Standing in the shadows of Motown

Die Funk Brothers

Richard "Pistol" Allen (Schlagzeug). Sein Sound: Ein unerbittlicher, gefühlvoller Shuffle-Beat. Sein Spitzname: PistolRichard Allen wurde 1932 in Memphis, Tennessee, geboren. Ende der 50er Jahre zog er nach Flint, Michigan, um bei AC Delco in der Fabrik zu arbeiten. Nachts spielte er Schlagzeug in den Jazzclubs von Detroit. Dort traf er auf Benny Benjamin, der ihn bei Motown einführte.

Von ihm lernte Pistol Allen, wie er seinen Jazz-Drum-Stil dem Motown-Sound anzupassen hatte: "Benny sagte mir, Jazz funktioniert hier unten nicht. Sie wollen es gradlinig, so einfach wie möglich und mit einem kräftigen Backbeat. Spiel einfach mm-mmda, mm-mmda und halt Deinen Mund."

Und Pistol Allen hielt sich an diesen Rat. Heraus kam ein neuer Motown-Drum-Stil, eine Art schlaghammerartiger Backbeat mit einem "heavy hi-hat" und dem sog. "four on the floor"-Groove (ein abgefangener Drum-Hit bei jedem Beat). Für die Produzenten setzte sich Pistol Allen auf diese Weise gut von seinen Kollegen Uriel Jones und Benny Benjamin ab.

Als Schlagzeuger spielte er die meisten Hits des Songwriter-/ Produzententeams Holland-Dozier-Holland wie "Heat Wave", "Baby Love" und "How Sweet It Is To Be Loved By You" mit ein. Im Juni 2002, einige Wochen vor der Weltpremiere von Standing in the shadows of Motown, starb Richard "Pistol" Allen an den Folgen eines Krebsleidens in Detroit.

Der Bassist Ralphe Armstrong erinnert sich, wie er eines Abends in einem Club einen Jazz-Gig hatte und auf einmal die Tür aufflog und Pistol Allen in Pantoffeln und Morgenrock die Bühne stürmte. Er zwang den Schlagzeuger, seinen Platz zu räumen und schlug die Takte von "Cherokee" an.

Dann legte er in einem Tempo los, dass die anderen Musiker auf der Bühne Mühe hatten, hinterher zu kommen. Nach ca. fünf Minuten brach Pistol den Gig ab, sprang von der Bühne wieder runter und verschwand aus dem Club.

Pistol hatte zu Hause vor dem Zubettgehen fern gesehen und auf einmal überfiel ihn der Gedanke: "Man, I feel like playing!" Also sprang er in sein Auto, raste einmal quer durch die Stadt, mischte den Gig anderer Musiker auf, brachte richtig Schwung in den Club und fuhr wieder nach Hause.

Jack Ashford (Percussion und Vibraphon) Sein Sound: Xylophon, Vibraphon, Percussion und das älteste (und größte) Tamburin der Welt - welcher Sound auch immer benötigt wurde.

Als die Motown-Platten in den frühen 60er Jahren Großbritannien erreichten, prognostizierte der Vorsitzende von EMI Records, Sir Joseph Blackwood, dass ein Erfolg ausbleiben würde, weil das Tamburin viel zu präsent und zu "heiß" abgemischt sei. Er übersah allerdings, dass Jack Ashford DER Taburin-Virtuose ist, auf den Sänger und Musiker wie Marvin Gaye und Norman Whitfield nicht verzichten wollten.

Seine einfallsreichen und facettenreichen Percussion-Grooves waren mit ein wichtiger Grund, dass Songs wie "War", "What's Going On", "Where Did Our Love Go" und "Ooh Baby Baby" zu so großen Hits wurden.

1934 in Philadelphia, Pennsylvania, geboren, kam Jack Ashford 1963 auf Bitten von Marvin Gaye zu Motown. Ashfords erste große Liebe galt den "Vibes". Er spielte mehr als ein Dutzend verschiedener traditioneller Percussion-Instrumente, aber auch einige sog. "off the beaten track"-Instrumente wie "knee slaps" (Knie-Klopfer), "foot stomps" (Fuß-Stampfer) und seine eigene Erfindung, den "hotel sheet".

Ashford erinnert sich: "Man glaubt es nicht, ich wurde gezwungen, Tamburin zu spielen. In der Kirche? Nein, bei Charles Harris. Er kam zu einer Probe, als Tamburins so groß waren wie Spülschüsseln. Ich hatte noch nie eines in der Hand. Als ich mit meinem Solo zu Ende war, sagte er: 'Nimm das Tamburin'.

Ich sagte: 'Wirklich nicht.' Er: 'Nimm es!' Er wurde zornig, weil ich es nicht nahm. Also nahm ich es. Keine Ahnung, was da passierte, 'ein tolles Gefühl,' sagte ich. Ich fing an und das Tamburin entwickelte ein Eigenleben."

Für Jack Ashford war es ein Glücksfall. Die Konkurrenz von Percussionisten war in Detroit und insbesondere bei Motown riesig. Mit dem Tamburin aber war Ashford unschlagbar. Er hängte sie alle ab. Obwohl Jack Ashford heute sozusagen in Rente ist, tritt er regelmäßig bei Gigs in Jazzclubs auf.

Bob Babbitt (Bass) Sein Sound: das legendäre Solo von "What's Going On"

Sein Spitzname: Babbitt - sein eigentlicher Name ist Robert Kreinar

In die Fußstapfen der Bass-Legende James Jamerson zu treten, war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Einzig Bob Babbitt (eigentlich Robert Kreinar) war stark genug, im Schatten von Jamerson zu arbeiten und zusätzlich noch seinen eigenen Stil zu entwickeln, der auf einigen der größten Motown-Hits wie "Signed, Sealed, Delivered", "Mercy, Mercy Me" und "War" zu hören ist.

In Pittsburgh, Pennsylvania, geboren, zog es Babbitt Mitte der 60er Jahre nach Detroit. 1966 wurde Babbitt Bassist in der Band von Stevie Wonder, der ihn im darauffolgenden Jahr bei Motown einführte. Auf dem Höhepunkt ihrer Erfolge 1967 produzierte Motown Records so viele Platten, dass ein zweiter Bassist notwendig wurde.

Hinzu kamen die immer größer werdenden gesundheitlichen Schwierigkeiten von James Jamerson. Bob Babbitt arbeitete in den folgenden Jahren sehr viel für den Motown-Produzenten Norman Whitfield. Einer der Höhepunkte seiner Motown-Karriere war 1970 die Zusammenarbeit mit Marvin Gaye für sein "What's Going On"-Album.

"Wenn man in Detroit 'What's Going On' nicht so spielen konnte wie Bob Babbitt, vor allem das Solo, dann kriegte man als Bassist einfach keinen Job. Das Schöne daran war, die Leute liebten Babbitt. Egal, ob Farbiger oder nicht, sie liebten seine Musik. Jeder in der Nachbarschaft sagte: Hey, das ist Babbitt!", erzählen die Bassisten Nathan Watts & Ralphe Armstrong über Robert Babbitt.

Als Motown Detroit verließ, zog Babbitt an die Ostküste und arbeitete als gefragter Studiomusiker in New York, Philadelphia und in Nashville, wo er heute lebt.

William "Benny" Benjamin (Drums) Sein Sound: der Drumbeat von Motown

Sein Sitzname: Papa Zita

Die Legende besagt, dass Benny Benjamin, der aus einer Laune heraus den Funk Brothers ihren Namen gab, eine so herausragende Präsenz besaß, dass es zwei Schlagzeuger - Uriel Jones und Richard "Pistol" Allen - brauchte, um die Lücke nach seinem Tod 1969 zu füllen.

In den frühen 30er Jahren in Birmingham, Alabama, geboren, spielte Benny Benjamin in jungen Jahren in Big Bands und Jazz-Formationen, bevor er 1958 (sozusagen als einer der ersten) bei Berry Gordy begann. Er schuf den legendären Motown-Drumbeat.

Mit seinem flinken Spiel mit den Schlagzeug-Besen, den latein-amerikanisch beeinflussten Grooves und seiner explosiven Spielweise der Drum-Fills und Pickups swingte sein Schlagzeug härter, als jedes andere zu der Zeit in Detroit. Er spielte mit Dizzie Gillespie, Charlie Parker, Ray Charles, Lowell Fulson, Muddy Waters, Jimmy Reed, Chuck Berry, John Lee Hooker u.a.

Mindestens ebenso legendär waren Benjamins Entschuldigungen, wenn er, was öfter geschah, zu spät zu den Sessions kam. Unmöglichste Ausreden ließ er sich einfallen, so absurd und so phantasievoll, dass ihm keiner wirklich böse sein konnte. Wenn er dann erst einmal hinter dem Schlagzeug saß, war alles vergessen.

Benny Benjamin war ein Meister des Rhythmus, er blieb stets so konstant wie ein Metronom. Aber sein Alkoholismus und seine Heroinsucht wurden ihm zum Verhängnis. Er starb 1969 an einer Überdosis.

Seinen Spitznamen "Papa Zita" kriegte er in einer für ihn typischen Situation, wie sich Jack Ashford erinnert: "Benny trank unglaublich gerne Maisschnaps und davon Unmengen. Eines morgens kamen wir ins Studio, keiner hatte viel geschlafen. Benny saß schon an seinem Schlagzeug. Es ging um den Song ?Hitchhike' von Marvin Gaye.

Es kam der Einsatz, aber Benny schlief ein und ließ seine Schlegel fallen. Der Typ von A&R ging zu ihm und roch seinen Atem. Dann brüllte er ihn fast an: ?Ich merke doch, dass Du getrunken hast.' Benny schreckte auf und rief: ?Papa Zita! Papa Zita!' Seitdem wurde er nur noch so genannt."

Sein Sound lebt in zeitlosen Klassikern wie "Shop Around", "Get Ready" und "Going To A Go-Go" weiter. Im Dezember 2002 wurde William "Benny" Benjamin in die Rock'n Roll Hall of Fame aufgenommen.

Eddie "Bongo" Brown (Congas, Bongos) Sein Sound: Latin- und Jazz-Grooves - "He spiced the sound"

Sein Spitzname: Bongo

Sozusagen huckepack mit Marvin Gaye kam Eddie Brown 1962 zu Motown. Eddie Brown besaß viele Talente. Sein messerscharfer Humor war gefürchtet, sorgte aber auch in manch angespannter Situation für befreiendes Lachen. Vor allem aber war er ein absoluter Conga- und Bongo-Virtuose.

Mit Leichtigkeit bewies Eddie Brown Produzenten, wie wichtig sein Part in der Band war - von Mary Wells "Two Lovers" bis zu Marvin Gayes "What's Going On". Dabei hat er Licks erfunden, die man heute oft hören kann.

"Irgendwas Karibisches. Er leckte seinen Finger und ließ ihn über die Trommel gleiten. Das war ein toller Sound. Er streute diese Töne immer wieder zwischen seine Licks und die Produzenten waren hin und weg", erinnert sich Robert White.

Wer heute Motown-Stücke hört, kann davon ausgehen, dass er Eddie Brown bei neun von zehn Songs hört. Dabei konnte er nicht einmal Noten lesen, wie Jack Ashord berichtet: "Wie alle anderen Musiker bekam er jedes Mal seine Notenblätter. Wir alle wussten, dass er keine Noten lesen kann, aber man wollte ja die Produzenten nicht nervös machen.

Also legte er seine Noten auf den Ständer, saß davor und spielte. Einmal ging ich zu ihm herüber und sah vor seinen Noten ein aufgeschlagenes Pin-up-Magazin - weit gespreizte Beine und ein blanker Hintern. Die Produzenten aber hätten geschworen, er liest ihre Noten."

Als Berry Gordy mit Motown nach Los Angeles zog, ging Eddie Brown mit und spielte bis 1974 weiterhin für das Label. Danach arbeitete er als Freelancer mit Musikern wie B.B. King, Randy Crawford, Marvin Gaye, Gloria Jones, Quincy Jones etc. 1984 starb er an einem Herzinfarkt in Los Angeles.

Earl Van Dyke (Keyboard) Sein Sound: das sog. "gorilla piano"

Sein Spitzname: Chunk of Funk, Ookie, Big Funk

Earl Van Dyke begann seine Klavierausbildung mit fünf Jahren und studierte später am Musikkonservatorium von Detroit. Wie sein Vater, der eigentlich klassischer Violinist war, arbeitete auch Earl Van Dyke als Fabrikarbeiter in den Ford Motoren-Werken, um Geld zu verdienen.

Zwischendurch bzw. nachts spielte er mit Barry Harris, Yusef Lateef, Tommy Flanagan, Roland Hanna, Hank Jones etc. in den Jazzclubs der Stadt. Während seiner Armeezeit erkrankte er an Tuberkulose und verbrachte im Anschluss 2,5 Jahre im Veteran Administration Hospital. 1959 während einer Tournee mit Lloyd Price traf er per Zufall James Jamerson, der mit Jackie Wilson auf Tour war.

Jamerson überredete Van Dyke, nach Detroit zurückzukehren. Erst 1962 entschied sich Van Dyke, für Motown zu arbeiten. Schnell wurde sein kraftvolles und leidenschaftliches Spiel integraler Bestandteil des Motown-Sounds. Er spielte mit solch einer Vehemenz, dass nach den Sessions der Klavierstimmer oft den Steinway im Studio neu stimmen mußste.

Seinen kühnen, attackierenden Stil kann man in Hits wie "Ain't Too Proud To Beg", "For Once In My Life" und "My Guy" hören. Von seinen Musiker-Kollegen wurde sein Stil nur "gorilla piano" genannt. Als Joe Hunter 1963 Motown verließ, wurde Earl Van Dyke inoffizieller Bandleader und Sprecher der Musiker.

Er konnte ausgezeichnet zwischen Produzenten, Songwritern, Arrangeuren und Musikern vermitteln. Außerdem wusste er fast immer, wo die einzelnen Musiker der Band zu finden waren, wenn sie für Aufnahmen benötigt wurden, was bei so umtriebigen Persönlichkeiten wie James Jamerson oder Benny Benjamin nicht immer ganz einfach war.

Als das Platten-Label 1972 nach LA zog, blieb Van Dyke vorerst in Detroit. Er wurde musikalischer Direktor von Freda Payne ("Band Of Gold") und Musiker in der In-House-Band des Hyatt Regency in Dearborn, wo er u.a. Sammy Davis Jr., Vic Damone, Mel Tormé bei ihren Gastauftritten begleitete.

Auf Wunsch von Berry Gordy zog er Ende der 70er Jahre nach Los Angeles. Van Dyke konnte sich an den kalifornischen Lebensstil nicht gewöhnen und zog in den 80ern zurück nach Detroit. Er ging in den Schuldienst und unterrichtete Musik an der Osborne High School von Detroit.

Nebenher arbeitete er weiterhin als Studiomusiker und spielte oft in den Clubs von Detroit. Earl Van Dyke starb 1992 an den Folgen eines Prostata-Krebsleidens.

John Griffith (Keyboard) Sein Sound: Der "delicate touch" von Motown

Johnny Griffith hat als einer der wenigen Funk Brothers eine klassische Musikausbildung erhalten. 1936 in Detroit, Michigan, geboren, wuchs er in einer Musikerfamilie auf. Seine große Liebe galt dem Jazz und im Gegensatz zu vielen anderen Musikern hatte er keinen "work for hire"-Vertrag mit Motown, sondern arbeitete als Freelancer im Studio.

So konnte er auch mit anderen spielen und begleitete als Pianist u.a. Aretha Franklin, John Lee Hooker, Lou Rawls, Sarah Vaughan, Dinah Washington und tourte mit dem Tenor-Saxophonisten Coleman Hawkins. In seinen 11 Jahren (1961-1972), die er für Motown arbeitete, war sein sog. "delicate touch" ein perfekter Gegensatz zu Earl Van Dykes sog. "gorilla piano"-Stil.

Zu seinen bekanntesten Erfolgen gehören "I Heard It Through The Grapevine", "How Sweet It Is", beides Marvin Gaye, "Ain't Too Proud To Beg", The Temptations, "Stop In The Name Of Love", The Supremes. 1963 gründete Motown das Label "Workshop Jazz", bei dem Johnny Griffith sein Album "Jazz" veröffentlichte.

Er selbst fühlte sich immer mehr als Jazz-Musiker denn als R&B-Musiker. Als Motown 1972 Detroit verließ, arbeitete er weiterhin als Studiomusiker in Detroit und Chicago. Darüber hinaus spielte John Griffith regelmäßig live im Quartett mit Saxophonist Lewis Johnson, Bassist Will Austin und Schlagzeuger Pistol Allen.

In den 90er Jahren war er Bandmitglied der RAPA-House-Band und spielte häufig mit der Percy Gabriel New Orleans Jazz Band zusammen. Vor einigen Jahren zog er nach Las Vegas. Im November 2002 kam er nach Detroit zurück, um an einem Konzert und der Premiere des Filmes Standing in the shadows of Motown teilzunehmen. John Griffith konnte die Premiere nicht mehr miterleben. Am 10. November 2002 starb er im Alter von 66 Jahren an einem Herzinfarkt.

Johnny Griffith gehörte zu den ausgleichenden Persönlichkeiten der Band. Immer, wenn die Stimmung im Studio A zu angespannt wurde und Streit in der Luft lag, erzählte er kleine, lustige Geschichten, um die Bandmitglieder zum Lachen zu bringen. Zu seinen Lieblingswitzen gehörte folgender: "Hey, erinnert Ihr Euch noch an den Tag, als der Strom hier in Studio A ausfiel und Stevie Wonder der einzige war, der den Weg nach draußen fand?"

Joe Hunter (Keyboards) Sein Sound: Erdiger Boogie-Woogie, pre-Motown

Joe Hunter war Motowns erster Bandleader. 1927 in Jackson, Tennessee, geboren, lernte er das Klavierspiel auf ungewöhnliche Weise. Er schaute seiner Mutter zu, die sich ein Zubrot verdiente, indem sie Klavierunterricht gab. Während seiner Militärzeit spielte Joe Hunter in Bands zusammen mit dem Jazz-Schlagzeuger Elvin Jones und dem zukünftigen Motown-Pianisten Earl Van Dyke.

Nach seiner Entlassung kehrte er nach Detroit zurück, spielte unter der Woche in Jazzclubs und sonntags in der Kirche. Ab 1956 spielte er zusammen mit Hank Ballard and the Midnighters, verließ die Band aber 1958, um Berry Gordys Traum von einem eigenen Platten-Label mit zu verwirklichen.

Hunter beschreibt sich selbst als "boogie-woogie"-Pianospieler. Mit seinem am Twist, Doo-wop und Blues orientierten Stil beeinflusste er maßgeblich die Anfangszeit von Motown, so z.B. "Heat Wave", "Hitchhike" und "Come And Get These Memories".

In den ersten Jahren arrangierte Joe Hunter noch selbst die Musik, später probte er mit den Musikern im Vorfeld der Aufnahmen im Studio. Joe Hunter brachte viele Musiker zu "Hitsville U.S.A.", u.a. Earl Van Dyke und James Jamerson.

Joe Hunter erinnert sich an die Studioaufnahmen von "Do You Love Me": "Da standen ein Haufen Typen rum, die tranken Wein und nannten sich The Contours. Wir machten gerade eine Aufnahme von etwas, das ich noch nie gehört hatte. Wir fingen an, die Noten zu spielen, als der Produzent dazu kam. Nachdem wir fertig waren, sagte ich: ?Das wird nie und nimmer ein Hit.'

The Contours kamen zu jedem von uns und freuten sich wie die Schneekönige: ?Vielen Dank, so eine wunderbare Aufnahme.' Und ich sagte zu den anderen: ?Die sind total plemplem.'" Der Song "Do You Love Me" verkaufte sich millionenfach und hielt sich über Wochen in den US-Charts. 1987 wurde er in den Soundtrack von "Dirty Dancing" integriert und avancierte zum Sommerhit 1988.

Joe Hunter verließ Motown 1963, um als Freelancer für Musiker wie Jimmy Ruffin, John Lee Hooker, Jimmy McCracklin, Bobby "Blue" Bland, Al "T&T" Braggs, Lonette McKee, Joe Deninzon u.a. zu arbeiten. 1996 veröffentlichte er seine Autobiographie "Musicians, Motown, and Myself" (Global Sound Publications, Detroit). Trotz seiner 75 Jahre spielt Joe Hunter immer noch in Studios und Clubs rund um Detroit.

James Jamerson (Bass) Sein Sound: Das Bass-Genie, das mit einem Zeigefinger spielte und die Musikwelt revolutionierte.

Sein Spitzname: Igor, Funk, Diego Diegerson

In den 50er Jahren galt der E-Bass bei den meisten Produzenten und Studiomusikern nicht als vollwertiges Instrument und wurde bei Plattenaufnahmen eingesetzt, um den Grundsound zu verankern. James Jamerson räumte mit diesen Vorurteilen gründlich auf und veränderte mit seinem Bass maßgeblich die Art und Weise, wie Menschen R&B und Rock'n Roll hörten und spielten.

Als Jamerson 1959 bei Motown anfing, entwickelte er den üblichen Bass-Stil des Standard-Beats (dum-de de de-dum dum) zu einem weitaus dynamischeren Stil: abgedämpfte Rhythmuspassagen, Walking bass lines, Double Stops und Synkopen, beispielsweise bei "Reach Out I'll Be There" oder "Dancing In The Street".

Hinzu kam, dass James Jamerson seinen Bass rechter Hand mit einem einzigen Finger spielte, dem Zeigefinger, den er selbst "The Hook" nannte. Seinem 62' Fender Precision Bass gab er den Spitznamen "The Funk Machine". Seine explosiven, erdbeben-artigen Bass-lines ließen über vier Jahrzehnte die ganze Welt zu den Platten von Motown grooven und tanzen.

James Jamerson spielte bei mehr als 30 N° 1 Hits der Pop-Charts mit. Bei den R&B-Charts waren es sogar mehr als 70 Top-Hits.

James Jamerson litt unter schweren Depressionen und Alkoholismus. Die fehlende Anerkennung fraß ihn regelrecht auf. Dabei ist er auf fast jeder Studioaufnahme von Motown zwischen 1959 und 1973 zu hören, hat mit unzähligen Musikern von Jazz-Musiker Yusef Lateef bis Bluesman John Lee Hooker gespielt und ist seitdem hundertfach kopiert, recycled und gecovert worden.

Jack Ashford erinnert sich an eine typische Situation mit James Jamerson: "Marvin Gaye arbeitete an seinem Album ?What's Going On', experimentierte viel herum. Was geschah? Er beschloss, er braucht unbedingt Jamerson. Jamerson spielte in einem Club. Marvin fand heraus in welchem und ging hin.

Jamerson war vollkommen betrunken, aber Marvin brauchte ihn dringend. Er mußste fertig werden. Also brachte er ihn ins Studio. Zu Anfang wehrte sich Jamerson, aber Marvin zuliebe gab er nach. In seinem Zustand war es ihm unmöglich, sich auf den hohen Hocker zu setzen. Er hatte zu große Angst, runter zu fallen.

Also legte er sich einfach auf den Boden. Unfassbar! Er spielte das im Liegen, was die anderen Bassisten nicht einmal im Stehen können. So war James Jamerson."

James Jamerson starb 1983 in Los Angeles an einer Lungenentzündung. Anerkennung erhielt er posthum - im Jahr 2000 wurde James Jamerson in die Rock'n Roll Hall of Fame aufgenommen.

Uriel Jones (Schlagzeug) Sein Sound: Schneidiger-peitschender R&B und Rock

Sein Spitzname: Possum

1934 in Detroit geboren, tourte Uriel Jones Anfang der 60er Jahre mit Marvin Gaye, bevor er 1964 Studiomusiker bei Motown wurde. Eigentlich wurde erwartet, dass er eine Art Klon von Benny Benjamin wurde, aber sehr schnell offenbarte sich, dass Uriel Jones härter rocken konnte, als jeder andere Schlagzeuger im Haus.

Eigentlich spielte Uriel Jones zu Anfang Posaune. Zur gleichen Zeit strebte er aber auch eine Karriere als Boxer an: "Ich war entschlossen, beides zu machen - Musik und Boxen. Aber es war hart, denn im Brewster Boxing Center habe ich einiges einstecken müssen. Beim Posaunenunterricht waren meine Lippen zum Teil so geschwollen, dass ich versuchte, neben dem Mund zu spielen.

Da sagte dann mein Lehrer zu mir, ich müsse mich entscheiden - entweder Boxer oder Musiker. Ich sagte, in Ordnung und fing an, Schlagzeug zu spielen. Ich hatte kein vollständiges Set, nur eine Snare Drum und einen High Hat. Keine Ahnung, was ich als Becken benutzt habe. Aber mein Bass Drum war einer dieser alten, schweren Bierkästen aus Pappe. Bis heute habe ich nichts mehr gefunden, was so einen guten Sound hat wie dieser Bierkasten."

Paul Riser, Arrangeur bei Motown, erinnert sich: "Uriels Schlagzeug-Sound war der coolste und lässigste. Er war ?the funkiest' der drei Jungs, die wir hatten. Er war unglaublich flexibel und spielte die unterschiedlichsten Sachen." Die "psychedelic soul"-Aufnahmen von Produzent Norman Whitfield sind ohne Uriel Jones undenkbar.

Seine "slammin' drum grooves" sind auf vielen Aufnahmen der Temptations und bei den Duetts von Marvin Gaye und Tammi Terrell zu hören. Zu seinen größten Erfolgen gehören u.a. "Ain't Too Proud To Beg", "Ain't No Mountain High Enough", "Cloud Nine". Parallel zur Studioarbeit (und fast über drei Jahrzehnte hinweg) spielte Uriel Jones mit Earl Van Dyke und anderen Funk Brothers in vielen Nacht- und Jazzclubs von Detroit.

Joe Messina (Gitarre) Sein Sound: Der vitale Backbeat von Motown

Joe Messina wurde 1928 in Detroit geboren. In seinen ganz frühen Jahren spielte er italienische Musik, entdeckte als Twen den Jazz und war für einige Zeit Musiker in der landesweit ausgestrahlten TV-Show "Soupy Sales Show".

Hier hatte er die Chance mit einigen der Größten des Jazz zusammenspielen zu können: John Coltrane, Charlie Parker, Miles Davis etc. Berry Gordy warb ihn 1959 ab und Joe Messina blieb bei Motown bis das Label 1972 nach Los Angeles zog.

Seine rasiermesserscharfen Gitarren-Backbeats hörte man weltweit auf allen Radiowellen - sie gehörten in den 60er und 70er Jahren schlicht zum einzigartigen Motown-Sound dazu und wurden später auch in der Reggae-Musik eingesetzt. Oft wurde er von den Produzenten dazu eingesetzt, James Jamersons Bass-Lines zu "doppeln", wie z.B. bei Marvin Gayes und Tammi Terrells "Your Precious Love".

Joe Messina schuf oft seine Gitarren-Parts, indem er die Ideen von Eddie Willis und Robert White aufgriff und ihnen dann einen zusätzlichen Groove beimischte. Jack Ashford erinnert sich, wie sich die Musiker auf ihre Parts vorbereiteten: "Wenn die Noten an die Musiker verteilt wurden, bildeten sich Grüppchen.

Ich mit Earl, weil ich Vibraphon spielte. Dann die Gitarristen, die sich zusammenkauerten wie junge Elstern. Sie probierten ihre Parts aus und lachten sich ins Fäustchen. Und Earl sah sie nur an, er hatte sie ?Heckle, Jeckyl & Son' getauft und dann sprangen sie auf und sagten: ?Wir haben's, wir sind soweit!'

Die machten es sehr gut, denn sie hatten es drauf. Sämtliche Parts waren wichtig. Wir ackerten umeinander herum und kamen uns dabei nie in die Quere. Ich glaube, die Magie war, dass wir aufeinander hörten. Und wir mochten uns, was wichtig war."

Bis Mitte der 60er Jahre mußsten die Songs und Stücke im Studio in einem Take aufgenommen werden. Die Studiomusiker, oft zusammen mit den Sängern und ggf. mit fremden Musikern, mußsten also sehr präzise arbeiten. Ein Fehler und alle mußsten wieder von vorne anfangen. So wurden Joe Messina, Eddie Willis und Robert White zur straffen "Rhythmus-Sektion" der Band.

Wenige Jahre nach dem Wegzug von Motown nach Los Angeles legte Joe Messina seine Gitarre zur Seite. In den darauffolgenden Jahrzehnten baute er mehrere Unternehmen auf. Heute gehört ihm die größte Autowaschanlagen-Kette im Raum von Detroit.

30 Jahre nach dem letzten Gig holte Joe Messina seine 60's Fender Telecaster für die Dreharbeiten von Standing in the shadows of Motown wieder hervor.

Robert White (Gitarre) Sein Sound: Rhythmus, Akkord und Voicing - denken Sie an "My Girl"

Sein Spitzname: Robert hatte einen, aber er hasste ihn.

Robert White wurde 1936 in Billmyre, Pennsylvania, geboren. Über 14 Jahre gehörte er als Studiomusiker zusammen mit Joe Messina und Eddie Willies zu dem sogenannten "Gitarren-Trio" von Motown.

Ihre komplizierten Kontrapunkte waren das Ergebnis ihrer Absprachen, im Regelfall fünf Minuten vor Aufnahmebeginn, bei denen sie sich einigten, wer welchen Part spielen sollte. White kam durch eine Tournee mit The Moonglows (bei denen auch der damals unbekannte Marvin Gaye auftrat) nach Detroit.

Zu Beginn spielte er für das Label Anna Records, das der Schwester des zukünftigen Motown-Moguls Berry Gordy gehörte. Kurz darauf wechselte er aber dann zum Studio A. Einige von Whites herausragenden Parts sind z.B. der Gitarren-Lick bei der Intro zu "You Keep Me Hangin' On" von den Supremes, der unauslöschliche Eröffnungs-Riff zu "My Girl" der Temptations und zu "I Second That Emotion" von Smokey Robinson and the Miracles.

Robert White doppelte oft die Piano-Licks von Earl Van Dyke, z.B. bei den N° 1 Hits der Supremes "You Can't Hurry Love" und "Ain't That Peculair". Nach den langen Studiotagen spielte er mit den anderen Musikern nachts in Detroits Jazzclubs. Als Motown Records 1972 nach LA ging, zog er mit, konnte aber nicht mehr an seine Erfolge anknüpfen.

In den 80er Jahren begleitete Robert White noch einmal die Temptations auf ihrer "Reunion-Tour" durch die USA. Seine musikalische Phrase zu "My Girl" ist so perfekt, so sublim, dass der Musikkritiker Mark Moses meinte, es sei eigentlich unmöglich, sich eine Zeit davor vorzustellen.

Robert White wurde auf der Platte nicht einmal genannt. Kurz vor seinem Tod saß Robert White mit dem Autor Allen Slutsky in einem Restaurant in LA, als über die Lautsprecher "My Girl" zu hören war.

"Hey", sagte der aufgeregte White und fragte die Bedienung: "Hören Sie das?" "Klar", antwortete der Kellner, doch dann sackte White in sich zusammen und meinte nur noch: "Vergessen Sie es." Als Slutsky ihn fragte, ob er dem Kellner sagen wollte, dass er dieses Stück gespielt hat, meinte White mit Blick auf den Kellner: "Ja, aber dieser junge Mann wird sicher glauben, dass ich ein verrückter, alter Lügner bin."

Robert White starb 1994 nach einer Herzoperation in LA.

Eddie Willis (Gitarre) Sein Sound: ein wahrhaftiger Meister des Funks mit einem unglaublichen "dee-bone"-Lick

Sein Spitzname: Chank, Soupbone

Es ist vor allem Eddie Willis zu verdanken, dass ein Südstaaten-Funk in den Motown-Sound einfloss. 1936 in Grenada, Mississippi, geboren, brachte sich Eddie Willis das Gitarrenspiel selbst bei. Während die meisten Funk Brothers vom Jazz kamen, liegen Willis Ursprünge in der Country- und Blues-Musik, was ihm die Arbeit für Motown gegenüber anderen um einiges leichter machte.

Nach seinem Highschool-Abschluss zog er nach Detroit und begann in der Band von Marv Johnson (Motowns erster Star und Sänger des Hits "Come To Me") zu spielen. Berry Gordy warb Willis 1959 als Studiomusiker ab.

In dem Gitarren-Triumvirat Messina, White und Willis spielte er hauptsächlich die spontanen Funk-Einsätze und Rhythmen, die von seinen Kollegen sog. "dee-bone"-Licks, vor allem zu hören auf "Friendship Train" von Gladys Knight and the Pips und Stevie Wonders "My Cherie Amour". Eddie Willis war der aktivste Tournee-Musiker der Funk Brothers.

Während der Motown-Tage tourte er mit den Marvelettes und spielte auch für andere Produzenten, womit das Management von Motown natürlich Probleme hatte. Eddie Willis erinnert sich sehr gut an diesen Exklusiv-Anspruch: "Motown wollte sich seinen Sound bewahren. Sie schickten Spione an verschiedene Orte, sie saßen in versteckten Autos, hinter dem Gebäude und im Gebüsch in der Nähe der Studios.

Sie suchten nach Spionen und boten mir 100 Dollar pro Woche an. Zusätzlich. Die nahm ich natürlich. Ich sagte: 'Klar doch!' Kam alles in einen Topf. Ich hatte sowieso nicht die Absicht, jemanden auszuspionieren. Wenn sie uns dann woanders rauskommen sahen, sagten sie: 'Haben wir euch!' 'Du bist gefeuert und du bist gefeuert und du'. Und zu Jack: 'Du bist zweimal gefeuert, denn dich haben wir schon gestern hier rauskommen sehen.'"

Nachdem Motown 1972 Detroit verließ, tourte Eddie Willis über zwei Jahrzehnte weltweit mit The Four Tops und arbeitete weiterhin in Detroit als Studiomusiker für den Produzenten Don Davis und zahlreiche andere Musiker und Sänger.

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