Sein Bruder

Anmerkung des Regisseurs

Ein Film über Körper, über die Degradierung eines Körpers, die Transformation von Gesichtern. Ein Film über Körper im Raum. Ein Film über Stille und Geschwätzigkeit.

Auf der Suche nach Haut, Falten, Flaum und Schweiß. Blaue Flecken, Blutgeschwülste, Rötungen, Schultern, die entkleidet und sichtbar werden, rutschende Hosen, Socken und Strumpfhosen, die man auszieht, die Spuren, die sie hinterlassen. Ins Violette spielende Narben, Eiterungen, Flecken auf den Laken und in den Betten.

Gefilmt aus verschiedenen Winkeln, von oben und von unten. Von nah oder von sehr weit weg. Bärte, die wachsen, Pullover, die hochgeschoben oder ausgezogen werden, ein Hemd, das sich über einer Brust öffnet, Haare, die rasiert werden, die nachwachsen, die Träger eines Büstenhalters, die herunterrutschen, eine Schulter, ein Rücken.

Ein stummer Film mit manchmal vielen Worten. Worte, die unterbrochen werden oder sich überschneiden. Wiedergekäute Rede, die plötzlich verstummt. Ein Film über die Stille. Ein Film in Schwarzweiß mit vielen Farben: die Farben der Gesichter, ihre Blässe, die Farbe der Haut, die schönste der Farben, die einem hilft zu leben und die Hoffnung zurückbringt.

Eine Welt, in der man nichts füreinander tun kann, wo keiner dem anderen helfen kann, wo die Oberärztin am Ende einräumt, dass sie nichts weiß, keine Lösung findet. Eine Mutter, die in ihrer Traumwelt lebt, ein zerstreuter Vater. Die eine spricht zu viel, der andere zu wenig.

Eine ganze Familie, die der Erzähler seit langem nicht mehr gesehen hat und die jetzt über ihn hereinbricht, all diese Leute, die die Umstände wieder zusammenführen: eine Familie, die in die Fänge der Agonie geraten ist. Man macht keine Liebe mehr, die Lust ist erloschen, die Körper sind kalt und stumm, die Blicke werden undurchdringlich.

Ein einfacher kleiner Film, über einen eher normalen Fall, über eine Krankheit, die nicht die schlimmste aller Krankheiten ist, aber an der man dennoch sterben kann. Eine Krankheit, mit der man leben kann, wenn man nur das permanente Risiko der Komplikation akzeptiert. Das ist es: Man mußs das Risiko akzeptieren. Das ist die ganze Geschichte des Films. Thomas akzeptiert es nicht.

Aber am Ende gilt das Mitgefühl dem, der weiterlebt, diesem jüngeren Bruder, der quasi in Geiselhaft genommen ist und der seinen älteren Bruder in die Arme schließt, ihn massiert und einpackt. Und der ihn wiederum als Geisel nimmt.

Ein kurzer Film, ein schnelles Format. Wie ein Fragment. Oder vielleicht ein Stillleben. Ein oder zwei Fragmente des universellen Schmerzes.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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