In This World

Produktionsnotizen

Ideen und Gedanken Die Idee zu In This World war schon lange geboren, bevor die Ereignisse vom 11. September die Aufmerksamkeit der Weltmedien auf das Elend des afghanischen Volkes lenkte. Michael Winterbottom sagt: "Es hatte mehr mit den letzten Wahlen in Großbritannien zu tun und damit, wie Immigranten und Flüchtlinge zu einem Thema für alle politischen Parteien wurden. Sie kündigten an, alle in ihre Länder zurückzuschicken und ihren Aufenthalt in Großbritannien unerträglich zu machen."

Der tragische Zwischenfall im Juni 2000, als 58 chinesische EinwanderInnen beim Versuch starben, in einem Containerlastwagen nach Großbritannien zu gelangen, war ein weiterer Grund dafür, dass Winterbottom und seine Produzenten beschlossen, sich auf die komplexen Aspekte der Immigration zu konzentrierten.

"Wenn man Geschichten wie diese in der Zeitung liest und sich bewußt macht, wie unglaublich diese Erlebnisse sind - warum sind unsere Reaktionen auf diese Menschen so ablehnend und feindlich, wenn sie hierher kommen? Vielleicht wären wir mitfühlender, wenn wir mehr über deren Erfahrungen auf dem Weg hierher nachdenken würden."

Ein weiteres wichtiges Anliegen des Films war es, auf die Unterscheidung von anscheinend würdigen und unwürdigen Migranten aufmerksam zu machen. Der Produzent Andrew Eaton erläutert: "Wir versuchten, die Differenzierung zwischen einem politischen und einem aus ökonomischen Gründen motivierten Flüchtling aufzuheben. Diese Vorstellung, dass es einer Person nur dann erlaubt ist, sich in Europa aufzuhalten, wenn sie beweisen kann, dass sie in ihrer Heimat verfolgt wird - und dass es ihr nicht erlaubt ist, wenn sie es nicht beweisen kann, diese Idee ist einfach absurd."

Die Entscheidung, sich auf die Geschichte von zwei afghanischen Flüchtlingen zu konzentrieren, die von Pakistan aus losfuhren, zielte darauf, die Unterschiede zwischen politischen und ökonomisch motivierten Emigranten zu verdeutlichen. Winterbottom sagt, "Man kann nicht sagen, hier ist ein politischer Migrant und dort ist ein wirtschaftlicher Flüchtling. Das sind Definitionen, mit denen man versucht, Unterschiede zu kreieren, die nicht wirklich in der Realität existieren."

Nachdem sich der Drehbuchautor Tony Grisoni für das Projekt verpflichtet hatte, las er als erstes gemeinsam mit der Produktionsleiterin Fiona Neilson hunderte Berichte über Immigranten. Dann besuchten Grisoni und Neilson das Flüchtlingslager in Sangatte, Frankreich. Obwohl sie keine Erlaubnis hatten, das Lager zu betreten, gelangten die beiden hinein und konnten mit verschiedenen Bewohnern des Camps reden.

Zurück in London begannen Grisoni und Neilson junge Afghanen zu treffen, die aus ihrem Land geschmuggelt worden waren. Grisoni erinnert sich: "Die meisten Flüchtlinge haben ihre Geschichte gern erzählt. Schwierig war es allerdings, Details ihrer Reise und Flucht zu erfahren, da der Weg sehr lang und beschwerlich ist. Das ist etwas, das man vergessen will."

Anfang September 2001 wurde entschieden, die Geschichte in Pakistan beginnen zu lassen. Grisoni und Winterbottom planten für die Reise mit Start im pakistanischen Peshawar ca drei Wochen. "Dann kam der 11. September und am 12. rief ich Michael an und sagte, 'Was meinst Du nun?' Er sagte, "Den Film will ich jetzt erst recht machen.'"

Grisoni erinnert sich weiter: "Ich tue nicht so, als hätte ich keine Angst gehabt. Aber als wir einmal dort waren, war sie weg. Michael ist ein wunderbarer Reisebegleiter. Es war eines der interessantesten Projekte, das ich jemals durchgeführt habe."

Winterbottom und Grisoni reisten im November 2001 mit Touristenvisa nach Pakistan, zu einer für die Region besonders turbulenten Zeit. Sie wollten möglichst viel Nützliches für den Film sammeln: wiederverwertbare Situationen, Charaktere, die man in den Film integrieren könnte, potentielle Drehorte. Winterbottom und Grisoni besuchten verschiedene Flüchtlingslager in Pakistan, einschließlich Shamshatoo, wo der Film später beginnen sollte.

Sie waren der Meinung, dass die Schwierigkeiten, die sie auf dieser Reise erlebten, in den Film eingearbeitet werden konnten. Ein Zwischenfall an der Straßensperre einer Wüstenstraße aus Quetta hinaus, inspirierte zum Beispiel eine der Schlüsselszenen des Films.

Das Projekt war anders als alles, das Grisoni bislang gemacht und getan hatte. Es war, wie er zugibt "beängstigend. Alles, von dem ich dachte, ich wüßte es, stimmte nicht. Es gab niemals ein richtiges Drehbuch. Zu einem bestimmten Zeitpunkt gab es etwa 25-30 Seiten grobe Vorgaben - das war das Rückgrat. Michael war sehr darauf bedacht, möglichst viel zu improvisieren. Ein Laiendarsteller kann sich keinen Text merken. Und selbst wenn er es könnte, kann er ihn nicht wie ein Schauspieler wiedergeben. Deshalb waren alle Dialoge, die ich schrieb, nur wie grobe Vorgaben."

Casting Die Verantwortliche für die Besetzung, Wendy Brazington, eine häufige Mitarbeiterin bei Filmen von Michael Winterbottom, wurde für das Casting engagiert. Ausgestattet mit einer Kontaktliste voller Namen und Nummern von Leuten, die Grisoni und Winterbottom getroffen hatten, kam Brazington in Peshawar an. Ihr wurde schnell klar, dass ihr Job ziemlich schwierig werden würde.

"Keine der Nummern funktionierte. Mir wurde bewußt, dass ich absolut keine Anhaltspunkte hatte." Um die Sache noch zu erschweren, hatte sie die Vorgabe von der Produktion, nur Mitglieder eines der vier afghanischen Hauptstämme zu casten: die Paschtunen. Sie sind traditionell die religiösesten und zurückhaltendsten der afghanischen Völker - und deswegen am schwierigsten davon zu überzeugen, am Film mitzuwirken.

Glücklicherweise verbesserte sich die Situation in dem Moment, in dem Brazington dem ehemaligen afghanischen TV-Produzenten Herrn Mahmood vorgestellt wurde, der in Peshawar lebte. Er half ihr als Führer und begleitete sie bei ihren Besuchen der afghanischen Märkte.

"Als ich den ersten Markt betrat hörte ich dieses 'Hellohellohello'. Es war Enayatullah am Fernseh- und Hi-Fi-Stand seiner Familie. Ich war sofort von seinem Gesicht eingenommen. Er sprach buchstäblich kein Englisch außer "hello", aber was ihn so interessant machte, war sein Witz und sein Lachen. Er war wie selbstverständlich im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber auf eine angenehme und freundliche Art und Weise."

Um den jüngeren Jungen der beiden zu finden, organisierte Brazington ein Treffen aller Jugendlichen, die sie in den Sprachschulen Peshawars kennengelernt hatte. Jamal Udin Torabi war Brazington schon beim ersten Mal aufgefallen. "Ich sprach etwa fünf Minuten mit ihm, da er mich total umgehauen hatte. Er trug dieses unglaublich schmutzige shalwar kameez und sah aus wie ein vollkommen obdachloses Kind. Er wußte nicht, wann er geboren worden war, aber er schätzte sein Alter auf etwa 14 Jahre."

Über ihre letzte Entscheidung sagt Brazington: "Zum Schluß war Enayatullah eindeutig der beste dieser jungen Männer - sein Geist und seine Seele. Wie könnte man ihn mit diesem Gesicht nicht casten? Und Jamal - von seinen Augen kann man einfach nicht lassen."

Der Dreh Einen Film in Pakistan, Iran und der Türkei nur vier Monaten nach dem 11. September zu drehen, brachte natürlich zahllose Komplikationen für die Produzenten Andrew Eaton und Anita Overland mit sich. Bei einer Filmproduktion braucht man normalerweise 1,5 - 2 % des Budgets für Versicherungen. Bei diesem Film wurden 10% für Versicherungen verwendet.

Eaton erzählt: "Wir hatten diesen verrückten Handel mit einer Organisation, bei der wir 30.000$ hinterlegten und wenn man die Notfallnummer wählt, egal wo auf der Welt, kommen sie in einem Hubschrauber und holen dich ab. Wenn man sie nicht braucht, bekommt man das Geld wieder. Alle waren paranoid, weil wir dorthin gingen, so wurden wir nervöser als wir es normalerweise gewesen wären."

Das Team mußte auch an einem "Hostile Territories Training" teilnehmen. "Verrückte Männer, die vorher in der SAS (Special Air Service, Spezialeinheit der britischen Armee) waren, trainierten uns für den Fall einer Gefangennahme."

Das größte Problem war, zwei Visa für die beiden jungen Männer zu bekommen. Alle anderen Staaten verlangten zuerst einen britischen Visumsstempel bevor sie ihre eigenen Visa vergeben wollten. Die Briten wollten den beiden zunächst keine Visa ausstellen. Sie befürchteten, ohne eine Rückkehrerlaubnis nach Pakistan, könnten sie sich entschließen, in Großbritannien zu bleiben. Eaton erzählt: "Anstatt gefälschte pakistanische Pässe zu kaufen, versuchten wir es auf dem legalen Weg hinzukriegen.

Also schickten wir die beiden zurück nach Kabul, um sich afghanische Pässe ausstellen zu lassen. Aber niemand hat je die Echtheit dieser Pässe anerkannt. Also haben wir schließlich gefälschte pakistanische Visa besorgt. Mit diesen gingen sie dann zum Britischen Hochkommissariat. Weil es sehr gute Fälschungen waren, sagte man uns dort, die Papiere seien in Ordnung und gab uns die britischen Visa. Nachdem wir sie einmal bekommen hatten, bekamen wir auch alles andere."

Kompliziert war es auch, die Drehgenehmigungen für die verschiedenen Länder zu bekommen. Schließlich erhielt die Produktion das Okay für Pakistan und Iran. Die Genehmigung für die Türkei kam erst an, nachdem das Team nach London zurückgekehrt war. "Pakistan war wie bei George Orwell", erzählt Eaton. "Anita und ich verbrachten viel Zeit damit, von Amt zu Amt und Büro zu Büro zu gehen: Informationsministerium, Auswärtiges Amt, im Gespräch mit dem Protokoll-Beamten Nummer 5 und all das."

Gedreht wurde letztlich auf einer kleinen digitalen Videokamera ohne Licht. Die Idee dahinter war, so flexibel und unaufdringlich wie möglich zu sein. Winterbottom schwärmt: "Mit DV hat die Technologie einen derartigen Sprung gemacht, dass man eine Reise wirklich aufzeichnen kann. Wir hatten hunderte Stunden Material, wir fingen morgens an zu drehen und stellten die Kamera nicht mehr aus bis es Nacht wurde. Man kann ernsthaft versuchen, einen Film über eine Reise zu drehen, ohne kleine Teile rekonstruieren zu müssen. Also haben wir diese epische Reise unternommen und durchgängig gedreht."

Von der Arbeit mit den beiden Laiendarstellern erzählt Andrew Eaton: "Sie kamen wirklich gut mit allem klar. Sie wußten an keinem Tag, um was Michael sie bitten würde. Doch man sieht im Film, wie ihr Zutrauen und die Beziehung untereinander wachsen."

Winterbottom beschreibt seine Methode mit Jamal und Enayatullah zu arbeiten so: "Wir versetzten zwei Personen in echte Situationen - wir hatten die Idee, dass sie so schauspielern sollten, wie sie meinten, dass es die natürliche Reaktion auf das sei, was passierte." Und Eaton fügt hinzu, "Sie waren niemals vorher aus Pakistan herausgekommen. Also erlebten sie alles, was wir filmten ganz real. Es war ziemlich seltsam für sie."

Der Film Während die Dreharbeiten in Pakistan und Iran Fortschritte machten, bekam der Cutter Peter Christelis in unregelmäßigen Abständen Berge von Kassetten. "Ich bekam nicht täglich erste Kopien, wie es normal gewesen wäre. Ich bekam 70 Stück auf einmal. Es gab keinen normalen Kurierdienst, jedes Mal, wenn jemand zurückflog, brachte er Muster mit. Was beängstigend war - diese Leute trugen die Master mit sich herum, es gab keine Kopien, keine dub-Kassetten oder sonst was."

Die Wirtschaftlichkeit und Freiheit, auf Digital Video zu drehen, führte dazu, dass wir eine riesige Menge Material hatten. Cristelis schätzt, dass er etwa 200 Stunden Film bearbeiten mußste. Er sagt," Fast war es, als schaute man sich eine Serie, eine daily soap opera an. Weil es kein Drehbuch gab, drehten sie den Film der Reihenfolge nach. Es war also immer ziemlich klar, wo sie waren, und was sie gerade taten."

Die Nutzung dokumentarischer Techniken hilft, die Trennung zwischen Fiktion und Realität zu verwischen, eine Unterscheidung, die noch dadurch verstärkt wird, dass nach Fertigstellung des Films Jamal alleine wieder von Pakistan nach Großbritannien reiste und seither als Flüchtling in London lebt.

Eaton erzählt, "Jamal kam alleine und ohne Hilfe zurück nach London. Wir wußten zwei Monate lang noch nicht einmal, dass er überhaupt in London war." Winterbottom fügt hinzu: "Offensichtlich war es nicht geplant, aber die Tatsache, dass Jamal nach London gekommen ist, verdoppelt die Ebene des Films, in der sich Fiktion und Realität vermischen.

Okay, der Film war organisiert und wir haben die beiden Leute hierher und auch wieder zurückgebracht, aber unser Anliegen war es, die Menschen über die Situation der Immigranten, die hier leben, zum Nachdenken zu bringen. dass einer unserer Schauspieler zurückgekommen ist, macht die Geschichte möglicherweise realer.

Die 3.000 Flüchtlinge, die mit dem Boot in Italien ankamen, als wir unseren Film drehten, haben alle ähnliche Geschichten. Eine Antwort, die heißen würde, "Wir wollen sie hier nicht, schickt sie zurück", wäre eine unmenschliche Reaktion auf solche Schicksale.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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