Spun

Produktionsnotizen

Die Entstehungsgeschichte von Spun beginnt in einer Bar, außerhalb von Eugene, Oregon. Der Autor Creighton Vero arbeitete an einer Dokumentation über die Drogenszene jener Gegend und interviewte daher auch den als berüchtigt verrufenen William De Los Santos, eine lokale Speed-Größe.

Als der ihm von seinen Abenteuern erzählte, die er als Chauffeur eines Methamphetamin-Produzenten erlebt hatte, allen nur als "The Cook" bekannt, wusste Vero, dass er über eine großartige Story gestolpert war.

Zusammen arbeiteten beide ein Skript aus, das auf wahren Begebenheiten beruht. Dann überzeugte De Los Santos den Filmproduzenten Timothy Wayne Peternel davon, dass es sich lohnen könne, einen Blick auf das Drehbuch zu werfen. Auf Peternel war das Duo gekommen, weil dessen Firma Muse Prods. für eher waghalsige, abseitige, aber immer mutige Projekte bekannt war. BUFFALO 66, AMERICAN PSYCHO und THE VIRGIN SUICIDES hatte Muse bereits realisiert.

Peternel mochte das Skript. Sein Kommentar: "Spun ist tragisch. SPUN ist komisch. Und Spun zeigt eine reale Welt, in der weite Teile der Bevölkerung, die Mittelklasse, die untere Mittelklasse, also das Rückgrad jeder Gesellschaft, versuchen, ihrer monotonen Existenz zu entfliehen."

Kurze Zeit später stieß er auf ein Musik-Video, inszeniert von dem schwedischen Regisseur Jonas Åkerlund. Bei Muse Prods. war klar, man hatte den entscheidenden Mann für Spun gefunden. Allerdings dauerte es eine Weile, bis Åkerlund, der immerhin für The Prodigy, U2, Ozzy Osbourne und Madonna Videos gedreht hatte, zur Verfügung stand.

De Los Santos war es schließlich, der Åkerlund mit seiner Beharrlichkeit überzeugte, sich dem Projekt anzunehmen. Von dem Drehbuch war der Schwede auf Anhieb überzeugt. Und als er endlich seinen Terminkalender freigeschaufelt und sich die kreative Kontrolle, seine europäische Crew und die Schnittmöglichkeit in Schweden gesichert hatte, ging er mit großem Elan an die Arbeit.

Das Casting verlief nahezu problemlos. Der Wunschkandidat für die Rolle des Drogenkochs, Mickey Rourke, zeigte bereits Interesse, bevor er das Drehbuch gelesen hatte. Jason Schwartzman brauchte nur einmal vorzusprechen, dann hatte er die Rolle.

Bei Brittany Murphy, John Leguizamo, Mena Suvari und Patrick Fugit lief es nicht viel anders. Als Insiderscherz engagierte Åkerlund zudem einige der Musikhelden aus seiner MTV-Vergangenheit wie Deborah Harry (Blondie) und Billy Corgan (The Smashing Pumpkins), der auch den Soundtrack komponierte und zusammenstellte.

Einen großen Anteil an der visuell innovativen Seite von Spun trägt jene Crew, die fast ausschließlich für Åkerlund arbeitet. Am sichtbarsten ist die Leistung von Kameramann Eric Broms.

Um den rauen, dreckigen Look des Films zu betonen, ließ er auf High Speed 16 mm drehen und wählte eine enorme Menge spezieller Linsen wie T-Rex oder Fischauge aus, um extreme Kamerawinkel und Close-Ups zu realisieren. Durch die Wahl des Filmmaterials war es auch möglich, mit dem vorhandenen Licht zu drehen und langwierige Beleuchtungsprozeduren zu vermeiden.

Der verwaschene, ausgeblichene Stil des Films wurde erreicht, indem man die Kontraste und Farbwerte bis an ihre Grenzen trieb. Aber auch Richard Lassalle, Åkerlunds langjähriger Produktionsdesigner aus Frankreich, sowie die schwedische Ausstattungsfirma B. sorgten dafür, dass man manche Bilder nicht nur sehen kann, sondern gleichsam zu riechen und zu fühlen meint.

Der Schlüssel zum Erfolg ist nach Ansicht Åkerlunds die Geschwindigkeit. Zuerst zeichnete er ein mehr als 1000 Seiten umfassendes Storyboard, in dem jede Szene, jede Kameraposition notiert war. Dann instruierte er seine Crew und Schauspieler, dass alles so schnell wie möglich sein sollte. "Quantität sollte gegen Qualität kämpfen", so Åkerlund, "um dann im Schnitt nur noch Qualität zu produzieren."

Um Zeit zu sparen, verzichtete man auf Proben. Allerdings setzte sich der Regisseur mit jedem Darsteller lang zusammen, um gemeinsam einen Charakter auferstehen zu lassen. Diesem Prozess, so Åkerlund, verdankt Spun die hervorragenden Performances zwischen Improvisation und Perfektion.

Auch ließ er keine Szene zweimal drehen, ohne nicht zumindest die Kameraposition zu verändern. So schaffte das Team sechs Drehbuchseiten pro Tag, das Doppelte des Üblichen.

Nachdem der Dreh abgeschlossen war, kam der komplizierteste Teil. Der Schnitt. In Stockholm schloss sich Åkerlund mit hunderten Stunden von Material und dem Cutter Leonard Palmestaal ein. Fast sechs Monate lang saßen sie nach eigenen Angaben kontinuierlich 20 Stunden pro Tag im Schneideraum.

Hier, so sagt Åkerlund, fände er, zwischen extremen Makro-Close-Ups und furiosen Vor- und Rückschnitten, seine wahre Befriedigung. Nicht ohne Stolz weist er auch darauf hin, dass insgesamt 4500 Schnitte in den Film eingegangen seien, vermutlich eine Rekordleistung für einen Spielfilm.

Für das Sound-Design war Eric Thorsell zuständig, ebenfalls langjähriger Mitarbeiter Åkerlunds. Und den Soundtrack steuerte der ehemalige Smashing-Pumpkins-Frontmann Billy Corgan bei. Er und Åkerlund hatten sich bei den Aufnahmen zu dem Video "Try" kennen gelernt und sofort beschlossen, irgendwann einmal miteinander zu arbeiten.

Später schickte ihm Åkerlund das Skript, um Corgans Meinung einzuholen. Der schlug vor, wenn er eine kleine Rolle bekäme, würde er den Soundtrack schreiben. Die akustisch angelegte Musik, die Corgan beisteuerte, gibt dem Film nun eine emotionale Wärme, die die düsteren, manchmal gar unsympathischen Seiten der Charaktere aufhebt.

"Spun", resümiert Produzent Fernando Sulichin, "ist ein perfektes Beispiel dafür, wie kreativ man als unabhängiger Filmemacher sein kann."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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