Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen

Produktionsnotizen

Auf dem Zenit des Industriezeitalters hat ein gnadenloser Unterdrücker eine beängstigende neue Waffe entwickelt, die er bei der Durchführung eines diabolischen Plans einsetzen will, um die Welt in die Knie zu zwingen. Dieser einzigartigen Bedrohung tritt eine ungewöhnliche Gruppe mit noch ungewöhnlicheren Eigenschaften entgegen: Die Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen ...

Regisseur Stephen Norrington beschreibt sie als "Superhelden, bevor es Superhelden gab". Doch nicht nur ihre übernatürlichen Kräfte, sondern auch die menschlichen Vorzüge der Liga - wie Mut, Loyalität, Ehre und Opferbereitschaft - sind gefragt, wenn es darum geht, sich gegen die technologische Übermacht des Mannes, der sich nur "Das Fantom" nennt, zur Wehr zu setzen.

"Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen ist eine lebendige und lustige Fantasiegeschichte. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, wie gefährlich es sein kann, wenn eine einzelne Person oder Nation sich das Recht auf Unbesiegbarkeit anmaßt", erklärt Drehbuchautor James Dale Robinson.

Produzent Don Murphy, dessen bis in seine Kindheitstage zurückreichende Liebe für Comics ihm stets dabei geholfen hat, gute Beziehungen zu den bekanntesten und bedeutendsten Figuren der Szene einzugehen, hatte 1998 das Privileg, vorab einen Blick auf die neuesten Comic-Ideen von Alan Moore zu werfen. Darunter befanden sich mehrere Konzepte, die Moore für sein neues Label ABC (America's Best Comics) entwickelte.

"Ich unterhielt mich mit Alan, den ich für ein kreatives Genie halte, über eine ganze Reihe von Dingen und fragte ihn ganz nebenbei: ,Na, an was arbeitest du denn sonst noch?'", erinnert sich Murphy. "Er berichtete mir von seiner Idee der Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, die ich brillant fand. Er schickte mir ein Treatment, das ich an Fox weiterreichte. Hier arbeitete ich bereits an einem weiteren Moore-Stoff, From Hell (2001). Fox machte sich sofort für das Projekt stark. Ein paar Wochen später begannen wir mit der Entwicklung des Films."

Murphy und die mit dem Projekt beauftragten Fox-Executives wandten sich erneut an die Comic-Welt, um James Dale Robinson mit dem Drehbuch zu beauftragen. Auch Robinson ist ein enger Freund von Moore, der in erster Linie als Verfasser von Comic-Romanen arbeitet. Robinson war begeistert, die Arbeit eines geschätzten Kollegen für die Leinwand adaptieren zu können.

"Alan hat die beneidenswerte Gabe, bereits existierende Geschichten oder Figuren neu zu erdenken und in einen völlig anderen Zusammenhang zu setzen", meint Robinson. "Sein Quellenmaterial hat einen düsteren und einigermaßen amoralischen Ton und eine sehr britische Sensibilität, was mir zusagt. Die einzigartigen und sehr unterschiedlichen Mitglieder der Liga, die es allesamt gewohnt sind, in ihrem jeweiligen Milieu den Ton anzugeben, sehen sich gezwungen, irgendwie eine Allianz einzugehen."

Die Mitglieder der Liga beäugen sich deshalb gegenseitig mit äußerstem Misstrauen. Quatermain hält Nemo für einen Gesetzlosen und eine Gefahr auf hoher See, während der indische Unterseebootkapitän sein Gegenüber als Verkörperung des ihm verhassten Britischen Empires ansieht. Er brachte ihn dazu, sein bemerkenswertes U-Boot Nautilus zu bauen und Zuflucht darin zu suchen.

Der unsterbliche Dorian Gray ist der ehemalige Liebhaber von Mina Harker. Skinner und Dr. Jekyll sind lebende Mutationen, die aus unkontrollierten wissenschaftlichen Versuchen entstanden sind. Die Wesensveränderungen machen alle zu seltsamen Gefährten, bei denen man nicht weiß, ob sie auch als Team funktionieren können.

Sean Connery: "Wenn sich ein Mann wie Allan Quatermain mit jemandem wie Dorian Gray zusammentut, dann ergibt das eine interessante Chemie. Die Figuren in dieser Geschichte haben einige Konflikte miteinander auszufechten - und das macht die brisante Mischung aus."

Vermutlich kein anderer in der Liga wird mehr mit seiner Vergangenheit in Verbindung gebracht als Allan Quatermain, den Connery als "eine instinktive, altmodische Figur, die eine vergangene Ära verkörpert" beschreibt. Einst war er ein erklärter Befürworter der Regierung Ihrer Majestät. Mittlerweile ist er zwar eine Legende, jedoch auch desillusioniert und verbraucht.

Quatermain trifft man erstmals in Nairobi im staubigen, sonnendurchfluteten Britannia Club - eine ruhige Zuflucht vor der gnadenlosen afrikanischen Hitze. Hier erinnern sich Briten im Ausland an vergangene Glanztaten und trinken Gin in einer Atmosphäre, die keinen Zweifel daran lässt, dass ihre Ära und das Britische Empire dem Ende zugehen.

Einer hat sich geschworen, diesen Untergang gehörig zu beschleunigen: ein durchtriebener Größenwahnsinniger, der sich nur "Das Fantom" nennt. Der geheimnisvolle britische Geheimagent M (Richard Roxburgh) erhält den Auftrag, das Fantom zu bekämpfen und ein Team von einzigartigen Individuen zusammenzustellen - egal, mit welchen Methoden.

Quatermain wird angelockt von der Aussicht, wieder - und vielleicht zum letzten Mal - einen ehrenvollen Kampf zu kämpfen. Nemo, der wegen Hochverrats angeklagt ist, wird Amnestie angeboten, während M sich die Dienste von Mina Harker sichert, indem er ihr eine neuartige Behandlung ihres Vampirismus verspricht. Auf diese Weise kann auch Rodney Skinner, der unsichtbare "Gentleman-Dieb", überzeugt werden.

Dorian Gray kann dem Charme Mina Harkers nicht widerstehen, die er zurückzugewinnen hofft. Gray ist allerdings nicht der Einzige, der ein Auge auf Mina geworfen hat. Der stattliche junge amerikanische Geheimagent Sawyer, der der Liga aus eigenem Antrieb beitritt, ist sofort überwältigt von der Schönen mit dem Vampirblut in ihren Adern - allerdings weiß er nichts von ihren nächtlichen Aktivitäten zu wissen.

Die Integration des aufrichtigen Sawyer war eine der Hauptaufgaben von Robinson, als er sich daranmachte, die Vorlage von Alan Moore filmgerecht etwas breiter anzulegen. Der junge Mann sieht Quatermain schon bald als eine Art Vaterfigur - und die besondere Beziehung der beiden wird zum wichtigsten Bindeglied, das die bunt gemischte Gruppe zusammenhält.

Eine besonders brisante Dynamik entwickelt sich zwischen der gespaltenen Persönlichkeit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die Filmversion von Hyde ist ein drei Meter großes Muskelpaket voll unkontrollierbarer Wut. Als Alter Ego des furchtsamen und gehemmten Dr. Jekyll, der dem extremen Korsett, in das britische Gentlemen dieser Ära gezwängt wurden, entkommen will, ist Mr. Hyde eine derbe, hemmungslose Monstrosität, die von den niedersten Instinkten und finstersten Bedürfnissen der menschlichen Seele angetrieben wird.

Wie die Liga schon bald feststellen mußs, ist es schwierig und überaus gefährlich, einem Monster seinen Spaß zu verwehren. Hyde kann eine Gruppe von Menschen mit einem Minimum an Aufwand beseitigen. Seine Wildheit erfüllt alle mit Angst und Schrecken - vor allem natürlich jene, die seine ungezügelte Wut am eigenen Leib erleben.

"All die spezifischen Eigenschaften der Figuren wurden für den Film aufgemotzt", sagt Don Murphy. "Wir haben sie auf Superhelden-Größe aufgeblasen."

Die Produktion 58 verschiedene Sets mußsten errichtet werden, um den visuellen Ansprüchen von Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen zu genügen. Dabei sind die zahllosen Miniatur-Sets nicht mitgezählt, die in Los Angeles gebaut wurden. Oder die mehreren hundert visuellen Effekte und Green-Screen-Aufnahmen, mit denen völlig neue Umgebungen geschaffen oder Größe und Umfang bereits existierender, tatsächlicher Sets erweitert wurden.

Zu den größten und beeindruckendsten Bauten von Ausstatterin Carol Spier zählen das berühmte Unterseeboot Nautilus - Kapitän Nemos technologisch hyperfortschrittlicher Unterwasserpalast - und eine gewaltige Stadtlandschaft mit Fassaden und Dächern von Venedig, London und Paris. Mehr als 200 Arbeiter waren allein mit dem Errichten dieses einen Sets beschäftigt.

Das Innere der Nautilus wurde in einem umgerüsteten ehemaligen Schiffsdock an den Ufern der Volta gebaut. Das riesige Set umfasste die Brücke des U-Boots, den opulenten Aufenthaltsraum, das Quartier des Kapitäns, ein Gästezimmer, einen Tiefkühlraum, Korridore und ein Raketenabschusszentrum.

Die Nautilus wurde in schnittigem Alabasterweiß gestrichen und besaß eine Vielzahl beeindruckender hinduistischer Einrichtungsgegenstände und Relikte. Tatsächlich erscheint dieses Unterseeboot keinen Deut weniger wundersam als das Unterwasserhotel, das Jules Verne in seinen Nemo-Geschichten beschrieb.

Carol Spier sagt: "Die Nautilus ist Nemos Welt. Das Hindu-Element war uns wichtig, weil wir einen gewissen Symbolismus und Spiritualität in dieser geheimnisvollen Figur verankern wollten. Nemo ist ein prinzipientreuer Mann - und das manifestiert sich im wohlgeordneten, harmonischen Aussehen seines Schiffes."

Naseeruddin Shah sagt über das berühmte Unterseeboot seiner Filmfigur: "Es ist wie das Tadsch Mahal unter Wasser, wunderschön weiß und geheimnisvoll, es beeindruckt mit einer Opulenz, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Im ganzen Schiff finden sich detaillierte Schnitzereien und wunderschönes Mobiliar. Nemo ist sehr stolz auf die Schönheit und Ausstrahlung seines Schiffes. Es ist eine eigene Figur in diesem Film."

Ironischerweise erlitt ausgerechnet das U-Boot die schlimmsten Schäden, als die große Flutkatastrophe des frühen August 2002 Prag heimsuchte. Das Wasser erreichte in der Lagerhalle mit dem Nautilus-Set einen Pegel von knapp sieben Metern und zerstörte buchstäblich alles, was sich darin befand. Die Flut war die verheerendste, die Prag seit mehr als 130 Jahren heimgesucht hatte, und wird als zweitschlimmste Flutkatastrophe in dieser Gegend seit 1000 Jahren eingeschätzt.

Sie sorgte weltweit für Schlagzeilen und bewegte Sean Connery zu einem Fernsehauftritt, in dem er zur Hilfe für die bedrohte Stadt aufrief. Dutzende von Schauspielern und Technikern mußsten in neue Quartiere verlegt werden - teilweise mitten in der Nacht, als der Wasserpegel völlig unerwartet zu steigen begann.

"Unser Nautilus-Set befand sich ausgerechnet in einer der Gegenden von Prag, die am meisten betroffen waren", erklärt Koproduzent Michael Nelson. "Das Gebäude, in dem es sich befand, diente außerdem als Produktionszentrale. Unser Spezialeffekte-Shop, alle Requisiten, die Garderobe befand sich dort. Alles war verloren."

Zum Glück für die Produktion sah der Drehplan für Mitte August bereits einen einwöchigen Dreh in Malta vor. Somit konnte man in einem trockenen, warmen Klima arbeiten, während sich die Bedingungen in der Tschechischen Republik wieder normalisierten.

Die Produktion kam am 18. August auf Gozo, der Nachbarinsel von Malta, an. Dort hatte man an einer überwältigenden Klippen-Location in der Kleinstadt Xlendi ein riesiges Außenset mit dem Kommandoturm der Nautilus errichtet. Dieser private, entlegene Drehort war nur über eine verschlungene Kiesstraße erreichbar, die eigens von der Produktion angelegt worden war und auf der sich nur kleinere Fahrzeuge fortbewegen konnten.

Der Turm wurde auf einer rotierenden Plattform am Rand der Klippen gebaut. Das erlaubte einen herrlichen Panoramablick auf Meer und Himmel und vermittelte den Schauspielern das Gefühl, sie befänden sich mitten auf See. Die maritime Behörde auf Gozo bat Segler, den Horizont frei zu halten. Ein Patrouillenboot sorgte dafür, dass tatsächlich kein Schiff ins Bild fuhr. Hier wurde eine wichtige Szene zwischen Quatermain und Sawyer gedreht, bei dem sie Schießübungen auf offenem Meer abhalten und sich dabei näher kommen.

Nach vier Tagen Dreh in Gozo legte die Produktion zwei Wochen Pause ein, um den Neubau der Sets in Prag und die Wiederbeschaffung von verloren gegangenem oder beschädigtem Equipment abzuwarten. Besetzung und Crew nutzten die Zeit, sich zu Hause von den Beschwerlichkeiten der Dreharbeiten zu erholen. Am 8. September kam man wieder zusammen, um die Außenaufnahmen der Britannia-Club-Sequenzen abzuwickeln, die in einem kleinen Dorf eine Stunde außerhalb von Prag gedreht wurden.

Eine Anzahl Ziegen, Schweine, Maultiere und andere Tiere sorgten für einen realistischen Hintergrund dieser Nairobi-Szene. Dieser Realismus war bereits am allerersten Drehtag bei den Innenaufnahmen oberstes Gebot gewesen: Dabei wird Quatermain von Sanderson Reed, einem Boten Ms, um Hilfe gebeten, was durch einen gewaltsamen Zwischenfall zusätzliches Gewicht erhält und Quatermain vom Ernst der Lage überzeugt.

Nachdem er der Liga seinen vollen Einsatz zugesagt hat, trifft sich Quatermain in einer geheimen Kammer in den Gewölben des Albion Museum in London mit M und drei seiner Liga-Rekruten. Das erste Treffen mit dem wortkargen Nemo, der bezaubernden Mina Harker und dem verschlagenen Rodney Skinner ist von Anspannung und Unsicherheit gekennzeichnet. Die vier künftigen Kollegen versuchen sich zunächst erst einmal einzuzschätzen. Diese Szene wurde an vier Tagen in der wunderbaren Strahov-Bibliothek, einem 900 Jahre alten Gebäude auf dem Grund des Klosters der historischen Prager Burg, gefilmt.

Als unsichtbarer Rodney Skinner spielte Tony Curran in dieser Sequenz mit blauem Make-up auf Gesicht und Körper, das es den Effektspezialisten gestattete, ihn in der Postproduktion aus dem Bild zu entfernen und nur seinen Regenmantel, die Sonnenbrille und seinen Hut sichtbar zu machen. "Er erinnerte ein wenig an einen angemalten Exhibitionisten", lacht Kostümdesignerin Jacqueline West.

Für die Rolle mußste Curran nicht nur regelmäßige Ganzkörperrasuren, sondern auch täglich eine zweistündige Make-up-Tortur von FX-Make-up-Künstler Dave Snyder über sich ergehen lassen. Curran sagt: "Weil ich keine Augenbrauen oder Stirn zur Verfügung habe, die für die menschliche Kommunikation ausgesprochen wichtige Elemente sind, mußste ich meine Gefühle durch meinen Körper und meine Sprache stärker betonen. Das wirkt sehr theatralisch - und macht natürlich außerordentlich viel Spaß."

Mit vier Mitgliedern der Liga an Bord wendet sich die Geschichte - und mit ihr die Produktion - einem nebligen, mysteriösen Anwesen in Londons Tiger Bay zu, das der rätselhafte Dorian Gray sein Zuhause nennt. In diesem Set kommt eine der drei bereits zuvor angesprochenen Stadtsilhouetten (London, Venedig, Paris) zum Einsatz, die im Prager CKD, eine ehemalige Maschinenfabrik, aufgebaut worden war. In einem kleinen Eck des gewaltigen Sets findet sich das schattige Warenlager mitten am Fluss.

Die perfekte Kulisse für eine Einstellung, in der der Kommandoturm der Nautilus langsam aus dem Nebel zum auftaucht - der Kontrast ist einfach wunderbar, wenn Nemos fantastische, futuristische Designs auf das steinalte, dem Verfall geweihte Umfeld Grays prallen. Die gefilmten Bilder dieses Sets ließ man in der Postproduktion mit Matte-Zeichnungen von Tiger Bay verschmelzen, um die Illusion perfekt zu machen.

Die Sequenz wird in Grays schummriger Bibliothek fortgesetzt, wo die Liga von dem plötzlich auftauchenden Fantom und seinen Schergen überfallen wird - und unerwartete Hilfe in Gestalt von Sawyer erhält. Das ist eine der actionreichsten Szenen des Films, in der es eine wilde Schießerei und Schwindel erregende Martial-Arts-Gefechte zu bestaunen gibt.

Zwei Wochen Drehzeit in einem alten Warenlager in Lazne Tousen außerhalb von Prag waren veranschlagt, um diese Szene mit zahlreichen Stuntleuten, Explosionen, Action an Drähten und gefährlichen Stürzen aus großer Höhe zu realisieren. Dabei wird die komplette Bibliothek mit tausenden von Büchern und verstaubten Antiquitäten in Schutt und Asche gelegt.

Mit Glück übersteht die Liga den Angriff des Fantoms. Mit sechs von sieben Mitgliedern endgültig an Bord machen sich die Außerordentlichen auf die Suche nach dem letzten noch ausstehenden Rekruten - einer Kreatur, die die Straßen von Paris terrorisiert und die schwierigste Beute in Quatermains Karriere als Jäger darstellt: das übergroße Alter Ego von Dr. Jekyll, eine unberechenbare Bestie, die man als Mr. Hyde kennt.

Die Darstellung dieser Figur für den Film entpuppte sich als ungewöhnlich komplexer Prozess, in den gleich mehrere Abteilungen der Produktion involviert waren. Man mußste mit den der Perspektive angepassten Sets und kniffligen Kamerawinkeln arbeiten. CGI-Effekte, Modelle, Cutouts und selbst Schauspieler in Zwergengröße kamen zum Einsatz.

Schließlich mußste der drei Meter große Mr. Hyde von einem ein Meter achtzig großen Schauspieler in einem Hyde-Anzug mit diversen Prothesen gespielt werden. Der Hyde-Anzug, den Jason Flemyng zu tragen hatte, wurde von Steve Johnsons Edge FX entwickelt.

Er wog etwas mehr als 20 Kilo und verfügte über gewaltige, mit Sprungfedern betriebene Puppenarme, die man mit Hebeln aus dem Inneren des Anzugs kontrollieren konnte. Er wurde in zwölf Wochen von 30 Technikern gebastelt, bestand aus acht aus Schaumgummi geformten Teilen und verfügte über mehr als 5.900 Komponenten, um die Gelenke und Finger glaubwürdig bewegen zu können.

"Die Muskulatur und die anatomischen Details für die Armprothesen von Hyde waren exakt und anspruchsvoll", sagt Steve Johnson. "Da gibt es kein Fell auf den Armen, das von irgendwelchen Schwächen oder Fehlern ablenken könnte. Also mußsten wir neben Energie auch viel Recherche und Experimente in die Arbeit stecken, um das gewünschte Aussehen zu erzielen."

Sieben Stunden dauerte es, um Jason Flemyng das Gesichts-Make-up und die nötigen Prothesen anzulegen. Um die Zeit zu überbrücken, spielte er Videospiele. Jedes einzelne Haar auf dem von ihm getragenen Kopfteil wurde per Hand eingefügt. Jedes einzelne Kopfteil konnte jeweils immer nur einmal getragen werden und kostete jeweils etwa 5.000 Dollar.

Wegen ihres hohen Gewichts wurden die Arme zwischen den Takes immer erst im letzten Moment auf Flemyng gelegt, denn die Bewegungen mit dem Hyde-Kostüm waren nicht nur eingeschränkt, sondern auch extrem anstrengend. Flemyng, der als einer der unterschätztesten und doch beliebtesten Schauspieler unserer Zeit gilt, fand diesen Ablauf erschöpfend und erhebend zugleich.

"Wenn man in den Spiegel sieht und etwas sieht, das nicht im Geringsten so aussieht wie man selbst, dann ist das ziemlich aufregend", gesteht er. "Wenn man erst einmal in dem Anzug drinsteckt, ist die halbe Arbeit gemacht. Ich mußs dann nur noch sicherstellen, dass ich in die richtige Richtung laufe und rumgröhle."

Tatsächlich war es natürlich viel komplexer und schwieriger, die Hyde-Szenen über die Bühne zu bringen. Grundsätzlich war es so, dass Regisseur Stephen Norrington und sein Kameramann Dan Laustsen die Hyde-Sequenzen in zwei Komplexe aufteilten: der A-Komplex für Aufnahmen, in denen Hyde nicht im Bild zu sehen ist; und der B-Komplex für Aufnahmen, in denen man ihn sehen kann.

Die A-Aufnahmen wurden zuerst gedreht. Mit ihrer Hilfe konnten Janek Sirrs und sein VFX-Team Pläne für die B-Aufnahmen erstellen und die Motion-Control- und Tracking-Bewegungen ausarbeiten, die für die komplizierteren B-Aufnahmen unerlässlich waren.

Viele dieser B-Aufnahmen wurden mit einer riesigen Kamera für IMAX-Formate gemacht, die Teil einer komplexen, völlig neuen Technik sind, mit deren Hilfe man Hyde größer erscheinen lassen konnte.

Gemeinsam mit dem IMAX-Kamerateam kamen zehn SFX-Make-up-Techniker nach Prag, die rund um die Uhr an den Hyde-Anzügen werkelten. Dazu gehörte eine ganze Bandbreite von Prothesen, durch die man die diversen Stadien der hypertrophischen Deformation Hydes darstellte. Sie kamen allesamt in einer beeindruckend ausgefeilten Composite-Einstellung mit Morphing-Effekten zum Einsatz, der an Bord der Nautilus stattfindet und en détail die Verwandlung von Dr. Jekyll in Mr. Hyde zeigt. Wie bei Flemyng waren auch bei den Schauspielern Stuart Townsend und Richard Roxburgh für gewisse Szenen umfangreiche SFX-Make-up-Applikationen notwendig.

Eine der aufwändigsten und farbenfrohsten Szenen des Films spielt sich vor der Kulisse des berühmten Karnevalsumzugs in Venedig ab. Mehr als 500 Statisten wurden in detailgetreue Kostüme der Ära gekleidet. Zu ihnen gesellten sich Feuerspucker, Jongleure, Stelzengeher und anderes ausgewähltes Jahrmarktsvolk. Diese festliche Nachtsequenz wurde an zwei aufeinander folgenden Nächten gedreht, an denen zeitgleich auch das zweite Drehteam zum Einsatz kam.

Die Karneval-Sequenz wurde auf dem Außenset von Venedig im CKD gedreht - auf dem bei weitem größten und imponierendsten Set des Films. Das Arreal hatte die Größe von vier Fußballplätzen und bestand aus 80 Fassaden, hunderten von Ladenfronten und drei Kanälen, die allesamt mit Wasser gefüllt waren.

Als die Stadt von verheerenden Explosionen erschüttert wird, stürzen einige der Sets ein. Andere fallen in sich zusammen oder brechen auseinander. Zwei Dutzend SFX-Techniker waren auf den Dächern stationiert, um Trümmer und große falsche Steine gezielt nach unten zu werfen.

"Die Sets sind fantastisch und die Größe des Films lässt sich nur mit episch beschreiben", staunt Sean Connery. "Die Bauten und die Designs können mit allem mithalten, was ich im Verlauf meiner Karriere gesehen habe."

Als die Liga an Bord der Nautilus in Venedig ankommt, verlassen deren Mitglieder das Schiff in Begleitung von Nemos Seeleuten, Wachen und einem Kader bestens ausgerüsteter Tiefseetaucher. Noch beeindruckender ist allerdings ein atemberaubendes Vehikel, das aus der Nautilus auftaucht und die Liga in halsbrecherischer Geschwindigkeit durch Venedig kutschiert. In seiner ganzen strahlenden weißen Pracht, die silberne Ausstattung nicht zu vergessen, wird dieses auffällige Gefährt von Kapitän Nemo als "die Zukunft" bezeichnet. Am Set wurde es von der Crew nur das "Nemobil" genannt.

Das nach vorne ausgerichtete Chassis mit seinen beiden Lenkrädern wurde in London von Retromotoring gebaut und von einem Range-Rover-LSE-4.2-V8-Motor betrieben. Es verfügt über eine unabhängige Aufhängung, eine spezielle Hydraulik, die das Auto anheben oder tiefer legen kann, und über duale Vorderreifen. Die Fiberglas-Karosserie wurde in Prag hergestellt und später an die Technik angepasst.

Das viereinhalb mal drei Meter große Vehikel, das knapp 100 Stundenkilometer schnell fahren kann, ist eine wahre Schönheit - und ein rechter Brocken, wenn man es fahren will. Eddie Perez, das Double von Shane West, mußste das Steuern des Autos bei den meisten Actionsequenzen übernehmen, die unsere Helden durch engste Gänge und Kolonnaden sowie über eine vier Meter breite Fußbrücke führen.

"Der Wagen ist Wahnsinn", begeistert sich Shane West. "Im Vergleich dazu sieht das Batmobil regelrecht albern aus. Ein paar Mal durfte ich es selbst fahren - und das war ein einmaliges Erlebnis. Das Auto ist fantastisch."

Die gewaltige Größe des Films steht in krassem Gegensatz zu den Miniaturarbeiten des New Deal Studio in Los Angeles. Eine Meisterleistung war ein Set von Venedig mit 30 Gebäuden, die ein Fünftel der Originalgröße haben. Das größte dieser Modell-Gebäude ist sechs Meter hoch und wiegt knapp 500 Kilo. Das Set wurde zwei Meter über dem Boden auf einer hydraulischen Plattform errichtet, die man nach unten fahren lassen konnte, um den Eindruck zu erwecken, die Gebäude würden langsam versinken.

Das Venedig-Miniatur-Set ist extrem detailgenau. Man findet Fensterbänke mit Pflanzen und Blumentöpfen, Balkone, Gondeln, Brücken, Abflüsse, Tische, Stühle, Lampen, ja selbst Kleidung, die im Fenster aufgehängt wurde. Das war wichtig, um das Set glaubwürdig zu gestalten.

Neben den Venedig-Modellen konstruierte das Team von New Deal Studios einen 30 Zentimeter tiefen und 60 Meter langen Kanal, der 42 Tonnen Wasser fasste. Der Kanal wurde als hübsche Kulisse und für spezifische Stuntsequenzen verwendet, in denen das Nemobile einen Treidelpfad entlangjagt, während im Hintergrund Gebäude wie Dominosteine einstürzen. Zwei Miniaturversionen des Autos wurden für diese Szene gebaut.

Eines ist ein voll bewegliches, mit Fernsteuerung bedienbares Modell mit funktionierenden Abblend- und Rücklichtern. Das andere wird von einem Kabel gezogen und kann 13 Meter pro Sekunde bewegt werden. Es kam bei Hochgeschwindigkeitsszenen im versinkenden Venedig zum Einsatz. Puppen der Schauspieler wurden im Inneren ebenfalls mit Fernbedienungen bewegt.

Um die komplexen Miniatursequenzen zu vollster Zufriedenheit abwickeln zu können, mußsten die Beteiligten auf immer anspruchsvollere und findigere Methoden zurückgreifen. Das Filmen von Modellen verlangt ein Anpassen der Filmgeschwindigkeit und der Bewegungen vor der Kamera, um die Illusion von Größe und Masse zu erzielen.

Gerade bei den größeren Modellen mußste man sich Tricks einfallen lassen, um das richtige Gefühl für Geschwindigkeit zu evozieren. Zudem mußste das Miniatur-Effekt-Team die Bewegungen der verschiedenen Miniaturmodelle und der Requisiten in gewissen Momenten einer Szene genauestens synchronisieren.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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