Lichter

Produktionsnotizen

Hans-Christian Schmid über Lichter "Liegnice statt London" lautete die Überschrift eines Zeitungsartikels, der vor zwei Jahren den Ausschlag für mich gab, mich näher mit der Situation an der deutsch-polnischen Grenze zu beschäftigen.

Da war die Rede von Menschen, denen man versprochen hatte, sie seien kurz vor London, als man sie aus dem Lastwagen steigen ließ, in dem man sie durch die Ukraine und Polen transportiert hatte. Tatsächlich setzte man die Gruppe in einem Waldstück in Polen ab, kurz vor der Grenze nach Deutschland.

Die deutsche Ostgrenze ist nach der Wiedervereinigung zu einer Linie zwischen zwei Welten geworden, dem reichen Westen und dem armen Osten. Die wohlhabenden Länder des Schengen-Gebietes, in dem es keine Binnengrenzen mehr gibt, schotten sich gegen die weniger wohlhabenden Länder ab.

Und damit auch gegen Menschen, die teilweise große Risiken eingehen, um ihre eigene Situation nur ein kleines Stück zu verbessern, die in den Ländern, aus denen sie stammen, weder für sich noch für ihre Kinder eine Zukunft sehen.

Probleme gibt es aber in der Grenzregion nicht nur wegen der Flüchtlinge - auch zwischen Deutschen und Polen sorgt die Dynamik von Reich und Arm für soziale Spannungen.

Als Michael Gutmann und ich im Frühjahr 2001 zum ersten Mal in Frankfurt an der Oder und im gegenüberliegenden Slubice für Lichter recherchiert haben, erzählte uns ein Journalist der Märkischen Oderzeitung: "Mit den Ostdeutschen, das ist wie auf dem Hühnerhof. Da gibt es eine Hackordnung und das vorletzte Huhn hackt das letzte Huhn immer am meisten. Die Ostdeutschen, die fühlen sich wie das vorletzte Huhn. Und die Polen, die sind das letzte Huhn."

Während jedoch die Polen sich dem Handel mit dem neuen Nachbarn geöffnet haben und Slubice eine florierende Kleinstadt ist, verliert das gegenüberliegende Frankfurt jährlich 2.000 Einwohner. "Die, die hier geblieben sind und Kinder haben, die mit der Schule fertig werden", meinte der Journalist, "die drücken den Kindern 10.000 Mark in die Hand und sagen: Geht irgendwo hin, macht euer Glück, aber nicht hier in Frankfurt, hier passiert sowieso nichts mehr."

Die Polen leben mit ihrem Gesicht zur Grenze, die Deutschen kehren ihr den Rücken zu. Viele von ihnen betreten polnisches Gebiet nur dann, wenn sie günstig tanken, sich billig die Zähne machen, oder die Dienste einer preiswerten Prostituierten in Anspruch nehmen wollen. Slubices Stadtbild ist geprägt von Wechselstuben, Tankstellen, kieferorthopädischen Praxen und Nachtclubs.

Die Protagonisten von Lichter haben alle mehr oder weniger direkt mit dieser Grenze zu tun. Sie haben sich damit abgefunden, hier zu leben, sind auf der Durchreise, oder wollen einfach nur von hier weg.

In Lichter geht es um unterschiedliche Menschen, die alle dadurch verbunden sind, dass ihre Geschichten an einem Ort innerhalb von 48 Stunden spielen. Die Figuren müssen kämpfen, immer weiter kämpfen und geben trotzdem nicht auf.

Egal ob es um Kleinigkeiten wie ein Kommunionskleid oder - wie im Falle der Flüchtlinge aus der Ukraine - um Leben und Tod geht. Ich empfinde für diese Menschen, die so für ihr Glück kämpfen, eine sehr große Sympathie.

Zwischen Frankfurt/Oder und Slubice: Eine Bestandsaufnahme Jeden Tag, jede Stunde ist die Kollision fühlbar. Anfangs verlief sie fast lautlos, je länger der Kampf andauert, desto hörbarer werden Stimmen der Menschen. Doch man kann ihnen nicht helfen. Ihre Aufgabe ist, zu schreien, die Gewohnheit der Welt ist, wegzuhören.

Wie zwei mächtige, untrennbar ineinander verkeilte Maschinen kollidiert dort, wo die Oder Frankfurt von Slubice trennt, der alte Westen mit dem neuen Osten, liefern sich jenseits von politischen Visionen und Geschichtsinterpretationen der alte Osten und der neue Westen erbitterte Grabenkriege. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Verbindung über die Oder war schon vor 750 Jahren, als aus der Siedlung Vrankenvorde die Stadt Frankfurt wurde, von ausschlaggebender Bedeutung. Denn Fluss und Brücke wurden zum Knotenpunkt im mittelalterlichen Netz der Handelswege, Frankfurt wurde Mitglied der Hanse und prosperierte. Von dem jahrhundertealten Wohlstand gibt es kaum noch Zeugnisse: Im Frühjahr 1945 sprengt die deutsche Wehrmacht die Oderbrücke. Die Rote Armee besetzt die Stadt am 23. April, durch Brandstiftung wird sie zu 93 % zerstört.

Seit dieser Zeit bilden die östlich des Flusses gelegenen Stadtteile eine Dammvorstadt - die zu Polen gehörende Gemeinde Slubice. Die wiedererbaute "Brücke der Freundschaft" verlief wie ein Bruch durch die "sozialistischen Brüdervölker" zu Zeiten des Kalten Krieges. Die Städte wandten einander und dem Fluss den Rücken zu. Heute, mehr als eine Dekade nach der Wiedervereinigung, keimt, zweifelnd und zart, die Hoffnung, dass sich Frankfurt und Slubice irgendwann in der Zukunft wieder als gemeinsamer Stadtraum verstehen.

Doch der Weg dorthin ist weit, denn zwischen den beiden Städten ist nach dem Mauerfall ein Grenzland im Spannungsfeld zwischen Depression und Goldgräberstimmung entstanden. Ein Ödland, in dem Kriminalität und Träume Hochkonjunktur haben. Die Schlagzeilen in den lokalen Zeitungen berichten täglich von Drogeneinfuhr, Zigarettenschmuggel, illegalen Grenzübertritten, Schleuser-Banden, Kraftfahrzeugdiebstählen, illegaler Beschäftigung von Arbeitskräften, Mord und Totschlag.

Slubice gilt als Eldorado von Dieben, Hehlern, Schmugglern. Geschätzte 250 Taxifahrer streiten sich um die Tagestouristen aus dem Westen, die auf den billigen Basaren auf Schnäppchenjagd gehen. 150 Friseusen, 400 Huren, 1500 Studenten und 1000 gemeldete Arbeitslose komplettieren die Statistik.

Auf der anderen Seite der Oder ist Frankfurt, aber dessen Zukunft interessiert hier kaum jemanden. Frankfurt ist eine Chiffre, ein Symbol. Frankfurt steht für WESTEN. Überstrahlt wird die Geburtsstadt des Dramatikers Heinrich von Kleist mit der neu gegründeten Europa-Universität Viadrina vom nur 80 Kilometer entfernten Berlin.

In dieses New York Europas sehnen sich die Flüchtlinge aus den verarmten Ländern des ehemaligen Ostblocks um jeden Preis, sogar um den Preis ihres eigenen Lebens. Frankfurt ist für sie nur eine weitere lästige Station auf dem Weg in die Verheißung.

Auch in Frankfurt bleibt man nicht. Von den ehemals 87.000 Einwohnern sind rund 18.000 abgewandert. Die Jungen und Ausgebildeten zuerst. Beschleunige sich die Abwanderung bis zur Überschreitung eines kritischen Punktes, so warnen Soziologen bereits, drohe Grenzgebieten wie dem zwischen Frankfurt/Oder und Slubice die Gefahr, eine "wild zone" zu werden, mit Bürgerwehren und der Kontrolle von ethnisch definierten "defense spaces".

Regisseur Hans-Christian Schmid wirft mit Lichter einen viel sagenden, immer wieder verständnisvollen Blick auf eine EU-Außengrenze, eine Wohlstandsgrenze: "Ich habe festgestellt, dass die Deutschen dort rüber fahren zum Tanken, um sich die Zähne machen zu lassen und letztlich zum Ficken - das ist einfach auffällig, dass es dort sehr viele Bordelle gibt, sehr viele Tankstellen und sehr viele kieferorthopädische Praxen."

Zurückbleiben, hüben wie drüben, die mit den gescheiterten Träumen, die Schwachen, die seelenlosen Geschäftemacher - eine Mischung, die das mentale Gefüge einer Grenzregion bestimmt, die wie viele Orte an den Grenzen des ehemaligen Ostblocks Fragen aufwirft.

Wo bleiben Menschen, die die Flucht in den Westen nicht schaffen? Wie definieren sich Industrieregionen am Ende der industriellen Entwicklung? Wie lebt man, Lichtjahre entfernt von glamouröser Europapolitik im Brüssel-Stil, dort, wo Europa geschieht? Wo es stinkt, vegetiert, kaputt geht?

Was mußs sich August Diehl als junger Architekt in Lichter anhören, als er gegen die Entscheidung des Bauherren protestiert, auf die von ihm geplante Glasfassade an einem Bürohaus zu verzichten?

"Willkommen in der Wirklichkeit"!

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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