Babij Jar

Das Massaker von Babij Jar

'Großmütterchenschlucht' heißt in deutscher Übersetzung der Ort eines der bekanntesten und zugleich unfassbarsten Verbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Die Schlucht 'Babij Jar' liegt etwas außerhalb der ukrainischen Stadt Kiew und ist eines der mahnenden Symbole für Massaker an Zivilisten durch die deutschen Nationalsozialisten - gleichbedeutend mit Guernica in Spanien oder Oradour in Frankreich.

"Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal. Ein schroffer Hang - der eine, unbehauene Grabstein."

So lauten die ersten Zeilen des Gedichtes von Jewgenij Jewtuschenko - hier in der Übersetzung von Paul Celan - mit dem Jewtuschenko 1961 gegen das staatliche Vertuschen und Vergessen dieses Massakers ein Zeichen des Protestes setzen wollte.

Nachdem die Deutsche Armee am 22. Juni 1941 - knapp zwei Jahre nach dem zynischen Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin vom 23. August 1939 - die Sowjetunion angegriffen hatte, drang sie mit schnellen militärischen Erfolgen tief in das Landesinnere ein und stand bereits am 10. Juli mit zwei Divisionen vor der Stadt Kiew.

Doch erst Ende August entschied Hitler den sich hier erstmals vehement regenden Widerstand zu brechen und die Stadt einzunehmen. Anfang September begannen die Kämpfe - damals eine der fürchterlichsten Kesselschlachten - bis die deutsche Armee am 19. September die Stadt einnahm.

In den ersten Tagen - so berichten es Zeitzeugen, wie beispielsweise Anatoli Kusnezow in seinem dokumentarischen Roman 'Babij Jar' - sah die jüdische Bevölkerung in den deutschen Soldaten fast Befreier von den Verfolgungen unter Stalins Regime, obwohl damals bereits Berichte über die Massaker an der jüdischen Bevölkerung in den zuvor besetzten Gebieten bekannt wurden.

Nach den Berechnungen des Nürnberger Militärgerichtshofes hatte allein das Sonderkommando 4a unter Standartenführer Paul Blobel - einer der Hauptverantwortlichen für das Massaker von Babij Jar - bis zum 6. September 1941 in Städten wie Riga, Minsk, Brest, Lemberg und anderen Orten 11.328 Juden ermordet.

Die berüchtigte Wannseekonferenz in Berlin fand erst mehrere Monate später, am 20. Januar 1942 statt. Die Ermordung der europäischen Juden war bereits vor dieser Konferenz beschlossen, in Berlin suchte man die logistischen Probleme eines solchen Massenmordes zu organisieren.

Mit der Einnahme der Stadt Kiew am 19. September 1941 endeten allerdings noch nicht die Kämpfe. Fünf Tage später, am 24. September zerstörten Angriffe der Partisanen auch das Etappenquartier der Deutschen und legten in der Stadt ein verheerendes Feuer, bei dem viele Soldaten ums Leben kamen.

Das in den folgenden Tagen ausgeführte Massaker an den Juden Kiews war allerdings keine - wie später behauptet wurde - kurzfristig veranlasste und notwendige (!) Bestrafung, sondern war seit langem geplant und in die Wege geleitet.

Am 28. September 1941 wurden 2.000 Plakate mit folgendem Text in der Stadt angeschlagen:

Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September 1941 bis 8 Uhr; Ecke der Melnik- und Dokteriwski-Strasse (an den Friedhöfen) einzufinden.

Mitzunehmen sind Dokumente, Geld und Wertsachen, sowie warme Bekleidung, Waesche usw.

Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschossen.

Wer in verlassenen Wohnungen von Juden eindringt oder sich Gegenstände daraus aneignet, wird erschossen.

Das Oberkommando erwartete, dass sich auf diesen Befehl maximal 5.000 Personen jüdischer Abstammung melden würden, letztlich versammelten sich aber über 30.000 Menschen, deren weiteres Schicksal bereits verhängt war. In dem Glauben, dass sie 'nur' aus ihrer Heimat vertrieben und umgesiedelt werden sollten, ahnte keiner von ihnen das Ausmaß der Verbrechen.

Unmittelbar am Morgen des 29. September 1941 wurden die Juden in Lastwagen zu der Schlucht Babij Jar gefahren. Dort mußsten sie in kleineren Gruppen in die Schlucht gehen und - darüber gibt es mehrere Berichte von Tätern, überlebenden Opfern und zufälligen Zeugen - sich in Reihen aufstellen und wurden sofort erschossen.

Der spätere Bericht eines Täters schildert diese Tat:

Dort waren unzählige Juden versammelt, und dort war auch eine Stelle eingerichtet, wo die Juden ihre Kleidung und ihr Gepäck ablegen mußsten. Nach einem Kilometer sah ich eine große natürliche Schlucht. Es war sandiges Gelände. Die Schlucht war ca. zehn Meter tief, etwa 400 Meter lang, oben etwa 80 Meter breit und unten etwa 10 Meter breit.

Die Juden mußsten sich mit dem Gesicht zur Erde an die Muldenwände hinlegen. In der Mulde befanden sich drei Gruppen mit Schützen, insgesamt 12 Schützen. Gleichzeitig sind diesen Erschießungsgruppen von oben her laufend Juden zugeführt worden. Die nachfolgenden Juden mußsten sich auf die Leichen der zuvor erschossenen Juden legen.

Und ein anderer Täter fasst zusammen:

Es wurden Tausende und Abertausende von Juden erschossen. Sie gingen alle gefasst in den Tod. Kaum welche, die geschrieen oder gejammert haben.

Insgesamt wurden an diesem und am folgenden Tag 33.771 Juden erschossen - diese Zahl wird in mehreren Berichten der Deutschen Truppen übereinstimmend angeführt. Einige wenige Opfer konnten noch auf dem Transport entkommen, anderen gelang schwerverletzt die Flucht. Sie konnten später davon berichten.

Bis zur Befreiung Kiews am 5. November 1943 durch die sowjetische Armee wurden in der Schlucht Babij Jar mehr als 200.000 Menschen ermordet: Russen, Ukrainer, Weißrussen, weitere Juden.

Wenige der Täter - wie der bereits erwähnte Standartenführer Paul Blobel, im bürgerlichen Beruf Architekt - wurden später vor dem Nürnberger Kriegsgericht angeklagt und verurteilt.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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