Eine Affäre in Paris

Produktionsnotizen

Anleitung zu einer Affäre Regisseur James Ivory und Produzent Ismail Merchant sind bekannt für ihre Adaptionen großer Weltliteratur vergangener Jahrhunderte. EINE AFFÄRE IN PARIS dagegen spielt in der Gegenwart und gehört zu den komödiantischsten Produktionen des Duos. Die zahlreichen Themen dieses Films reichen vom Aufeinanderprallen der amerikanischen und der französischen Kultur über die Möglichkeiten der Monogamie in der Ehe bis zu ökonomischen Zwängen und die Bedeutung von Familie.

All das erleben wir aus der Sicht der jungen Isabel Walker. Kaum angekommen in Frankreich, belegt Isabel einen unfreiwilligen Crashkurs in den Fächern Cuisine, Couture und L'Amour. In dem Maß, in dem Isabel die geheimen Codes französischen Sozialverhaltens dechiffriert, gewährt sie auch einen Einblick in die Welt einer jungen Amerikanerin, die ihre Lebenslust auskostet.

James Ivory besucht Frankreich regelmäßig seit 50 Jahren. Als er vor sechs Jahren Diane Johnsons Buch "Le Divorce" las, verliebte er sich auf Anhieb in die Geschichte. Johnsons Roman wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet und in einer Rezension der renommierten New York Times als "sexy, graziös und wahrhaft ? weise und zutiefst menschlich" gelobt.

Ivory fühlte sich in den Bann gezogen von der beschwingten und dennoch realistischen Darstellung der Befindlichkeit eines Ausländers in Paris - verführt und zugleich irritiert von den Überraschungen der französischen Kultur. Ivory brachte das Buch "sehr zum Lachen. Ich kenne Paris sehr gut und die Figuren, von denen Diane Johnson erzählte, glaubte ich auf ebenso amüsante wie wahrhaftige Weise wiederzuerkennen. Die Geschichte schien wie geschaffen für Ismail Merchant und mich, weil sie vom Aufeinanderprallen der Kulturen erzählt."

Den in Indien geborenen Ismail Merchant und den Amerikaner James Ivory faszinierten schon immer Filme über den Zusammenprall von Kulturen. Von den preisgekrönten E.-M.-Foster-Adaptionen ZIMMER MIT AUSSICHT und HOWARDS END bis zu Kazuo Ishiguros WAS VOM TAGE ÜBRIG BLIEB. Gewürzt mit einer Prise Komik passt EINE AFFÄRE IN PARIS exakt in dieses Schema.

Ismail Merchant stellt dazu fest: "Der Mythos, dass Merchant und Ivory nur Kostümdramen drehen, hält sich hartnäckig. In Wahrheit haben wir in den vergangenen 41 Jahren ebenso viele moderne wie historische Geschichten verfilmt. Es spielt für uns keine Rolle, ob eine Story zeitgenössisch oder historisch ist, solange sie gut erzählt ist und über starke Figuren verfügt, denn nur das ist die Messlatte für gute Filme. Darauf lässt sich alles reduzieren. ,Le Divorce' verfügt über beides und eröffnet zudem eine einzigartige Perspektive auf die komischen Unterschiede zwischen der französischen und der amerikanischen Kultur."

Diane Johnson wollte mit "Le Divorce" die klassische Henry-James-Heldin modernisieren, die jung und unerfahren in eine Welt komplexer gesellschaftlicher Verflechtungen gerät und für immer verändert daraus hervorgeht. Das Ganze sollte zudem in einer sexuell offeneren Zeit spielen. Weil Diane Johnson selbst in Paris gelebt hat, flossen ihre Erfahrungen in die Figur der Isabel Walker ein. "Ich stellte mir Isabel als Gegenstück zu Henry James' Isabel Archer aus "Portrait of a Lady" vor. Archer war eine Frau des 19. Jahrhunderts, die sich letztlich in ihr Schicksal fügte. Aber die moderne amerikanische Frau hat wesentlich mehr Möglichkeiten: Sie hat mehr Biss und fühlt sich unabhängiger.

Isabel Walker ist eine kleine Wilde und ganz sicher nicht die naive und unschuldige Amerikanerin vergangener Epochen." Isabels Schwester Roxy gab Johnson derweil eine Biografie, die auf zahlreiche Frauen zutrifft, die Johnson während ihres Frankreich-Aufenthaltes kennen lernte. Frauen, die verwirrt und verunsichert durch ein französisches Scheidungsverfahren waren, das schließlich einer aufregenden Pariser Affäre folgte. "Mir erschienen die Geschichten von Amerikanerinnen, die Franzosen geheiratet hatten und wieder von ihnen geschieden wurden, wie ein Spiegel für die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Deshalb erhielten sie einen großen Anteil an der Geschichte."

Je mehr Johnson über Isabels und Roxys oft amüsante, zum Teil herzzerreißende Erlebnisse in Frankreich niederschrieb, desto klarer wurde ihr auch der Einfluss der amerikanischen Kultur auf diejenigen, die darin aufwachsen. "In Frankreich herrschen wesentlich striktere soziale Normen, deren Überwindung ungleich schwerer ist. Wenn nun diese verfestigten Normen auf eine typisch amerikanische Einstellung treffen, gerät das zur Komödie, gewährt aber auch erhellende Einsichten in beide Kulturen. Denn die Fähigkeit, sich selbst so betrachten zu können, wie andere einen sehen, ist sehr wichtig."

Besetzung einer Affäre Kate Hudson sollte die Leidenschaft, den Witz und die Verwandlung der Isabel Walker zum Leben erwecken. Die junge Schauspielerin war bereits für ihren mitreißenden emotionalen Auftritt in Cameron Crowes Musikkomödie ALMOST FAMOUS - FAST BERÜHMT mit einer Oscar-Nominierung geehrt worden. "Kate steht ständig unter Strom und besitzt eine wunderbare Spontaneität. Sie kann mit jedem flirten und ihn für sich einnehmen. Und genau aus diesem Grund bereitet es ein solches Vergnügen, Isabel in Paris zu beobachten."

Hudson nutzte die Chance, für den Film EINE AFFÄRE IN PARIS mit dem Duo Ivory und Merchant zusammenarbeiten zu können. Aber auch Isabels Abenteuerlust fühlte sich Kate Hudson verbunden. "Isabel lernt ständig, sucht neue Erfahrungen und sammelt Wissen, darin sind wir uns ähnlich. Sie versucht, in Paris Fuß zu fassen, geht aber völlig furchtlos an die Sache heran. Das liebe ich an ihr." Für Hudson geht es bei Isabels Selbstfindung auch darum, die Quelle ihrer Kraft zu ergründen, die in ihrer Familie und in ihrem amerikanischen Blick auf die Welt liegt.

"Für mich geht es in EINE AFFÄRE IN PARIS auch darum, dass man seinen Wurzeln treu bleibt, ganz gleich, wo und unter welchen Umständen." Während Kate Hudson als Isabel von Anfang an feststand, gestaltete sich die Besetzung von Isabels Schwester Roxy schwieriger. Eine Figur zu besetzen, die von sich sagt, sie sei die "unglamouröse Schwester", ist schwer. Das umso mehr, wenn die Figur auch noch schwanger und eine traurige Dichterin ist und darüber hinaus in einem hormonellen und emotionalen Chaos steckt.

Die rettende Eingebung kam James Ivory, als er Naomi Watts in MULHOLLAND DRIVE sah: "Ich erkannte ihre enorme emotionale Bandbreite im Spiel, die auch eine empfindsame Künstlerseele, eine Dichterin, zum Leben erwecken könnte." Watts fühlte sich vom Drehbuch angesprochen. "Das Buch steckt voller Humor, Intensität und interessanter Charaktere", erinnert sie sich. "Trotz des Kultur-Konflikt-Themas geht es für mich mehr darum, wie die Einzelnen auf die kulturellen Unterschiede reagieren und wie sie das als Individuen auch verändert. Jim und Ismail sind die Meister des Subtilen."

Für Watts ist Roxys persönlicher Kampf ein Beispiel dafür, wie widrige Umstände eine Persönlichkeit formen: "Roxy macht viel durch und glaubt irgendwann, dass sich die ganze Welt gegen sie verschworen hat. Sie kreist nur noch um sich selbst und macht alle anderen für ihr Missgeschick verantwortlich. Erst als ihr die Situation völlig über den Kopf zu wachsen droht, wird Roxy klar, was sie eigentlich am allermeisten möchte. Sie schafft es, über den eigenen Schatten zu springen und sich zu verändern, zum Teil hilft ihr dabei Isabels Aufgeschlossenheit."

Watts arbeitete intensiv mit einem Sprachtrainer zusammen, der ihr die typischen Sprachmuster eines Amerikaners vermittelte, der in Frankreich lebt. Naomi Watts, die selbst in England geboren wurde, in Australien aufwuchs und dann nach Amerika ging, konnte sich gut in die Außenseiterin Roxy einfühlen. "Ich weiß genau, wie man sich fühlt, wenn man nirgendwo richtig hingehört." Geschwisterbande vor der Kamera darzustellen fiel Watts und Hudson nicht schwer.

"Auf Kommando Familienmitglieder zu erschaffen, die Vertrauen und eine gemeinsame Geschichte verbinden, ist nicht immer leicht", erläutert Watts. Und fügt schmunzelnd hinzu: "Besonders, wenn man dem ?Geschwister' erst vor fünf Minuten vorgestellt wurde. Zum Glück hat es zwischen Kate und mir auf Anhieb funktioniert und ich fühlte mich spontan wie ihre große Schwester."

Für die Rolle der Matriarchin Suzanne de Persand, die ihren Clan mit strenger Hand regiert, wollte James Ivory Leslie Caron besetzen. Jene Hollywood-Legende, die ihr Filmdebüt vor 42 Jahren an der Seite von Gene Kelly in EIN AMERIKANER IN PARIS gab. Ihre Rolle damals: ein französisches Mädchen, das sich in einen amerikanischen Maler verliebt. Leslie Caron kennt Frauen wie Suzanne de Persand aus eigener Erfahrung: "Sie ist kein Klischee, sondern eine dominante Oberschichtdame, die etlichen Frauen ähnelt, die ich kennen lernte. Sie ist sehr aufbrausend, aber auch sehr intrigant. Ich kann sie gut verstehen, was aber nicht heißt, dass ich ihre Handlungsweise gutheiße."

Caron genoss die Zusammenarbeit mit Kate Hudson und Naomi Watts: "Ich war damals vor 42 Jahren noch scheu vor der Kamera, Kate dagegen bewegt sich völlig ungezwungen und natürlich. Sie und Naomi haben eine beneidenswerte Spontaneität."

Einer der komplexesten Charaktere in EINE AFFÄRE IN PARIS ist Onkel Edgar, der gut aussehende, weltgewandte Diplomat, der Isabel zu seiner Geliebten macht. Im Roman ist Onkel Edgar bereits in den Siebzigern und wandelt noch auf amourösen Pfaden. Aber es war schwer, einen Schauspieler zu finden, der diese Anforderungen erfüllte.

"Es ist einer der Gags des Romans, dass sich die blutjunge Isabel ausgerechnet in den siebzigjährigen Edgar verliebt", erklärt James Ivory. "Aber wir fanden niemanden, der sehr gut Englisch sprach und darüber hinaus über jenen Charme und das Charisma verfügt, das Edgar versprühen mußste. Es schien niemanden zu geben. Also ließen wir jüngere französische Darsteller vorsprechen und landeten schließlich bei Thierry Lhermitte, der, wie sich herausstellte, der perfekte Onkel Edgar war."

Lhermitte gefiel "die Art, wie der Film die französische Oberklasse darstellt, ohne in Klischees zu verfallen". Klar sei Onkel Edgar ein Womanizer, gibt Lhermitte zu, aber er sei "auch ein Genussmensch, ein brillanter Redner und äußerst humorvoll". All diese Eigenschaften üben eine magische Anziehungskraft auf Isabel Walker aus. Während Isabel ihrer Affäre mit Edgar nachgeht, pflegt sie auch eine Freundschaft mit ihrer Chefin, der amerikanischen Autorin Olivia Pace, die mit Edgar vor Jahren ebenfalls eine Affäre hatte.

Glenn Close spielt Olivia Pace und hält das Drehbuch für "eine wunderbar kluge Geschichte darüber, wie unterschiedliche Kulturen sich gegenseitig wahrnehmen. Mir gefiel Olivia, weil sie die ganze Zeit über genau weiß, was mit Isabel passiert. Sie hat all das nämlich schon hinter sich und ist die Einzige, die Isabels Mentorin sein kann."

James Ivory erklärt: "Olivia ist die Kombination zweier Literatur-Heroinen. Zum einen Mary McCarthy, die Paris lange Zeit dominierte, und Susan Sontag, die dort ebenfalls mehrere Jahre lebte. Eine Schauspielerin, die eine solche Frau verkörpert, mußs Intelligenz und Ausdruckskraft ausstrahlen. Wer könnte das besser als Glenn Close?"

Während die Affäre zwischen Isabel und Edgar immer intensiver wird, bricht Roxy unter der Belastung durch ihre Scheidung zusammen. Ihr Zusammenbruch löst den Besuch der Walker-Eltern Margeeve und Chester aus Santa Barbara aus, die prompt in den interfamiliären Kampf hineingezogen werden. Stockard Channing spielt Margeeve und hält sie für "eine eher bodenständige Frau, die sich plötzlich in Frankreich inmitten dieses Scheidungskriegs wiederfindet. Sie ist sehr amerikanisch und sehr offen, was bei den Franzosen nicht immer auf Verständnis stößt. Dabei möchte sie nur ihre Tochter beschützen."

Sam Waterston beschreibt Vater Chester als "Elternteil, dessen größte Weisheit darin besteht, erkannt zu haben, dass man für seine Kinder nicht viel mehr tun kann, als sich um sie zu sorgen". Für Waterston, der an der Sorbonne studiert hat, war der Dreh auch ein Ausflug in die Vergangenheit. "Ich lernte damals auch Angehörige der alten französischen Oberschicht kennen und kann mir sehr gut vorstellen, dass sie Roxys Schwiegereltern sind", erinnert sich Waterston.

Zu den Walkers gesellen sich noch diejenigen, die die Herkunft von Roxeannes Gemälde überprüfen wollen, darunter auch Museumsexpertin Julia Manchevering, gespielt von Bebe Neuwirth, und Piers Janely, Chef der Abteilung Alte Meister bei Christie's London, gespielt von Stephen Fry. Auch wenn Stephen Fry sich dem Humor, der Genussfreude und der väterlichen Seite in Janely verwandt fühlt, war für seine Zusage vor allem eines entscheidend: die Chance, mit dem Team Merchant/Ivory zusammenzuarbeiten.

"James ist ein unglaublich bescheidener, ruhiger und empfindsamer Filmemacher mit unbestechlichem Auge. Er kommt sehr gut angezogen ans Set und trägt immer eine Leica um den Hals, was ich sehr cool finde. Ismail ist der Socializer und Verbindliche der beiden. Zusammen bilden sie ein großartiges Paar, sie decken sozusagen sämtliche Flanken ab."

Amerikaner in Paris Der Humor von EINE AFFÄRE IN PARIS entsteht aus den kulturellen Debatten, die sich entwickeln, wenn Amerikaner und Franzosen sich begegnen. Die Fallstricke und Fauxpas der Konversation, unverzeihliche Modesünden und Missverständnisse in der Liebe tun das Übrige. Über ihre Schwester Roxy, deren Schwiegereltern, ihre ebenfalls ausländische Chefin und sogar über ihren Liebhaber beginnt Isabel Walker jene Regeln zu verinnerlichen, die den "French" vom "American Way Of Life" unterscheiden.

Sie lernt Dutzende Arten, ein Halstuch zu knoten, und sie lernt, das emotionale Durcheinander einer anderen Person mit einem lapidaren "bien sur" von sich abperlen zu lassen. Sie lernt sogar die Kunst diskreten Tratsches und wie "frau" einen Franzosen verführt. Aber Isabel lernt all das nicht, ohne dabei eine gehörige Portion Fehler zu machen.

EINE AFFÄRE IN PARIS wurde erst richtig zum Leben erweckt, als die Darsteller nach Europa kamen und erst einmal ihren eigenen Kulturschock erlebten. Die 23-jährige Kate Hudson fühlte sich von der Schönheit, der Kunst und den sinnlichen Genüssen der Seine-Metropole auf der Stelle verführt. "Paris hat mein Leben verändert! Ich fühlte mich so ungemein lebendig dort. Und das Essen erst", fährt sie schwärmerisch fort: "Ich hatte das Gefühl, wir essen den ganzen Film hindurch, es ist einfach ein fester Bestandteil der französischen Kultur."

Hudson fielen aber auch die extremen Unterschiede zur amerikanischen Kultur ins Auge. Sie begeisterte sich für die Art der Franzosen, die Dinge beim Namen zu nennen, ganz gleich, wie kontrovers oder politisch inkorrekt sie auch sein mögen. "Wenn ihnen danach ist, dann sagen sie es einfach. Sie sind ein ziemlich leidenschaftliches Volk." Hudson fiel zudem auf, dass auch in der Öffentlichkeit auf Benehmen und Manieren wesentlich mehr Wert gelegt wird.

"Französinnen sind die Meisterinnen der Eleganz. Sie essen sogar elegant. Ich glaube, Leslie Caron war etwas geschockt, als sie sah, wie Naomi und ich Käse und Brot in der Mittagspause verschlangen." Trotz aller Unterschiede erfuhr Hudson zu keiner Zeit Anti-Amerikanismus. "Am Ende war die unterschiedliche Kultur gar kein so großes Hindernis für uns alle", erinnert sie sich. Stattdessen überwand man die kulturellen Unterschiede.

"Am Ende waren wir alle sehr berührt von der Wärme und Menschlichkeit, die sich am Set zwischen Amerikanern und Franzosen entwickelte", ergänzt Sam Waterston, "und natürlich von Paris im Frühling, blühenden Kastanien und der besten heißen Schokolade auf der Welt."

Der Look einer Affäre Von Anfang an war auch Paris für James Ivory einer der Stars seines Films. Dennoch wollte er keinen touristischen Blick auf die Stadt, sondern intimere, authentische Bilder einfangen, die den Charme von Paris widerspiegeln, und arbeitete dafür eng mit Kameramann Pierre Lhomme, Ausstatter Frédéric Bénard und Kostümbildnerin Carol Ramsey zusammen.

Bénard wählte Locations, die sich von einem Jagdschloss im 17. Arrondissement bis zu einer Dienstmädchenkammer im nördlichen Bezirk von Belleville erstreckten. "Die Wahl der Locations war für EINE AFFÄRE IN PARIS von großer Bedeutung", erklärt Bénard, "weil Orte und Stile in Frankreich auch Klassenunterschiede dokumentieren, besonders in diesem Film. EINE AFFÄRE IN PARIS spielt in der Oberschicht, deshalb wollten wir deren elitäre Einstellung zeigen, wie sie sich sozial, emotional und politisch auswirkt - jenseits der "realen" Welt. In der leben die jungen Helden des Films, seien sie nun amerikanisch oder französisch. Die Distanz zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, der traditionellen französischen Familie, den Kaliforniern und dem jungen Yves zum Beispiel, ist so groß, dass sich kaum Gemeinsamkeiten finden. Ihre Unterschiede spiegeln sich in der Bandbreite der Umgebungen und Arrondissements von Paris."

Das Herrschaftsgebiet der Suzanne de Persand liegt im 7. Arrondissement, im 18. Jahrhundert auch bekannt als "Le Noble Faubourg". "Dort liegen die Residenzen der alteingesessenen französischen Familien und man kann erkennen, dass Suzanne hier regiert wie eine Stammesfürstin der Alten Welt. "Ob sie in ihrem verschwenderischen Privathaus residiert, auf dem Familiensitz weilt oder auch nur den ,Feind' besucht, mit ihren Perlenohrringen und ihrer snobistischen Ironie wird Suzanne immer den Schein wahren und die Interessen der Familie mit allen Mitteln schützen."

Für Bénard betont die Umgebung die komödiantische Seite des Films: "Mir gefällt besonders jene Szene, in der Suzanne ihrer Schwiegertochter erklärt, wie wichtig es ist, seine Gefühle zu kontrollieren. Sie soll in Gesellschaft das Gesicht wahren und jede Leidenschaft in ihrem Herzen verbergen. Während sie all das von sich gibt, sitzt sie auf einem verschnörkelten Bett aus dem 18. Jahrhundert, das vermutlich von einer Kurtisane benutzt wurde. Welch liebliche Ironie!"

Die Liebeshöhle von Edgar liegt in einem Haus auf dem Montmartre. "Das Appartement dieses kühlen Verstandesmenschen reflektiert seine Selbstsicherheit und seine Vorliebe für Effizienz und Schönheit", erklärt Frédéric Bénard. "Seine Küche ist nicht für den schnellen Lunch ausgestattet, sondern für ein mehrgängiges, exquisites Menü."

Und um das Thema der Grande Cuisine noch zu unterstreichen, nutzte Bénard einige der bekanntesten Restaurants in Paris, um dort eine Szenerie zu schaffen, die der Verführungskraft von Essen und Wein huldigt. Gedreht wurde im trendigen Restaurant "59 Poincare", dort findet im Film das Essen mit Roxys und Isabels Eltern statt. Im "Lapérouse" entstand die Lunchszene mit dem Experten von Christie's Piers Janely und im "Lasserre" schließlich erleben Edgar und Isabel ihre kulinarischen Vorspiele.

Das Appartement von Yves, Isabels wesentlich jüngerem und schrägerem Liebhaber, zeigt eine ganz andere Seite von Paris. "Er wohnt in Belleville, wo Vietnamesen, Pakistani, Türken und Einwanderer aus den Maghreb-Staaten leben. Yves' Paris ist die Vision einer bunt gemischten, farbenfrohen Stadt."

Um die Stimmungen der Locations und der Walker-Schwestern einzufangen, wählte Kameramann Pierre Lhomme Cinemascope. Lhomme, der bereits dreimal mit Merchant/Ivory zusammengearbeitet hatte, wollte dem Film "einen Look geben, der eher diskret und realistisch ist". Um noch diskreter zu sein, benutzte er anamorphe Linsen, um auch die verstecktesten Ausdrücke in den Gesichtern der Darsteller festhalten zu können. Lhomme genoss es ganz besonders, den Eiffelturm auf Zelluloid zu bannen, zumal das französische Wahrzeichen zuletzt vor fast drei Jahrzehnten in einem James-Bond-Film zu sehen war.

"Lichtverhältnisse und Touristenverkehr lassen einen Dreh dort zur echten Herausforderung werden", erklärt Produzent Ismail Merchant. "Wir durften auf der Aussichtsplattform nur von 6.30 bis 9.30 morgens drehen. Während die ersten Touristen nach oben gelassen wurden, transportierten wir unser Equipment ein Stockwerk tiefer, um dort von 10.30 bis 1.30 zu drehen. Und zwischen 3 und 6 Uhr nachmittags schließlich drehten wir ganz unten. Für Kameramann Pierre Lhomme war es dennoch eine einmalige Gelegenheit, auf dem Eiffelturm "frühmorgens, vor dem großen Touristenansturm mitzuerleben, wie der Tag sich über Paris erhebt".

Die Mode einer Affäre Der Schlüssel zu Isabel Walkers Verwandlung liegt nicht nur in Kunst, Essen, und romantischen Liaisons, sondern natürlich auch in der Mode. Als Isabel in Paris ankommt, trägt sie Jeans und eine legere Bluse wie in Kalifornien üblich. Doch schon bald entwickelt sie ihren eigenen Femme-fatale-Look: ein schicker Haarschnitt, Miniröcke, dunkle Sonnenbrille und jenes unverkennbare Detail, das französischen Stil definiert - ein kunstvoll geknotetes Halstuch.

Um Isabels Outfits zu entwerfen und ein Gefühl von altem und neuem Pariser Stil zu erschaffen, wandten sich Merchant/Ivory an Carol Ramsey. Mit der versierten Kostümbildnerin hatten sie bereits bei MEIN MANN PICASSO, DIE ZEIT DER JUGEND, GROSSSTADTSKLAVEN und MR. & MRS. BRIDGE zusammengearbeitet. Ramsey betont, dass es "bei einem Merchant/Ivory-Film nicht so sehr darum geht, aufwändige Kostüme zu erschaffen, sondern die Kostüme zu einem Teil des im Film betrachteten Gesellschaftsausschnitts zu machen."

Carol Ramsey begann damit, Stilskizzen für Isabel und Roxy Walker zu entwerfen. "Als Isabel in Paris ankommt, ist sie das ultimative Malibu-Girl, mit Jeans, Flip-Flops, Top, großen Ohrringen und natürlichen, ungestylten Haaren. Je mehr sie sich dem französischen Stil anpasst, desto mehr werden Stil und Farben gedeckter. Naomis Figur kleidet sich anders, wenn sie mit ihrer Schwester zusammen ist, im amerikanischen Sinn legerer. Trifft sie aber auf ihre Schwiegermutter Suzanne, trägt Roxy Familienschmuck und Maßkostüme. Für französische Frauen sind ererbte Familienschmuckstücke enorm wichtig."

Einer der größten Modestars des Films ist die Kelly Bag, die Isabel von Onkel Edgar bekommt. Isabel hat keine Ahnung, dass allein die Tasche bereits ihr Geheimnis verrät. Die Tasche wurde von Hermès in den 50er Jahren entworfen und nach Grace Kelly benannt. Sie kostet rund 18.000 Dollar. Carol Ramsey: "Die Kelly Bag als Geschenk ist für Edgar Tradition. Sie ist sein Markenzeichen und signalisiert für ihn den Beginn einer Affäre." Wie sich herausstellt, verursacht die Tasche weitere kulturelle Konfusionen, als Isabel sie stolz überallhin mitnimmt und damit sämtliche französischen Moderegeln bricht.

"Eine der schönsten Szenen spielt für mich in der Oper, wohin Isabel die Tasche mitnimmt und Edgar so zu einer öffentlichen Missfallensäußerung provoziert. Dieser Stilbruch verletzt Edgars französische Empfindsamkeit und seinen Sinn für Ästhetik. Isabel dagegen kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum um eine Tasche solch ein Theater gemacht wird." Eine weitere Szene gefällt Ramsey besonders: "Als Isabel mit Suzanne zu Mittag isst, trifft ein Sonnenstrahl die Tasche. Suzanne erkennt die Kelly Bag und man kann auf ihrem Gesicht ablesen, dass sie genau weiß, was zwischen Edgar und der kleinen Schwester ihrer amerikanischen Schwiegertochter geschieht."

Am Schluss des Films wird die Tasche - mitsamt einer Pistole vom Eiffelturm geworfen - zu einer visuellen Referenz an den berühmten französischen Film DER ROTE BALLON von Albert Lamorisse.

Wie für alle us-amerikanischen Frauen gehören auch französische Dessous zu Isabels modischen Schlüsselerlebnissen. Von durchsichtigen Hemdchen über enge Korsagen bis hin zu schwarzen, spitzenverzierten Strumpfhaltern - Isabel kauft mutig dieses ungewohnte Equipment und setzt es ein, um Onkel Edgar zu erobern.

Ramsey erklärt: "Französinnen lieben Unterwäsche, und zwar nicht nur für den Frontalangriff auf der Bettkante. Die Kunst der Verführung in allen Lebenslagen wird in Frankreich von Mutter zu Tochter und Enkelin weitergereicht. Edgars enthusiastische Reaktion auf Isabels schwarzen Hüftgürtel aus Spitze beweist, wie sehr Franzosen diese Art der Präsentation lieben."

Für die älteren Damen im Film konzentrierte sich Ramsey mehr auf die Accessoires. "In dieser Generation dreht sich alles um Schmuckstücke und Halstücher", erklärt die Kostümdesignerin. "Sie haben vielleicht alle denselben Haarschnitt und marineblaue Kleidung, aber sie akzentuieren gezielt mit farbenfrohen Tüchern und fantastischen Schuhen. Ihr Äußeres ist ihnen noch immer sehr wichtig, da französische Männer Frauen jeden Alters und Typs schätzen, wie ja auch Isabel entdeckt."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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