The Good Thief

Produktionsnotizen

The Good Thief ist der dreizehnte Film von Autor und Regisseur Neil Jordan und zugleich die elfte Zusammenarbeit mit Produzent Stephen Woolley. Der Film wurde komplett vor Ort in Südfrankreich produziert, an der Riviera, in Monte Carlo und den Riviera Studios in Nizza.

Der us-amerikanische Ausnahmeschauspieler Nick Nolte wird hier mit einem Ensemble aus international anerkannten Schauspielern zusammengeführt, zu denen Tchéky Karyo (The Patriot), Gérard Darmon (Diva), Said Taghmaoui (Three Kings), der französische Musiker Marc Lavoine, der gefeierte serbische Filmemacher und Schauspieler Emir Kusturica (Underground), die Zwillinge Mark und Mike Polish (Twin Falls Idaho) und die 17-jährige Entdeckung Nutsa Kukhianidze aus Georgien in ihrem zweiten Film und - in einem Gastauftritt - Ralph Fiennes zählen.

Der irische Regisseur, zu dessen Filmarbeiten Mona Lisa (1986), Interview mit einem Vampir (1994), Crying Game (1992) und Das Ende einer Affäre (1999) gehören, schrieb das Drehbuch und ließ sich dabei von Jean-Pierre Melvilles frühem Thriller Drei Uhr nachts (1955) inspirieren.

Während die Hauptfigur deutlich an Melvilles charismatischen Antihelden angelehnt ist, gab es bei der Bearbeitung der Geschichte viel Raum, das Original zu variieren und auf den heutigen Stand zu bringen. Neil Jordan sagt dazu: "Ich habe die Arbeit an dem Drehbuch mit einer gewissen Vorsicht begonnen, denn ich mag das Original ungemein gern und war mir nicht sicher, ob ich mich an etwas versuchen wollte, das einem Remake gleichgekommen wäre.

Ich habe die Arbeit lange vor mir hergeschoben, weil ich fand, dass sich eine Verfilmung nur dann lohnen würde, wenn mir ein Raubzug einfallen würde, der mindestens ebenso originell ist, wie der im Original. Schliesslich las ich einen Artikel in Vanity Fair über das Bellagio Casino in Las Vegas und dessen Sammlung von echten Picassos, die dafür sorgen soll, dem Glücksspiel einen edleren Anstrich zu geben.

Und ich erinnerte mich an einen anderen Artikel über diverse impressionistische Meisterwerke, die von einem japanischen Konzern gekauft worden waren und gut gekühlt in Tresoren aufbewahrt wurden, während man perfekte Kopien in den Konferenzräumen des Konzerns zur Schau stellte. So kam ich auf die Idee mit den zwei parallelen Raubzügen, wovon einer nur von dem anderen ablenken soll. Ein Kasino, das von einer japanischen Bank ausgestattet wurde.

Die Hauptattraktion sind Kunstwerke, die in den Achtzigern für absurd hohe Preise gekauft wurden - an den Wänden perfekte Kopien, die Originale in einem nahe gelegenen Tresor. Die Idee von Original und Kopie sprach mich stark an. Zwei Raubzüge, einer offensichtlich, aber nur vorgeschoben, der andere verdeckt, aber real - das erlaubte es mir, den Plot des Originalfilms beizubehalten, sozusagen als Täuschungsmanöver für den realen Plot. Die Idee war, den Originalfilm in die Geschichte zu verweben, einer sollte der Spiegel des anderen sein."

Jordan erinnert sich: "Aus dieser Fülle von Ideen über Originale und Kopien, das Echte und Falsche, erwuchs irgendwie die Figur meines Bob: ein amerikanischer Spieler mittleren Alters, der sich aufgrund seiner kriminellen Vergangenheit selbst überlassen ist und durch ein Frankreich treibt, das eigentlich nur in seiner Fantasie existiert. Bob selbst ist nur eine Fälschung, der sich seine Vergangenheit nach Belieben zusammen erfindet, um aus den gerade aktuellen prekären Situationen wieder herauszukommen.

Melvilles Bob war als französische Ausgabe von Robert Mitchum ein Mann ohne viele Worte gewesen. Aber mein Bob redet unablässig, über Diebstahl, Zahlen, die Möglichkeitstheorie, das Spielen, Kunst. Sein Held ist Pablo Picasso, den er auf perverse Weise als größten Dieb der Geschichte bezeichnet. Sein wertvollster Besitz ist ein echter Picasso, den er bei einer Wette mit dem Meister bei einem Stierkampf in Pamplona gewonnen haben will: ,Pablo setzte auf den Matador, ich auf den Stier. Der Matador mußste 26 mal genäht werden und ich bekam das Gemälde.'"

Weiter meint der Regisseur: "Mit dem Schreiben ist immer auch Glück verbunden. Und ich hatte das Glück, dass sich Bob zu einem eigenständigen Typen entwickelte. Na ja, nicht von ungefähr ist Glück auch Bobs Leitmotiv - jene Art von mythologischem Glück, das aus einem Glücksritter einen echten Künstler werden lässt. Sein Traum ist es, den unmöglich komplizierten Raubzug zu konzipieren, der auch seinen ästhetischen Ansprüchen gerecht werden mußs.

Dieser Doppelraubzug, den ich mir ausgedacht hatte, war genau das richtige. Je weiter sich Bob vor meinem geistigen Auge durch die Geschichte manövrierte, desto stärker kristallisierten sich diverse Dopplungen heraus. Zwei Raubzüge, zwei Versionen jeder einzelnen Geschichte. Zwei Diebesgangs, wobei die zweite aus zwei Zwillingen besteht. Und am Ende erlebt Bob endlich das große Glück, aber weil die Geschichte zu diesem Zeitpunkt eine Dopplung des Originals von Melville ist, erlebt er es gleich doppelt."

"Lassen Sie es mich so ausdrücken: Bob selbst war es, der die Probleme löst, die sich aus der Idee ergeben, ein Remake herzustellen", grinst Jordan. "Ein Remake über Remakes machen, eine Kopie über das Kopieren. Weil Bob Kopien, Wiederholungen, Versionen von Versionen, Täuschungen, Variationen alter Tricks liebt.

Am Ende stellt sich auch sein Picasso als Kopie des Originals heraus, eine Fälschung. Ohne zu zögern sagt er: ,Aber es ist eine gute Fälschung, gemalt von Paul Keating, einem der wahrhaft großen Fälscher. Ich traf ihn in einem Wettbüro in Croydon und gab ihm einen Tipp, worauf er beim Cheltenham Gold Cup setzen sollte.'"

Stephen Woolley erzählt, wie er auf Melvilles wenig bekannten Film von 1955 aufmerksam wurde: "Vor 17 Jahren besuchte ich eine der seltenen Vorführungen von Drei Uhr Nachts am French Institute. Mir gefiel seine hauchdünne Simplizität.

Damals drehten wir gerade Mona Lisa mit Bob Hoskins, und mir fiel sofort auf, dass man die Geschichte wunderbar nach London verlegen könnte. Ich konnte mir Bob in der Rolle des Spielers vorstellen, umgeben von Schurken und Kleingaunern. Leider ist es mir damals nicht gelungen, die Rechte vom Melville-Nachlass zu erwerben."

Ein Jahrzehnt später mischte sich das Schicksal ein. Neil Jordan und Stephen Woolley arbeiteten für Warner an Michael Collins (1996). Das Studio wollte unbedingt wieder mit den beiden Filmemachern arbeiten und fragte, ob sie ein passendes Projekt in Arbeit hätten. Neil erinnerte sich an Bob le flambeur, und es stellte sich heraus, dass Warner die Rechte von Canal+ erstanden hatte.

Also entwickelte Jordan das Drehbuch mit John Wells von Warner Bros., und Stephen bereitete die Produktion vor. Als man schließlich bereit war, die Dreharbeiten in Angriff zu nehmen, hatte es einen Managementwechsel an der Spitze des Studios gegeben. Die neuen Chefs hatten ihr eigenes Remake eines Heist-Movies, Ocean's Eleven (2001), in Auftrag gegeben und verzichteten auf The Good Thief "teilweise wegen des daraus entstandenen Konflikts", wie Woolley sagt.

John Wells übernahm die Kontrolle über die Rechte, sodass Neil Jordan und sein Produzent das Projekt mit einem anderen Interessenten machen konnten. Wenig später kam die kanadische Alliance Atlantis als Koproduzent und Finanzier mit an Bord und die Produktion konnte beginnen.

Die Thematik des Films hält Motive bereit, die Neil Jordan von jeher faszinieren. Stephen Woolley erklärt: "Wie viele Figuren in Neils Filmen bewegt sich auch Bob in einer Zwischenwelt - er ist Teil der Gesellschaft, aber auch ein Außenseiter, der sich nur mit seinem Verstand über Wasser hält. Er ist drogenabhängig, ein Mensch mit Schwächen, vor allem für das Glücksspiel und Kriminalität.

Aber die Menschen respektieren und mögen ihn. Seine Freunde kommen aus den verschiedensten Ecken - sie sind Drogenhändler genauso wie Polizisten. Es ist eine Fantasiewelt, real und doch surreal, eine sehr aufregende und merkwürdige Welt. Auf der Geschichte liegen dunkle Schatten - und das ist eines der Markenzeichen von Stephens Filmen."

Neil beschloss, die Handlung von The Good Thief an die Côte d'Azur zu verlegen. Stephen erklärt: "Das Original war in Paris angesiedelt, und das Kasino stand in Deauville. Aber Paris hat sich seit den 50er Jahren stark verändert. Viele der Lieblingsecken von Bob sind heute Touristenattraktionen.

Montmartre und alle diese Plätze, die einst schummrig und eigenartig und mit Typen wie aus Büchern von Genet angefüllt waren, existieren heute nicht mehr. Neil wollte die Geschichte sehr modern erzählen. Sein Eindruck war, dass der Kontrast zwischen der fragwürdigen Unterwelt von Nizza und der knalligen Opulenz von Monte Carlo viel beeindruckender wäre."

Jordan sagt, dass der Film eigentlich in allen großen Kasinostädten spielen könnte: "Tijuana, Atlantic City, Las Vegas. Nizza wurde schließlich nicht wegen des nahe gelegenen Kasinos von Monte Carlo ausgewählt, sondern weil Bob als zerknitterter Spieler im fremden Land im Süden von Frankreich viel plausibler ist als beispielsweise in Dublin oder London. Nicht von ungefähr haben sich sehr viele Amerikaner an der Riviera niedergelassen."

Schnell wurde den Beteiligten klar, was Nizza an Locations zu bieten hatte. Fast durchgehender Sonnenschein, das Meer, die fabelhaften, kräftigen Farben - all das machte die Côte d'Azur zur perfekten Kulisse für den Film.

"Die französische Riviera ist so lebendig", sagt Neil Jordan, wobei die Gegend nicht nur glamourös und edel ist: "Wenn ich an Südfrankreich denke, verbinde ich damit immer diese eleganten, altmodischen Filme wie Monte Carlo or Bust (1969) oder Über den Dächern von Nizza (1955).

Aber tatsächlich spielen sich dort ziemlich ernste Dinge ab. Man mußs nicht lange recherchieren, um auf die Russenmafia, Drogenhandel im großen Stil oder junge osteuropäische Mädchen, die man mit falschen Versprechungen an die Côte d'Azur lockt und dann zur Prostitution zwingt, zu stoßen."

Der Landstrich kann aber auch auf ein reichhaltiges künstlerisches Erbe verweisen. Nizza selbst beherbergt eine Sammlung unbezahlbarer Gemälde von Künstlern wie Picasso, Matisse und Chagall. Aber auch andere Kunstformen erblühten in diesem Ambiente. Autoren wie Guy de Maupassant, Guillaume Appolinaire, Katherine Mansfield, Edith Wharton, Aldous Huxley, DH Lawrence, Arthur Miller, F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway nannten die Riviera ihr Zuhause.

Die Gegend war zudem ein beliebter Zufluchtsort deutscher Schriftsteller auf der Flucht vor den Nazis. Seit La côte d'azur vue d'un train von den Brüdern Lumiere aus dem Jahr 1903 spielte die Riviera stets auch eine bedeutsame Rolle im Medium Film. Filmemacher wie Jean Cocteau, Jean Marais, Henri Decoin und Roger Vadim zog es wie magisch nach Südfrankreich.

Neil Jordan verbindet von jeher eine große Leidenschaft mit dem kontinental-europäischen Kino. Er beschreibt The Good Thief als Hommage an die Art von europäischem Film, die ihn davon träumen ließ, selbst einmal Regisseur zu werden.

"Ich bin die Dominanz des amerikanischen Kinos über alles, jede Facette des Filmemachens und Kinobesuchs, leid. Ich finde, es ist an der Zeit, nach Europa zurückzukehren. Es ist aufregend mitzuerleben, wie europäische Filmemacher Filme voller Bedeutung, mit Pfiff und intellektueller Ambition machen."

Neil Jordan bezeichnet The Good Thief als "Film über Glücksspiel, Karten, Roulette, Kasinos, den Zauber des Gewinnens und Verlierens und die Launenhaftigkeit des Glücks. Das ist ein wunderbares Thema. Im Glücksspiel geht es nur um den Zufall, um Romantik, um den Traum vom Unmöglichen, um das Streben nach dem perfekten Moment.

Spieler sind von Natur aus unverbesserliche Optimisten. Egal, wie viel sie verlieren, sie fiebern automatisch dem nächsten Wurf entgegen, der ihnen garantiert das große Glück bringen wird. Das ist eine schöne Metapher für die Art und Weise, mit der viele Menschen ihr Leben gestalten."

Als das Drehbuch fertig gestellt war, konnte man damit beginnen, die richtigen Darsteller für die Ansammlung bunter Typen zu finden, die sich Jordan einfallen hatte lassen. Die Besetzung von The Good Thief ist abenteuerlich und ungewöhnlich international.

Vorhang auf für Nick Nolte, der von Katherine Hepburn einst mit folgenden Worten beschimpft wurde: "Er kann nicht Lesen und Schreiben, hat keine Manieren, ist ein rücksichtsloser Trampel, der betrunken schon in jedem Rinnstein der Stadt gelegen ist. Er ist genauso wie Spencer Tracy."

An der Seite von Nolte sieht man die 17-jährige Georgierin Nutsa Kukhianidze, den in der Türkei geborenen Franzosen Tchéky Karyo, den halb nordafrikanischen, halb französischen Vollblutschauspieler Gérard Darmon, den marokkanisch-stämmigen Franzosen Said Taghmaoui, den Algerier Ouassini Embarek, den französischen Musiker Mark Lavoine und aus Idaho die Zwillinge Mike und Mark Polish.

Jordans Regie-Kollege, der Serbe Emir Kusturica, der bereits zweimal in Cannes die Goldene Palme gewinnen konnte, spielt das Computergenie Vladimir.

Neil Jordan sah Nick Nolte in San Francisco auf der Bühne in der Weltpremiere von Sam Shepards Stück "The Late Henry Moss": "Ich sah ihn spielen und traf ihn nach der Vorführung. Ich wusste einfach, dass er Bob in sich hatte, dieser einstige Drifter, ein Typ wie aus den 60er Jahren. So hatte ich mir Bob beim Schreiben vorgestellt."

Nolte zögerte keine Sekunde. Er selbst war in den 60er Jahren an einem groß angelegten Betrug beteiligt gewesen, der einigen Jungs den Weg nach Vietnam ersparen sollte. Nicht von ungefähr verspürte er eine natürliche Verwandtschaft mit dem ewigen Rebellen Bob, diesem Verlierer mit der romantischen Ader, der sich nach dem großen Gewinn sehnt.

Jordan war begeistert: "Nick hat die Nase ein wenig voll, das Hollywood-Spiel zu spielen. Deshalb war er sofort Feuer und Flamme, diesen Part zu bekommen. Er ist ein superber Darsteller. Genauso wie die Figur auf der geschriebenen Seite ein ganz eigenes Leben mit einer ganz unverwechselbaren Energie annahm, ist Nick tatsächlich mehr wie diese erfundene Figur, als ich es mir jemals hätte träumen lassen.

Er hat wahnsinnig viel Text in dieser Rolle, aber Nick meisterte seine Dialoge mit einer Wucht, Geschwindigkeit und Intelligenz, wie man sie in Filmen von heute nur noch ganz selten findet."

Stephen Woolley stimmt zu, dass diese Rolle wie maßgeschneidert für Nolte ist: "Er ist ein sehr weltlicher Typ, der in seinem Leben nichts ausgelassen hat. Das sieht man in seinem Gesicht und man hört es seiner Stimme an. Er ist so vielseitig - und vollkommen überzeugend als ewiger, trauriger Verlierer, genauso wie er als überlegener Mann von Welt überzeugt, wenn er am Schluss im Kasino auftaucht. Ich würde sagen, Nick hat Wärme. Und das ist wichtig, weil Bob Loyalität und Mitgefühl in allen Leuten, die er trifft, wecken mußs."

Nach seiner Zusage mußste Nick Nolte nicht allzu viel Recherche für seine Rolle betreiben, wie er unumwunden zugibt: "Ein Schauspieler hat ja gar keine andere Wahl, als sich selbst zu spielen. Man kann das allerdings formen, in eine andere Gestalt packen. Also ist da ein bisschen Bob, ein bisschen von mir. Wir werden beide älter und wollen nicht mehr so richtig funktionieren.

Bob ist eine wunderbare Figur. Er spürt das Ende seines Lebens näher rücken; es gibt nicht mehr viel, wofür es sich zu leben lohnen würde. Anne bringt Bob wieder zurück ins Leben. Ich finde es klasse, von Jugend umgeben zu sein. Die anderen jungen Leute haben die Idee zu dem Raubzug und hoffen, dass er seinen Enthusiasmus zurückgewinnt."

Schnell wurde eine sehr internationale Besetzung für die weiteren Rollen gefunden, was Nolte willkommen hieß: "Es ist sehr erfrischend, mit Schauspielern zu arbeiten, die einen Sinn für Ensemble-Arbeit haben. Keiner legte irgendwie Starverhalten an den Tag. Tchéky und Gérard lieben Film. Sie sind Schauspieler. In Amerika findet man das nur selten."

Zu Beginn des Films rettet Bob seinem alten Freund Roger das Leben. Er ist ein Polizist, dem am Wohlergehen des alten Spielers gelegen ist. Tchéky beschreibt Roger als "müden Polizisten, dem die Arbeit zum Hals heraushängt. Wenn er die Wahl hätte, würde er sich zurückziehen und Blumen züchten. Er ist Bob schon seit Jahren auf der Spur und betrachtet ihn als ,gentleman cambrioleur'.

Er mag ihn, er bewundert ihn und will ihn dazu bewegen, nicht noch einen weiteren Fehler zu begehen - denn die nächste Verurteilung könnte ihn für den Rest seines Lebens hinter schwedische Gardinen befördern. Man könnte sagen, dass Bob Roger an der Nase herumführt. Aber Roger weiß, dass alle Verbrecher irgendwann einen Fehler begehen. Roger ist ein normaler Typ, nichts besonderes, kein Held. Deshalb wollte ich ihn spielen. Er hasst Gewalt und sieht lieber schwach aus, als dass er es auf Konfrontationen ankommen lassen wollte."

Bob lernt das bildschöne osteuropäische Mädchen Anne kennen, das von einem skrupellosen Clubbesitzer zur Prostitution gezwungen wird. "Die Meeresfront von Nizza ist nach zwölf Uhr nachts voll von jungen Mädchen wie Anne, die man mit Versprechungen toller Jobs nach Südfrankreich gelockt hat. Aber wenn sie ankommen, wird ihnen der Ausweis abgenommen, und man zwingt sie, ihre Körper zu verkaufen", sagt Nutsa Kukhianidze.

Obwohl sie erst 17 Jahre alt ist und vor The Good Thief lediglich in dem georgischen Film 27 Missing Kisses (2000) zu sehen gewesen war, schlägt sie bereits hohe Wellen in der Filmindustrie. Neil Jordan und Stephen Woolley hatten sie beispielsweise in besagtem Independentfilm gesehen.

Sie zeigten sich von ihrer Leistung beeindruckt und liebten ihre Korkenzieherlocken und ihre unverkennbare Stimme. Gemeinsam mit sechs anderen Mädchen aus Osteuropa wurde sie zu einem Vorsprechtermin nach London eingeladen. Eine Überraschung hielt sie gleich zu Beginn bereit: Denn die Filmemacher stellten fest, dass Nutsa Kukhianidze längst nicht mehr im Ostblock-Georgien lebte, sondern ins amerikanische Georgien umgezogen war: nach Atlanta in Georgia, um genau zu sein.

Ihr Englisch war perfekt. Als sie zum Termin im Groucho Club erschien, war ihr Haar streichholzkurz und schwarz gefärbt. Zudem hatte sie eine Narbe unter einem Auge, die von einem schlimmen Autounfall her rührte.

Dennoch wussten die Filmemacher, dass sie ihre Anne gefunden hatten: "Ihr Leinwandtest war unglaublich. Sie hat ein gewaltiges Talent, eine faszinierende Energie, zeigt Einsatz und hat großes Verständnis für ihre Filmfigur. Ich würde sie direkt neben unsere anderen Entdeckungen, Cathy Tyson aus Mona Lisa und Jaye Davidson aus The Crying Game, einreihen."

Seaton McLean merkt an: "Nutsa strahlt eine einzigartige Frische aus, wie eine Audrey Hepburn, die die Kehrseite der Medaille kennt. Sie hat eine prägnante Bauernschläue, die in Kombination mit dieser Frische und Naivität ganz selten ist - speziell in Orten wie Nordamerika, wo viele Kinder schon im Alter von 15 Jahren voller Überdruss stecken. Immerhin ist man ja mit ,Beverly Hills, 90210' aufgewachsen."

Nutsa Kukhianidze beschreibt Anne als "sehr warm und freundlich, aber sie mußs Härte zeigen, um überleben zu können. Also schützt sie sich selbst, indem sie vorgibt, nichts könne sie berühren. Ich würde sagen, sie sieht Bob als Vaterfigur, als einen echten Gentleman. Er ist sehr stark und charmant, ist ihr Anker.

Es ist, als würden zwei verlorene Seelen aufeinander treffen, die wiederum all diese unterschiedlichen Figuren anziehen wie Motten das Licht. Nick Nolte ist ein toller Mensch. Er ist sehr bemüht und sehr lustig, so offen und freundlich, immer bereit, anderen zu helfen. Er ist ehrlich gesagt wie Bob."

Marc Lavoine, der als Remi zu sehen ist, ist ein erfolgreicher Sänger und Songwriter. Er hat sieben Alben veröffentlicht und trat in mehreren Filmen und Fernsehfilmen auf. Stephen Woolley erklärt: "Marc ist so etwas wie eine Institution in Frankreich. Das war mir gar nicht klar gewesen, als wir ihn für den Film besetzten. Er spielt Remy als attraktiven, freundlichen und verführerischen Schurken und nicht einfach als hassenswerten Bösewicht."

Marc hatte viel Spaß mit der Rolle: "Remi besitzt ein zweifelhaftes Etablissement, in dem Glücksspiel betrieben wird. Er ist ein aalglatter französischer Schuft mit einem Motorrad. Aber er ist auch ein rücksichtsloser Zuhälter, der Anne in die Prostitution treiben will."

Der in Sarajewo geborene Emir Kusturica, der zu den meistgefeierten Filmemachern der Welt zählt, ist auch ein Schriftsteller, Schauspieler und Musiker. Über seine Rolle als Vladimir in The Good Thief sagt er: "Vladimir ist ein Freund von Raoul und ein Computerexperte, Gitarrist und so etwas wie ein exzentrisches Genie.

Er ist es, der das Sicherheitssystem im Tresor eingebaut hat, aber weil ihn seine Familie in Wladiwostok anbettelt, sie herauszuholen, braucht er Geld. Also sagt er zu, bei dem Raubzug mitzumachen." Stephen Woolley war begeistert, als Emir Kusturica seine Beteiligung signalisierte: "Emir ist der Richtige für diesen Part. Er verleiht der Figur eine nervige, merkwürdige, verrückte Qualität."

Und schließlich hat Ralph Fiennes, der in Neil Jordans preisgekrönten Film Das Ende einer Affäre (1999) die Hauptrolle spielte, einen Gastauftritt als britischer Kunsthändler Tony Angel. "Nennen wir ihn doch einfach Berater in Sachen Feine Künste", lacht der Regisseur.

Der Dreh in Nizza Ausstatter Anthony Pratt und sein Team machten sich daran, dass traumhafte Regina Hotel, das von Sebastien Marcel Biazini entworfen worden war, in das Kasino zu verwandeln. Das Regina war stets die Residenz von Königin Victoria bei deren Besuchen in Nizza gewesen und beherbergte auch Künstler wie Matisse.

Mittlerweile ist das Hotel längst ein edles Apartmenthaus, dessen Bewohner es gewohnt sind, dass sich dort internationale Film- oder Fotocrews tummeln. Mehr als 150 Modeshoots, Werbespots, Videoclips, Kurzfilme und Spielfilme wurden hier allein in den letzten drei Jahren realisiert.

Ein Großteil des Drehs wurde in der Nacht abgewickelt. Dafür wurde das Äußere und die Palmen, die das Gebäude umgeben, mit zahllosen Glühbirnen ausgestattet. Das Innere wurde mit Hilfe eines 1000 Quadratmeter großen schwarzen Tuchs in völlige Dunkelheit gehüllt.

Fünf Tage dauerte es, bis es angebracht war. Fünf Roulette-Tische und sieben Blackjack-Tische wurden aus England angeliefert. Der Raum wurde angefüllt mit faszinierenden Reproduktionen von Gemälden impressionistischer Meister, die von einem ansässigen Künstler angefertigt worden waren.

Aber die Crew entfernte sich auch aus dem Zentrum der Stadt: Das Polizeirevier war tatsächlich ein alter Schlachthof. In der Nähe der Abbaye de Saint-Pons findet sich die 1724 errichtete barocke Kirche, in der es zu einem weiteren Treffen zwischen Bob und Roger kommt. Außerdem drehte man im Hafen in Ville Franche, wo ein großes Warenlager zum Zuhause von Vladimir umfunktioniert wurde.

Eine Nacht lang verschlug es die Crew ins berühmte Hippodrome in Hyeres in der Nähe von Toulon. Luis Bunuel, Jerome Clement, Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Maurice Pialat, James Ivory und Jean-Pierre Ameris haben dort bereits gefilmt. Im Schatten der Pinien versammelten sich etwa 200 Ansässige als Statisten.

Hier hatte die Besetzung und die Crew die Gelegenheit, ein paar Wetten abzuschließen, und Nick Nolte mußste auf einmal feststellen, dass er überraschend eine der schwierigsten Szenen seines Lebens zu meistern hatte. Die Kamera fängt Bobs Reaktion ein, der miterleben mußs, dass sein Pferd verloren hat, und angewidert sein Ticket zerreißt.

Das Problem war: In genau diesem Moment war das Pferd, auf das Nolte tatsächlich gesetzt hatte, als Sieger durchs Ziel gegangen. Nur mit Mühe gelang es ihm, enttäuscht und genervt zu wirken. In dem Moment, als die Kamera abgestellt wurde, begann er zu jubeln - und holte seinen Gewinn ab.

Die letzten Drehtage fanden in den legendären Studios de la Victorine statt, die mittlerweile in Riviera Studios umbenannt wurden. Sie waren seinerzeit im Jahr 1920 von Hollywood-Produzent Rex Ingram eröffnet worden, wo er seinen Monumentalfilm Mare Nostrum entstehen ließ.

Ab 1940 wurden die Studios de la Victorine zum begehrten Anlaufpunkt französischer Filmemacher (Abel Gance, Jacques Prevert, Marcel Carne), die in ihrem besetzten Land Zuflucht und relativ kreative Freiheit vor den Nazis suchten. 1942 wurde mit Die Nacht mit dem Teufel die Produktion großer Filme wieder aufgenommen. 1944 folgte mit Kinder des Olymp, mit Arletty und Jean-Louis Barrault die größte Produktion, die in Victorine gestemmt wurde.

Stephen Woolley resümiert nach drei Monaten Dreh an der Côte d'Azur, dass sich Bobs wilde Kapriolen durchaus mit der Arbeit eines Filmproduzenten vergleichen lassen: "Was wir uns als Beruf ausgesucht haben, das Herstellen von Filmen, ist das ultimative Glücksspiel. Man riskiert mit jedem Film immer wieder alles ... und wir sind besessen von diesem Prozess."

Szenenfoto
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