Mein Leben ohne Mich

Ausführlicher Inhalt

Ann steht im Regen und atmet fast begierig die Frische ein. Nie hätte sie gedacht, dass sie einfach so ins Freie läuft und die Tropfen an ihrer Haut abperlen lässt, das Nass bewusst fühlt und dabei barfuss im Gras steht. Sie lauscht dem prasselnden Geräusch im Wissen um die Begrenzung ihrer Zeit.

Vor wenigen Tagen noch machte sie Pläne, ging alles seinen gewohnten Gang. Ann arbeitet mit ihrer Kollegin Laurie als Putzfrau in der Universität, hört sich schmunzelnd deren Klagen übers Dicksein an, holt ihre Mutter von der Arbeit ab und kümmert sich wie üblich um die beiden Töchter, drückt ihrem Mann Don die Däumchen, der sich für eine Job vorstellt.

An einem ganz normalen Nachmittag bricht sie vor Schmerzen zusammen. Die Mutter bringt sie in die nächste Klinik. Die Warterei geht Ann schrecklich auf die Nerven, schließlich müssen die Kids vom Kindergarten abgeholt werden. Nach einer eingehenden Ultraschalluntersuchung teilt ihr der behandelnde Arzt, Dr. Thompson, das Ergebnis mit: Tumor in beiden Eierstöcken, die Metastasen dringen schon in die Leber ein.

Die Prognose ist düster. Wenn sie 20 Jahre älter wäre, könnte man noch operieren. In ihrem Alter vermehren sich die Tumorzellen zu rasch. Er befürchtet, ihr nicht helfen zu können. In die schreckliche Stille fragt Ann mit zitternder Stimme, wieviel Zeit ihr noch bleibt. Zwei oder drei Monate. Der Arzt fühlt sich gehemmt, er kann nicht jemandem gegenüber sitzen und ihm ins Gesicht sagen, "Du stirbst".

Seinen Vorschlag, einen zweiten Mediziner zu konsultieren, lehnt Ann ab. Wozu auch? In seiner Hilflosigkeit bietet er ihr Kaffee an. Da er keine Zigaretten hat, fragt sie nach einem Bonbon und der Mann, erleichtert, ihr etwas Gutes tun zu können, fischt er eines aus der Kitteltasche. Dr. Thompson empfiehlt ihr Infoblätter und gibt ihr ein Rezept sowie seine telefonische Durchwahl und einen neuen Termin. Als Ann wie mechanisch nach einem weiteren Bonbon fragt, vertröstet er sie auf das nächste Mal.

Ann verlässt das Krankenhaus und wandelt wie im Trance. Nur nicht die Fassung verlieren, über das tödliche Geheimnis schweigen. Und irgendwann fühlt sie ihn, diesen kleinen Stachel in der Seele, lässt inneren Schmerz und Trauer zu. Am liebsten würde sie alle Drogen der Welt nehmen, aber auch die könnten nichts ändern am Zerbrechen eines Traums.

Zu Hause angekommen, lässt sie sich nichts anmerken, schmust mit den Kindern, spielt mit ihnen und feiert mit ihrem Mann den neuen Job. Don verspricht, beim ersten Gehaltsscheck mit der Familie zum Picknick an den Strand zu fahren.

Nach außen gibt sich Ann wie immer. Aber auf einmal denkt sie nach, über das, was bisher ihr Leben war - das erste Kind mit 17, das zweite mit 19, nur einen Mann geküsst, eine Existenz im Trailer auf dem Grundstück ihrer frustrierte Mutter, der Vater für zehn Jahre im Knast.

Im Café bestellt sie sich Kaffe und Kuchen, als wenn es Sonntag wäre. Und macht eine Liste: Dinge, die ich noch erledigen mußs, bevor ich sterbe. Darunter die Absicht, den Töchtern öfters am Tag ihre Liebe kundtun, Botschaften für die Kids zum 18. Geburtstag auf Kassette aufnehmen, Don eine neue Frau suchen, die die Mädchen mag, noch einmal zum Strand hinausfahren und picknicken, rauchen und trinken nach Lust und Laune, frei die Meinung äußern, mit anderen Männern schlafen, um einmal die Hände eines Fremden zu spüren, seinen Geruch, seinen Körper, den Vater im Knast besuchen und die Haare verändern.

Als ersten Schritt eröffnet sie der Bedienung, die unbedingt so aussehen will wie Cher, diese Idee sei unsinnig und schreckt fast vor der eigenen Courage zurück. Leichter fällt es ihr, den Kindern ihre Zuneigung mitzuteilen. Wie sie einen neuen Mann kennenlernen soll, dazu entwirft sie keine großen Strategien. Aber da gibt es ja noch etwas wie Zufall oder Schicksal. Im Waschsalon trifft Ann auf Lee, einen sympathischen Typen, der sie schon im Café beobachtete.

Er holt einen Kaffee für sie und als er wiederkommt, liegt sie schlafend auf der Bank. Behutsam, fast zärtlich deckt er sie mit seiner Jacke zu. Beim Aufwachen ist der Kaffee kalt, die Wäsche gewaschen. Damit sie nicht friert, darf sie seine Jacke mitnehmen. Im Wäschesack entdeckt sie ein Buch mit hingekritzelter Telefonnummer auf der ersten Seite. Während Ann der Familie gegenüber eisernes Schweigen über ihre Krankheit bewahrt, sie weiterhin mit ihrer ewig unzufriedenen Mutter im Clinch liegt, als liebende Gattin und wunderbare Mutter für Harmonie sorgt, versucht sie, aus der ihr verbleibenden Zeit das Beste zu machen. Sie bringt Lee die Jacke in seine Wohnung zurück, in Ermanglung von Möbeln setzen sie sich auf Bücherstöße und reden.

Es eröffnet sich eine neue Welt durch seine Erzählungen über ferne Orte, die sie wohl nie bereisen, nie mit eigenen Augen sehen wird. Gemeinsam hören sie im Auto Musik. Während der Regen an die Scheiben klatscht, fasst sie all ihren Mut zusammen und sagt, dass sie anfangen würde zu schreien, falls er sie nicht sofort küsst. Eine Aufforderung, der Lee mehr als gerne nachkommt.

Beim nächsten Arztbesuch teilt sie Dr. Thompson mit, auf Bestrahlungen zu verzichten und nicht im Krankenhaus sterben zu wollen. Fast schüchtern vertraut sie ihm einen Karton mit besprochenen Kassetten an, den für ihre Töchter aufbewahren soll. Er gibt ihr Schmerztabletten und - fast eine verstohlene Geste der Freundschaft - jede Menge Bonbons.

Don ahnt weiterhin nichts, Fragen nach ihrem Gesundheitszustand weicht sie aus. Sie genießt seine Fürsorge und seine Komplimente, sein Versprechen, dass alles mit dem neuen Job besser wird. Im Nebenhaus ist eine neue Nachbarin eingezogen, die ebenfalls Ann heißt und sich sehr gut mit den Kindern versteht. Die beiden Frauen freunden sich etwas an, im Hinterkopf baut Ann sie als Nachfolgerin auf.

Ganz nebenbei arbeitet sie ihre To-Do-Liste ab, spricht sich mit der unter Einsamkeit leidenden Mutter aus, besucht den Vater im Gefängnis, zeigt ihm Fotos ihrer Töchter, unterhält sich mit ihm über die Mutter, die alle hasst und eine tragische Figur ist. Der Abschied fällt ihr schwer.

Zwischendurch bespricht sie weitere Kassetten für Don, dem sie erklärt, warum sie ihm den Krebs verheimlicht. Ihr Wunsch: Er soll glücklich sein und für die Kinder sorgen, nicht traurig sein, wenn er sich an sie erinnert. Sogar der Mutter hinterlässt sie ein Adieu auf Kassette, wünscht ihr ein gutes Leben und dass sie nicht versauert.

In den noch verbleibenden Wochen wagt Ann kleine Fluchten und Aufbrüche, geht zur Friseuse und sogar in eine Bar. Aber vor allem trifft sie sich mit Lee und ahnt, was Liebe bedeuten kann. Ein letztes Mal begleitet sie ihn in ein schickes Restaurant, sie kann die Situation nicht mehr ertragen, will nur noch weg. Auf der Brücke scheiden sich ihre Wege. Don wird sie abholen.

Lee macht ihr eine Liebeserklärung, will diese außergewöhnliche Frau für immer behalten, für sie und ihre Kinder sorgen, alles mit ihr teilen - Glück, Leid oder Angst. Sie gehen auseinander und laufen noch einmal aufeinander zu. Ein Sich-Klammern, ein verzweifelter Kuss. Mit Tränen in den Augen mußs er zusehen, wie der Ehemann die Geliebte abholt und sie auch diesen umarmt.

Ann lädt ihre Nachbarin zum Essen ein und registriert, dass sie sich mit Don versteht. Die 23-Jährige fühlt das Ende nahen, bedauert nicht das Leben, das sie hatte oder nicht hatte, "wenn man tot ist, fühlt man nichts". Sie verschwindet einfach, ganz leise und still - so wie sie gelebt hat.

Epilog: Don und die Nachbarin fahren mit den Kindern weg, die Mutter hat einen Neuen, die Kollegin futtert weiter in sich hinein. Und Lee hört ihre Stimme auf Band, ihre Worte von Liebe und zu wenig Zeit. Aber auch ihr Vermächtnis: Das Leben ist so viel besser als du denkst.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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