf der ganzen Welt launisch und wenig kommunikativ. Aber Xiao Chuns Geschichte offenbart ein Innenleben, dessen Rhythmus sich entschieden von dem seiner Außenwelt unterscheidet, als suche er die Antwort auf eine Frage, die noch gar nicht gestellt worden ist. Chen Kaige erklärt, weshalb das Alter des Jungen so wichtig für die Geschichte ist: Nur Jugendliche seien unvorsichtig genug, impulsiv zu leben und ohne Bedenken ihren Herzen zu folgen.

Und diese Neigung, sich allem so intensiv hinzugeben, sei im neuen China viel größer als zu der Zeit, als er selbst erwachsen wurde. "Manchmal bin ich auf junge Leute heute neidisch," erklärt der Regisseur. "Ich hatte als Teenager nie die Freiheit, impulsiv zu sein oder meinen Träumen zu folgen. Wir wurden in unserer Jugend während der Kultur-Revolution vor schreckliche Alternativen gestellt.

Viele von uns wurden gezwungen, Familienmitglieder zu denunzieren. Wir wurden alle zusammen in Arbeitslager gesteckt, um 'produktive Mitglieder der Gesellschaft' zu werden. Unsere jugendliche Energie und unsere Lust auf das Leben wurden der sozialen Revolution unterworfen, wobei wir individuelle Sehnsüchte dem Kollektiv opfern mußsten. Wir entdeckten auch in einfachen Dingen Schönheit, aber wir konnten nie fröhlich oder sorglos sein."

Wie schon in dem Film Lebewohl, meine Konkubine, der mit der Goldenen Palme des Filmfestivals in Cannes und einer Oscar-Nominierung ausgezeichnet wurde, ist der Protagonist auch in Xiaos Weg ein Künstler, der vielen Versuchungen ausgesetzt ist, sein wahres Ich zu verraten.

Chen Kaige betont, dass ein Künstlerleben allein ja schon eine dramatische Geschichte berge, dass hier aber auch die anderen Personen eine große Bedeutung für das Geschehen haben. "Alle verändern sich durch die Kraft der Musik dieses Jungen, aber auch durch seine Gegenwart in ihrem Leben," erläutert der Regisseur.

Das Nebeneinander des traditionellen China und des neuen, kapitalistischeren China wird in dem Film nirgends so sichtbar wie in den Charakteren der beiden Geigenlehrer, die den talentierten Xiao Chun in einen Musiker von Weltrang verwandeln sollen. Der erste Lehrer von Xiao Chun, Professor Jiang gespielt von Wang Zhiwen, repräsentiert alles andere als einen glatten Weg zum Erfolg.

Der merkwürdige und rechthaberische Jiang lebt mit einigen Katzen, die ihm zugelaufen sind, in einem traditionellen Holzhaus voll von staubigen Erinnerungen an sein einst besseres Leben. Dieses Haus war übrigens das einzige Setting, das für die Dreharbeiten gebaut werden mußste. Alle anderen Szenen wurden innerhalb von zweieinhalb Monaten an Originalschauplätzen in Peking gedreht.

Jiang, der seinen Schüler zu Beginn einschüchtert, zeigt bald hinter der rauen Schale seine Gutherzigkeit. Sein Verständnis und seine Leidenschaft für Musik sind größer als blindwütiger Ehrgeiz. Er begeistert sich für Musik, ist zufrieden mit dem, was er ist, und bedauert seine einfache Stellung als Musiklehrer nicht.

"Jiang ist ein Symbol des alten, kulturell reicheren China," erklärt Chen. "Wir haben viele Intellektuelle wie ihn getroffen, die die Zeichen der Zeit zwar deuten, aber persönlich nicht nutzen konnten. Er versteht wirklich die Seele der Musik, erfolgreich war er aber nie."

Für Professor Yu, idealtypisch für das moderne China, ist die Musik dagegen vor allem klingende Münze. Yu hatte sich einen Namen gemacht als Pekings führender Talentschmied, und eine Ausbildung bei ihm entspricht einem Fahrschein zum Erfolg innerhalb der klassischen Musikszene. Xiao Chuns Vater Liu Cheng begegnet Yu zufällig bei einem klassischen Konzert und beobachtet dabei wie der dort auftretende junge Geiger Tang Rong seinen Mentor auf die Bühne bittet, um den donnernden Applaus mit ihm zu teilen.

Er beobachtet die Umarmung des Protegés und des eleganten Yu mit dieser Aura aus Selbstbewusstsein und Großmut, die nur ein Mann haben kann, der an Anerkennung und Privilegien gewöhnt ist. Liu Cheng ist so überzeugt von dem großen Lehrer, dass er ihn sofort für die Ausbildung seines Sohnes verpflichten will, koste es, was es wolle.

Professor Yu zögert zuerst, erkennt aber Xiao Chuns Talent und Potential für eine Zukunft als klassischer Geiger und akzeptiert den Jungen erfreut als Schüler in seinem Haus. Aber - wie so oft - ist nicht alles Gold, was glänzt. Nach einiger Zeit entlarvt sich hinter der väterlichen Fassade des Professors der egoistische Materialist.

Chen Kaige, der die Rolle von Professor Yu in seinem Film übernommen hat, gibt zu, ihn nicht wirklich leiden zu können: "Er ist sehr selbstsüchtig und repräsentiert irgendwie das moderne China. Wie viele andere Menschen treiben ihn sein Materialismus und die Sucht, seinen Erfolg, seinen Reichtum zu steigern, selbst auf Kosten eines Kindes."

Abgesehen von den beiden sich widersprechenden Einflüssen durch die beiden Professoren, hat Xiao Chun eine weitere Begegnung, die ihn vielleicht noch mehr prägen wird. Auf dem Bahnhof sieht er eine lebhafte junge Frau in Begleitung eines erfahrenen älteren Mannes. Die auffällige Kleidung und ihr anhängliches Benehmen signalisieren, dass sie seine Geliebte ist. Für Xiao Chun jedoch ist sie die Inkarnation seiner Sehnsüchte nach einer Traumfrau.

Lili, gespielt von Chen Hong - Ehefrau von Chen Kaige - ist amüsiert über seine Faszination und bietet ihm ein paar Münzen, weil er das Gepäck ihres Galans trägt. So beginnt die schicksalhafte Freundschaft der beiden. Einige Tage später hört Lili Xiao Chun, wie er in der Nähe ihres Wohnhauses auf seiner Geige übt.

Sie lebt inmitten von Filmplakaten, einem Schminktisch und Telefonen, die ständig klingeln, weil Freier sich mit ihr verabreden wollen. Die düsteren Töne seines Spiels wehen in ihr Fenster, und Lili ist davon so hingerissen, dass sie den Jungen bittet, näher zu kommen. Da sie gewöhnt ist, dass man für alles bezahlt, bietet sie ihm Geld für sein Spiel an.

So unwahrscheinlich das auch sein mag, diese nicht ganz anständige junge Lady und der Junge, der frisch aus der Provinz kommt, entwickeln eine eher geistige als auf sexueller Anziehung beruhende Beziehung. Beide sind Außenseiter in ihrer eigenen Welt und beide haben ihre Träume vorsichtig vor den Augen aller um sie herum verborgen.

Chen Hong beschreibt, wie für beide der jeweils andere Mensch die Chance zu emotionaler Intimität verspricht: "Lili kann bei dem Jungen ihre wahren Gefühle ausdrücken und merkt, dass sie sich trotz der Resignation über ihren Lebenswandel ihre Zärtlichkeit bewahrt hat. Sie bemerkt plötzlich, dass sie noch niemand bisher ernst genommen hat."

Weiterhin erklärt sie, wie sehr im China von heute der Reiz materieller Güter und der Konsumterror Einfluss auf junge Menschen, auch Frauen, ausüben. Der letzte elektronische Firlefanz, Mobiltelefone, westliche Designer-Garderobe, Luxuskarossen - von all dem scheinen sich junge Menschen ein besseres Leben zu versprechen.

Alles, was im alten Regime den Aufdruck 'verboten' trug, erscheint jetzt als der einzige Weg zum Glück. Chen Kaige ergänzt, dass heute in China viele schöne, junge Frauen über einfache Arbeit die Nase rümpfen - in Fabriken möchten sie zum Beispiel nicht mehr arbeiten, und auch wenn sie nicht wirklich Callgirls sein wollen, wählen sie lieber diesen Lebensstil, um ihre finanzielle Situation zu verbessern.

Durch die harte Realität dieser kompromittierenden Existenz wird wahre Liebe allerdings zunehmend unmöglicher, und das erfährt auch Lili. Ganz allmählich bricht Xiao Chuns unschuldige Bewunderung und Anerkennung für Lili deren harte Schale auf, ihre verborgene Unschuld beginnt durchzuscheinen. Seine musikalische Begabung scheint ihr Selbstwertgefühl zu wecken, da ihr zum ersten Mal bewusst wird, dass jemand nur für sie spielt.

Chen Kaige betont, wie sehr seine Frau, gleichzeitig auch Produzentin von Xiaos Weg, den Film emotional und visuell bereichert hat: "Sie legt Wert auf Details und das Innenleben der Figuren."

"Ich bin Schauspielerin und keine Regisseurin," fügt Chen Hong hinzu. "Ich denke nicht über die Struktur eines Films nach, sondern wie ich ihn vertiefen kann. Ich habe ein paar Vorschläge gemacht, die zur visuellen Umsetzung beitrugen - so zum Beispiel, indem der Junge unter dem Bett des ersten Professors ein Foto findet. Das ist der Startschuss für ihre Freundschaft, ihre sich rasch entwickelnde Beziehung."

Lili und Professor Jiang werden Familienersatz für Xiao Chun, der weder Mutter noch Geschwister hat. Sein Vater Liu Cheng, von Liu Peiqi gespielt, ist sich schmerzhaft seiner Unzulänglichkeiten bewusst, was mit seinem einfältigen Stolz auf seinen Sohn und der ungeheuren Entschlossenheit zu einem besseren Leben kollidiert.

Besonders Jiang steigert Xiao Chuns Argwohn gegenüber der blinden Entschlossenheit seines Vaters, ihn zu einem 'Erfolg' zu machen. Jiang lehrt ihn das Konzept von der 'Musik ihrer selbst willen' und fördert bei Xiao Chun durch sein Beispiel selbständiges Denken. Die Beziehung wächst ganz allmählich durch die tiefe, gegenseitige Achtung und ist voller Respekt für die Musik und die persönliche Integrität.

Chen Kaige beschreibt seinen Regieansatz bei den beiden Personen, durch den er die Geschichte vertiefen will: "Ich erklärte ihnen, dass sie sich in erster Linie nicht als Lehrer und Schüler sehen sollten, sondern lieber als Mann und Frau.

Das klingt vielleicht ungewöhnlich, aber hier ging es darum, die Entwicklung einer Intimität und der wortlosen Kommunikation zwischen zwei Menschen zu beschreiben, die sich sehr nah sind, weil sie geistig und seelisch in derselben Verfassung sind. Ich glaube, beiden ist das sehr überzeugend gelungen - ich habe bei der Beobachtung wirklich noch etwas über Beziehungen hinzu gelernt."

Chen Kaige gibt zu, dass einige der Szenen zwischen dem Jungen und Professor Jiang für ihn gefühlsmäßig ebenso schwierig waren wie für den jungen Schauspieler. "Kurz bevor wir die Szene drehen wollten, in der Jiang und Xiao Chun den letzten gemeinsamen Unterricht haben, wollte ich, dass Xiao Chun weint. Durch das allgemeine Gefühl von Trauer in diesem Moment sollte er keine Probleme damit haben, dachte ich.

Wir hatten bereits 18 oder 19 Stunden gedreht, die gesamte Crew war erschöpft. Aber der Junge weinte nicht, konnte nicht weinen. 'Mein Vater wollte mich immer weinen sehen, aber ich tat ihm diesen Gefallen nicht,' verteidigte er sich mir gegenüber," erzählt Chen.

Tang Yun, der die Rolle des Xiao Chun spielt, erklärte seinem Regisseur, dass sein eigenes Leben eine Art Spiegelbild der Filmfigur ist, vor allem, weil auch sein leiblicher Vater ihn immer drängte, ein berühmter Geiger zu werden und ihn schon als Fünf- oder Sechsjährigen zu ständigem Üben zwang. Und spielte er nicht so gut, gab es Schläge.

"Alle sagen immer, die Kindheit sei rosig. Meine war grau," gestand der junge Schauspieler dem Regisseur. Der Regisseur spürte die große Sensibilität dieses Jungen, auch wenn dieser nicht weinen konnte, und welch enorme Bedeutung Musik für ihn hatte.

Sein Rat an Tang: "Musik ist deine Sprache. Du mußst nicht viel reden, drücke einfach durch die Musik aus, was du empfindest." Als diese Szene dann doch 'im Kasten' war, wandte sich Chen an Tang, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: "Ich bin sehr stolz auf dich, Yun - du warst wundervoll." Bewegt von soviel Zärtlichkeit und Anerkennung, begann der junge Schauspieler zu weinen.

Trotz seiner Begabung spielte Tang Yun nicht bei allen seinen musikalischen Auftritten im Film selbst. Sie wurden von dem jungen Virtuosen Chuan-Yun Li übernommen. Oft sind es seine Hände in den Großaufnahmen, die das geschmeidige, schnelle Spiel des jungen Wunderkindes darstellen.

Chuan-Yun Li, begnadetes Geigengenie und Ensemblemitglied beim New Yorker Symphonie Orchester, hat aber auch einen eigenen Kurzauftritt im Film: Er spielt den jungen Konzertgeiger, den Xiao Chuns Vater bei seinem Auftritt mit Professor Yu sieht.

Die große Bedeutung der Musik in Xiaos Weg - nicht nur in den Konzert-Szenen - ist unbestritten. Chen Kaige arbeitete eng mit einem musikalischen Berater zusammen, der die Szenen so vertonte, wie er es für angemessen hielt. Aber Chen merkte, dass er zusätzlich noch einen Komponisten brauchte, der eine Balance zur klassischen Musik herstellte, die zur Geschichte gehört.

Schließlich engagierte er Zhao Lin, den Sohn des Komponisten, der die Musik zu Lebewohl, meine Konkubine geschrieben hatte. Es entstand ein Soundtrack, der so betörend wie optimistisch ist, mit Augenblicken großer Dramatik und heiteren, originellen Zwischenspielen wie zum Beispiel in den Szenen mit Lili.

Die kathartische Szene des Films, die auf einem Bahnhof in Peking spielt, hatte besondere Bedeutung für den Filmemacher, weil er sie als Ausgangspunkt der Wandlung des Jungen geplant hatte, der sich aus seinem Kokon befreit und in einen Schmetterling verwandelt. Er erklärte Tang Yun, in der Szene vollkommen anders zu spielen als bisher, und sich darum zu bemühen, "jedem zu zeigen, dass du ein wirkliches Genie bist."

Die abgearbeitete Crew war praktisch am Ende, als der Schauspieler seine Position in der Mitte des Bahnhofs einnahm. Das Ende der Dreharbeiten war nah, inzwischen war es Winter geworden, auf dem Bahnhof war es bitter kalt. Elf Wochen hatten sie mit ihrem unerbittlichen Regisseur gedreht.

Aber Tang enttäuschte nicht - er spielte mit so leidenschaftlicher Hingabe, tauchte so tief in die Musik ein, dass die gesamte Crew verzaubert war, bevor sie am Ende der Szene in Applaus ausbrach. "Sogar der Kameramann war überrascht," berichtet Chen Kaige. So monumental die Musik in Xiaos Weg auch erscheinen mag, sie bleibt zweitrangig angesichts der großen Geschichte des jungen Mannes, der sich selbst und die Bedeutung seines selbst gewählten Lebens findet.

Die Betonung des Rechts auf eine Selbstbestimmung ist die zentrale Aussage des Films und taucht immer wieder dann als Xiao Chuns Thema auf, wenn er Fortschritte bei seiner Ich-Suche macht. Damit erzählt Chen auch die Geschichte von den Paradoxien des Lebens: wie mutig und tatkräftig die Jugend vor allem durch ihre Sorglosigkeit ist, solche großen Schritte wie Xiao Chun zu machen, wenn er seinem Herzen folgt.

"Es wurde mir klar, wieviel der Film von mir selbst enthält," resümiert Chen Kaige, "und wie sehr mein Leben sich in den letzten paar Jahren vertieft hat. Der größte Wandel für mich ist vielleicht, dass ich verstanden habe, dass man kein trauriges Ende braucht, um einen bedeutungsvollen Film zu machen.

Jahrelang habe ich Leiden mit Tiefe verwechselt und die Künstler bewundert, die das in ihrer Arbeit ausdrückten - denken Sie an russische Komponisten oder Ingmar Bergman. Viele chinesische Filme - sogar einige meiner eigenen - enden traurig oder tragisch. Ich sehe jetzt, vor allem, seit ich Vater geworden bin, dass wir ein Recht auf Glück haben. Das vermittelt soviel. Ich kann zum ersten Mal sagen, dass uns das Glück stärker macht."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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