Sweet Sixteen

Produktionsnotizen

Die Idee zu Sweet Sixteen reicht zurück bis zu der Arbeit an My name is Joe. "Wenn man eine Geschichte entwirft, entwickelt man dabei eine Menge Figuren, die alle um Aufmerksamkeit kreischen, die alle rufen ?Ich, ich, ich!'", erklärt Drehbuchautor Paul Laverty.

"Man kann nicht allen von ihnen gerecht werden, sonst würde die Story kollabieren. Aber seinerzeit gab es einen Charakter, der einfach nicht auf- und Ruhe geben wollte und uns zwang, sich mit ihm zu beschäftigen." Aus dieser Figur entwickelte Laverty schließlich Liam, die zentrale Figur in Sweet Sixteen.

Für Ken Loach gab es noch einen anderen Grund, den Film zu machen: "Nachdem Paul und ich Bread and Roses in Los Angeles gedreht hatten, wollte ich gerne wieder einen Film auf bekanntem Terrain drehen.

Auf Pauls Vorschlag hin unternahmen wir einen Trip nach Greenock, eine Stadt dicht bei Glasgow, die am Fluss Clyde liegt. Die Umgebung dort ist phänomenal - was man von den Job-Angeboten dort ganz und gar nicht behaupten kann, seit die Werften geschlossen wurden."

Laverty begann zunächst damit, viel Zeit mit jungen Menschen zu verbringen. "Seit einiger Zeit hatten Ken und ich darüber nachgedacht, eine sehr persönliche Geschichte zu erzählen, einen Film darüber zu machen, wie ein Teenager versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Freunde, Familie und Gemeinde unterstützen oder zerstören ihn und folgen dabei endlos komplizierten Mustern. Liam ist an einem heiklen Punkt in seinem Leben. Manche Dinge klappen für ihn einfach nicht, mit wie viel Energie und Hingabe, mit wie großer Begabung und Frechheit er auch für sie kämpft."

"Was mich sehr berührt hat, als ich mit denjenigen sprach, die vernachlässigten Kindern helfen (sei es in Pflegefamilien oder Heimen), war, dass die Familienumstände noch so chaotisch sein können, die meisten Kids sind wild entschlossen, mit ihrer Mutter Kontakt aufzunehmen", fährt Laverty fort.

"Die Adoleszenz ist etwas Besonderes, sie besitzt eine besondere Energie, die sehr lebendig und explosiv sein kann. Zerbrechlichkeit und großer - wenn auch nicht selten fehlgeleiteter - Mut existieren oft nebeneinander. Wir haben uns sehr bemüht, diese Eigenschaften in unserer Story aufzuzeigen."

Pam Marshall, die für die Darstellersuche zuständig war, erklärt, wie sie während der Castings mit Hunderten von Teenagern aus Sportvereinen, Schulen und Jugendclubs arbeitete. "Die meisten hatten vorher noch nie gespielt und waren relativ nervös", berichtet sie, "aber ich war verblüfft, wie sie von sich selbst überrascht waren.

Alle besaßen den Mut, ins kalte Wasser zu springen und einen Versuch zu wagen. Ich glaube, die meisten haben nicht damit gerechnet, vom Improvisieren eingeholt zu werden. Das war ausgesprochen aufregend."

Die Umgebung spielt in Städten wie Greenock oder Port Glasgow eine bedeutendere Rolle als für andere Orte. Der Fluss Clyde besitzt solch große Präsenz, und die lange Schiffsbauertradition, die früher einmal Zehntausenden einen Arbeitsplatz bot, ist noch stets spürbar. Riesige Kräne überragen noch heute die Call Center, die am Ufer erbaut wurden.

Der Westwind, die offene Ausdehnung zum Wasser und die hohe Silhouette der Hügel forcieren ein hartes, windiges Klima. Wann immer ihn die Gefühle zu überwältigen drohen - entweder weil es ihm besonders gut oder besonders schlecht geht -, zieht es Liam zum Fluss.

Hier kann er seinen Träumen freien Lauf lassen, und hier sinniert er über die Entscheidungen, die sein Leben für immer verändern werden.

Obwohl Liams Geschichte in einer Stadt mit sehr eigenem Charakter angesiedelt ist, könnte sie doch fast überall spielen ...

Greenock und Inverclyde Viele Einheimische waren in die Dreharbeiten von Sweet Sixteen einbezogen, sie übernahmen nicht nur kleine Statisten-, sondern auch Hauptrollen - allen voran natürlich Martin Compston als Liam. Das Team castete sie in Schulen, Gemeinde- und Ausbildungszentren vor Ort.

Liza Dow, die die Arbeit im Second Chance Learning Project koordiniert, weiß, dass die meisten Probleme, mit denen sie täglich konfrontiert wird, mit der Wohnsituation, Arbeitslosigkeit und Drogenabhängigkeit zu tun haben.

"Den meisten fehlt es an Selbstvertrauen und Zuversicht," erklärt sie, "bevor wir sie in einem Beruf ausbilden, müssen wir oft erst daran arbeiten - die Menschen haben das Gefühl, weniger Chancen im Leben zu bekommen als Leute aus besseren Gegenden."

Diese tief verwurzelte Überzeugung äußert sich oft in der Haltung, die ihre Umschüler anfangs an den Tag legen: "Manche sind ganz schön frech und unverschämt, doch das ist reiner Selbstschutz. Wenn man sie besser kennen lernt, spürt man, wie verletzlich sie in Wirklichkeit sind.

Es ist schon traurig, dass eine Menge von ihnen nicht zuviel vom Leben erwarten dürfen. Ich glaube nicht einmal, dass sie zu den Sternen greifen würden."

Dows Erfahrungen werden von Alison Milton, die im Renfrewshire Business Training Scheme arbeitet, bestätigt: "Die Situation ist ziemlich trostlos. Es gibt nur sehr wenige Ausbildungsplätze in Inverclyde." Seit 1981 sind über 6.000 Jobs im Bereich Maschinen- und Schiffsbau verloren gegangen.

Neben dem öffentlichen Dienst bieten fast nur noch Elektronikunternehmen und Call Center Arbeitsstellen an, und diese sind meist an zeitbefristete Verträge und saisonale Auslastungen gebunden.

Zwischen 1991 und 1996 verzeichnete Inverclyde die höchste Abwanderung von Einwohnern von allem schottischen Gemeinden, die Quote lag zehnmal über dem schottischen Durchschnitt, und noch immer ist dies eine der größten Sorgen der Behörde für Wirtschaftsentwicklung.

"Unsere Klienten blicken mit wenig Optimismus in die Zukunft", sorgt sich Minton, "und schließlich möchte auch nicht Jeder in einem Call Center arbeiten. Wir müssen uns inzwischen mit einer zweiten Generation von Arbeitslosen auseinandersetzen, die zu Hause schon keine Arbeitsmoral kennengelernt und von dort mit auf den Weg bekommen haben."

Trotz all dieser Probleme würde Milton ihren Job niemals aufgeben. "Die Energie der Menschen und ihr Humor sind ansteckend - das hält mich jung."

Vor einem solchen Hintergrund versucht Liam, sein Familie vor dem endgültigen Auseinanderbrechen zu retten. "Liam will das Richtige, er ist kein Krimineller. Die Story offenbart, wie viel Mut manche Menschen aufbringen", analysiert Martin Compston das verzweifelte Handeln des von ihm verkörperten Jung-Dealers.

Was der 15 Jahre alte Liam in Sweet Sixteen erlebt, ist absolut nicht ungewöhnlich für Schottland und Großbritannien im allgemeinen. Eine aktuelle Untersuchung im Auftrag der Scottish Executive For Scotland's Children stellt die Hauptprobleme heraus:

  • In Schottland werden beinahe 40.000 Schüler pro Jahr der Schule verwiesen.
  • Über 11.000 Kinder sind in Fürsorge und bis zu dreiviertel von ihnen verlassen die Schule ohne qualifizierenden Abschluss, lediglich ein Prozent beginnt ein Studium.
  • Die Schwangerschaftsrate unter schottischen Teenagern ist die Höchste in ganz Europa.
  • Ungefähr 100.000 Kinder in Schottland leben mit häuslicher Gewalt.
Der Report der Scottish Poverty Information Unit aus dem Jahr 1999 belegt, dass inzwischen jedes dritte Kind im Vereinigten Königreich Armut erlebt.

Der Bericht zitiert eine Studie von 1993, nach der "Großbritannien die höchste Rate an Armut unter Kindern zu verzeichnen hat, obwohl das Land nicht zu den ärmsten in der Europäischen Union zählt und nicht die höchste Rate an Menschen aufweist, die unterhalb der Armutsgrenze leben."

Die Zahl der Kinder, die unterhalb dieser Grenze leben, wurde vom Sozialministerium im April 2000 mit über vier Millionen beziffert. Ein anderer Bericht vom Komitee für schottische Angelegenheiten stellt heraus, dass Schottland eine der am meisten unterentwickelten Gegenden in Europa ist.

Wie die Scottish Voluntary Organisations herausstellen, ist das Problem nicht so sehr die Quantität als vielmehr die Intensität der Armut. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Schottland liegt unter dem Durchschnitt, was das Armutsbild verschleiert.

Die Studie unterstreicht zudem, "dass die Auswirkungen der Armut insbesondere dort immens sind, wo ganze Gemeinden betroffen sind. Insbesondere in früheren Industriestädten im westlichen Schottland von Inverclyde bis Lanarkshire konzentrieren sich die Probleme und führen zu allgemeiner Vernachlässigung und niedrigerem Gesundheitsstandard."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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