Das Wunder von Bern

Produktionsnotizen

Hanno Huth: "Das war so nicht geplant. Aber es mußste wohl mal so kommen: Zu meiner eigenen Verblüffung habe ich festgestellt, dass ich am liebsten Heimatfilme produziere. Als gebürtiger Essener hatte ich für Manta-Fahrer ein Faible, weil sie einerseits die bekanntesten Witzfiguren der ausgehenden achtziger Jahre, andererseits aber auch absolut authentische Typen waren. Sie bevölkerten meine erste Produktion Manta - Der Film. Ein Heimspiel. Und ein Heimsieg. Die Komödie kam Wochen vor dem Konkurrenz-Produkt zum selben Thema an den Start.

Auch das nächste Auswärtsspiel fand eigentlich zu Hause statt. Um die Zusammenarbeit mit dem bedeutendsten deutschen Komiker und Musiker zu beginnen, war es von Essen nach Mülheim nur ein Spaziergang. Vier Filme sind mittlerweile mit Helge Schneider entstanden, und die weiteste Entfernung von der B1 war ins Sauerland, nach Elspe, wo in den Karl-May-Kulissen Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem gedreht wurde.

Weil meine Familie mütterlicherseits aus Berlin stammt und ich persönlich mittlerweile dort nicht nur sesshaft, sondern auch wieder angekommen bin, zählen die großen, ungewöhnlichen Geschichten aus dieser Stadt auch zu meinen Heimatstoffen: Mit den Comedian Harmonists kehrte eine Berliner Legende auf die Leinwand zurück. Und mit Aimée & Jaguar konnten wir eine einzigartige und zutiefst berührende Liebesgeschichte erzählen.

Nie vergessen werde ich wohl meine Kindheit in dem Essener Stadtteil Frohnhausen. Nicht zuletzt, weil in der selben Straße wie wir ein Mann wohnte, über den in den fünfziger Jahren nicht nur in Essen mehr geredet wurde als über Elvis Presley: Helmut Rahn, der "Vollstrecker" des Wunders von Bern, war unser Nachbar. Seine Frau kam meine Mutter und unsere Familie oft besuchen. Und manchmal gelang uns Kindern ein Blick auf den Helden von Bern, wenn er aufrecht in die Kneipe ging, wo er von seinem Tor erzählen mußste. Und genauso aufrecht, aber manchmal ein bisschen schwankend, wieder zurückkam.

Ich bin froh, dass ich an einem Film mitwirken konnte, in dem meine kleine Welt von früher Teil eines großen Ereignisses geworden ist."

Tom Spiess: "Ein Land steht Kopf und kommt auf die Füße. Bornheim, nördlich von Bonn, ein Team von mehr als 130 Menschen, ein kaum zu überschauender Fuhrpark an Technikfahrzeugen und Trailern, viele Zelte. Motiv: Wankdorf-Stadion. Das heißt: 50ha Rollrasen, darum eine riesige, auf Stahlgerüste gespannte Greenscreen mit einer Länge von 80 Metern, einer Tiefe rechts und links von je 40 Metern und das Ganze sieben Meter hoch.

An diesem ersten Drehtag stehen wir den unübersehbaren Folgen unserer mehr als zweijährigen Drehvorbereitung gegenüber. Erster Gedanke an jenem Morgen: Was haben wir getan? Und dieser Gedanke wurde uns auf dem Rollrasen zum ersten Mal wirklich bewußt. Wir hatten vor lauter Begeisterung während der Entwicklung und Vorbereitung des Projektes nur wenig Bedenken gehabt, ein so großes Projekt zu realisieren, denn Das Wunder von Bern hat neben einem großen Budget von 7,5 Mio. Euro auch ein großes Thema.

Der Film sollte nicht als pure Nacherzählung einer sensationellen sportlichen Leistung enden, sondern über die Zeit und die Gefühle der Menschen von 1954 erzählen. So wurde der elfjährige Matthias zwar zum Stellvertreter unserer Fußballbegeisterung, sehr schnell jedoch wuchs seine dramatische Familiengeschichte zum eigentlichen emotionalen Thema der Geschichte. Matthias sucht mit dem Blick nach vorne Vorbilder und neue, positiv besetzte Helden, an die sein Vater Richard nicht mehr glauben mag.

Der Kriegsheimkehrer ist desillusioniert, orientierungslos und abweisend. Er kommt nach elfjähriger Gefangenschaft in eine Welt zurück, in der seine Aufgaben innerhalb der Familie schon lange neu verteilt wurden. Erst nach einem langen und konfliktreichen Weg kommt die Familie am Ende wieder zusammen und führt Vater und Sohn gemeinsam nach Bern. Und dies ist das wahre Wunder von Bern. Denn ohne Matthias hätte Helmut Rahn an diesem Sonntagnachmittag im Wankdorf-Stadion nicht das 3 : 2 geschossen.

Deutschland ist 1954 international isoliert, und die Mehrzahl der Bevölkerung hat den Mai 1945 als Niederlage empfunden. Wichtig war uns, dieses Fußballspiel in einen lebendigen Zusammenhang mit den Menschen von 1954 zu bringen, ihren Ängsten, ihrer Freude und nicht zuletzt ihrer Vergangenheit.

Dies war sicherlich keine einfache Aufgabe, denn allein das oft zitierte "Wir sind wieder wer", das die Boulevardpresse am 5.7.1954 in den Zeitungen titelte, hat schnell den Beigeschmack einer simplen Entlassung aus der gemeinschaftlichen Verantwortung der Geschichte und reduziert dieses historische Ereignis auf eine unangenehme Volkstümlichkeit.

Man war vielmehr, so damals die Rheinische Post "von einer Gefühlswallung ergriffen, die als Siegesstimmung falsch gedeutet wäre, die aber Ausdruck einer echten zivilen und nationalen Solidarität ist. Denn seit 1945 haben wir Deutsche solche Empfindungen nicht mehr gehabt."

Sönke Wortmann, Kameramann Tom Fährmann und Szenenbildner Uli Hanisch sind im Ruhrgebiet aufgewachsen. Zusammen mit dem Herstellungsleiter Stefaan Schieder gab es sehr früh eine klare Prämisse: Die Geschichte sollte an Originalschauplätzen gedreht werden.

Das Ruhrgebiet als urbanes Zentrum des Films definiert im Jahr 1954 noch nicht den Wiederaufbau der Großstädte oder den sozialen Neuanfang der Bundesrepublik. Das Wunder von Bern soll das Ruhrgebiet in seiner kargen, von Industrie geprägten Landschaft zeigen: Das Arbeitermilieu und die Kohleöfen ohne nostalgische Verklärung und falsche 50er-Jahre-Romantik. Die Authentizität der Ruhrgebietsszenen war auch deshalb von so großer Bedeutung, weil wir dadurch glaubwürdig und nachvollziehbar unser "Wunder von Bern" erzählen konnten.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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