Luther

Produktionsnotizen

Viele Menschen wissen heutzutage, dass Martin Luther einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte ist. Im Gedächtnis ist ihnen der "Vater des Protestantismus" vor allem, weil er seine 95 Thesen an die Kirchentür von Wittenberg genagelt und damit die Reformation im 16. Jahrhundert ausgelöst hat.

Aber nur diejenigen, die seiner Religion anhängen, wissen etwas über den Menschen Martin Luther, über seine Niederlagen, über seine Triumphe. Die internationale Produktion Luther verleiht den historischen Fakten ein menschliches Gesicht.

"Die Lebensgeschichte Martin Luthers (1483-1546) entfaltet sich in einer der wichtigsten revolutionären Perioden der menschlichen Geschichte," stellt Regisseur Eric Till fest.

"Das Mittelalter machte der Renaissance Platz. In dieser Epoche riskierte Kopernikus sein Leben für seine Theorie des Kosmos, der zufolge die Erde nicht das Zentrum des Universums darstellt; Gutenberg erfand die Buchdruckerkunst; Galileo wurde von der Inquisition für seine physikalischen Entdeckungen verurteilt. Papst Leo X. und Kaiser Karl V. bestimmten das politische Klima in Europa. Manchmal hat man den Eindruck, dass Luther im Mittelpunkt all dieser Vorgänge stand."

Producer Brigitte Rochow fügt hinzu: "Der Film erzählt die wichtigsten Stationen in Luthers Leben, ohne den Eindruck zu vermitteln, wir würden einfach ein Geschichtsbuch illustrieren wollen. Luthers Leben war weder trocken noch staubig, sondern stürmisch, hoch emotional und dramatisch. Es war bestimmt durch einen beängstigenden Kampf zwischen starkem Glauben und Versuchung, Härte und Verletzlichkeit, Entschlossenheit und Zweifel."

Für die Menschen unseres Jahrhunderts scheint Martin Luther noch immer unter einer mittelalterlichen Mönchskutte verborgen. Der Film Luther schildert den deutschen Reformer als einen brillanten und leidenschaftlichen jungen Mann, aus dem eine wahrhaft bestürzende, zugleich unkontrollierte und schlichte Kraft sprach, "von Gottes Willen und den Mächten der Natur beseelt" (Martin Luther).

Martin Luther, ein unbedeutender Mönch aus einer hinterwäldlerischen Kleinstadt am Rande der Zivilisation, fordert die mächtigsten Herrscher der Welt heraus, nur bewaffnet mit seinem Glauben und dem festen Entschluss, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen. Als Revolutionär wider Willen verändert Luther die Welt und drückt der Geschichte seinen Stempel auf.

Casting Von Beginn an wussten die Produzenten: Das Projekt steht und fällt mit dem Schauspieler, der Martin Luther verkörpern würde.

Es mußste jemand sein, der die Komplexität und die Attraktivität des Reformers besitzt, ohne dabei seine menschlichen Schwächen unter den Teppich zu kehren. "Wir wollten einen Schauspieler," erklärt der amerikanische Executive Producer Dennis Clauss, "der ebenso gewöhnlich wie charismatisch sein kann, ebenso schüchtern wie herausfordernd, ebenso verspielt wie intensiv. Und nicht zu letzt sollte es jemand sein, der die jungen Leute anspricht."

Joseph Fiennes, der mit Elizabeth und Shakespeare in Love seinen zeitgemäßen Zugang zu historischen Stoffen bewiesen hatte, war die ideale Besetzung. Der deutsche Produzent Alexander Thies: "Es gab nie eine ernsthafte Alternative."

Überraschend stellte sich heraus, dass Fiennes kurz zuvor mit großem Bedauern die Rolle des Luther in John Osbornes gleichnamigen Bühnenstück am London National Theatre abgelehnt hatte, weil sie nicht in seinen Zeitplan passte. Er hatte jedoch Gefallen an der Figur gefunden und war glücklich, die Hauptrolle in Luther zu übernehmen.

"Zu allererst sehe ich in Luther einen wahrhaft Unschuldigen im besten Sinne des Wortes. Er trat der Kirche nicht bei, um sie zu verändern oder gar zu spalten. Er war viel zu sehr mit seinen eigenen Zweifeln beschäftigt. Und er sah sich mit einem enormen moralischem Dilemma konfrontiert, als er erkennen mußste, wie seine Überzeugungen als Rechtfertigung für die während des Bauernkrieges begangenen Grausamkeiten missbraucht wurden."

Fiennes' Ungezwungenheit und seine Höflichkeit beeindruckten alle am Set - insbesondere wenn es um Fußball ging. Er kickte mit dem Team und während der Fußballweltmeisterschaft stellte er sein Fernsehgerät zur Verfügung.

Weitere Darsteller Nachdem Joseph Fiennes zugesagt hatte, konnten die Produzenten die weiteren Rollen mit einem internationalen Cast besetzen: Sir Peter Ustinov als Friedrich der Weise, der zwar Luthers Lehren nie anhing, ihn aber als klugen Kopf schätzte und ihn ohne Einschränkung vor seinen Verfolgern schützte. Jonathan Firth als Girolamo Aleander, päpstlicher Legat und Luthers unmittelbarer Gegenspieler. Alfred Molina als Ablasshändler Tetzel, Claire Cox als Luthers Frau Katharina von Bora und Mathieu Carrière als Kardinal Cajetan.

Hinzu kamen Uwe Ochsenknecht als machtbewusster Papst Leo X., Benjamin Sadler in der Rolle des kurfürstlichen Sekretärs Georg Spalatin und Lars Rudolph als Luthers geistiger Weggefährte Philip Melanchton. Jochen Horst spielt den rebellischen Professor Karlstadt, und die mit Good Bye Lenin! so erfolgreiche Maria Simon zeichnet das Porträt der um das Wohl ihrer verkrüppelten Tochter besorgten Holzhändlerin Hanna.

Besonders freute sich Joseph Fiennes, dass der von ihm geschätzte Bruno Ganz den Part des väterlichen Freundes und Mentors Johann von Staupitz übernahm.

Wie auch Joseph Fiennes haben sich die meisten Darsteller eingehend mit ihren Figuren und deren historischem Hintergrund beschäftigt, doch dem 82-jährigen Sir Peter Ustinov bleibt es überlassen, die Erfahrungen mit schelmischen Augenzwinkern zusammenzufassen: "Für unseren großartigen Regisseur habe ich eine Karikatur gezeichnet, auf der man Luther beim Annageln der 95 Thesen sieht. Er ist gerade fertig, da flucht er: Verdammt, jetzt ist mir noch eine 96. These eingefallen."

Fact Into Fiction Die meisten Sympathien gewinnt Luther wohl in seinen Szenen mit der Reisigbündel verkaufenden Hanna (Maria Simon) und ihrer behinderten Tochter Grete (Doris Prusova). Auch die Freundschaft zu dem Augustiner-Mönch Ulrich (Marco Hofschneider) und die Bekanntschaft mit dem einfachen Maurer Otto (Anatole Taubman) zeichnen das Bild eines Mannes, dessen Zuneigung von Herzen kommt.

Alle diese Begegnungen sind fiktiv, komponiert aus den vielen verschiedenen Beziehungen, die Luther in seinem erstaunlichen Leben einging. Für die Drehbuchautoren Camille Thomasson und Bart Gavigan gehörten diese Szenen zu den größten Herausforderungen ihrer Arbeit.

Nehmen wir die Geschichte des Maurers Otto: Sein Sohn erhängt sich in Wittenberg am Dachbalken eines halbfertigen Hauses und Luther wagt es, den jungen Selbstmörder in geweihter Erde beizusetzen. Im Film veranschaulicht diese Szene das "Turmerlebnis": Luther befreit sich von der Vorstellung eines strafenden Gottes und gelangt zu der rettenden Einsicht, dass Gott anders, nämlich gerecht und gnädig ist.

In Wirklichkeit war es wohl so, dass Luther dieses zentrale Element seines Glaubens während "Tagen und Nächten der Reflektion über Paulus' Römerbriefe" (Martin Luther) in seiner Zelle im Schwarzen Kloster zu Wittenberg fand. So jedenfalls ist das ?Erweckungserlebnis' in die Geschichtsschreibung eingegangen.

Producer Brigitte Rochow:"Hier sind wir ganz bewusst von der historischen Überlieferung abgewichen. Man stelle sich mal vor: Luther sitzt bei Kerzenlicht über die Bibel gebeugt, rauft sich die Haare und sagt dann plötzlich: ?Jetzt weiß ich Bescheid! Es steht alles in den Römerbriefen.' Jeden Drehbuchschreiber, der so was verzapft, sollte man in die Wüste schicken. Es liegt auf der Hand, dass Luthers Einsichten sowohl seinem Bibelstudium als auch seinen täglichen Begegnungen mit den Leuten, mit denen er als Lehrer und Priester zu tun hatte, entsprangen."

Eine andere Fiktion: Martin Luther besucht Friedrich den Weisen, nachdem er seine Übersetzung des Neuen Testaments beendet hat. Der junge Häretiker tritt im großen Saal vor den alten Kurfürsten und macht ihm diese Übersetzung zum Geschenk. Dieses Treffen hat, da sind sich die Historiker einig, nie stattgefunden.

Die entsprechende Szene stand zunächst im Drehbuch, wurde dann jedoch nach Einspruch der historischen Berater von den Produzenten gestrichen, obwohl der Regisseur, die Autoren und die Schauspieler sie gern behalten hätten. Aber, so berichtet Brigitte Rochow, als Sir Peter Ustinov zu den Dreharbeiten nach München kam, war er derart enttäuscht über den Strich, dass er und Joseph Fiennes eine neue Version erarbeiteten und die Szene schließlich am letzten Drehtag im Studio gedreht wurde.

"Die Geschichtsbuchhalter werden uns eine Rüge erteilen," erklärt Producer Christian Stehr. "Aber als Filmemacher sind wir über diese Szenen von Herzen froh."

Dreharbeiten Luther wurde in drei Ländern gedreht - die Drehorte in Deutschland waren auf die unterschiedlichsten Gegenden verteilt und erforderten an einem normalen Drehtag rund 200 Teammitglieder sowie 60 Transportfahrzeuge.

Kompliziert wurde die Planung, als die ersten Drehtage in Italien verschoben werden mußsten, weil das dortige Kultusministerium diese Woche zum "Tag der Offenen Tür" erklärte und die Schaulustigen alle historischen Sehenswürdigkeiten umsonst besichtigen konnten. Das hatte zur Folge, dass auch der Drehplan für Deutschland und Tschechien geändert werden mußste.

Doch die Dreharbeiten selbst lagen in fähigen Händen: Emmy-Preisträger Eric Till führte Regie und Kameramann Robert Fraisse hatte an so komplizierten Produktionen wie Duell - Enemy at the Gates und Ronin mitgearbeitet. Gesamtausstatter Rolf Zehetbauer, der lange Zeit Chefarchitekt der Bavaria war, gewann weltweite Anerkennung für Die unendliche Geschichte und einen Oscar für Cabaret.

Die ersten Drehtage wurden zur Rundreise entlang der Burgen und mittelalterlichen Städte in Thüringen und Franken, nach Rauenstein, Hohenstein, zur Veste Coburg und zur Wartburg. Am Ende des Dreh-Marathons waren mehr als 100 verschiedene Sets im Kasten. "Fünf mal so viel wie bei Cabaret," betont Rolf Zehetbauer.

Zwar existieren in Deutschland noch viele der Burgen, die Luther aufsuchte, aber sie sind verändert, renoviert oder als Ruinen belassen worden. Rolf Zehetbauer: "In der renovierten Wartburg konnten wir zum Beispiel nicht die historischen Szenen drehen. Die Dachbalken sind pechschwarz, die Wände strahlend weiß. Zu Luthers Zeiten war diese Burg bereits verwohnt, feuchte, schimmelige Wände, abgetretene Stiegen und Fußböden."

Doch Zehetbauer und sein Team machten das Beste aus den Gegebenheiten: Der große Saal der Wartburg im ersten Stock wurde zur Bischöflichen Residenz in Worms, die Veste Coburg diente vier wichtigen Außenfilmszenen als Kulisse. Die im Film spielenden Innenaufnahmen wurden in Tschechien gedreht.

Für die Schauspieler war es wichtig, die Atmosphäre der mittelalterlichen Bauten in sich aufzunehmen, ganz unabhängig von historischen Spitzfindigkeiten. "Für die Rolle ist es ungemein hilfreich, wenn man auch noch nach 500 Jahren den biologischen, klimatischen, architektonischen und sozialen Hintergrund der Geschichte spürt," bestätigt Alfred Molina, der den umstrittenen Dominikaner-Mönch und Ablass-Händler Tetzel spielt.

"Wenn ich nur an den Marktplatz denke, auf dem Tetzel mit seinem Ablass-Theater auftritt. Der Platz ist voller Leute und Seltsamkeiten - und dann erscheint mit einem Mal alles ganz natürlich und damit auch ganz echt."

So wie Luthers Reisen ihn und damit auch das Team in verschiedene Länder führten, so begegnete er in seinem Leben den unterschiedlichsten Menschen, - von den Schwächsten und Ärmsten bis zu den Reichsten und Mächtigsten. Dies stellte besondere Anforderungen an die Spezialisten im Team.

Maskenbildner Hasso von Hugo: "Es war uns wichtig, die rohen und beengten Lebensverhältnisse des Mittelalters herauszuarbeiten, nicht um sie mit einem Ausrufezeichen zu versehen, sondern um deutlich zu machen, wie sehr das damals der Normalität entsprach. Selbst der Hochadel nahm nur vier Mal im Jahr ein Bad. Im allgemeinen waren die Leute schmutzig, sie hatten schlechte Zähne und sie waren verlaust."

Was das im Einzelnen bedeutete, wurde an den "Großkampftagen" der Masken- und Kostümbildner deutlich. An solchen Tagen brachten die Busse 300 Statisten zum Drehort, die dort von vier Uhr morgens an in ?mittelalterliches Volk' verwandelt wurden. Kostümbildnerin Ulla Gothe und ihre Kolleginnen lösten die Probleme, indem sie verschiedene Grundausstattungen der Garderobe wie Hosen, Kutten, Westen oder lange Röcke zusammen stellten, die sich leicht durch hinzugefügte oder weggelassene Kostümteile verändern ließen.

Entsprechend verlangte auch Italien nach seinem eigenen ?Look'. In Pian Castagno, Viterbo und Caprarola wurden die Szenen gedreht, in denen Luther zum ersten Mal unmittelbaren Kontakt mit der Welt des Vatikans hat. Außerordentliche Bilder sind das geworden: einschüchternd, verwirrend, eindrucksvoll - so wie der junge und demütige Mönch, der Luther zu jener Zeit war, diese Orte erfahren haben wird.

"Dies sind die einzigen Sequenzen, in denen es darum ging, ?schöne' und eindrucksvolle Bilder zu gestalten," erklärt Kameramann Robert Fraisse. "Das Äußere dieser Welt mußs ihren Ausdruck in Kraft und Klarheit finden. Dadurch wird der Gegensatz zu dem weichen und zurückhaltenden Licht deutlich, das wir generell für den Film gewählt haben."

In den Münchner Bavaria Studios hat Rolf Zehetbauer fünf Sets gebaut, darunter die große Halle und die legendäre Reliquienkammer Friedrichs des Weisen, einen Gang mit Klosterzellen und Luthers Turmstube auf der Wartburg. Mit jeder dieser Dekorationen versuchte Zehetbauer sich von der ?Pralinenschachtel-Atmosphäre' zu lösen, die ihn bei Historienfilmen so stört.

"Wir haben uns von Gemälden, Stickereien und alten Dokumenten inspirieren lassen," erklärt Zehetbauer. "Aber der erste Entwurf mußs aus der Imagination kommen. Die Bauten ?erzählen' die Figuren, die dort leben. Wir machen Kino, wir wollen eine glaubwürdige Fiktion schaffen. Erich Kästner hat einmal so wunderbar gesagt, dass man eine Geschichte nicht danach beurteilen darf, ob sie wahr oder unwahr ist, sondern danach, ob sie sich so abgespielt haben könnte."

Es wäre ein Fehler, Luthers Geschichte für eine Ansammlung steinerner Monumente, repräsentativer Persönlichkeiten und nachgestellter historischer Ereignisse zu halten. Die Tatsachen werden nicht geleugnet, aber im Film geht es vor allem um das, was Joseph Fiennes hervorhebt: "Natürlich sind die großen epischen Proportionen der Zeit und der Rolle außerordentlich fesselnd. Aber Luther war mehr: Ein einfacher Mann, der uns in vielerlei Hinsicht als Zeitgenosse erscheint."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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