liegen lernen

Produktionsnotizen

Der erste Film, den Produzentin Maria Köpf mit Regisseur Hendrik Handloegten produzierte, Paul is dead, räumte gleich mehrere Auszeichnungen ab (u.a. einen Grimme - Preis ) und wurde auf das Slamdance Festival eingeladen, wo ein Variety Kritiker schrieb: "... it's an enormously warm, clever tribute to youthful imagination, adolescent awkwardness and the seductive power of rock music. ..."

Und dies alles, obwohl es sich "nur" um ein kleines Fernsehspiel handelte, das wegen der Musikrechte der darin verwendeten Beatles-Songs nie ins Kino kommen konnte. Die beiden wollten unbedingt einen weiteren Film zusammen machen, und suchten gemeinsam nach einem passenden Stoff.

Liegen Lernen, mit dem Frank Goosen, seines Zeichens bekennender Ruhrpottler, dank Lakonie, Witz, Zeitgeist und einer großen Portion entwaffnender Ehrlichkeit zu einem von Deutschlands bekanntesten Kultautoren avancierte.

"Ich war selbst überrascht, wie enorm das Buch eingeschlagen ist", gesteht Frank Goosen, "viel dazu beigetragen hat sicherlich der Artikel im Spiegel (von Thomas Brussig), danach ging die Post ab. Für mich gab es, beruflich gesehen, ein Leben vor dem Spiegel-Artikel und eines danach." Vorher war er "eine Kabarett-Schranze", plötzlich Bestseller-Autor. Kürzlich ist sein zweiter Roman Pokorny lacht erschienen, der sich wieder auf den Bestseller-Listen findet.

Bei so einem Erfolg sind Firmen, die das Buch verfilmen wollten, naturgemäß nicht weit. Auch Goosen hatte Angebote von mehreren Produzenten. "Die Rechte liegen ja gar nicht bei mir, sondern beim Verlag", erläutert er, "aber ich hätte Henk schon bei unserem ersten Treffen sofort meine Unterschrift gegeben.

Ich fühlte sofort, der hat Geschichten zu erzählen wie ich. Ich habe mir dann seinen Film Paul is dead angesehen und war absolut begeistert, insbesondere natürlich als Beatles-Fan." Handloegtens Art zu erzählen sei ihm sehr nahe. Außerdem sei X Filme in der Projektionierung einfach am weitesten von allen Firmen, die ihm Angebote unterbreiteten, gewesen.

Bei der Leinwand-Adaption war es Regisseur und Produzentin wichtig, dass der doch recht lethargisch wirkende Helmut zum Sympathieträger wird. Obwohl er all seine Freundinnen nach Britta mies und gedankenlos behandelt - weil sie, seine erste große Liebe, ihm noch immer im Kopf herumspukt und ihn daran hindert, sich auf eine Beziehung wirklich einzulassen.

Es gab lange Diskussionen darüber, wie man Helmut, der im Roman sehr lakonisch und beinahe gleichgültig wirkt, zu einem Filmhelden modellieren kann, mit dem der Zuschauer mitlebt und -leidet. Darin, Helmut als Sympathieträger und Identifikationsfigur zu zeigen, sah auch Hauptdarsteller Fabian Busch die große Herausforderung.

"Als Ansatz habe ich seine Ehrlichkeit genommen. Er verletzt zwar viele Menschen, aber er lügt dabei nie, ist immer ehrlich, das hat einen positiven Aspekt. Das mußste ich aus der Figur rauskitzeln. Ich glaube, im Laufe des Drehs hatten wir fast das Gefühl, wir könnten ihn sogar wieder unsympathischer machen ..."

Dabei war Regisseur Handloegten zunächst eher skeptisch, als die Idee aufkam, er solle Liegen lernen verfilmen. Die Verlagsankündigung klang ihm zunächst nicht nach einem geeigneten Stoff. "Ich hatte mich in meinem letzten Film Paul is dead ja schon mit den ganz frühen 80ern, der Musik und dem Ende der Kindheit beschäftigt.

Was ich dann aber las, hat mich aber überrascht: Hier erzählte ein Autor eine große, aufrichtige Geschichte auf eine unprätentiöse und ehrliche Art und Weise, weit entfernt von den bemühten Sprachexperimenten vieler deutscher Gegenwartsautoren."

Natürlich waren mit der Fülle an Stoff auch Schwierigkeiten verbunden. "Ich habe zunächst versucht, mich so nah wie möglich an den Roman zu halten", erzählt Regisseur Handloegten, "das Ergebnis war eine erste Fassung von ausufernden 190 Seiten. Es war hier nicht anders als bei allen Romanadaptionen, denke ich: Die Schwierigkeit ist immer die Reduktion.

Man mußs sich fragen, was ist das Wesentliche? Für mich war das die Suche nach einem vergangenen Zustand ursprünglicher Vollkommenheit. Das hat mythische Dimensionen. Der Mann als Romantiker, der von seiner ersten Liebe, die er nicht zu Ende gelebt hat, erlöst werden mußs."

Produzentin Maria Köpf fand es aufregend und amüsant, im Film eine männliche Sicht auf Geschlechterbeziehungen darzustellen, "Es ist spannend, an einem solchen Thema gemeinsam mit einem Regisseur zu arbeiten, und als Frau quasi den männlichen Blick anzunehmen." Auch Busch denkt, dass sich Männer und Frauen von dem Film eigentlich gleichermaßen angesprochen fühlen müssten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

"Ich denke, dass es viele Männer geben wird, die sich durch den Film an ihre Jugend erinnert fühlen, an ihre erste Liebe. Frauen wiederum gibt der Film die Chance zu verstehen, warum Männer manchmal so und manchmal so... Für beide ist es aber vor allem auch ein amüsanter Film."

Maria Köpf sieht in der romantischen Komödie durchaus auch Ansätze einer Entwicklungsgeschichte: "So sind auch die Szenen mit den unterschiedlichen Männern am Anfang entstanden, um das Allgemeingültige dieser Geschichte zu zeigen, in der sich Jemand aufmacht, auf die Reise begibt, um zu lernen, was ihn ausmacht und wo er hin will im Leben."

Regisseur und Produzentin beschäftigten sich in der Drehbuchphase ausgiebig mit verschiedenen Theorien, warum Männer - natürlich ganz allgemein gesprochen - im Leben oft erst so spät sesshaft werden. Weil es den Mythos um die Suche nach dem Heiligen Gral gibt.

Die erste große Liebe fällt oft zusammen mit dem Beginn dieser Suche, deswegen lässt sie, die erste Liebe, einen oft ein Leben lang nicht los, sagt z.B. eine Theorie. Da sich der Film im Genre der Komödie bewegt, entschlossen sich die beiden, diesen scherzhaft den "Mythen-Rap" genannten Unterbau durchaus mit in die Geschichte zu transportieren.

Die Produzentin hofft, dass der Film ein breites Publikum finden wird: "Liegen lernen erzählt von den großen Themen des Erwachsen-Werdens, der Suche nach Liebe und wie man dem eigenen Glück im Weg stehen kann, und das auf eine so humorvolle Art und Weise, dass ich sicher bin, dass dies nicht nur die "Helmut - Generation" beiderlei Geschlechts ansprechen wird, sondern auch die Jüngeren.

Ein Held namens Helmut "Ich mußs gestehen, ich hatte Fabian gar nicht auf meiner Liste", erinnert sich Handloegten an die Besetzung. " Einige Schauspieler schwebten mir schon beim Schreiben vor, für andere Parts bewies unsere Casterin Nessie Nesslauer eine sehr sichere Hand. Als sie Fabian vorschlug, dachte ich sofort, ?Ja, das passt!'

Durch die lange Zeitspanne, die wir erzählten, war die Besetzung nicht einfach. Für mich stand von Anfang an fest, dass ich einen und nicht zwei Schauspieler für Helmuts Rolle haben wollte, und mit Fabian Busch haben wir den gefunden, der überzeugend einen 20- aber auch einen 30-jährigen verkörpern kann."

Frank Goosen war vom Casting begeistert. Er hat seinen Romanhelden äußerlich so gut wie nicht beschrieben - doch Fabian Busch passte seiner Meinung nach perfekt: "Born to be Helmut!"

Für jeden Schauspieler stellt es natürlich eine enorme Herausforderung dar, wenn er einen Altersunterschied von bis zu 16 Jahren darstellen mußs, und das womöglich noch während eines Drehtags. "Das Komplizierteste war der Brusthaar-Anschluss", grinst Handloegten.

"Wir konnten Fabian zum Beispiel bei der Liebeszene, in der Helmut 18 ist, natürlich nicht voll behaart zeigen. Wir mußsten also erst die Szenen drehen, in denen Brusthaar zu sehen sein sollte, und danach mußste der arme Mann epiliert werden. Sowas wird nicht groß in Szene gesetzt, aber der Zuschauer nimmt es unterschwellig wahr."

Keine Achtziger-Show "Mir war wichtig, sattsam bekannte 80er-Jahre-Klischees auszusparen", schildert Handloegten seinen Versuch, die Erfahrungen aus den 80ern wiederzuspiegeln. "Der Spielfilm bietet ja die einzigartige Möglichkeit, Gefühle und Erfahrungen zu zeigen, die über pure Ikonographie hinausgehen, von der mittlerweile ein ganzer Zweig der Unterhaltungsindustrie lebt.

Für mich ist das eine Frage der Ausstattung und der Genauigkeit. Ein Beispiel: Wenn Helmut 1986 22 Jahre alt ist und in einer WG wohnt, dann liegt da nicht der Rubik's Cube auf dem Küchentisch, nur weil der Zauberwürfel inzwischen die 80er symbolisiert."

Für Produzentin Köpf bedeutet die Tatsache, dass der Film in den 80ern angesiedelt ist, vor allem Probleme, die "bei jedem historischen Film auftreten können: dass zum Beispiel mitten in einer Szene plötzlich ein SAT.1-Ballon oder ähnliches ins Bild gerät. Dann kann man nur noch abbrechen."

Authentizität - "oder sagen wir lieber Realismus" - im Film einzufangen, ist für sie eine immens spannende Sache. "Und Hendrik hat ein ganz besonderes Händchen dafür. Ich finde, man arbeitet sich im deutschen Kino zu sehr am Genre ab statt Formen zu suchen, Realität zu inszenieren und ein Zeitgefühl entstehen zu lassen."

Obwohl viele seine Hauptdarsteller aus Ostdeutschland stammen und altersmäßig die 80er eigentlich kaum selbst richtig mitbekommen haben könnten, stellte der Regisseur bei den Dreharbeiten erstaunt fest, dass die Unterschiede gar nicht so groß waren, wie er angenommen hatte: "Zum einen hatten Jugendliche im Osten ja vielleicht nicht all das materielle Zeugs, aber sie hatten doch dieselben Wünsche, wie wir im Westen.

Und auch altersmäßig waren wir nicht so weit entfernt, es gibt ja so ein Moment der Verzögerung, mit dem Trends in der Provinz ankommen. Punk in London war 1976, in Pforzheim zehn Jahre später."

Music Was My First Love - die Hits der 80er und 90er Vielleicht ist Musik nie mehr im Leben so wichtig wie als Teenager, dazu mußs man gar kein ausgemachter Musik-Freak sein wie etwa Helmuts Kumpel Schäfer, der auf der Klassenfahrt von seinen Mitschülern wegen seines elitär-progressiven Musikgeschmacks angemacht wird.

Während er sie als DJ an Stücke wie "Thief of Fire" von der The Pop Group heranführen will, verlangt sein Publikum vehement nach F.R. Davids "Words" - dem ultimativen Ohrwurm des Jahres 1982, bei dem sich prompt jede Tanzfläche füllte.

Gerade angesichts des derzeitigen Eighties- wie auch Punk-Revivals war es umso wichtiger, bei der Musikauswahl sehr sorgsam vorzugehen. Deshalb sicherten sich Handloegten und Köpf die Mitarbeit von Musikberater Uwe Kirbach, der bereits bei Absolute Giganten und Crazy sein sicheres Gespür als Music Consultant unter Beweis gestellt hatte.

Er habe selten im Musikbereich so engagierte Filmemacher wie Handloegten und Köpf erlebt, schwärmt Kirbach. Authentizität in der Auswahl der Songs war dem Liegen Lernen-Team ebenso wichtig wie Szenenbild und Kostüme. Wenn Musik im Hintergrund gespielt wurde - wie etwa Bülent Ersoy in der türkischen Döner-Bude in Berlin 1989 -, mußste sie realistisch sein und einfach stimmen.

Daneben aber transportiert und unterstreicht Musik auch Stimmung und Atmosphäre einzelner Szenen und dient als Leitmotiv für die Charaktere. Anders als im Roman bekommt man ihre inneren Gedanken nicht immer mitgeteilt, man kann die Gefühle einer Person dem Zuschauer aber durch Musik nahe bringen, die er mit bestimmten Gefühlslagen assoziiert.

So suchte Kirbach zum Beispiel "nach einer eigenen Melodie, einem bestimmten Sound, fast könnte man sagen Ton" für Helmut. Und fand ihn mit dem Gitarrenklang von Tarwaters "otomo": "Man hört richtig, wie die Saiten gespielt werden, hört das Instrument ganz nah - das ist, als würde man Helmut, der ja ein eher verschlossener Charakter ist, durch die Haut in sein Inneres hineinhorchen."

Für das Komponieren des Scores schlug Kirbach Dieter Schleip vor, einen der renommiertesten Film- und Fernseh-Komponisten in Deutschland, der u.a. auch die Musik zu Dominik Grafs Der Felsen lieferte. "Dieter ist unheimlich versatil und klingt - trotz seiner vielen Engagements - immer wieder neu und anders", begründet Kirbach, warum Schleip seinen exzellenten Ruf in der Branche verdient hat.

Gedreht wurde vom 5. August bis 2. Oktober sowie fünf Tage im Dezember 2002. Drehorte waren Düsseldorf, Berlin, Essen, Köln und Witten.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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