The Mother

Produktionsnotizen

"Die Idee zu diesem Film kam mir, als ich über Mütter und Töchter, Eltern und Kinder und ihr unterschiedliches Verhältnis zur Vergangenheit nachdachte", sagt Autor Hanif Kureishi. "Ich überlegte mir zum Beispiel, wie eine Tochter mit ihrer Mutter über Dinge spricht, die ihr zugestoßen sind, die die Mutter aber gar nicht wahrgenommen hat. Mit so einer Idee geht es los, und daraus entwickelt man dann die ganze Geschichte, das Drama."

"Die Geschichte ist in mehrfacher Hinsicht sehr stark", sagt Regisseur Roger Michell. "Sie beleuchtet genau, wie Familien heutzutage funktionieren. Diese Großmutter kommt nach London, um ihre erwachsenen Kinder zu besuchen, die nicht nur von dort weggegangen sind, wo sie aufgewachsen sind, sondern sich auch gesellschaftlich verändert haben, inzwischen zur Mittelschicht gehören.

Der Film zeigt, wie Familien durch den Druck von Erfolg oder Versagen zerbrechen, und er zeigt, wie Familien diese DNA der Dysfunktionalität quasi in sich zu tragen scheinen, dieses ?Virus der Schlechtheit', das sich mühelos von Generation zu Generation fortpflanzt."

"Man kann nicht immer herausfinden, warum man über etwas Bestimmtes schreibt. Je unbewusster man ist, desto besser, so scheint mir. Dort liegt die Action, im Nicht-Wissen", erläutert Kureishi. "Ein Schriftsteller schaut sich um nach den Krisensituationen im Leben von Menschen - nach dem Moment, wenn alles zusammenbricht und die Leute sich wirklich damit auseinander setzen müssen, wer sie sind oder wer sie sein wollen, oder wie sie leben wollen.

In The Mother kehrt May nach dem Tod ihres Mannes in das gemeinsame Haus zurück und sagt zu ihrem Sohn: ?Ich kann hier nicht bleiben.' In dem Augenblick wird einem klar, dass sie sehr wohl bleiben könnte, sich in einen Stuhl setzen für die nächsten zwanzig Jahre und dann ins Heim bringen lassen wie die anderen. Oder sie kann ein neues Leben anfangen, das hat seinen Preis, ein Leben, das Entdeckungen und Freude und andere gute Dinge einschließt."

"Ich habe May als Frau gesehen, die ihr halbes Leben gelebt hat, ohne es überhaupt zu merken", erklärt Anne Reid ihre Rolle. "May hat sich ihr Leben eingerichtet, als sie sehr jung war, so wie das alle Frauen ihrer Generation taten. Aber erst, als ihr Mann stirbt und sie plötzlich damit anfängt, sie selbst zu sein, sich selbst zu finden, beginnt sie wahrzunehmen, wer sie überhaupt ist.

Man kann vollkommen in eine Ehe eintauchen, es wird zur Gewohnheit. Du weißt gar nicht, wer du bist, bis es plötzlich vorbei ist und du denkst: ?Oh, das war ich gar nicht wirklich; ich habe getan, was von mir erwartet wurde, aber mit mir hat das nichts zu tun.'"

"Mir kommt es so vor, als würde May von den jungen Frauen im Film beinahe verächtlich behandelt", sagt Daniel Craig, der Darren spielt. "Sie repräsentiert etwas, was es kaum noch gibt - eine Frau, die bei ihrem Mann bleibt und ihn versorgt und die liebende Ehefrau spielt. Sie meinen wohl, May hätte nichts aus ihrem Leben gemacht, sie respektieren sie nicht."

Kureishi hat seine Geschichte in London angesiedelt, weil "... Ich sah den Anfang der Story - dieses Ehepaar im Zug, den Gegensatz von Alter und relativer Jugend, zwischen Stadt und Außenbezirken. Ich dachte an das Tempo, die Verrücktheit der Großstadt und die Indifferenz von Kindern alten Leuten gegenüber."

"Eine der Entscheidungen, die wir früh getroffen haben, war, alles in einer möglichst kompakten, konzentrierten Gegend zu drehen. Das meiste spielt sich innerhalb einer Meile um Shepherd's Bush Green in West London ab", erklärt Produzent Kevin Loader.

"Natürlich mit einigen Ausnahmen, wenn May auf ihre Erkundungstouren geht. Sie besucht das London Eye und die wundervolle neue Tate Modern Gallery. Weil wir eine kleine, sehr bewegliche Crew waren, war es erfrischend einfach, die Drehgenehmigungen für diese Orte zu bekommen. Der Film wurde möglichst natürlich gedreht, mit dem Licht, das zur Verfügung stand. Roger und Alvin erzielten eine sehr interessante Ästhetik, die immer hervorragend zur emotionalen Stimmung des Films passte."

"Die Landschaftsszenen wurden eingefügt, um die Verzweiflung oder Einsamkeit der Charaktere zu veranschaulichen. Sie sind weder Lichtbildervortrag noch Hintergrund", beschreibt Nic Gaster, der den Schnitt verantwortet.

"Manchmal war dieser Anspruch schwer zu realisieren, weil die Szenen selbst keine dramatische Struktur als solche aufweisen. Aber die Landschaftsaufnahmen reflektieren den inneren Tumult der Figuren, die Reise im Innern von Mays Kopf. Auch wenn ich die Plätze und natürlich auch die Menschen erkenne, könnte der Film, wie ich meine, in jeder anderen westlichen Metropole angesiedelt sein."

Roger Michell stimmt zu: "Man neigt dazu zu denken, das Leben in London bringe das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein. Aber ich bin sicher, die gleichen grässlichen Dinge passieren überall. Ich war vor kurzem in Oslo, das als die Weltmetropole der Ruhe gilt.

Aber unter dieser Oberfläche, da bin ich mir sicher, brodelt die Fähigkeit zur Scheußlichkeit. Darum bringen diese ruhigen skandinavischen Länder auch solch brutale Schriftsteller wie Ibsen hervor, die mit genau dem gleichen Material arbeiten: die Gewalt an Familien in den Familien selbst."

"Dreißig Jahre lang habe ich nicht in London gelebt - es hat sich sehr verändert", erzählt Anne Reid. "Es lässt dich die kleinen Werte des Lebens aus den Augen verlieren, weil alles immerzu ein Kampf scheint. Die Menschen haben keine Zeit für sich und andere, und ich glaube, da ist was dran: das hat sicher Auswirkungen auf die Beziehungen. Mays Kinder haben ganz sicher keine Zeit für sie. Ich denke, sie wirken wie extrem kalte Menschen, aber sie war keine gute Mutter, und vielleicht hat sie das aus ihnen gemacht."

"Die Mutter merkt, dass sie mit dem Verlust ihres Mannes auch die Strukturen verloren hat, die ihr Leben stabil, aber auch irgendwie tot gemacht haben", erklärt Kureishi. "Als es ihn nicht mehr gibt und sie in London ist, kann sie damit beginnen, andere Dinge herauszufinden.

May wird so eine Art Rebellin, die sich gegen die Vergangenheit stellt und stattdessen ihre eigene Sexualität, ihre Lust plötzlich als etwas Wertvolles erlebt. Natürlich geht das auf Kosten anderer Dinge, aber mich interessiert immer, wie Sexualität produktiv ein Leben auf den Kopf stellen kann."

Auf die Frage, ob er das Drehbuch beim ersten Lesen schockierend fand, lacht Michell. "Ich fand es skandalös, absolut entsetzlich ... Nein, nein, ganz und gar nicht. Es war ein faszinierender Blick auf ein unerwartetes Stück menschlicher Erfahrung, etwas, was nicht oft in Büchern oder sonstwo aufgegriffen wird: die Tatsache, dass Menschen, besonders Frauen jenseits der Sechzig, eine Sexualität haben, die nicht plötzlich ausgelöscht ist."

"Es ist schon schockierend", ergänzt Kureishi. "Schockierend in dem Sinn, dass wir da etwas präsentiert bekommen, worüber wir normalerweise lieber nicht nachdenken wollen. Die Gründe dafür sind interessant und offenkundig, und auch darüber sollten wir nachdenken.

Die erste Generation, die sich auf diese Weise mit Sex befasst hat, die 60er-Generation, wird sich bald selbst in Mays Position befinden. Es ist eine sehr merkwürdige, viktorianische Sicht der Dinge, denn für andere Epochen oder Völker, die Griechen zum Beispiel, ist die Frage von Sex im Alter keineswegs tabu. Es lohnt sich, sich damit auseinander zu setzen."

Daniel Craig stimmt zu: "Die Idee, dass man auch im Alter noch sein Leben führen kann, wird nicht oft thematisiert. Es ist, als würden die Menschen mit dem Älterwerden aufhören zu funktionieren, im sexuellen wie in allen anderen Belangen. Ich weiß, dass das Unsinn ist - das wissen wir alle - aber mit der Realität setzt sich das Kino nicht oft auseinander."

Roger Michell fügt hinzu: "Man erwartet eher das Klischee vom alten Mann mit der jüngeren Frau. Aus irgendeinem Grund gilt es als würdelos für ältere Frauen, überhaupt noch sexuelle Wünsche zu haben. Das ist geschlechtsspezifisch, und ich denke, es ist falsch. Wir sollten das nicht kulturell inakzeptabel oder unangenehm finden.

Natürlich ist das auch kein Thema, über das man sich jetzt ohne Ende auslassen sollte, aber diese seltsame Art von biologischem Tabu, das ihm anhaftet, ist überflüssig. Ich denke, das ist, in einem Darwinschen Sinne, mit der Evolution verknüpft: Warum soll eine Frau noch Sex haben, wenn sie zu alt ist, um Kinder zu bekommen. Warum bügelst du nicht einfach weiter?"

"Ich sehe das als kleinen Scherz Gottes", sagt Anne Reid. "Er nimmt dir das Gehör, macht dich etwas kurzsichtig, die Knie und dein Rücken gehen dahin, aber dein Wunsch nach Sex bleibt völlig intakt. Ich denke, das ist ein grausamer Scherz. Ich spreche mit vielen Frauen, die genauso fühlen.

Als junges Mädchen dachte ich: ?Wenn du erst einmal sechzig bist, bist du auch bereit, alt zu sein.' Das stimmt nicht, überhaupt nicht. Aber ich habe nicht die Absicht, unsichtbar zu werden, wenn ich älter werde. Für Schauspieler ist das anders.

Solange du dir deinen Text merken kannst und nicht ins Mobiliar stolperst, kannst du weitermachen. Jeder andere mußs sich zur Ruhe setzen. Alle anderen haben in den Ruhestand zu gehen, nur Schauspieler können für immer weiterspielen - der letzte Lacher gehört uns."

"Ich habe mir am Royal Court Theater ?The York Realist' angeschaut", erzählt Michell. "Ich kannte Anne Reid nur aus dem Fernsehen in guten, aber inadäquaten Rollen wie ?Dinnerladies' - nichts, was uns dazu gebracht hätte, sie unbedingt als die Mutter zu besetzen.

Aber manchmal fühlst du sofort, wenn jemand genau richtig für eine Rolle ist, und bevor sie überhaupt den Mund aufmachte und über irgend etwas zu jammern anfing, wussten wir: ?Ja, Anne müssen wir haben.' Sie hat diese Reihe von Mehrdeutigkeiten, sie kann aussehen wie 23 und wie 63; sie ist ganz streng und gleichzeitig furchtbar freundlich und warmherzig. Sie ist stark, ein nördlicher Typ aber sehr sensibel. Eine sehr interessante, liebenswerte Person."

"Wir gingen eine ganze Liste von Schauspielerinnen durch, einige mehr, andere weniger bekannt", ergänzt Produzent Kevin Loader. "Am Ende war der Grund dafür, May mit Anne Reid zu besetzen, die Tatsache, dass es jemand sein sollte, nach dem man sich nicht auf der Straße umdreht.

Wir wollten kein ehemaliges Sexsymbol für die Rolle haben, weil das die Story in die Irre führen würde. Der Film handelt davon, wie das Innenleben eines Menschen sich enthüllt, in all seiner Komplexität. Eines Menschen eben, der vergleichsweise normal scheint und jedermanns Großmutter sein könnte."

"Wenn du älter wirst, werden Alter und Zeit immer interessanter. Damit mußs sich jeder von uns auseinander setzen. Worüber du schreibst hat immer mit dem zu tun, was dich beschäftigt, aber man kann schwer sagen, warum es dich beschäftigt und was genau du damit erreichen willst", sagt Kureishi.

"Als ich ?My Beautiful Laundrette' geschrieben habe und die beiden Jungen anfingen, sich zu küssen, war ich erschrocken, und ich dachte: ?Oh, es wird andere Leute auch schockieren, wenn du schockiert bist'. Mir war nicht ganz klar, warum die beiden Typen rumknutschten und warum das den Film funktionieren ließ.

Ich weiß selbst nicht, warum es mir wichtig erscheint, dass diese alte Frau eine sexuelle Beziehung eingeht. Aber es scheint mir deshalb so wichtig zu sein, weil es irgendwie Hoffnung verkörpert, eine Art neues Leben."

"Hanif schreibt diese sehr bitter-süßen Stücke. Wenn man seine letzten Kurzgeschichten anschaut - da haben viele die gleichen Qualitäten wie ?Die Mutter'. Sie sind komisch, grausam, befassen sich mit den Widersprüchlichkeiten der Natur, fähig, das Absurde anzuschauen und klug die Bedürftigkeit der Menschen erkennend", so Produzent Kevin Loader.

"Er hat sich als Autor großartig entwickelt, seit ich vor zehn Jahren zum ersten Mal mit ihm zusammengearbeitet habe. Seine Arbeit ist klüger geworden - menschlicher, mit mehr Verständnis für seine Charaktere. Das Erstaunliche für mich ist, dass Hanif sich seinen Ruf nicht als Autor von Frauen-Charakteren erworben hat - und plötzlich schreibt er ein Drehbuch, das zu großen Teilen aus der Beziehung zwischen einer Mutter und ihrer Tochter besteht.

Ich denke, es ist für ihn eine großartige Erfahrung, dazu auch in der Lage zu sein. Als ich ihn danach fragte, sagte er nur: ?Ach weißt du, ich habe jetzt genug Jahre in der Therapie verbracht, um mich in der Lage zu fühlen, Frauenrollen zu schreiben.'

Ich weiß nicht, ob das stimmt oder nur eine der typischen Hanif-Bemerkungen ist. Tatsache ist, dass in diesem Film die unverwechselbare Kureishi-Mischung zum Tragen kommt, aus komplexer Wahrheit und einem Blick voller Humor auf die Absurditäten, die menschliche Beziehungen hervorbringen."

"Ich denke, wir wollten einen sehr viel erwachseneren Film machen, als mir die meisten anderen zu sein scheinen. Denn es geht um ältere Menschen und das wirkliche Leben", sagt Kureishi. "Das Kino mußs zu einem gewissen Grad ein Ort sein, wo du über ernste Dinge reden und nachdenken kannst."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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