Till Eulenspiegel

Produktionsnotizen

500 Mitarbeiter aus verschiedensten Ländern, 15 Millionen Euro Budget und zwei Terrabyte Rechenkapazität. Die Zahlen zu Till Eulenspiegel, dem neuen Family-Entertainmentfilm der Munich Animation, sind mindestens ebenso beindruckend wie die Abenteuer des Titelhelden.

Doch bis der Schalk Till seinen Weg auf die Leinwand fand, verging eine Entwicklungs- und Produktionszeit von zweieinhalb Jahren. Produzent Eberhard Junkersorf hatte die Figur des mittelalterlichen Narren schon zum möglichen Titelhelden eines Films auserkoren, als er US-Drehbuchautor Christopher Vogler kennen lernte.

Der renommierte Autor ("The Writer's Journey") war von der Idee begeistert und machte sich, aufbauend auf einer Storyplotoutline von Peter Carpentier und Eberhard Junkersdorf, in Los Angeles an die Story für ein Till-Abenteuer.

Für die zeichnerische Entwicklung der Hauptfiguren konnte Eberhard Junkersdorf den Spanier Carlos Grangel gewinnen, der in dieser Funktion bereits für Dreamworks an Der Prinz von Ägypten gearbeitet hatte. Basierend auf Geschichte und Figuren erstellte danach ein internationales Team von zehn Zeichnern das Storyboard, eine vorläufige Version der Geschichte in einzelnen Zeichnungen.

Für den internationalen Markt entwickelt, stand von Anfang an fest, dass die Originalfassung von Till Eulenspiegel in englischer Sprache entstehen sollte.

Diese dann eingescannte Frühfassung des Films legte Regisseur und Produzent Junkersdorf den Tonaufnahmen in Kanada, den USA und London zugrunde. In der englischen Hauptstadt fanden die Studioaufnahmen mit Tills Originalstimme Lee Evans statt. Der britische Komiker ist in Deutschland vor allem als Darsteller aus Filmen wie Das Fünfte Element und Verrückt nach Mary bekannt.

In seiner Heimat sind Evans' One-Man-Shows regelmäßig ausverkauft. Ohren, Haaransatz, Bewegungsmuster - Lee Evans avancierte nicht nur zum sprachlichen alter ego, sondern zur realen Vorlage von Till Eulenspiegel, Videos seiner Stand-Up-Shows kursierten als Quell der Inspiration unter den Animatoren.

Eberhard Junkersdorf kürzte die 95 Minuten lange Storyboard-Version von Till Eulenspiegel, so entstand nach mehr als zweieinhalb Monaten Arbeit im Schneideraum die endgültige Fassung in der Länge von 84 Minuten.

Mit einer Mischung aus Computer- und traditioneller Animation wurde in den Studios der Munich Animation die Rohfassung Stück für Stück zum fertigen Film ausgearbeitet. Hintergrund- und Animationslayouts wurden in Reinzeichnungen überführt, handgezeichnete zweidimensionale Charaktere per Computer ("Compositing") mit den Hintergründen und digital entstandenen Elementen zusammengefügt. Nach und nach wurde die vorläufige Fassung dann durch die fertig gestellten Szenen ersetzt.

Historie und Literatur "Im Mittelalter, vor sechshundert Jahren, gab es einen Zirkusclown, der durch Deutschland zog und, wohin er auch kam, Unfug anstellte, bis es seinen Landsleuten schwarz vor den Augen wurde. Dieser Clown hieß Till Eulenspiegel. Und das einzige, was er außer seinen Possen konnte, war das Seiltanzen. Doch er hatte keine Lust, im Zirkus und auf den Jahrmärkten aufzutreten. Er wollte nicht, dass die anderen über ihn lachten. Sondern er wollte über die anderen lachen."

So führte Erich Kästner Till Eulenspiegel in seinem gleichnamigen Jugendbuchklassiker von 1938 ein. Kästners gedankliches Bild prägt seit Generationen kindliche Vorstellungen des Schelms. Jene zwölf Episoden, die der Schriftsteller aus den unzähligen Geschichten über Till für Kinder nacherzählte, sind die wohl bekanntesten.

Ob Till Eulenspiegel wirklich gelebt hat, kann nicht exakt bewiesen werden, gilt aber als wahrscheinlich. Der Familienname "Ulenspegel" taucht in Unterlagen der mittelalterlichen Braunschweiger Stadtverwaltung auf. Er ist ein Hinweis darauf, dass Till nicht das geistige Kind eines Erzählers war, sondern ein Wesen von Fleisch und Blut, dessen Eltern bereits den Namen Eulenspiegel trugen.

Das erste Eulenspiegelbuch, Herman Botes "Ein kurtzweilig Lesen von Dyl Ulenspiegel, geboren uß dem Land zu Brunßwick, wie er sein leben volbracht hat...". erschien bereits 1510. Nach dieser Überlieferung wurde er um 1300 bei Braunschweig als Bauernsohn geboren und starb um 1350 in Mölln. Exakte Nachweise für die tatsächliche Existenz des mittelalterlichen Schalksnarren gibt es allerdings nicht.

Mit seiner dreimaligen Taufe beginnt er bereits das Leben eines Schalks. Sein gemeinhin bekanntes Wörtlichnehmen von Anweisungen ist ein Mittel, die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen bloßzustellen und Missstände anzuprangern. Eulenspiegel kommt weit herum, nach Berlin, Ulm, Nürnberg, sogar nach Prag und Rom führt ihn sein Weg.

Das Eulenspiegelbuch gilt als früher Prosaroman und wurde bereits im 16. Jahrhundert in viele europäische Sprachen übersetzt. Im Laufe der Zeit wurden die ursprünglich derben Geschichten bereinigt. Heute erscheint Till als harmloser Possenreißer und Kinderbuchheld, während er ursprünglich ein vagabundierender Gauner war, der auch seinen eigenen Vorteil sucht.

Die literarischen Bearbeitungen des Eulenspiegel-Themas (u.a. von Charles de Coster) lösen sich fast vollständig von der Vorlage.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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