Babij Jar

Ausführlicher Inhalt

Die Familie Lerner und die Familie Onufrienko sind seit 20 Jahren eng befreundet. Sie bewohnen zusammen ein bescheidenes Zwei-Familien-Haus am ländlichen Rand von Kiew.

Das Ehepaar Sascha (Evklidis Kiourtzidis Kyriakos) und Natalja Lerner (Barbara de Rossi) lebt gemeinsam mit drei Kindern und Saschas Vater Genadij ( Michael Degen) in der linken Haushälfte. Sascha, der als Film-Komponist arbeitet, wurde im Krieg zum Krüppel geschossen und hat dabei beide Beine verloren.

Nun ist er für immer auf die Hilfe anderer angewiesen. Seine Frau Natalja, die belesene Bibliothekarin, ist sehr willensstark und kümmert sich aufopfernd um ihn und ihre Kinder. Der alte Genadij war früher Fotograf und arbeitete viele Jahre in Berlin. Die Lerners sind Juden.

Ihre Nachbarn Gleb (Anatolij Guriev) und Lena Onufrienko (Katrin Saß) wohnen mit ihren beiden Kindern, dem 15-jährigen Stepan (Gleb Porschnew) und der drei Jahre älteren Helena (Marina Densiova) in der anderen Hälfte des Hauses.

September 1941. Die Nazis stehen kurz vor der Stadt. Nach dem Rückzug der sowjetischen Verbände sehen die Onufrienkos und die Lerners, wie alle Bewohner von Kiew, mit bangender Erwartung dem Einzug der Sechsten Deutschen Armee entgegen.

In Kiew leben sehr sehr viele jüdische Familien, doch nur die wenigstens können oder wollen sich vorstellen, dass die Deutschen die systematische Ermordung aller Juden der Stadt planen. Genadij weigert sich zu glauben, dass aus dem Volk der Dichter und Denker eine Nation von Mördern geworden sein soll.

Inzwischen hat das deutsche Militär unter Führung von Oberst Blobel (Axel Milberg) die Verwaltung der Stadt übernommen und bereitet die Deportation und Vernichtung aller Juden vor.

Blobel, ein maßloser Trinker, sucht nach einer 'eleganten' und 'effektiven' Lösung: er verspricht allen jüdischen Bewohnern Kiews eine Umsiedlung in den sicheren Westen. Über Lautsprecher stellen die Deutschen Besatzer jedem Juden Arbeit sowie ein Dach über dem Kopf und dazu noch die Ausbildung der Kinder in Aussicht.

Tatsächlich aber hat Blobel bereits einen perfiden Vernichtungsplan ausgearbeitet - sämtliche Juden Kiews sollen in die für sein Vorhaben optimal gelegene Schlucht von Babij Jar gebracht und dort hingerichtet werden.

Babij Jar (russisch: Großmütterchen-Schlucht) liegt nordwestlich von Kiew. Die Schlucht ist drei Kilometer lang und 50 Meter breit, eine Bahnlinie führt in der Nähe vorbei. In zwei Tagen wird das jüdische Neujahrsfest begangen, und zu Beginn ihres neuen Jahres sollen die Juden von Kiew nicht mehr leben.

Unterdessen planen die Onufrienkos eine Hochzeit. Ihre Tochter Helena ist mit einem ukrainischen Polizisten verlobt und möchte ihn bald heiraten. Vor diesem Hintergrund erwacht in Mutter Lena ein aus Angst und Gier gespeister Anti-Semitismus: sie träumt gar von den guten Seiten, die es hätte, wenn die Lerners demnächst fliehen müssten oder sterben würden und sie die zweite Haushälfte für die künftige Familie ihrer Tochter ihr eigen nennen könnten.

Als die Lerners schließlich mit eigenen Augen das Auftreten der Deutschen Truppen in Kiew beobachen und mit eigenen Ohren den Aufruf der Deutschen hören, wonach sie sich, wie alle anderen Juden, am Sammelpunkt Myelnikov / Ecke Doktura am 29. September, sieben Uhr einfinden sollen, schenken sie endlich den Erzählungen der drei jüdischen Flüchtlinge Glauben, die sich im Schuppen neben ihrem Haus versteckt hatten.

Franka (Olga Erokhovets), ihr Verlobter Jakob (Alexander Martschenko) und sein Bruder Mundeck (Michael Zuy) waren Zeugen der Ermordung ihrer Familien in der westlichen Ukraine. Sie wurden von den Nazis bestialisch umgebracht.

Mit Hilfe des Nachbarjungen Stepan (Gleb Porschnew), der sich in die schöne Franka verliebt hat, begeben sich alle in der nächsten Nacht gemeinsam auf die Flucht gen Osten.

Lena Onufrienko dagegen, die nicht wußte, dass ihr Sohn Stepan die Lerners begleitet, hat in der Zwischenzeit ihre Nachbarn bei den Deutschen als Partisanen denunziert.

Eine SS-Patrouille macht sich sofort auf den Weg und kann die Lerners kurz vor dem Fluss aufspüren. Der Großvater Genadij wird auf der Stelle erschossen, die anderen werden abtransportiert.

Gerade hatten Stepan und Franca das rettende Boot besorgt, als sie aus der Ferne sehen können, wie die Lerners auf den SS-Wagen gestoßen werden und der alte Genadij bereits tot am Boden liegt. Sie können nicht helfen - ihnen bleibt nur, wenigstens sich selbst auf dem Fluss in Sicherheit zu bringen.

Die Deutschen erkennen schnell, dass die Lerners keine Partisanen, sondern Juden sind. Sie erzählen ihnen, dass sie wie all die anderen im Westen Arbeit und eine neue Heimat bekommen würden.

Nun finden sich auch die Lerners in dem langen Zug von über 30.000 Juden wieder, die Kiew verlassen. Immer noch sind die meisten in dem Glauben, dass dieser Weg für sie in eine sichere Zukunft führt ...

Unterdessen wird Lena Onufrienko wegen grober Irreführung der Besatzungsmacht von einer SS-Mannschaft verhaftet.

Die vermeintliche Reise in den Westen währt jedoch nur kurz. Nicht weit vor Kiew scheint sich für die Lerners, so wie für alle anderen in dem Zug, das Tor zur Hölle zu öffnen: Ein surreales Martyrium, in dem sie bespuckt, gedemütigt, angeschrieen, ausgelacht, verprügelt und misshandelt werden - doch das ist erst der Anfang.

Gnadenlos wird die Familie Lerner mit ihren Leidensgenossen in die Schlucht von Babij Jar getrieben. Aneinandergeklammert liegen, stehen, kauern sie dort. Immer noch ungläubig schauen sie um sich. Unter ihnen und um sie herum starren sie auf die bereits Hingemetzelten.

Und sie bekommen die Klänge einer beschwingten Musik zu hören, die von Oberst Blobel auf dem Grammophon gespielt wird. Die Musik schwillt an, sie soll die Entsetzens- und Verzweiflungschreie der Opfer vergessen machen und auch die Maschinengewehrsalven übertönen, die die deutschen Einsatzkräfte von den Hängen abfeuern.

In diesem Albtraum sterben die Lerners, und mit ihnen auch Lena Onufrienko, die wegen ihrer Falschaussage ebenfalls nach Babij Jar verschleppt wurde. Sie, die glaubte, ganz anders zu sein als ihre jüdischen Nachbarn und weit über ihnen zu stehen, teilt so ganz unerwartet deren Schicksal.

Insgesamt wurden 33.771 Juden Kiews innerhalb von zwei Tagen in der malerischen Schlucht von Babij Jar ermordet.

Die Geschichte der Lerners und Onufrienkos basiert auf realen Biographien. Es ist ein ergreifender persönlicher Bericht über Babij Jar, einem der schecklichsten Massaker des Holocaust.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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