Die Journalistin

Das Leben von Veronica Guerin

Veronica Guerin wurde am 5. Juli in der Arbeitergemeinschaft Artane im Norden Dublins geboren. Sie war die Zweitjüngste in einer Familie mit drei Mädchen und zwei Jungen. Ihr Vater Christopher leitete seine eigene Buchhaltungsfirma in der Stadt und ihre Mutter Bernadette ?leitete' die Familie. Jimmy, der Jüngste der Familie Guerin, stand seiner Schwester, einem geselligen Wildfang, die dem kleinen Bruder bei den Hausaufgaben half und ihn mit seiner ersten Freundin verkuppelte, sehr nahe.

"Es gab dieses Ältere-Schwester-Problem nicht, weil Veronica nur ein Jahr älter war", erinnert sich Jimmy Guerin. "Veronica war eher wie ein Freund, und sie war in vielen Sachen großartig. Es hat Spaß gemacht mit ihr." Jimmy Guerin erinnert sich an einen Menschen, der schon damals seiner selbst und seiner Fähigkeiten ganz sicher war.

"Wenn sie sich einmal auf etwas konzentrierte, wurde sie dabei die Beste. Sie fing an, Basketball zu spielen und wurde Europäische Basketballspielerin des Jahres. Sie spielte Fußball für Irland und schoss regelmäßig die meisten Tore. Sie hatte immer die Fähigkeit, das, was sie machte, erfolgreich zu gestalten".

Nach ihrem Studienabschluss arbeitete Veronica für kurze Zeit in der Buchhaltungsfirma ihres Vaters Christopher. 1982 wurde sie in das Gremium des National Institute of Higher Education gewählt und im folgenden Jahr vom Taoiseach (dem irischen Premierminister) beauftragt, als Assistentin der Fianna-Fail-Delegation an den New-Ireland-Forum-Verhandlungen teilzunehmen.

Später gründete sie ihre eigene PR-Firma. 1985 heiratete sie Graham Turley und das Paar bekam 1990 Sohn Cathal. Das Familienleben war glücklich und stabil; dennoch fühlte sich Veronica immer mehr zur Welt des Journalismus hingezogen. "Ich glaube, sie hatte damit endlich etwas gefunden, womit sie wirklich glücklich war", sagt Jimmy Guerin.

Bevor sie anfing, für die Sunday Independent zu schreiben, hatte sich Veronica Guerin schon den Ruf einer mutigen und bahnbrechenden Enthüllungsjournalistin erworben. Als Journalistin für die Sunday Business Post und die Sunday Tribune hatte sie einige größere "Knüller" gelandet, darunter ein Interview mit einem umstrittenen irischen Bischof, der nach Südamerika geflüchtet war, und ein exklusiver Insiderbericht über den millionenschweren Beit-Kunstraub.

Es war klar, dass Guerins Hartnäckigkeit und zunehmendes Profil dazu führen würden, die Aufmerksamkeit der größten Zeitung Irlands, der Sunday Independent, zu wecken. Im Januar 1994 wurde ihr erster Bericht in der Sunday Independent gedruckt. Willie Kealy, Guerins Nachrichtenredakteur bei der Zeitung, erinnert sich, dass Guerin zuerst auf vielen Fachgebieten berichtete - sowohl Hintergrundberichte als auch aktuelle Nachrichten -, dann aber zunehmend an Berichten über Verbrechen arbeitete.

"Die Tatsache, dass sie sich auf Verbrechen spezialisierte, entstand eher zufällig als absichtlich", sagt Kealy. "Aber das war eben das, was sie am besten konnte und ihr am meisten gefiel. Es war auch ein Gebiet, das vorher im irischen Journalismus nicht so gut bearbeitet worden war - die Berichte waren oft sehr floskelhaft. Veronica war anders. Sie trotzte dem System, schüttelte es ab und enthüllte dabei die unantastbare kriminelle Unterwelt, welche die Regierung nicht berühren konnte bzw. wollte."

Guerin war als Ermittlerin eine Einzelgängerin und hatte einen ausgeprägten Instinkt für eine gute Story. Jeden Sonntag zogen ihre Artikel über die Dubliner Verbrecherszene und die außer Kontrolle geratenden Heroinprobleme in der Stadt immer mehr Leser an. Guerin war in relativ kurzer Zeit zu einer der bekanntesten und berühmtesten Journalisten Irlands geworden, einer Art Promi, die die Bösewichter mit gnadenloser Entschlossenheit verfolgte.

Veronica Guerins Ermittlungsmethoden waren auf jeden Fall ungewöhnlich in einer Zeit, in der die meisten irischen Journalisten ihre Storys per Telefon oder auf Pressekonferenzen recherchierten. Sie war eine Fußsoldatin, eine, die vor Ort arbeitete, die ihre Informationen aus erster Hand holte, indem sie ihren Informanten direkt begegnete. Sie pflegte ihre Kontakte zu ihren wichtigsten Ansprechpartnern sowohl bei der irischen Polizei, der Gardai, als auch bei der kriminellen Unterwelt Dublins.

Dort lernte sie John Traynor kennen und durch ihn seinen Chef John Gilligan. "Veronica war eine unserer Top Journalistinnen - sie hatte fantastische Ermittlungsfähigkeiten", sagt Anne Harris, stellvertretende Chefredakteurin bei der Zeitung und Freundin von Veronica. "Mit der Zeit wurde sie zur am meisten respektierten Journalistin Irlands, und doch war kein Detail zu klein oder trivial, dass sie es nicht selbst überprüfen würde. Sie war unglaublich großzügig, sowohl mit ihrer Arbeitszeit als auch im Allgemeinen."

Aber ihre Arbeit sog sie immer weiter in einen tödlichen Wirbel hinein. Ihr Hauptansprechpartner war John Traynor, ein gestandener Verbrecher, der in seinen eigenen kriminellen Glanz sowie den zweifelhaften Promi-Status, den er durch sein sonntägliches Erscheinen in der Zeitung genoss, vernarrt war.

Traynors Chef John Gilligan mochte das Rampenlicht überhaupt nicht, und er drängte seinen Kumpan dazu, seinen Kontakt mit der Journalistin abzubrechen. Traynor sagte Guerin auch, sie solle sich zurückziehen. Am 30. Januar 1995 überfiel ein vermummter Mann Veronica Guerin zu Hause und schoss ihr ins Bein. Es war ihre erste ernsthafte Verwarnung, ein Riesenschock für die Medienwelt und insbesondere für die Sunday Independent.

"Als Veronica ins Bein geschossen wurde, haben wir uns sehr große Sorgen um sie gemacht", erinnert sich Willie Kealy. "Das war einmalig, aber ich glaube nicht, dass jemand daran gedacht hätte, dass sie umgebracht werden könnte.Wir dachten nicht daran, sie nicht, ihre Familie nicht und auch die hochrangigen Polizisten nicht, mit denen wir uns vorher und nachher berieten. Diese reale Möglichkeit fiel uns nie ein, weil keiner dachte, es könnte passieren. Keiner glaubte, dass Verbrecher, über die viel berichtet wird, einen Journalisten töten würden, um ihr Einkommen zu schützen."

"Es gab nichts Rücksichtsloses an Veronicas Arbeitsmethoden", sagt er weiter. "Sie tat vielleicht das, was auch andere Reporter zur damaligen Zeit hätten machen müssen. Ihre Methode unterschied sich nur dadurch. Sie war auf jeden Fall ein Gegensatz zu denjenigen, die eine Story anhand einer Pressemitteilung oder eines Telefonats schrieben. Ich würde auch heute einem Journalisten diesen Stil empfehlen."

Im Dezember 1995 reiste Veronica Guerin nach New York, um den International Press Freedom Award entgegenzunehmen: Sie war der erste westeuropäische Journalist, der diese Auszeichnung erhielt. Als sie nach Dublin zurückkehrte, arbeitete Guerin weiter daran, Gilligan und seine Gang zu entblößen.

Am 26. Juni 1996 hielt Guerin gegen Mittag an einer Ampel auf einer Straße am Rande Dublins. Ein Motorradfahrer hielt neben ihrem Wagen an und sein Beifahrer jagte ihr sechs Kugeln in den Körper. Veronica Guerin, die zu dieser Zeit telefonierte, griff noch nach der Beifahrertür, verstarb aber kurz darauf. Als sich die Nachricht ihrer Ermordung wie ein Buschfeuer im Land verbreitete, wussten viele nicht, wie sie damit klarkommen sollten.

"Mein erster Gedanke war, meine Mutter aufzusuchen", erinnert sich Jimmy Guerin an den Augenblick, als er hörte, dass seine Schwester umgebracht worden war. "Ich habe sehr klare Erinnerungen an diesen Tag. Ich könnte Ihnen buchstäblich jede Sekunde erzählen. Das Allerschwierigste war, nach außen hin die Ruhe zu bewahren."

Der Chefredakteur der Sunday Independent, Aengus Fanning, war gerade in London angekommen, als sein Sohn ihn anrief und ihm die Nachricht mitteilte. Er kehrte sofort nach Dublin zurück, wo ihn ein riesiger Medienrummel erwartete. Vorbereitungen für eine Sonderausgabe der Sunday Independent wurden getroffen, und die Ausgabe trug auf der ersten Seite ein Bild von Veronica Guerin mit einer Schlagzeile aus zwei Wörtern: "Citizen Journalist".

"Sie war ein Mensch, und kein Journalismus der Welt ist ein Menschenleben wert", sagt Willie Kealy. "Aber die Gesetzesänderungen, die zustande kamen, traten erst nach ihrem Tod - und möglicherweise nur deswegen - in Kraft. Man könnte sagen, dass durch ihren Tod etwas Gutes entstanden ist. Sie hat ein Vermächtnis hinterlassen, und sie wird anhand ihrer Errungenschaften in diesem Land nie vergessen werden. Sie machte ihren Job, wie man ihn machen sollte, und wurde dafür umgebracht."

Veronica Guerins brutaler Tod zog unmittelbare und beträchtliche Konsequenzen nach sich. "Politiker wurden dadurch gezwungen, von den Umständen Notiz zu nehmen", sagt Kealy.

"Es gab auch eine Medienkampagne. Aber in erster Linie war es der riesige öffentliche Aufschrei, der die Politiker dazu zwang, das Gesetz zu untersuchen, das es gefährlichen, organisierten Verbrecherbanden möglich machte, straflos zu agieren. Daraufhin wurde der Polizei mehr Handlungsspielraum gegeben: Es wurde eine Sonderabteilung, das Criminal Assets Bureau, gegründet, das den Kriminellen dazu zwang, offen zu legen, woher er sein Geld hat.

Falls er das nicht konnte, wurde ihm das Geld weggenommen. Außer Verbrecher für sehr lange Zeit wegzusperren, wenn sie es verdient haben, gibt es keine bessere Strafe für einen Verbrecher, als ihm das Geld aus der Tasche zu nehmen, weil Geld ihm alles bedeutet."

"Veronica Guerin ist jetzt eine Ikone", meint ihr ehemaliger Chef und Redakteur bei der Sunday Independent, Aengus Fanning. "Ihr Denkmal ist im Dubliner Schloss zu sehen, und sie ist zu einem Symbol von Courage geworden. Sie ist auch ein Symbol als Frau, die in einer Männerwelt siegte und erfolgreich war. Sie hat bei unserer Gesetzgebung große Spuren hinterlassen: Die Veränderungen haben die Aufgabe der Polizei zwar nicht einfacher gemacht, dafür aber kann sie auf jeden Fall etwas effektiver handeln."

Für Jimmy Guerin wird die Erinnerung an seine große Schwester nie verblassen. "Wir waren uns sehr nah", sagt er. "Tatsache aber ist, dass alle jemanden verloren haben. Eine Mutter hat eine Tochter verloren, die Geschwister eine Schwester, ein Mann seine Ehefrau, ein Sohn seine Mutter. Man vermisst den Spaß und die totale Verrücktheit, die sie auf eine Party oder ein Treffen mitbringen konnte. Veronica war immer für einen da."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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