Das Wunder von Bern

Die vaterlose Gesellschaft

Anfang und Ende des Matriarchats in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg In den ersten fünf bis zehn Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verlief die gesellschaftliche Entwicklung vor allem in West-Deutschland zweigeteilt. Während in Wirtschaft und Politik Väter die Verantwortung übernahmen, die ihrerseits längst im Großväter-Alter waren - von Konrad Adenauer über Carlo Schmid bis Theodor Heuß - trugen in überdurchschnittlich vielen Familien die Mütter alleine die Verantwortung.

Was als die Ära der Trümmerfrauen in die deutsche Nachkriegsgeschichte einging, kann mit Fug und Recht auch als eine Phase des echten Matriarchats bezeichnet werden. Der Krieg hatte die Gesellschaft vaterlos gemacht. Die Männer der klassischen Väter-Generation, die ihre Frauen und Kinder während des Krieges verlassen mußsten, fehlten auch und vor allem danach.

Sie waren entweder gefallen oder versehrt, sie waren noch in Kriegsgefangenschaft oder kamen als gebrochene Vertreter ihrer Generation aus der Gefangenschaft zurück. Die Frauen mußsten in dieser Zeit nicht nur die Trümmer eines zerstörten Landes aufsammeln, sie brauchten gleichzeitig die Kraft, die Energie und das Selbstbewusstsein, um für ihre Familien zu sorgen und die Männer sowohl in ihrem Teil der Erziehung als auch bei der Beschaffung des Lebensunterhalts zu ersetzen.

Nach dem Krieg war das Land um 15 Millionen Männer ärmer. Viele von ihnen waren bereits Väter. Vier Millionen waren umgekommen. Über elf Millionen befanden sich im Jahr 1945 in der Gefangenschaft der Alliierten, die sich kurz darauf selbst schon wieder im Krieg befanden. Im Kalten Krieg. Dennoch kam es im Frühjahr 1947 zu einer Außenministerkonferenz in Moskau, in der das Problem der Kriegsgefangenen im Mittelpunkt stand.

Längst hatten sich die Westmächte dafür entschieden, am Aufbau einer neuen Gesellschaft in dem Teil Deutschlands zu arbeiten, für den sie verantwortlich waren. In der Rückführung der Kriegsgefangenen sahen sie darin einen wesentlichen Beitrag. Die Sowjetunion unterstützte nominell diese Entscheidung und versprach, mit den Westmächten zusammen, alle Kriegsgefangenen bis Ende 1948 frei zu lassen.

Tatsächlich befanden sich nach dieser Entscheidung allerdings noch zwei Millionen deutsche Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft. Viele von ihnen galten nicht als Kriegsgefangene, sondern als Kriegsverbrecher und wurden deshalb in den sowjetischen Lagern behalten. Besonders diejenigen, die am Aufbau der durch den Krieg ebenfalls stark zerstörten Sowjetunion mithelfen konnten.

So wurden die Kriegsgefangenen zu internierten Zwangsarbeitern, die weit über die gesetzte Frist hinaus in der Sowjetunion bleiben mußsten. Im Jahr 1950 waren das immerhin noch 30.000 Männer. In ihrer Heimat wurden sie im Laufe der Zeit im Bewusstsein der Bevölkerung von Tätern zu Opfern. Und ihre Frauen waren hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf eine Rückkehr und Entscheidungen für neue Wege, für neue Partner.

Mit jedem Jahr, das verging, veränderten sich die Werte, die Wirklichkeit und das Bild des neuen Staates, entfernten sich von dem, woran sich die Gefangenen in der Sowjetunion noch erinnerten. Der Wohlstand nahm ganz allmählich zu. Gutes Essen, großzügigeres Wohnen und vor allem angenehme Kleidung wurden wieder wichtig. Die westliche Kultur, besonders die der US-Amerikaner, begann den Alltag zu bestimmen.

Frauen und "Fräuleins" konnten sich fern ab vom längst überwundenen BDM-Gehorsam neu positionieren - in Beziehungen, in ihren Familien und ihrem direkten gesellschaftlichen Umfeld. Und das taten sie auch. Rainer Werner Fassbinder erzählt in seinem berühmtesten Film Die Ehe der Maria Braun - der übrigens nicht zufällig mit dem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 endet - von einer besonders konsequenten Form einer solchen Neupositionierung. Andererseits hat für viele die Hoffnung auf die Rückkehr der letzten Soldaten nicht aufgehört.

Mit dem Tod Stalins 1953 bekam diese Hoffnung neue Nahrung. Und tatsächlich setzte sein Nachfolger Chrustschow ein Zeichen, indem er im folgenden Jahr die Mehrzahl der verbliebenen Gefangen frei ließ. 10.000 blieben allerdings nach wie vor interniert und wurden - sozusagen - zur "Verhandlungsmasse" für den legendären Besuch Konrad Adenauers im Jahr 1955, dessen Ergebnis die endgültige Freilassung aller Kriegsgefangenen in der Sowjetunion war.

Sie gehörten zu einer Generation von Männern, deren Chancen, sich in ihren Familien und der neuen Gesellschaft zurecht zu finden, immer geringer wurden. Sie waren geschwächt, unselbständig und voller Scham. Sie konnten weder mit ihren Frauen schlafen, noch konnten sie mit ihnen und ihren Kindern reden.

Wenn sich in dieser Zeit Paare wieder fanden, war das oft nicht von Dauer. Die Scheidungsrate stieg stetig an. So mußsten die Männer ihre vermeintlich angestammte Dominanz aufgeben - oder verlagern: Auf dem Spielfeld waren Heldentaten eher möglich als auf dem Schlachtfeld. Und in der Wirtschaft konnte man mehr Wunder vollbringen als in der Familie.

Darüber eroberten sich die Männer ihre Macht zurück, restaurierten ab Mitte der fünfziger Jahre wieder das traditionelle Frauenbild - besonders in den Medien, im Kino und in der Werbung. Und machten sich in den Jahren des gigantischen wirtschaftlichen Aufschwungs breit - im wahrsten Sinne des Wortes.

1955 erreichte der Pro-Kopf-Verbrauch von 3000 Kalorien pro Tag seinen Höchststand in der Geschichte der Bundesrepublik. Und nach der Ära Adenauer warb die CDU für seinen Nachfolger Erhard unverblümt mit dem Slogan: "Lasst den Dicken ran!".

Es ist kein Wunder, dass sich gut zehn Jahre nach dem Ende des Matriarchats die mittlerweile erwachsenen Kinder vor allem gegen ihre Väter wendeten, weil diese weder darüber gesprochen haben, was sie angerichtet, noch darüber, was sie erlitten hatten.

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Dirk Jasper FilmLexikon

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