Spuk am Tor der Zeit

Ausführlicher Inhalt

Roggelins berühmte Touristenattraktion ist vom Verfall bedroht: Auf die Mumie des Balthasar von Kuhlbanz rieselt der Putz und dann fällt - ausgerechnet während einer Führung - auch noch der erste Stein aus der Gewölbedecke. Kein Wunder, dass sich die Besucher schimpfend aus dem Staub machen.

Roggelins Bürgermeister überlegt, die baufällige Gruft so schnell wie möglich abreißen und ersetzen zu lassen. Zunächst aber mußs der alte Balthasar in Sicherheit gebracht und der Dreck weggeräumt werden. Wie selbstverständlich hilft die ganze Familie - nur Marco, der 12jährige Sohn, hat wichtigeres zu tun.

Denn Marco ist verliebt. Und seine angebetete Jessica, die bislang doch nur Augen für den älteren Andy hatte, will sich mit ihm treffen. In der alten Gruft um drei. Der Junge kann sein Glück kaum fassen. Als er seiner Traumfrau dann - nach gründlicher Vorbereitung mit Vaters Rasierwasser - endlich gegenübersteht, bietet die ihm sogar einen richtigen Zungenkuss an.

Selig schließt Marco seine Augen. Und er küsst - eine Schweinemaske. Andy und seine Freunde, die wie bestellt in der Tür auftauchen, lachen sich halb schlapp über diese "Schweinerei". Das Rendezvous war eine Falle. Enttäuscht bleibt Marco in der Gruft zurück.

Da fällt sein Blick plötzlich auf eine geheimnisvolle Wandplatte mit der Inschrift "1766". Als er den Stein berührt, öffnet sich die Mauer und eine magische Kraft zieht ihn in einen endlos langen Tunnel, der von unheimlichen Fackelträgern in dunklen Kutten bewacht wird. Doch genauso schnell wie seine Reise begonnen hat, endet sie auch. Marco steht wieder in der Gruft von Roggelin.

Das Dorf allerdings wirkt wie verwandelt. Vor dem Gewölbe derer von Kuhlbanz lagern Bettler, auf dem Platz grasen Schafe und ein merkwürdig gekleidetes Mädchen namens Marie fordert ihn energisch auf, ihr beim Transport einer Fuhre Holz zu helfen. Fassungslos mußs Marco feststellen, dass er im Preußen Friedrich des Großen gelandet ist.

Doch niemand scheint sich hier über den fremden Jungen aus einer anderen Zeit zu wundern. Ganz im Gegenteil: Die Dorfbewohner behandeln ihn, als würden sie ihn kennen. Sie beschimpfen ihn als frechen Taugenichts, und der Bauer Melchior beschuldigt ihn zudem des dreisten Schinkenraubs.

Marie versucht, ihren neuen Freund zu warnen. Aber erst auf der Flucht vor dem erbosten Bauern wird dem verdutzten Marco klar, dass er im Roggelin des Jahres 1766 wohl einen Doppelgänger haben mußs. Und tatsächlich: Im Stall stolpert er über Wilhelm Köhler, der ihm zum verwechseln ähnlich sieht.

Marco fragt sich, ob der Junge nicht sein UrUrUrUr-Großvater sein könnte, doch der hält solch - zugegeben - unglaubliche Geschichten über Kindeskinder aus dem Zeittunnel für schieren Schwachsinn. Also überredet Marco sein Ebenbild, ihn durch die Gruft ins 21. Jahrhundert zu begleiten.

Wilhelms Ausflug ins moderne Roggelin endet abrupt: Laut hupende Drachen auf den Straßen und riesengroße eiserne Vögel am Himmel jagen ihm einen solchen Schrecken ein, dass er so schnell wie möglich wieder in sein altes Leben läuft. Doch Marco lässt nicht locker.

Das große Fußball-Schulturnier steht an und da Sport nun wirklich nicht sein Ding ist, könnte ihm vielleicht sein Doppelgänger - an seiner Stelle auf dem Platz - eine weitere peinliche Niederlage vor Jessica und diesem arroganten Andy ersparen.

Als Wilhelm sich weigert, noch einmal durch das Höllentor zu gehen, helfen eine Armbanduhr und ein Schweizer Messer aus Edelstahl, auch ihn von diesem Plan zu überzeugen. Und so nimmt das "Wunder" seinen Lauf: auf dem Spielfeld erscheint - nach kurzem Training - ein "Marco", der kaum noch wieder zu erkennen ist. Er kämpft, stürmt unermüdlich nach vorn und schießt ein Tor nach dem anderen.

Die Zuschauer toben vor Begeisterung, und nach dem Abpfiff belohnt eine strahlende Jessica den neuen Helden von Roggelin: Huldvoll lädt sie ihn zu ihrer Samstagabendparty ein. Auch Marcos Eltern freuen sich über seinen Erfolg. Aber warum nur mußste der Lausebengel vor dem Spiel noch ihren gut gefüllten Kühlschrank plündern? Und warum verschwinden auf einmal Teller, Tassen, Töpfe, Sägen und Zangen aus der Wohnung?

Marco - dazu befragt - antwortet ausweichend. Also fordert sein Vater ihn auf, Geschirr und Werkzeug schleunigst zurück zu bringen, ansonsten könne sich sein Filius die Party bei Jessica abschminken. Marco weiß, wem er diesen Schlamassel zu verdanken hat. Doch bei der Suche nach seinem schlitzohrigen Doppelgänger hat er kein Glück: Anstelle von Wilhelm trifft er im alten Roggelin auf Bauer Melchior, und der verdonnert den lang gesuchten Schinkendieb zu drei Tagen Arbeit auf dem Hof.

Verzweifelt beteuert Marco seine Unschuld. Aber das nutzt ihm ebenso wenig wie sein Hinweis, nichts vom Kartoffelschälen zu verstehen. Denn schließlich ist da noch Marie, die ihm zeigen soll, wies geht. Missmutig macht sich Marco an die Arbeit. Und da es das erste Mal ist, dass er mit einem Schälmesser hantieren mußs, stellt er sich anfangs wirklich ungeschickt an.

Die zwölfjährige Marie ist erstaunt: Anscheinend leben die Kinder in zweihundert Jahren wie jetzt nur "der gnädige Herr", während sie von ihrem kärglichen Lohn als Magd noch Mutter und Großvater versorgen mußs. Marco mag das tapfere Mädchen, aber noch hat er die Party bei Jessica nicht vergessen. Klammheimlich schleicht er sich davon, um erneut nach seinem Doppelgänger zu suchen - und diesmal hat er Glück.

Er kann Wilhelm überreden, das "ausgeliehene" Geschirr und Werkzeug zurück zu bringen. Der freche Faulpelz weigert sich jedoch, "seine" Strafe beim Bauern anzutreten. Marco ist empört: Da er Marie auf keinen Fall hängen lassen will, mußs er wohl selber bleiben - und nach den Kartoffelbergen auch noch das Heu einfahren und zwei riesige Kerzenleuchter polieren.

Währenddessen amüsiert sich Wilhelm auf Jessicas Party. Ganz offensichtlich gefällt dem Mädchen der "neue selbst bewusste Marco", so dass der Junge ihr im Laufe des Abends sogar einen Kuss abluchsen kann. Dumm nur, dass bei der darauf folgenden Prügelei mit dem eifersüchtigen Andy ein wertvoller alter Kerzenständer zerbricht.

Aber der forsche Wilhelm weiß auch dafür eine Lösung: Er verspricht Jessicas Eltern, statt des einen einhundert Jahre alten Teils bald zwei wertvolle und noch viel ältere Leuchter vorbei zu bringen. Marco hat die Fete seiner Traumfrau nun verpasst. Doch sein Frust ist schnell verflogen. Er genießt das Zusammensein mit Marie, und nachdem die Arbeit erledigt ist, tollen die beiden Kinder ausgelassen im Heu.

Anschließend verzaubert er das Mädchen mit einem Himmel voller Seifenblasen und wird dafür mit einem ersten scheuen Kuss belohnt. Doch auf den schönen Abend fällt ein Schatten: Marco entdeckt, dass Marie an einer Lungenentzündung leidet. Und er befürchtet, dass sie - ohne Arzt und ohne moderne Medizin - bald sterben mußs.

Am nächsten Tag überredet er deshalb seinen Vetter Christian, der als Pfleger im Krankenhaus arbeitet, ihn ins alte Roggelin zu begleiten. Christian ist fassungslos und glaubt zu träumen. Aber er hilft. Er gibt Marie Penicillin-Tabletten und schärft ihren Verwandten ein, das Mädchen in den nächsten Tagen zu schonen.

Plötzlich steht Bauer Melchior in der Tür. Seine beiden wertvollen Kerzenständer sind verschwunden und er verdächtigt - natürlich - Marie und ihren sauberen Kavalier. Wutschnaubend kündigt er an, die beiden Kinder der Gerichtsbarkeit des Balthasar von Kuhlbanz zu überstellen. Anschließend durchwühlt er Maries bescheidene Habseligkeiten und dabei geht er so rabiat vor, dass die wertvolle Medizin zu Boden fällt und in tausend Stücke bricht.

Christian und Marco können in dem allgemeinen Tohuwabohu entkommen, aber jetzt wird es eng: Am anderen Ende des Zeittors stehen bereits die Bagger, um die baufällige Gruft abzureißen. Christian beschwört seinen Vetter, um Gottes willen nicht noch einmal zurück zu gehen, denn sonst müsse er vielleicht für immer in der Vergangenheit bleiben. Gejagt vom Bauer Melchior, eingesperrt als Gauner und Dieb.

Doch Marco lässt sich nicht beirren. Er fühlt sich für Marie verantwortlich und er möchte um jeden Preis verhindern, dass das Mädchen stirbt. Also "organisiert" er neue Tabletten und stattet seiner alten Flamme Jessica einen kurzen Besuch ab. Dann kehrt er - mit der Arznei und mit Melchiors Leuchtern im Gepäck - so schnell wie möglich in den magischen Tunnel zurück.

Und Christian, der seinen Cousin in der Stunde der Gefahr nicht hängen lassen will, wartet dort bereits auf ihn. Rasch überlegen die beiden Jungen, wie sie Marie retten können, ohne Marco zu gefährden. Ihr verwegener Plan: Christian verkleidet sich mit einigen Utensilien aus der Gruft und einem riesigen Schnauzbart aus Pferdehaar als vornehmer Herr Major.

Er soll - Marco an den Ohren hinter sich her schleifend - behaupten, den verdächtigen Lumpen samt Beute im Wald aufgegriffen zu haben. Maries Unschuld wäre so vor aller Welt bewiesen. Und dann wird der Herr Major von Melchior verlangen, ihm den ruchlosen Delinquenten zu überlassen, um ihn in Potsdam bei Gericht gegen eine Belohnung abzuliefern.

Tatsächlich scheint der Plan zu funktionieren. Melchior ist überglücklich, sein wertvolles Familiensilber zurück zubekommen und er lässt Marie - im Austausch gegen Wilhelm - laufen. Endlich kann sie die Tabletten nehmen, die Marco ihr heimlich zusteckt. Doch dann taucht plötzlich die Kutsche des Balthasar von Kuhlbanz auf. Der gnädige Herr will höchst selbst einen Gerichtstag abhalten. Wozu also noch - fragt leutselig Bauer Melchior - die lange Reise nach Potsdam auf sich nehmen.

Marco sitzt in der Falle. Für sein "schweres Vergehen" drohen ihm nun mehrere Jahre Arbeitshaus. Aber noch ist nicht alles verloren, denn der "wahre" Wilhelm hat das Drama aus sicherem Versteck beobachtet. Gemeinsam mit Marie befreit er seinen Freund aus dem Scheunenverschlag.

Als Melchior und die Soldaten des Balthasar von Kuhlbanz entdecken, dass ihr Gefangener ausgebüxt ist, jagen sie los, um den frechen Ausreißer einzufangen. Doch es ist wie verhext: Der Bengel turnt - kaum haben sie ihn erspäht - schon längst am anderen Ende des Hofes rum. Und der doppelte Wilhelm, scheinbar schneller als der Schall, lässt die Häscher laufen: Hin und her und kreuz und quer.

Schließlich müssen die Männer sogar mit ansehen, wie der Junge sich aufs Pferd schwingt und in rasendem Galopp davon rast. Aufgebracht setzen sie ihm nach. Nun könnten Marco und Christian gehen: Der Hof ist menschenleer. Aber Marco weiß, dass er nie mehr ins alte Roggelin zurückkehren kann. Und da er Marie in den letzten Tagen lieb gewonnen hat, möchte er das Mädchen überreden, ihn in seine Welt zu begleiten.

Marie lehnt ab. Schweren Herzens. Auch sie hat sich in ihren Retter verliebt, doch sie will ihre Mutter nicht alleine lassen. Jetzt also heißt es wirklich Abschied nehmen. Von Marie und von Wilhelm, der seine Verfolger inzwischen abgeschüttelt hat.

Christian und Marco verschwinden in der Gruft. In den endlos langen Gängen des Zeittunnels fallen schon die ersten Steine. Der Abbruch hat begonnen. Die beiden Jungen laufen um ihr Leben und landen - in allerletzter Sekunde - mit einem Riesenplumps auf der Baggerschaufel. Sie sind gerettet. Überglücklich umarmt Marco seine Eltern.

Er ist froh, das Abenteuer mit heiler Haut überstanden zu haben. Die Erfahrungen, die er gemacht hat, wird er nie mehr vergessen. Und an Marie erinnert ihn stets die alte Roggeliner Eiche, die sie einst in einer längst vergangenen Zeit gepflanzt hatte.

Szenenfoto
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