Dogville

Lars von Trier: Gedanken - Ideen - Inspiration

Zwei Dinge inspirierten mich, Dogville zu schreiben. Zunächst einmal hatte ich Cannes mit Dancer in the Dark besucht, und ich wurde von einigen amerikanischen Journalisten kritisiert, einen Film über die USA gemacht zu haben, ohne das Land jemals besucht zu haben.

Ich fühlte mich provoziert, denn soweit ich mich erinnern kann, waren sie auch niemals in Casablanca gewesen, als sie Casablanca drehten. Ich fand, die Anschuldigungen seien nicht fair. In diesem Moment entschloss ich mich, dass ich weitere Filme drehen würde, die in Amerika spielen. Das war die eine Sache.

Dann lauschte ich der "Piraten-Jenny", dem Lied von Bertolt Brecht und Kurt Weill aus Die Dreigroschenoper. Das ist ein sehr eindringliches Lied. Und das Rachethema sprach mich an.

Der Film mußste an einem isolierten Ort spielen, denn die "Piraten-Jenny" ist in einer isolierten Stadt angesiedelt. Ich beschloss, dass Dogville in den Rocky Mountains liegen sollte, denn wenn man noch niemals dort gewesen ist, dann klingt allein der Name fantastisch.

Welche Berge sind denn nicht felsig? Bedeutet das, dass diese Berge ganz besonders felsig sind, felsiger als felsig? Für mich klingt das wie ein Name, den man sich für ein Märchen ausdenken würde. Und ich beschloss, dass die Geschichte während der Depression spielen würde. Das würde für die richtige Atmosphäre sorgen.

Die alten Schwarzweiß-Fotografien der US-Regierung, die während der Depression gemacht wurden, waren ausgesprochen inspirierend. Trotzdem habe ich nie mit der Idee gespielt, den Film selbst in Schwarzweiß zu drehen. Das ist nur ein weiterer Filter, den man zwischen sich und sein Publikum legt - eine weitere Stilisierung.

Wenn man einen Film macht, der auf eine bestimmte Weise bereits "merkwürdig" ist (wenn man anstatt von Häusern zum Beispiel nur deren auf den Boden gemalte Umrisse sieht), dann sollte alles andere so "normal" wie möglich sein. Wenn man zu viele Flächen übereinander legt, dann entfernt man sein Publikum mehr und mehr von dem Film, den man dreht.

Es ist wichtig, nicht zu viele Dinge gleichzeitig passieren zu lassen, sonst verscheucht man den Zuschauer. Ich arbeite ein bisschen, wie man es im Labor machen würde: ich experimentiere. Wenn man ein Experiment durchführt, ist es wichtig, nicht mehr als eine Konstante auf einmal zu verändern.

Mir wurde erzählt, dass sich Amerikaner an Our Town erinnert fühlen könnten. Also gab mir jemand das Stück von Thornton Wilder zur Lektüre, als wir drehten. Ich finde allerdings nicht, dass sich in den Geschichten große Ähnlichkeiten entdecken lassen. Das soll aber nicht heißen, dass ich mich nicht von Dingen hätte inspirieren lassen.

Natürlich war das der Fall. Zum Beispiel wurde ich von einigen in den 70er-Jahren für die Fernsehausstrahlung inszenierten Theaterstücken inspiriert. Ganz besonders trifft das auf Nicholas Nickleby in einer Produktion der Royal Shakespeare Company zu. Das war extrem stilisiert, das Publikum wurde aufgefordert, in die Handlung einzugreifen, all diese Dinge, wie man sie in den 70er-Jahren machte.

Aber auch wenn man diese Aufführung heute sieht, funktioniert sie immer noch verblüffend gut. Vereinfacht gesagt: Ich wurde davon inspiriert, dass ich Theateraufführungen im Fernsehen vermisse. Das war sehr beliebt, als ich jung war. Man nahm sich ein Stück aus dem Theater und verpackte es auf neue Weise, steckte es in eine andere Umgebung, manchmal ging man sehr abstrakt ans Werk. Auf Theater im Theater bin ich nicht so scharf. Aber im Fernsehen oder auf Film - das will ich immer gern sehen.

Außerdem ließ ich mich von Bertolt Brecht und seiner typischen Art von ganz einfachem, stark zurückgenommenen Theater beeinflussen. Meine Theorie ist, dass man sehr schnell verdrängt, dass nicht wirklich Häuser oder sonst was zu sehen sind. Man mußs die Stadt vor dem geistigen Auge selbst erfinden.

Noch wichtiger ist, dass man sich stärker auf die Figuren konzentriert. Die Häuser sind deshalb nicht da, damit man nicht von ihnen abgelenkt werden kann. Und nach einer Weile werden sie auch von niemandem im Publikum vermisst, weil man eine Vereinbarung getroffen hat, dass sie niemals auftauchen werden.

Was sage ich zu denen, die behaupten, Dogville sei kein Kino? Ich sage: Vielleicht haben sie Recht. Gleichzeitig würde ich aber auch niemals sagen, dass mein Film eine Form von Anti-Kino darstellt. Zu Beginn meiner Karriere drehte ich sehr "filmische" Filme.

Das Problem heute ist nur, dass das viel zu einfach geworden ist. Man mußs einfach nur einen Computer kaufen, und schon ist man "filmisch". Man kann Armeen über Berge marschieren lassen. Man kann Drachen fliegen lassen. Man mußs einfach nur einen Knopf drücken.

Ich denke, es war in Ordnung "filmisch" zu sein, als Kubrick beispielsweise beim Dreh von Barry Lyndon zwei Monate auf das richtige Licht in den Bergen warten mußste, um seinen Helden auf genau die Weise auf uns zureiten zu lassen, wie er sich das ausgemalt hatte. Das war toll. Aber wenn man nur zwei Sekunden warten mußs, bis irgendein Computerkid das richtige Licht hinbekommt ...

Sicher, das ist auch eine Form von Kunst. Aber sie interessiert mich nicht. Ich sehe da im fertigen Produkt keine Armeen über Berge reiten, sondern nur einen Teenager an einem Computer, der sagt: "Lasst uns das noch etwas geschmackvoller machen, mit ein paar Schatten mehr, und die Farben könnte man noch etwas mehr ausbleichen." Das ist extrem gut gemacht - und es berührt mich nicht im geringsten. Es fühlt sich nach einer Form von Manipulation an, von der ich mich nicht manipulieren lassen will.

Vielleicht liegt das daran, dass ich älter geworden bin. Als ich jünger war, hätte ich all diese computergenerierten Sachen sicherlich fantastisch gefunden. Aber jetzt bin ich älter, und ich bin dickköpfiger. Deshalb habe ich mich alten Künsten und alten Werten zugewandt. Wenn man hartnäckig genug ist, dann kann man allem eine eigene Ästhetik verpassen.

Es gibt eine Grenze, wie nett ein Film aussehen darf. Wenn er zu nett aussieht, mußs ich kotzen. Ich vergleiche das mit dem Betrachten eines Zauberers. Wenn er kleine Tricks macht, mit Münzen beispielsweise, dann ist man gebannt. Aber wenn er den Eiffelturm verschwinden lässt, fragt man sich, was das eigentlich soll.

Dogville spielt in Amerika. Aber es ist ein Amerika, wie ich es mir vorstelle. Ich habe mir keine Beschränkungen auferlegt, indem ich sagte: "Ich mußs jetzt noch das und das und das recherchieren." Ich habe ja weder einen wissenschaftlichen noch einen historischen Film gedreht. Es ist ein emotionaler Film. Ja, es geht um die Vereinigten Staaten, aber es könnte auch jede andere Kleinstadt auf dieser Welt sein.

Ich schrieb das Drehbuch auf Dänisch, und ich bat den Englischübersetzer zu versuchen, die dänische Sprache bei seiner Arbeit irgendwie beizubehalten. Die Übersetzung sollte nicht zu perfekt sein. Das ist meine Kafka-Sache, vermute ich - ich möchte den Blick des Ausländers beibehalten.

Ich fände es beispielsweise spannend, einen Film über Dänemark von jemandem zu sehen, der noch nie in Dänemark war. Von einem Japaner, zum Beispiel, oder einem Amerikaner. Diese Person wäre dann ein Spiegel dafür, was Dänemark Menschen bedeutet, die das Land noch nie gesehen haben. In meinen "amerikanischen" Filmen spiegle ich lediglich die Information, die ich über das Land erhalte, und welche Gefühle diese Information in mir auslöst.

Natürlich ist das nicht die Wahrheit über das Land, weil ich noch niemals dort war (obwohl ich einfach einmal behaupte, mehr über Amerika zu wissen als die Menschen, die Casablanca gemacht haben, über Casablanca).

Offensichtlich könnte ein Japaner, der einen Film über Dänemark macht, kaum die gleichen Informationen abrufen wie ich, weil etwa 90 Prozent dessen, was man im dänischen Fernsehen sieht, amerikanischer Herkunft ist. Vermutlich müsste er etwas mehr Recherche betreiben - aber das Ergebnis wäre ein ziemlich interessanter Film. Finde zumindest ich.

Zusätzlich zu den zahllosen amerikanischen Sendungen im dänischen Fernsehen beherrscht Amerika die Nachrichten, denn Amerika ist die mächtigste Nation der Welt. Und man sieht das Land sehr kritisch. In meiner Jugend ging ich auf Demonstrationen gegen die Weltbank und den Vietnamkrieg, und wir versammelten uns alle, um Steine auf Botschaften zu werfen. Na ja, auf eine bestimmte Botschaft zumindest. Aber heute werfe ich keine Steine mehr. Ich stichele nur noch.

Als ich noch klein war, lernte ich, dass gerecht und gut sein mußs, wer stark ist. Im Fall von Amerika kann ich diese Wesenszüge nicht erkennen. Die einzelnen Amerikaner, die ich kenne, mag ich außerordentlich gern. Aber mir geht es in Dogville mehr um ein Abbild eines Landes, das ich nicht kenne, über das ich mir aber eine Meinung gebildet habe.

Ich halte Amerikaner nicht für schlimmer als andere. Andererseits halte ich Amerika auch nicht für besser als all die Schurkenstaaten, von denen Mr. Bush so gern spricht. Ich glaube, dass Menschen auf der ganzen Welt mehr oder weniger gleich sind. Was kann ich über Amerika sagen? Macht korrumpiert. Das ist eine Tatsache. Aber da sie so mächtig sind, kann ich ruhig ein wenig sticheln, weil es mir kaum gelingen wird, Amerika ernsthaften Schaden zuzufügen, oder?

Die Idee dahinter, wie Grace von den Bewohnern von Dogville behandelt wird, ist: Wenn man sich anderen als Geschenk präsentiert, dann ist das mit Gefahren verbunden. Die Macht, die Menschen dadurch über einen Einzelnen erlangen, korrumpiert sie. Wenn man sich selbst verschenkt, kann das niemals funktionieren. Es mußs Grenzen geben.

Ich würde sagen, dass die Menschen von Dogville in Ordnung waren, bis Grace auftauchte. Genauso bin ich sicher, dass Amerika ein wunderbares, wunderbares Land wäre, wenn es nur Golf spielende Millionäre dort geben würde. Das wäre eine wunderbare, friedfertige Gesellschaft, aber so ist das nun einmal nicht, wie man mir erzählt. Leider gibt es in diesem Land auch unendlich viele Verlierer.

Wenn man Figuren erfindet, dann nimmt man jemanden, den man kennt, und steckt ihn in neue Situationen. Und so sind die Bürger von Dogville allesamt Dänen, sie sind tatsächliche Menschen. Dann nimmt man sich selbst und teilt sich auf zwei bis drei Figuren auf, die die Geschichte mehr oder weniger tragen (in diesem Fall sind das Grace und Tom). Ich kann alle Figuren des Films verteidigen, aber Grace und Tom sind die beiden, die Züge von mir tragen.

Bedeutet das, dass ich mich in Tom wiedererkenne? Aber ja. Oft beginnen Menschen, vor allem Künstler, mit den besten Absichten, aber dann halten sie sich selbst für immer wichtiger - und die Sache, um die es ihnen eigentlich ging, verschwindet im Hintergrund. Manchmal verlieren sie sie völlig aus den Augen.

Also würde ich sagen, dass Tom bis zu einem gewissen Punkt durchaus einem Selbstporträt entspricht. Das ist nicht übermäßig nett und schmeichelhaft, aber ich mußs sagen, dass ich der Wahrheit erschreckend nahe komme. Er strengt sich so sehr an, aber er kriegt nie das Mädchen ... Er ist der einzige, der das Mädchen nie kriegt ...

Und Grace ist unter keinen Umständen eine Heldin. Sie ist ein Mensch mit den besten Absichten, aber sie ist immer noch ein Mensch. Ich kann ja verstehen, dass manch einer den Eindruck gewinnen mag, ich würde Frauen zu Märtyrern hochstilisieren.

Aber ich behaupte, dass diese Figuren eigentlich weniger Frauen als viel mehr ein Teil von mir sind. Es ist sehr interessant, mit Frauen zu arbeiten. Sie spielen mich sehr gut. Sie stellen mich auf eine sehr gute Weise dar, und ich kann mich in ihnen wiedererkennen.

Ich weiß, dass manche Menschen glauben, ich könne Frauen nicht ausstehen. Natürlich stimmt das nicht. Mit Männern habe ich Probleme. Das ist das gleiche Problem, das man als Wild hat. Der alte Hirsch mit dem prächtigen Geweih versammelt all die Frauen um sich und ist die ganze Zeit damit beschäftigt, die jungen Konkurrenten in Schach zu halten.

Sie alle versuchen, sich gegen ihn zu behaupten, ihn anzupissen, ihre Duftmarke zu setzen. Aus irgendeinem Grund ist es in meinem kleinen Umfeld allen erlaubt, mich anzupissen. Das ist natürlich in Ordnung, aber es ermüdet auch. Ich mußs die ganze Zeit aufpassen und mich umsehen und sagen: "Okay, wer hat das jetzt schon wieder angestellt?", weil wieder irgendein Jungspund versucht, mich von hinten anzupissen.

Das ist das Problem, das ich mit Männern habe. Frauen machen so etwas nicht. Gleichzeitig mußs ich anmerken: Wenn man mit dem ständigen Anpissen umgehen kann, kommt man wunderbar mit anderen Männern aus.

Nicole hat gesagt, dass sie mit mir arbeiten wollte. Also schrieb ich die Figur der Grace für sie - oder besser: für die Vorstellung, die ich von ihr hatte. Es war interessant, jemanden, der vor allem durch seine ziemlich kühlen Figuren bekannt ist, mal etwas ganz anderes machen zu lassen.

Und natürlich ist es reizvoll, einen großen Hollywood-Star zu nehmen und ihn in einen Film wie diesen zu stecken. Womöglich erreichen wir dadurch ein ganz anderes Publikum als das, das meine Filme sonst ansieht - solange sie nicht davon geängstigt sind, dass es in diesem Film lediglich einen schwarzen Boden mit ein paar Schauspielern drauf zu sehen gibt ...

Am besten arbeite ich mit Schauspielern, wenn sie mir vertrauen. Manchmal ist es nicht so einfach, dieses Vertrauen zu erlangen. Ich bin mir nicht sicher, warum mir das so wichtig ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir selbst nicht vertraue. Nicole schenkte mir ihr vollstes Vertrauen.

Das fand ich großartig. Bei Paul Bettany war es genauso. Aber er ist ein Mann, also war es etwas schwieriger, an diesen Punkt zu kommen. Er ist sehr gut. Ich nehme an, es gibt eine Versuchung, weiter mit den Leuten zu arbeiten, von denen man bereits weiß, dass man ihnen vertrauen kann. Aber die Arbeit mit neuen Leuten machte genauso viel Spaß.

Ich wollte immer schon mit Ben Gazzara arbeiten. Er ist ein persönlicher Held von mir wegen Filmen wie The Killing of a Chinese Bookie und vielen anderen. Lauren Bacall wurde vom Casting-Director vorgeschlagen. Sie wurde wegen ihres Könnens ausgewählt und nicht, weil sie Lauren Bacall ist.

James Caan ist, natürlich, ein wunderbarer Schauspieler. Und ja, ich schätze, man bringt ihn immer in Zusammenhang mit Gangsterfilmen wegen Der Pate. Vor allem aber ist er ein sensationeller Schauspieler.

Dogville ist vor allem ein Film. Und was das anbetrifft, bin ich zufrieden mit der Form und dem Inhalt und dem Schauspiel. Ich weiß, das ist kein Hip-Hop. Aber ich bin stolz darauf, dass ich - in meinen Gedanken zumindest - nicht so alt bin, wie ich mich fühle.

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Concorde Film © 1994 - 2010 Dirk Jasper