Das Wunder von Bern

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Die Brieftaube, auf die Matthias Lubanski (Louis Klamroth) und seine Freunde an einem Samstagnachmittag im Frühling des Jahres 1954 voller Ungeduld warten, bringt schlechte Nachrichten: Rot-Weiß Essen hat in Aachen gegen die Alemannia in einem Punktspiel der Oberliga West 0 : 1 verloren.

Der elfjährige Matthias - Sohn des Bergarbeiters Richard Lubanski (Peter Lohmeyer), der sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in sowjetischer Kriegsgefangenschaft befindet - weiß genau, warum sein Heimatverein torlos geblieben ist. Matthias ist der Taschenträger des Essener Stürmer-Stars Helmut Rahn (Sascha Göpel) - und sein Maskottchen.

"Die wichtigen Tore schieße ich nur, wenn du dabei bist", hat der "Boss", wie der ebenso lebenslustige wie torgefährliche Draufgänger von allen genannt wird, einmal zu ihm gesagt. Helmut Rahn ist nicht nur Matthias' Idol, er ist längst sein Ersatzvater geworden. Seinen leiblichen Papa hat Matthias noch nie gesehen. Einige Wochen nach dem verlorenen Auswärtsspiel wird er ihm zum ersten Mal begegnen.

Zusammen mit seinem großen Bruder Bruno (Mirko Lang), seiner Schwester Ingrid (Birthe Wolter) und der Mutter Christa (Johanna Gastorf), die ihre drei Kinder elf Jahre lang alleine groß gezogen hat, steht er auf einem Essener Bahnsteig und wartet auf einen Zug mit Spätheimkehrern. Ein dünner Mann, der deutlich älter aussieht als er ist, steigt aus dem Zug, verwechselt seine Tochter mit seiner Frau und schenkt dem Ergebnis seines letzten Heimaturlaubs kaum Beachtung.

Richard Lubanski ist wieder da. "Endlich sind wir wieder eine richtige Familie", freut sich die Mutter. Und ahnt gleichzeitig, dass es bis dahin noch mindestens so weit ist wie vom sibirischen Kriegsgefangenenlager bis zu der Kneipe in Essen-Katernberg, die seit Kriegsende für den Lebensunterhalt der Familie Lubanski sorgt.

Das will Richard Lubanski von jetzt an wieder übernehmen und beginnt - wie vor dem Krieg -, in der Grube zu arbeiten. Doch für den Mann ist der Krieg noch nicht zu Ende. Zu der schweren und lauten Tätigkeit unter Tage ist er weder physisch noch psychisch in der Lage. Und die staatliche Entschädigungszahlung für seine Zeit in der Sowjetunion reicht hinten und vorne nicht aus, um die Familie alleine zu ernähren.

Seine Frau mußs die Kneipe weiter betreiben, die Tochter und der große Sohn helfen mit. Und Matthias sorgt für ein Zubrot, indem er Zigarettenstummel sammelt und den Tabak wieder verkauft. Richard Lubanski will der Herr im Haus sein - und ist doch in Wirklichkeit das schwächste Glied in der Familienkette. Die Konflikte sind vorprogrammiert.

Kein Wunder also, dass Matthias seine Zeit lieber mit dem Boss verbringt oder beim Bolzen auf den Straßen der Bergarbeiter-Siedlung, wo er gerne die Rolle von Helmut Rahn im Team spielen möchte, aber von seinen Mitspielern nicht ernst genommen wird. Einmal schaut Richard Lubanski seinem Sohn dabei zu.

In dem ersten wirklichen Gespräch zwischen Vater und Sohn erklärt der vermeintliche Fußball-Hasser Richard seinem Jungen, weshalb er in der Mannschaft nicht akzeptiert wird. "Du spielst nicht das, was du bist. Du willst ein Rechtsaußen sein wie dein Vorbild, aber du bist ein Verteidiger." In dieser Rolle macht Matthias das Spiel seines Lebens. Die Annäherung zwischen ihm und seinem Vater scheint begonnen zu haben.

Aber Richard Lubanski kommt mit dem Leben in der neuen Zeit nicht zurecht. Mehr und mehr zerstört er die Beziehung zu seinen Kindern, weil er noch nicht wieder zu sich selbst gefunden hat. Und während in Essen-Katernberg eine Familientragödie ihren Lauf zu nehmen scheint, beginnt in dem Schweizer Ferienort Spiez am Thuner See eine sportliche Erfolgsgeschichte, deren glückliches Ende sich bis 15 Minuten vor demselben kein Mensch hätte träumen lassen.

Auch nicht der junge Münchner Sportreporter Paul Ackermann (Lucas Gregorowicz), der nach seiner Heirat mit der Millionärstochter Annette (Katharina Wackernagel) von der "Süddeutschen Zeitung" in die Schweiz geschickt wird, um über die fünfte Fußballweltmeisterschaft vom 16. Juni bis 4. Juli 1954 zu berichten. Annette wird Paul auf der Dienstreise begleiten, obwohl dieser eine baldige Rückkehr nach München - also ein frühes Ausscheiden der deutschen Mannschaft - für eine ausgemachte Sache hält.

Aus Liebe zu ihrem Mann, und weil sich die lebensfrohe Frau in der Schweiz auf keinen Fall langweilen möchte, beginnt sie sich für Fußball, für den Verlauf des Turniers und die eigenwilligen taktischen Maßnahmen des Bundestrainers Sepp Herberger (Peter Franke) zu interessieren.

Mehr noch: Mit Hilfe ihrer scheinbaren Naivität und weiblichen Intuition bringt sie dafür mehr Verständnis auf als alle Bericht erstattenden Spezialisten vor Ort und die gesamte deutsche Öffentlichkeit, die spätestens nach der ersten Niederlage im Vorrundenspiel gegen Ungarn buchstäblich den Kopf des Bundestrainers fordert.

Herberger hat in dem für seine Taktik unwichtigen Gruppenspiel gegen die damals beste Fußballmannschaft der Welt nur die zweite Garnitur aufgestellt und sich damit in den Augen seiner Landsleute des Landesverrats schuldig gemacht. dass er damit dem Favoriten die Möglichkeit entzogen hat, die wahren Stärken seiner eigentlichen Equipe um Fritz Walter (Knut Hartwig) kennen zu lernen, begreifen seine Gegner erst an jenem legendären 4. Juli 1954, als die beiden Teams im Endspiel erneut aufeinander treffen.

Matthias Lubanski kann die meisten Spiele zu Hause nicht sehen, obwohl seine Mutter für ihre Kneipe einen der ersten Fernseher im Ort gekauft hat. Sein strenger katholischer Vater verpasst ihm Stubenarrest, weil er für Helmut Rahn eine Kerze in der Kirche angezündet hat. Die Konflikte zwischen Richard und seiner Familie verschärfen sich. Selbst gut gemeinte Versöhnungsmaßnahmen des Vaters, wie ein Festmahl zum Geburtstag der Mutter, verkehren die Absicht in ihr Gegenteil.

Bruno verlässt die Familie, um in Ost-Berlin am Aufbau einer Gesellschaft teilzunehmen, von der viele nach dem Krieg auch im proletarischen Essen geträumt haben, und Matthias macht einfach dicht. Richard Lubanski kann seine Familie nur noch retten, wenn er über seinen eigenen Schatten springt.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1954 weckt er seinen Sohn aus dem Schlaf, setzt sich mit ihm in den von dem fußballverrückten Pfarrer der Gemeinde geliehenen Wagen - und fährt Richtung Schweiz. Schließlich schießt Helmut Rahn die wichtigen Tore nur, wenn sein Maskottchen dabei ist. Für Matthias wird die Fahrt nach Bern eine Reise ins Glück.

Zum ersten Mal tut sein Vater wirklich etwas nur für ihn. Und weil sie gerade noch zur zweiten Halbzeit im Berner Wankdorf-Stadion ankommen, kann Helmut Rahn das wichtigste Tor in der Geschichte des deutschen Fußballs schießen.

Das Wunder von Bern wird zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Vater und Sohn.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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