Die Passion Christi

Produktionsnotizen

"Ihr seid meine Freunde, und der größte Beweis der Liebe, den man seinen Freunden liefern kann, ist, das eigene Leben für sie zu geben." In Rom, wo sich hunderte Jahre menschlicher Geschichte in Stein, Marmor und Farbe widerspiegeln, ließ Oscar® Preisträger Mel Gibson für DIE PASSION CHRISTI eine noch ältere Welt wiederauferstehen: das alte Jerusalem während der letzten Tage von Jesus Christus. Mit Hilfe einer namhaften und erfahrenen Besetzung und einer Crew von Künstlern und Handwerkern, griff Gibson diese unsterbliche Geschichte erneut auf, mit dem kompromisslosen Realismus und den unverfälschten Emotionen, die das Kino der Gegenwart zu bieten hat.

"Die Passion" (das Wort steht im Lateinischen für Leid, bedeutet aber auch eine tiefe und alles überschreitende Liebe) bezieht sich auf die quälenden und letztendlich erlösenden Ereignisse der letzten zwölf Lebensstunden von Jesus Christus. Diese sind in vier unterschiedlichen Berichten, den vier Evangelien, im Neuen Testament festgehalten - ein Vermächtnis, das seit 2.000 Jahren gelesen wird.

Die kraftvollen Bilder, die in Bezug zur Passionsgeschichte stehen, haben seit langem die Vorstellungen von verschiedensten Künstlern inspiriert und sind zu einem wichtigen und beständigen Einfluss in Gemälden der abendländischen Kunst geworden. Zudem dienten sie im letzten Jahrhundert zahllosen Kinofilmen als Inspirationsquelle.

Schon zur Zeit der Stummfilme von Thomas Edison war die Passionsgeschichte für die ambitioniertesten Filmemacher ein Thema. 1927 inszenierte Cecil B. DeMille mit seinem Stummfilm KÖNIG DER KÖNIGE ("The King of Kings") die erste epische Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod Jesu. 1953 lancierten 20th Century Fox und Regisseur Henry Koster das neue Cinemascope-Format mit DAS GEWAND ("The Robe").

Die Hauptrolle eines römischen Tribuns, der nach der Kreuzigung Erlösung sucht, spielte Richard Burton. In den Sechzigerjahren hatten sich biblische Epen zu einem eigenen Genre entwickelt. George Stevens inszenierte mit üppigen Sets, unzähligen Statisten und einem gewaltigen Staraufgebot den Monumentalfilm DIE GRÖSSTE GESCHICHTE ALLER ZEITEN ("The Greatest Story Ever Told", 1965).

Ungefähr zur gleichen Zeit näherte sich Italiens Meisterregisseur Pier Paolo Pasolini dem Thema mit einem gänzlich neuen Ansatz. Sein Film DAS 1. EVANGELIUM - MATTHÄUS ("Il vangelo secondo Matteo", 1964) war nur mit Laien besetzt und wurde in einem sehr naturalistischen Stil und mit Worten, die direkt der Bibel entnommen waren, gedreht und entwickelte sich zum erfolgreichsten Film in Pasolinis Karriere.

In den Siebzigerjahren nahmen sich zwei moderne Musicals der Passionsgeschichte an. David Greene inszenierte GODSPELL - FOLGT DEM HERRN ("Godspell", 1973), Norman Jewison JESUS CHRIST SUPERSTAR ("Jesus Christ Superstar", 1973). 1988 schließlich untersuchte auch Martin Scorsese die letzten Tage Christi in seinem kontrovers aufgenommenen Drama DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI ("The Last Temptation of Christ").

Noch nie zuvor aber hat ein Filmemacher versucht, diese Geschichte eines passionierten Lebensopfers mit einer solch intensiven filmischen Konzentration auf Details und Realismus zu adaptieren. Für Mel Gibson war dies ein lang gehegter Traum, der für ihn und seine Produktionspartner Bruce Davey und Steve McEveety bei Icon Productions nur mit großer Leidenschaft und Hingabe realisierbar war.

"Meine Vision für den Film war, ein Kunstwerk zu schaffen, das Bestand haben würde und das Publikum, welchen Hintergrund es auch immer haben möge, ernsthaft zum Nachdenken anzuregen. Meine größte Hoffnung ist, dass die Botschaft dieser Geschichte über gewaltigen Mut und große Opferbereitschaft zur Inspiration für Toleranz, Liebe und Vergebung dienen wird. Dinge, die wir in unserer heutigen Welt ganz sicher benötigen."

Vor mehr als zwölf Jahren begann Gibson, die Schriften und die Ereignisse der Passionsgeschichte zu recherchieren. Anlass war eine spirituelle Krise Gibsons, die dazu führte, dass er seinen Glauben neu überprüfte und bewertete. Vor allem aber begann er über das Wesen von Leid, Schmerz, Vergebung und Erlösung zu meditieren.

Gibson, der als Regisseur zuletzt das Schottland des 13. Jahrhunderts in seinem Oscar® - gekrönten Erfolg BRAVEHEART ("Braveheart", 1995) wiederaufleben ließ, erkannte, dass er jetzt die einzigartige Gelegenheit hatte, Kunst in Übereinstimmung mit seiner inneren Überzeugung zu schaffen. Er dachte daran, für die Passionsgeschichte die ganzen Möglichkeiten der modernen Filmtechnik einzusetzen, insbesondere eine realitätsnahe Kameraarbeit sowie das entsprechende Produktionsdesign und die zugehörige schauspielerische Leistung, die das Kino der Gegenwart auszeichnen.

Gibson schrieb das Drehbuch zusammen mit Benedict Fitzgerald, dem Autor von John Hustons Drama DIE WEISHEIT DES BLUTES ("Wiseblood", 1979). Das Skript basierte textgetreu im Wesentlichen auf den Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Trotzdem war sich Gibson bewusst, dass er in weitgehend unbekanntes, künstlerisches Territorium vordringen würde, wo sich Kunst, Geschichtenerzählen und persönliche Hingabe begegnen.

"Wenn man sich einer Geschichte annimmt, die so bekannt ist, dass es über sie so viele vorgefasste Ideen und Vorstellungen gibt, kann man eigentlich nur so wahrhaftig wie möglich der Geschichte und dem eigenen künstlerischen Ausdrucksvermögen treu bleiben. Genau das habe ich versucht", sagt Gibson.

"Ich wollte wirklich die Größe dieses Opfers wie auch den damit verbundenen Horror zum Ausdruck bringen", begründet Gibson seine Entscheidung, den körperlichen Realismus zu betonen. "Aber ich wollte auch einen Film drehen, der Momente von wirklicher Poesie und Schönheit, ein beständiges Gefühl der Liebe, zeigt, denn letztlich ist es eine Geschichte von Glauben, Hoffnung und Liebe. Das ist in meinen Augen die größte Geschichte, die je erzählt werden kann."

Aramäisch - Eine alte Sprache wird wieder zum Leben erweckt Eine der ersten Entscheidungen, die Mel Gibson als Regisseur von DIE PASSION CHRISTI traf, war, dass sein Jesus die gleiche Sprache sprechen mußste wie auch der historische Jesus vor 2.000 Jahren. Diese Sprache ist Aramäisch, eine alte semitische Sprache, die eng mit dem Hebräischen verwandt ist und von einigen Linguisten als "tote Sprache" klassifiziert wird, aber in Dialekten von einigen wenigen Menschen in entfernten Gebieten des Nahen Ostens noch gesprochen wird.

Einst jedoch war Aramäisch die Verkehrssprache seiner Zeit, die Sprache der Erziehung und des Handels, die weltweit, wie heute etwa Englisch, gesprochen wurde. Im 8.Jahrhundert vor Christi wurde Aramäisch von Ägypten bis Hinterasien und Pakistan gesprochen. Es war die Hauptsprache im Großreich der Assyrer, in Babylon und später auch im Reich der Chaldäer und in Mesopotamien. Auch in Palästina war Aramäisch verbreitet und verdrängte das Hebräische als Zentralsprache irgendwann zwischen 721 und 500 vor Christus. Viele jüdische Gesetze wurden in Aramäisch entworfen, debattiert und übermittelt. Aramäisch bildete auch die Grundlage für den Talmud.

Jesus hätte in West-Aramäisch, wie man es heute nennt, gesprochen und geschrieben. Dies war der damalige Dialekt der Juden. Nach seinem Tod schrieben die ersten Christen Teile der Schriften in Aramäisch und verbreiteten die Geschichten vom Leben Jesu und seine Botschaften in dieser Sprache in vielen Ländern. Als historische Sprache für den Ausdruck religiöser Ideen verbindet Aramäisch Juden- und Christentum.

Im "Journal of Near Eastern Studies" schrieb dazu Professor Franz Rosenthal: "Meiner Ansicht nach repräsentiert die Geschichte des Aramäischen den reinsten Triumph des menschlichen Geistes, der zum Ausdruck gebracht, durch die Sprache, der direktesten Form des Verstandes, unglaublich aktiv in der Verbreitung spiritueller Angelegenheiten ist." Auch Gibson spürte etwas von der unbeschreiblichen Kraft, wenn die Worte Christi in der authentischen Sprache zu hören waren.

Aramäisch aber in einem modernen Kinofilm zum Leben zu erwecken, sollte sich als große Herausforderung erweisen. Wie schließlich erschafft man im 21. Jahrhundert einen Film in einer verlorenen Sprache aus einer vergangenen Zeit?

Für Unterstützung wandte sich Gibson an Pater William Fulco vom Lehrstuhl für Mediterranean Studies an der Loyola Marymount University, Los Angeles. Fulco ist einer der weltweit größten Experten für Aramäisch und die alten semitischen Kulturen. Er übersetzte das ganze Drehbuch von DIE PASSION CHRISTI für die jüdischen Charaktere ins Aramäische und ins Vulgärlatein für die römischen Figuren. Er stützte sich dabei auf sein umfangreiches linguistisches und kulturelles Wissen.

Nach Abschluss der Übersetzungsarbeit arbeitete Fulco als Dialogcoach bei den Dreharbeiten mit. Er blieb während der gesamten Produktionszeit "abrufbar", um in letzter Minute Übersetzungen vorzunehmen oder zu beraten. Um eine noch größere Authentizität zu erreichen, konsultierte Gibson Personen, die heute noch aramäische Dialekte sprechen. Die Schönheit dieser aussterbenden Sprache laut hören zu können, erinnert sich Fulco, war ein sehr bewegender Moment.

Gibson Ziel war es, dass alle internationalen Schauspieler in Auszügen Aramäisch lernten, die meisten darunter phonetisch. So entstand vielleicht die größte Gruppe von Künstlern, die sich je in dieser Größenordnung eine alte Sprache aneignen mußsten. Gibson zufolge brachte diese "Fremdsprache" für den Film noch weiteren Nutzen.

Für die Mitwirkenden mit ihren vielen unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Hintergründen erwies sich Aramäisch als verbindendes Element: "Schauspieler, die aus der ganzen Welt an einem Ort zusammengebracht wurden und dann diese eine Sprache lernen mußsten, hatten dadurch eine Gemeinsamkeit, sie konnten etwas miteinander teilen und Verbindungen erfahren, die über die sprachlichen Unterschiede hinausgingen."

Die Schauspieler wurden dadurch auch gezwungen, auf ihre physischen und emotionalen Mittel jenseits des Benutzens von Worten einzugehen: "In Aramäisch zu sprechen, brachte andere Anforderungen an die Schauspieler mit sich", beobachtete Mel Gibson. "Sie mußsten die Deutlichkeit und Klarheit ihrer Muttersprache, die ihnen jetzt fehlte, kompensieren. Ihre Darstellung hat dadurch ein ganz anderes Niveau bekommen. In gewisser Weise haben wir einen Film im ganz klassischen Stil gedreht, weil wir auf diese Weise gezwungen waren, die Geschichte nur mit Bildern und Ausdruckskraft zu erzählen."

Die Schauspieler übernehmen ihre Rollen Von Beginn an wusste Mel Gibson, dass es entscheidend für die Produktion von DIE PASSION CHRISTI war, einen Schauspieler zu finden, der auf höchst möglichem Niveau sowohl die Menschlichkeit als auch den Geist von Jesus Christus verkörpern konnte. Gibson suchte einen Schauspieler, der völlig in seiner Rolle aufgehen würde, dessen Identität nicht den Realismus stören würde, um den es ihm ging.

Gibson fand schließlich Jim Caviezel, zuletzt zu sehen in Kevin Reynolds' Abenteuerfilm MONTE CRISTO ("The Count of Monte Cristo", 2002). Er war von Caviezel sofort fasziniert, ganz besonders von den durchdringenden Augen und dem transparenten Gesichtsausdruck des Schauspielers. Damit, so empfand es Gibson, hatte Caviezel die seltene Gabe, Liebe und Mitgefühl ohne ein einziges Wort ausdrücken zu können.

Als Gibson Caviezel anrief, war der Schauspieler so aus der Fassung, dass er "Welcher Mel" fragte, worauf Gibson heiter "Mel Brooks" erwiderte. Aber das Gespräch nahm bald ernstere Züge an, als Gibson Caviezel seine Rolle erklärte - eine Rolle, die so hart und mit möglichen Fallen bestückt war, dass Gibson sich davor scheute sie selbst zu spielen.

Caviezel war eingeschüchtert, aber die Herausforderung, die vor ihm lag, motivierte auch ihn. Er empfand es als bemerkenswerten Zufall, dass er gerade 33 Jahre alt und damit in dem Alter von Jesus war, für den dies allerdings das letzte Lebensjahr bedeutete. Der praktizierende Katholik Caviezel fand auch Inspiration in seinem eigenen Glauben und seiner Hingabe an die Religion.

Gibson hatte Caviezel von Beginn an sehr deutlich gemacht, dass es seine Absicht war, das Leiden Jesu so authentisch wie möglich abzubilden, ohne vor Chaos und Gewalt zurückzuschrecken, die auf Christus den Berichten nach hereinstürzten. Sogar für Caviezel waren die Qualen, die Jesus während des Films hindurch erleiden mußste, manchmal erschreckend, trotzdem ließ er sich darauf ein:

"Niemand zuvor hat Jesus so gezeigt, und ich glaube, dass Mel die Wahrheit zeigt. Er hat die Gewalt nicht um ihrer selbst Willen benutzt. Nie hatte ich den Eindruck, sie wäre überflüssig. Ich bin sicher, dass dieser Realismus wahrscheinlich einige Leute schockieren wird, aber das ist auch der Grund, warum der Film so unglaublich kraftvoll ist."

Während der anstrengenden Produktionszeit war Caviezel in großem Maße auch mit seiner eigenen Verletzlichkeit konfrontiert. In einer der brutalsten und drastischsten Szenen des Films wird Christus mit großer Intensität gegeißelt und ausgepeitscht. Die Haut wird ihm durch das berüchtigte römische Folterinstrument, dem "Flagrum" oder auch als "Die neunschwänzige Katze" bekannt, abgezogen. Eine Peitsche mit vielen Riemen, an deren Spitzen sich Stacheln befinden, um die Haut zu zerfetzen und beträchtlichen Blutverlust zu verursachen.

Um die dadurch entstandenen Wunden sichtbar zu machen, mußste sich Caviezel stundenlang strapaziösen Make-up-Sitzungen unterziehen. Außerdem drehte er zwei Wochen lang die Kreuzigungsszenen. Dabei mußste Caviezel ein 150 Pfund schweres Kreuz (etwa die Hälfte des tatsächlichen Gewichts eines Kreuzes) tragen.

Für die Rolle der Maria, der Mutter Jesu, entschied sich Gibson für Maia Morgenstern, eine bekannte rumänische Schauspielerin jüdischer Herkunft. Gibson hatte Morgenstern in einem zehn Jahre alten europäischen Film entdeckt und dachte sofort an sie für diese Rolle, als er die Zärtlichkeit in ihrem Gesicht sah. So machte er sich auf die Suche nach ihr und erfuhr, dass Morgenstern in ihrer Heimat zu den bedeutendsten Schauspielerinnen ihrer Generation zählt.

Morgenstern erzählt, dass ihre Entscheidung für diese Rolle "weniger mit einer Wahl zu tun hatte, als vielmehr damit, eine richtige Gelegenheit in meinem Leben zu erkennen, etwas wirklich Wichtiges tun und eine einzigartige Lebenserfahrung machen zu können." Um sich besser in die Rolle der Maria einfühlen zu können, durchforschte sie Gemälde, Skulpturen und Literatur nach Bildnissen Marias.

"In meiner Vorbereitung war die Kunst eine große Inspiration", erzählt Morgenstern. "Weil ich Maria auf so verschiedene Art und Weise abgebildet sehen konnte, öffnete ich mich, um zu erkennen, welche Emotionen das in mir selbst auslöste." Morgenstern las das Drehbuch über 200 Mal, um die Geschichte wirklich zu verinnerlichen und entdeckte gerade in den Szenen Bedeutsames, die Marias liebenswerte und heitere Beziehung zu Jesus vor diesen Ereignissen zeigten.

Als sie über Marias Wesen meditierte, begann sie deren Persönlichkeit in einem viel größeren Zusammenhang und Rahmen zu sehen. "Maria begreifen zu können, bedeutete für mich, eine bestimmte Lebensweise zu verstehen", erklärt Morgenstern.

"Es geht darum, wie jemand Schmerz und Leid erträgt und beides in Liebe verwandelt. Ich glaube, man kann sich nichts Quälenderes vorstellen, als wie Maria den eigenen Sohn so verwundet zu sehen und wie Maria ein Kind zu verlieren. Aber alles, was sie in dieser Situation tun kann, ist weiter Liebe und Vertrauen zu geben und zu versuchen, das ganze Mitgefühl ihres Herzens einzusetzen. Das genau wollte ich mit meiner Darstellung vermitteln."

Morgenstern ist überzeugt, dass der Film auch für ein Publikum von heute die richtige Relevanz haben wird, unabhängig von den jeweiligen religiösen Hintergründen. "Die Schönheit dieses Films ist in meinen Augen, dass er auf so kraftvolle Weise über Menschlichkeit spricht, aber auch über den Mangel an Menschlichkeit, der dafür gesorgt hat, dass wir uns die letzten 2.000 Jahre gegenseitig töten", erklärt Morgenstern. "Das sind wichtige Dinge, über die es sich nachzudenken lohnt."

Auch der internationale Filmstar Monica Bellucci, zuletzt in der MATRIX-Trilogie zu sehen, vertiefte sich in das Leben einer seit Jahrhunderten geliebten Frau. Sie spielt die Rolle der Maria Magdalena. Als sie hörte, dass Mel Gibson einen Film über die Passionsgeschichte plante, war sie so fasziniert davon, dass sie sofort Kontakt aufzunehmen versuchte. "Für mich war das ein so starkes und couragiertes Projekt", erklärt Bellucci. "Ich wusste, dass es kein leichter Film sein wird, aber auch, dass er zu der Art von Filmen gehört, über die man als Zuschauer noch lange nachdenkt, nachdem man ihn gesehen hat. Genau dieser Aspekt hat mich zu diesem Projekt hingezogen."

Nachdem sich Gibson mit Bellucci getroffen hatte, besetzte er sie als Maria Magdalena, was die Schauspielerin in Euphorie versetzte. "Ich wollte Maria Magdalena spielen, weil sie für mich so menschlich ist", erklärt Bellucci. "Wenn Jesus sie rettet, dann ist das so, als mache er ihr ihren Wert als Mensch bewusst, und zum ersten Mal erlebt sie damit einen Mann, der sie auf eine ganz andere Art und Weise betrachtet. Für mich ist sie eine Frau, die sich selber kennen lernt und in sich einen besseren Menschen entdeckt, als sie es sich je hätte vorstellen können."

Aramäisch zu lernen, fiel Bellucci nicht sehr schwer. "Vielleicht liegt es daran, dass ich Italienerin bin, ich fand es sehr vertraut und schön. Aber obwohl wir so viel Zeit damit verbracht haben, Aramäisch zu lernen, sehe ich diesen Film fast wie einen Stummfilm, weil wir in den Darstellungen viel tiefer in die Rollen eingedrungen sind, als das mit Sprache möglich ist."

Am Set war Bellucci nicht nur von der Hingabe der Schauspieler beeindruckt, sondern auch von der Vielfalt der Kulturen und Glaubensvorstellungen, die sie dort antraf. "Mir gefiel, dass, obwohl wir einen Film über das Leben und den Tod von Jesus drehten, Menschen von überall her, Menschen mit den verschiedensten Religionen und aus unterschiedlichsten Verhältnissen, alle zusammenarbeiteten, um diesen Film zu erschaffen. Nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Mensch war dies eine großartige Erfahrung."

Auch Mel Gibsons Inszenierungsstil sagt Belluccci sehr zu. "Er ist ein sehr instinktiv handelnder Regisseur", erklärt die Schauspielerin. "Er redet nicht viel, aber es ist so, als könnte er einem mehr mit Körpersprache erzählen als mit Worten. Natürlich ist er sehr intelligent, er hat auch ein sehr tiefes Einfühlungsvermögen, und das ist in meinen Augen sehr wichtig für einen Regisseur."

Eine weitere Ikone verkörpert im Film die italienische Schauspielerin Rosalinda Celantano. Sie spielt Satan, der hier als androgyne Figur gezeigt wird, die viele Gestalten annehmen kann und Furcht und Zweifel sät. Um den Blick hypnotischer zu machen, wurden die Augenbrauen der Schauspielerin rasiert. Außerdem drehte man ihre Szenen in Zeitlupe, um das Gefühl von Unnatürlichkeit in ihrer Darstellung noch zu verstärken. Später wurde ihre Rolle mit der Stimme eines Schauspielers unterlegt, um die verwirrende Aura zu verstärken, die Satan umgibt. "Das Böse ist verlockend und anziehend", erklärt Mel Gibson. "Es sieht gut aus, fast normal aber doch nicht ganz. Diesen Eindruck des Bösen habe ich mit der Figur des Satan in diesem Film zu vermitteln versucht. Das genau macht das Böse aus: etwas Gutes zu nehmen und es etwas zu verdrehen."

Trotz der unglaublichen Schwere und Intensität des Stoffs, die bei Crew und Darstellern intensive Diskussionen auslöste, herrschte am Set oft auch eine gelöste Stimmung. "Jedes Mal, wenn es wirklich hart wurde, sorgte Mel für Entspannung", bemerkt Jim Caviezel. "Er wusste, dass wir angesichts des außergewöhnlichen Tempos, der kalten Temperaturen und des schwierigen Vorhabens Wege finden mußsten, um zu lachen. Glücklicherweise liebt es Mel, Streiche zu spielen."

Das Jerusalem des 1. Jahrhunderts im Rom des 21.Jahrhunderts: Das Design Sobald die Besetzung feststand, suchten die Filmemacher auf der ganzen Welt nach Drehorten, die das Gefühl und das Aussehen des alten Jerusalem, umgeben von der ausgedörrten Wüste, vermitteln konnte. Man schickte Scouts nach Marokko, Tunesien, New Mexiko und Spanien, aber die logistischen Erfordernisse, von einem Drehort zum anderen umzuziehen, waren zu groß.

Schließlich zog es Gibson nach Rom, wo sich zwei außergewöhnliche Vorteile boten: Erstens, die legendären Studios von Cinecittà, bekannt für ihre Setdesigner und Handwerker, die man zu den Besten der Welt zählt und zweitens, das ganz in der Nähe gelegene 2.000 Jahre alte Matera, eine idyllische, wunderschöne Stadt in der Region Basilicata, mit felsigen Ansichten und antiken Bauwerken, die so sehr an Jerusalem erinnert, dass auch Pasolini sie als zentralen Drehort für seinen Film DAS 1.EVANGELIUM - MATTHÄUS ("Il vangelo secondo Matteo", 1964) auswählte.

Der italienische Produktionsdesigner Francesco Frigeri und sein Landsmann und Setdesigner Carlo Gervasi arbeiteten eng mit Gibson zusammen. Sie hatten die Aufgabe, solch gewaltige, auf historischen Quellen basierende Sets wie den Tempel, das Praetorium und den Palast von Pontius Pilatus zu entwerfen.

Das Jerusalem zur Zeit von Christus' Tod war eine Stadt von großer Pracht, von Hügeln umgeben und durchsetzt von farbenfrohen Märkten, Zitadellen, Viadukten und öffentlichen Denkmälern. Nichts davon existiert heute noch (zerstört im Jahre 70 nach Christi von den Römern, ist die Westmauer im modernen Teil von Jerusalem das einzige, was von Herodes' Tempel übrig geblieben ist).

So entwarf Frigeri aus dem Nichts und innerhalb von nur zehn Wochen die Jerusalem-Sets in Cinecittà, auf einer Fläche, die etwa 6.300 bis 9.000 Quadratmeter umfasste. Die Hügel und Felsen von Matera wurden später für Hintergrundansichten verwendet.

Frigeris auf Quellenstudium basierendes Jerusalem reflektiert die unterschiedlichen Einflüsse der Epochen auf diese Stadt - von den Römern bis hin zu Herodes. Eine Stadt mit mächtigen weißen Säulen, langen Passagen mit Steintreppen und Arkaden, wie man sie aus Rom kennt, dazu von der Hitze aufgewärmte Kalksteinhäuser, Märkte und ungepflasterte Straßen. Mit dem riesigen Platzangebot und den Möglichkeiten, Sets zu errichten, gehört Cinecittà weltweit zu den wenigen Orten, an denen eine ganze Stadt nachgebaut werden kann. Tatsächlich errichtete vor den Dreharbeiten zu DIE PASSION CHRISTI Martin Scorsese hier sein New York des 19.Jahrhunderts für sein Epos GANGS OF NEW YORK ("Gangs of New York", 2002). In Matera baute das Ausstattungsteam die hohen Steinmauern nach, die Jerusalem umgaben. Außerdem drehte man dort die Szenen aus der Kindheit Jesu und schließlich auch die Kreuzigung auf Golgatha.

Elementar wichtig für die visuelle Gestaltung von DIE PASSION CHRISTI ist auch die Arbeit des renommierten, vierfach Oscar®-nominierten Kameramannes Caleb Deschanel. Deschanel, der mit Gibson zusammen bereits DER PATRIOT ("The Patriot", 2000) gedreht hat, diskutierte mit dem Regisseur stundenlang über dessen Vorstellungen für den Film, ließ sich mit ihm von den Gemälden Caravaggios, des bahnbrechenden Malers aus der Renaissance, inspirieren.

Caravaggios üppiges Spiel mit dem Licht, sein augenfälliger Realismus und seine wechselnden Themen von Dunkelheit und spiritueller Erleuchtung revolutionierten im 17. Jahrhundert die religiöse Malerei. Auch Gibson wollte aus den vorgefertigten Formen ausbrechen, die Adaptionen der Passionsgeschichte hinter sich lassen. In seinen Augen passte die Klarheit von Caravaggio genau zum Erzählstil des Films. "Ich halte seine Arbeiten für wunderschön", hat sich Gibson über Caravaggio geäußert. "Sie sind gewalttätig, düster, spirituell und haben eine merkwürdige Aura von Fremdartigkeit."

Deschanel zeigte sich der gewaltigen Herausforderung gewachsen, fotografierte fast die Hälfte des Films bei Nacht oder in abgedunkelten Studios, um zu erreichen, das sich das Licht durch die Dunkelheit kämpft. "Caleb denkt in seiner Arbeit nie klein, wie auch Mel", erzählt Produzent Steve McEveety. "Sein Ansatz ist episch, hat eine atemberaubende Qualität und ist genau das, was wir uns vorgestellt haben."

Auch der Oscar®-gekrönte Kostümdesigner Maurizio Millenotti, der schon mit Regisseuren wie Federico Fellini, Franco Zeffirelli oder Giuseppe Tornatore zusammenarbeitete, ließ sich von Caravaggios Gemälden inspirieren und verwendete satte, kontrastierende Beige-, Braun- und Schwarztöne. Außerdem betrieb er intensive Recherchen hinsichtlich der Gewänder im Jerusalem des 1. Jahrhunderts, die das große Spektrum unterschiedlicher Kulturen reflektierten. So kleidete er die Menge in Jerusalem in Tuniken aus natürlichen Textilfasern und mit Umhängen, Kapuzen und Sandalen ein. Die römischen Soldaten dagegen erhielten Uniformen mit den typischen gegossenen Brustplatten und Kopfstücken.

Unterstützt wurde die Detailarbeit von Millenottis Kostümen durch die Crews, die für das Spezial-Make-up und die Frisuren zuständig waren. Angeführt wurden diese Teams von Keith VanderLaan und dem zweifachen Oscar®-Preisträger und sechsfach Oscar®-nominierten Greg Cannom. Beide haben zuletzt zusammen an A BEAUTIFUL MIND ("A Beautiful Mind", 2001) und FLUCH DER KARIBIK ("Pirates of the Carribean", 2003) gearbeitet. Gibson engagierte das Duo und dessen Crews, weil er wusste, dass er die weltweit besten Make-up-Experten brauchen würde, um den angestrebten Realismus auch umsetzen zu können.

Vier bis acht beschwerliche Stunden täglich verbrachte Jim Caviezel im Make-up, um mit modernsten Perücken und Prothesen verwandelt zu werden. Für die Szenen, in denen Christus gefoltert und gekreuzigt wird, wurde das Make-up noch aufwändiger. Caviezels Gesicht, seine Arme und Beine, wurden stufenweise mit Wunden und Narben versehen. Keith VanderLaan betrieb Recherchen über die anatomischen Begleit- und Folgeerscheinungen von Kreuzigungen. Die moderne Medizin glaubt, dass Kreuzigungen neben anderen Qualen merklichen Blutverlust und große Atemprobleme zur Folge gehabt haben.

Das für die Make-up-Effekte zuständige Team entwickelte Methoden, um auf drastische Weise zeigen zu können, wie die Nägel durch die Hände von Christus getrieben und die Haut durch die Peitschenschläge vom Rücken gerissen wurde. Um realistische Narben kreieren zu können, wurde Jim Caviezels Rücken jeden Tag tätowiert, bis dieser von Beulen und Einschnitten übersät war. Schließlich produzierte VanderLaan auch eine Gummipuppe als Double für Caviezel, die für bestimmte Totalen ans Kreuz gehängt werden konnte und dem Schauspieler einige körperliche Belastungen ersparte.

"Am Ende", so fasst Steve McEveety zusammen, "ist der Film viel größer und epischer ausgefallen, als wir das erwartet hatten, und das liegt sicherlich am Enthusiasmus, den so viele Menschen in dieses Projekt eingebracht haben. Es gibt niemanden hier, der nicht mit Leib und Seele dabei war. Es ist eine wirklich gemeinsam erbrachte Leistung." Mel Gibson hofft, dass diese gemeinsame Leistung für jeden einzelnen Zuschauer in einer individuellen und persönlichen Erfahrung resultiert, ganz egal, aus welchen Verhältnissen er kommt. "Eine der größten Hoffnungen", so Gibson, "die ich mit diesem Film verbinde, ist die, dass die Zuschauer, wenn sie das Kino verlassen, inspiriert sein werden, mehr Fragen zu stellen."

Szenenfoto
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