Derrick - Die Pflicht ruft

Produktionsnotizen

"Guten Abend. Mein Name ist Derrick. Ich ermittle in einem Mordfall ..." Das Projekt 281 Folgen. 24 Jahre. Nur drei ungelöste Fälle. Die Bilanz von Stephan Derrick und seinem getreuen Assistenten Harry Klein kann sich sehen lassen. Von Oktober 1974 ("Waldweg") bis Oktober 1998 ("Das Abschiedsgeschenk") ermittelten die beiden Beamten der Münchner Kripo für das ZDF - verlässlich am Freitag, 20 Uhr 15 - und stöberten Mörder und Verbrecher in den Grünwalder Villen und schummrigen Halbwelt-Bars von Schwabing auf.

Eine Fernsehlegende, deren internationaler Erfolg unvergleichlich ist: In mehr als 100 Länder wurde die Serie verkauft. Die beiden Hauptdarsteller Horst Tappert und Fritz Wepper, der als Harry Klein zuvor schon seit 1969 für den "Kommissar" Erik Ode ermittelt hatte und von Autor Herbert Reinecker schließlich zum Assistenten für den "Konkurrenten" Derrick befördert wurde (sein Bruder Elmar übernahm die vakante Stelle beim "Kommissar"), haben damit Fernsehgeschichte geschrieben und sind selbst zu Kultstars geworden.

Nach fünfjähriger Pause nimmt Derrick seine Arbeit jetzt wieder auf. Doch Puristen seien gewarnt. Denn anno 2004 ist Derrick ... anders. Er ist ... gezeichnet. Von Michael Schaack, dem erfolgreichsten deutschen Regisseur für Zeichentrickfilme, auf dessen Konto Kino-Erfolge wie WERNER - DAS mußS KESSELN !!!, KLEINES ARSCHLOCH, KÄPT'N BLAUBÄR und zuletzt WERNER - GEKOTZT WIRD SPÄTER gehen.

Horst Tappert und Fritz Wepper sind dennoch mit von der Partie: In Derricks erstem animierten Fall seiner Karriere leihen die beiden Stars ihren legendären Figuren ihre Stimmen, wenn Derrick und Harry mysteriöse Vorgänge im deutschen Schlagermilieu im Umfeld der Vorausscheidung für den European Song Contest untersuchen und inmitten von Stars, Sternchen und Möchtegerns, Pailletten, Fönfrisuren und aufgeblasenen Egos auf ein diabolisches Komplott stoßen.

Natürlich handelt es sich bei DERRICK - DIE PFLICHT RUFT um eine Parodie, die die zahlreichen unverkennbaren Elemente der Serie liebevoll und auf satirische Weise auf den Arm nimmt. Michael Schaack erklärt: ",Derrick' per se ist ein lieb gewonnenes Klischee geworden. Das ist so festgefahren, so ritualisiert. Alles läuft immer nach dem gleichen Schema ab: der Mord, das Auftreten von Derrick und Harry Klein, die Art, den Täter in die Enge zu treiben und schließlich die Auflösung. Und über das Ritual, das man Jahre lang mit verfolgt hat, kann man sich lustig machen.

Man weiß einfach, was einen erwartet. Das steht auch für eine gewisse Verlässlichkeit, die einem auch auf den Wecker gehen kann. Ich glaube, selbst einem Horst Tappert ging es irgendwann so, dass ihn das ein bisschen genervt hat, immer diese stereotype Rolle zu spielen."

Was dann auch der Grund für Horst Tappert höchstpersönlich war, aus dem Ruhestand zurückzukehren und die Hauptrolle zu übernehmen, wie Schaack betont: "Er wollte sich gerne selbst ein bisschen über die Rolle lustig machen. Ich sage ganz klar: Ohne Horst Tappert wäre das nicht gegangen. Der Zeichentrickfilm allein hätte nicht gereicht. Ich empfand es als sehr ehren- und würdevoll, dass er seine eigene Satire sprechen wollte. Mit ihm steht und fällt der Film."

Und so besteht der Reiz des Films auch darin, dass Horst Tappert und Fritz Wepper, der ebenfalls begeistert zusagte, noch einmal Harry Klein zu sein, selbst ihre altgedienten Rollen sprechen. Schaack meint: "dass man sie nicht auf den Arm nimmt, sondern dass sie sich selbst auf den Arm nehmen. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied."

"Guten Motgen, Doktor! Können Sie schon was sagen?" Die Anfänge Das Zeichentrick-Projekt begann bereits vor einigen Jahren, nachdem "Derrick" im ZDF seinen letzten Fall gelöst hatte und die nationale Ausscheidung zum Grand Prix Eurovision de la Chanson dank Guildo Horn, Stefan Raab und Co. vom repetitiven Schlagerwettbewerb zum ebenso gefeierten wie diskutierten Medienereignis avancierte. Die Produzenten Matthias Walther von der ndF und Ralph Christians von der in Irland ansässigen Magma Films hatten bereits bei der Fernsehserie "Loggerheads" blendend zusammen gearbeitet und suchten nach neuen Stoffen für eine weitere Zeichentrickserie, die in Deutschland, aber auch im Ausland funktionieren sollte.

"In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die meisten Erfolge im Zeichentrickbereich auf einem Markenzeichen beruhen", berichtet Christians. "Man mußs nur Michael Schaacks WERNER- und KLEINES ARSCHLOCH-Filme betrachten, die jeweils auf beliebten Comics basieren. Wir wollten eine bekannte Live Action Figur für den Zeichentrickfilm adaptieren. Die Antwort hieß Derrick".

Die Produzenten waren begeistert von der Idee und den mannigfaltigen Umsetzungsmöglichkeiten. Beiden war klar, dass ein DERRICK als Zeichentrickfilm nur möglich sein könnte, indem man das ZDF mit ins Boot brächte. Christians schrieb den Sender an und fragte an, ob man sich ein derartiges Projekt vorstellen könne. Die Antwort kam prompt.

"Innerhalb von 48 Stunden habe ich von ZDF Enterprises eine Absage bekommen", erinnert sich Christians. "Das war mir suspekt, denn normalerweise reagiert das ZDF nicht so schnell. Ich dachte, das könnte nur individuelle Gründe haben. Irgend jemand mußs kalte Füße bekommen haben. Es bestand offensichtlich eine gewisse Angst, man könne niemandem erzählen, dass sich jemand nach 30 Jahren "Derrick" darüber lustig machen wollte."

Damit war bei Christians und Walther das Interesse an DERRICK endgültig geweckt. Christians erzählt weiter: "Ich habe mich also an Horst Müller gewandt, der in New York sitzt und von dort aus das amerikanische Geschäft von ZDF Enterprises leitet. Der fand sofort, dass es eine gute Idee sei. Mit seiner Hilfe ist es uns dann gelungen, das ZDF in Mainz endgültig von unserem Zeichentrickstoff zu überzeugen."

Horst Müller kann sich auch nicht erklären, warum die Idee für eine Zeichentrickidee DERRICK zunächst auf taube Ohren beim ZDF stieß: "Ich weiß nur, dass Ralph Christians noch nie so schnell eine Antwort vom ZDF bekommen hat. Es war ein simples Nein. Der Kollege ist allerdings nicht mehr beim ZDF, wenn auch aus anderen Gründen. Ich vermute, dass man im ZDF mancherorts besorgt war, eine nach wie vor sehr wichtige Property zu beschädigen. Damals lief die Serie noch, und sie war das Flaggschiff am Freitagabend."

Müller kann allerdings bestätigen, dass es bei ihm gleich Klick machte, als Christians bei ihm anfragte: "Es bedurfte keiner langen Überredung. Die Sache begann vor etwa fünf Jahren in den kanadischen Rockies. Auf dem Fernsehfestival in Banff präsentierte ein Typ, den ich nicht kannte, vor vollem Saal eine Zeichentrickserie über einen Wikinger ("Loggerheads"). Der Typ sah selbst wie ein Wikinger aus, und er sprach ein wahnsinnig komisches Englisch mit deutschem Akzent. Der Saal brüllte vor Lachen. Der Mann auf der Bühne war Ralph Christians. Am selben Tag haben wir uns kennen gelernt. Ralph erzählte mir von seiner schrägen Idee - Derrick als Zeichentrick - und von der blitzschnellen Absage aus dem ZDF. Mein Bauch sagte mir: Moment mal, an der Sache ist was dran."

Der ZDF-Mann war es auch, der den Anstoß gab, aus DERRICK einen Film fürs Kino zu machen: "Das waren zunächst rein praktische Überlegungen. Für eine Serie hätte man einen Sendetermin haben müssen, und den gab´s nicht im ZDF. Zeichentrickserien waren was für Kinder. Eine Zeichentrickserie für Erwachsene, noch dazu im ZDF: undenkbar! Aber im Kino schien so etwas möglich. Michael Schaack hatte mit seinen WERNER-Filmen den Weg vorgegeben. Im Kino gab´s für intelligenten Schwachsinn offensichtlich ein Publikum.

"Wir gehen davon aus, dass das Opfer den Täter gekannt hat." Regie und Stars In der Zwischenzeit war Michael Schaack als Regisseur an Bord gekommen. "Ich war natürlich interessiert, weil ich fand, dass das Projekt gut zu uns passen würde", meint Schaack, der gemeinsam mit den DERRICK-Produzenten Matthias Walther und Ralph Christians bereits an "Loggerheads" gearbeitet hatte. Zusammen - und mit Horst Müller vom ZDF im Rücken - wurde an der Konzeption und der Geschichte gearbeitet. Für ihn stand ebenfalls außer Frage, dass man den Stoff als Zeichentrickfilm realisieren mußste: "Parodien sind einfach eine Stärke des Zeichentricks."

Schnell wurde den Filmemachern bei der gemeinsamen Abstimmung klar, dass das Gelingen ihres Films voll und ganz davon abhing, ob Horst Tappert und Fritz Wepper sich bereit erklärten, ihre alt angestammten Parts als Derrick bzw. Harry Klein selbst zu sprechen.

"Ich wusste genau, dass wir ohne die Zusage der beiden Darsteller Tappert und Wepper nicht weiter gekommen wären", erinnert sich Matthias Walther. "Also habe ich mich zunächst mit Horst Tappert getroffen, um die Bereitschaft zu klären. Er saß mir gegenüber, und ich überlegte mir, wie ich ihm das beibringen soll, dass wir ihn karikieren und seine Figur auf den Arm nehmen wollten. Also legte ich die Karten auf den Tisch und befürchtete schon das Schlimmste. Er hätte mir ja auch eine runterhauen können. Er sah mich aber nur an und sagte mit einem Funkeln in den Augen: ,Das ist die beste Idee, die ich in den letzten 23 Jahren gehört habe.´"

Tappert konnte es gar nicht erwarten, endlich mit einem fertig gestellten Drehbuch an die Arbeit zu gehen: "Er fragte immer wieder an, wie es um das Drehbuch bestellt sei und sagte: Beeilt Euch mal - wisst Ihr denn nicht, wie alt ich bin!?` Diese lockere Haltung und den entspannten Umgang mit der eigenen Person fand ich klasse. Nach all der Furcht vor ihm im Vorfeld erwies er sich als liebenswürdiger, verständnisvoller Herr, der alles mitgemacht hat. Er hat die Größe, sich selbst auf den Arm zu nehmen."

Natürlich war es ganz wichtig, auch Fritz Wepper um seine Mitwirkung zu bitten. Der zeigte sich ebenso begeistert von der Idee. "Das komödiantische Fach ist ihm ja nicht fremd, wie man an seiner aktuellen ndF-Serie ,Um Himmels Willen` sieht," meint Walther. "Damit hatten wir die grundsätzlichen Voraussetzungen erfüllt und konnten uns voll und ganz der Arbeit am Drehbuch widmen."

Michael Schaack war beeindruckt über den Umgang, den Horst Tappert und Fritz Wepper miteinander pflegen: "Sie gingen sehr freundlich und respektvoll miteinander um. Und sie waren sehr diszipliniert bei der Arbeit: Besser hätte ich mir das nicht vorstellen können. Natürlich war uns völlig klar, dass das zwei völlig unterschiedliche Typen sind, die man da in diesen Rollen zusammen gebracht hatte. Da liegen auch wesentliche Möglichkeiten, in unsere Geschichte Humor hineinzubringen. Nicht von ungefähr ist das auch das zentrale Thema des Films. Das ist wie ,Männerpension'. Darum geht's: Zwei völlig unterschiedliche Typen, die miteinander auskommen müssen, und die Konflikte, die sich daraus ergeben."

"Dre Kommissar mußs die Geschichte hinter der Mordtat suchen." Das Drehbuch und die Geschichte Um sich im Universum von "Derrick" zurecht und zugleich einen passenden Ansatz für das eigene Projekt zu finden, nahmen die Produzenten erst einmal die komplette Serie unter die Lupe und analysierten, welche wieder erkennbaren Motive und Elemente auch oder gerade in einer Parodie vorkommen konnten bzw. mußsten. "Wir haben uns vom ZDF die Outlines sämtlicher 281 Folgen geben lassen und viele davon auch auf Band angesehen", berichtet Ralph Christians. Gezielt haben wir einzelne Episoden analysiert überlegt, wie die Diktion ist, wie Derrick und Harry miteinander sprechen und umgehen.

Dabei fassten die Autoren (hinzu kamen noch die bekannten Autoren Jürgen Wolff und Marteinn Thorisson) eine Reihe von Entschlüssen: "Der Film mußste in München - Grünwald spielen. Diese System stabilisierende Funktion mußste mit dabei sein. Klassischerweise spielte das Gros der ,Derrick'-Folgen bei den Oberen Zehntausend in den dicken Villen, wo bösartige Schwiegersöhne und Schwiegertöchter mit Magersucht und reiche Witwen im Rollstuhl ihr Unwesen trieben. Das war beliebt, weil sich der einfache Fernsehzuschauer glücklich schätzen konnte, dass man da nicht dazugehören mußs. Wir haben auch Überlegungen angestellt, woher der internationale Erfolg rührt. Das liegt vermutlich zum einen an der Gewaltlosigkeit der Reihe, zum anderen daran, dass es sich lange Zeit nicht um Whodunnits handelte: Man wusste fast immer schon von Anfang an, wer der Täter war. Das erhöht die Identifikation mit Derrick, weil man seiner Psychologie folgen mußs. Um einen Zeichentrickfilm daraus machen zu können, war uns klar, dass wir all diese Elemente satirisch überziehen mußsten." Das bedeutete: "Die Reichen mußsten noch reicher werden, die Schönen noch schöner. Nur Derrick bleibt immer dieselbe, ungerührte Figur. Man erfährt nur wenig über sein Privatleben. Wir setzen einfach mal voraus, dass er eine Eigentumswohnung besitzt, bei Aldi einkauft und ein sehr solides Leben führt."

Michael Schaack stimmt seinem Mitstreiter zu und gibt zu Protokoll: ",Derrick' per se ist ein Klischee. Das ist so festgefahren, so ritualisiert. Alles läuft immer nach dem gleichen Schema ab: der Mord, das Auftreten von Derrick und Harry Klein, die Auflösung. Und über das Ritual, das man Jahre lang mit verfolgt hat, kann man sich lustig machen. Man weiß einfach, was einen erwartet. Das steht auch für eine gewisse Verlässlichkeit, die einem auch auf den Wecker gehen kann.

Gerade die Verlässlichkeit sieht Christians nach dem intensiven Studium der Serie als große Qualität von "Derrick", die es Kritikern allerdings auch leicht macht, die Reihe genau auf die Stereotypen zu reduzieren. "Man mußs ehrfürchtig gestehen: Es gab in vielen Fällen verdammt gute Plots, betont der Autor und Produzent.

"Wir mußsten die Figur nur ein bisschen weiterspinnen, um die gewünschte Überhöhung zu erzielen. In ihr ist doch schon alles angelegt, worüber man in unserem Film lachen mußs: Im Englischen spricht man von walking and talking. Derrick schießt nicht, er läuft nicht, er prügelt sich nicht, er hat keine Verfolgungsjagden - all das, was man als Hollywood-Checkliste immer in Krimis findet, gab es bei ,Derrick' nicht."

Auch sieht Ralph Christians darin einen der langjährigen Erfolgsgründe der Reihe, der sich letztlich auch als Ausgangspunkt für die Charakterisierung des Kommissars in DERRICK - DIE PFLICHT RUFT! anbot: "Das macht Derrick für viele Zuschauer zum Idealmann. Er ist nicht dick, legt nicht die Füße auf den Tisch, trinkt nicht Flaschenbier und glotzt nicht Fußball. Er ist ein Gentleman. Und das mag man. Unsere Aufgabe war es also, ihn noch steifer zu machen und noch mehr reden zu lassen. Sein Verhältnis zu Harry, der nach 25 Jahren ohne Beförderung und Erfolgserlebnis eigentlich ein Psychopath sein mußs, mußste in der gleichen Form weiter getrieben werden. Harry mußste immer am Rande des Nervenzusammenbruchs stehen."

"Der Täter, wer immer das ist, hat alles genau vorbedacht." Der Ansatz "Unsere Aufgabe war es, einen Ansatz zu finden, der diese erfolgreiche Serie nicht desavouiert, sondern auf respektvolle Weise parodiert und auf charmante Art und Weise mit ihr umgeht und spielt", beschreibt Matthias Walther das erklärte Ziel der Filmemacher. "Da haben wir sehr viele Ansätze gedanklich durchgespielt, bis wir endlich auf unsere Kernidee kamen, die Geschichte im Milieu eines Schlager-Grand-Prix spielen zu lassen."

Ralph Christians greift diesen Faden auf: "Uns war sofort klar, dass wir einen geeigneten Gegenspieler finden mußsten. Nach einigen Drehbuchfassungen hatten wir Arno Hello gefunden, einen Musikproduzenten und Ex-Schlagerstar. Das war der Clou: Wir verbanden den Kult Derrick mit dem Kult Grand Prix d'Eurovision, den wir ebenso satirisch übersteigerten."

Auch Michael Schaack sieht es pragmatisch: "Wir mußsten einfach eine interessante und farbenfrohe Hintergrundgeschichte finden. Ein normaler Mordfall in Grünwald allein hätte sicherlich nicht ausgereicht, um 80 Minuten Handlung eines Zeichentrickfilms zu füllen. Die Klärung eines Mordfalls ist ja nicht übermäßig satirisch. Also mußsten wir eine Welt finden, auf die Derrick wie ein Fremdkörper prallt. In die Welt der Popstars passte ein Mordfall wunderbar rein." Gerade durch den Zusammenprall zweier denkbar konträrer Welten ergab sich der nötige satirische Zündstoff, um das Filmprojekt funktionieren zu lassen, wie Matthias Walther findet.

Um auch auf diesem Themengebiet über die nötige Erfahrung aus erster Hand zu verfügen, organisierte Matthias Walther einen Betriebsausflug der besonderen Art: "Gemeinsam mit den Autoren sind wir vor etwa zwei Jahren zur Vorausscheidung des Grand Prix de la Chanson in die Kieler Ostseehalle gefahren und haben uns den Zirkus vor Ort angesehen. Daraus ergab sich nicht nur der Hintergrund für unsere Geschichte, sondern auch Derricks Antagonist, Arno Hello, der sich anschickt, seine Grand-Prix-Konkurrenten allesamt aus dem Weg zu räumen, um selbst zu gewinnen."

Gezielt wurde darauf verzichtet, bei der Zeichnung der Schlagerwelt allzu deutliche Anspielungen auf etwaige reale Figuren zu machen. "Ganz zu Beginn spielten wir mit ein paar illustren Namen herum", erinnert sich Michael Schaack. "Aber das hätte den Fokus zu stark von der Hauptfigur abgelenkt. Derrick ist unser Star. Jede andere Figur, die man erkennt, nimmt vom Helden weg. Ich finde diesen Mischmasch aus Namedropping und Zitieren doof - und bei diesem Projekt auch völlig überflüssig. Horst Tappert und Fritz Wepper - darum geht's. Bei der Schlagerkiste kann sich jeder selbst überlegen, ob man da gewisse Personen aus den Boulevardzeitungen wieder erkennen kann. Uns reichte es, die Branche als korrupt und egozentrisch zu skizzieren. Das ist eine witzige Welt, in der sich Kommissar Derrick bewegen darf. Mord im Finanzamt ist sicherlich langweiliger."

Und eine ausgezeichnete Spielweise für einen Stephan Derrick, wie man ihn noch nie erlebt hat, aber schon immer erleben wollte: als deutsche Antwort auf Inspektor Clouseau und "Die nackte Kanone" Lt. Frank Drebbin. Ralph Christians sagt: "Er mußs Chaos verbreiten, ohne dass er selber es merkt. Alles, was hinter ihm liegt, bleibt von ihm unbemerkt - auch wenn da ein ganzes Gebäude in die Luft fliegt.

Durch die Umsetzung von Michael Schaack bleibt er dennoch stets ein Sympathieträger. Man darf nicht vergessen, dass Derrick zu Beginn der Serie in den 70er Jahren noch keinen Trenchcoat trug und als jugendlicher Gegenpart zum "Kommissar" mit seinen Lederblousons vergleichsweise poppig war. Im Lauf der Jahre hat er sich zum seriösen älteren Herrn gewandelt. Bei uns ist er irgendwo dazwischen angelegt, absolut zeitlos, eine Art Archetyp Derrick, wie man ihn im Kopf hat."

"Zerstörte Menschen zu sehen, ist für mich nichts Neues." Look, Ton und Stil Nach der Lösung der elementaren Probleme, wie die Figuren anzulegen seien und in welchem Umfeld sie agieren sollen, konnte die Kreativabteilung an die Arbeit gehen: Die Autoren setzten sich an eine abschließende Fassung des Drehbuchs, während Michael Schaack mit seiner TFC Trickcompany mit der zeichnerischen Gestaltung begann. So entstand der gezeichnete Derrick als sympathisch überhöhte Version des Derricks, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt.

"Derrick bietet sich als Zeichentrickfigur durchaus an", erklärt Schaack. "Es gibt einige Elemente, die man beachten mußs, die unbedingt auftauchen müssen: die große Brille, das Toupet, die Unterlippe. Ich denke, Derrick ist uns ziemlich gelungen. Den letzten Schliff gibt natürlich Horst Tapperts Stimme."

Und auch der Input des Mannes, der 24 Jahre als Derrick ermittelte, war nicht unwesentlich von Bedeutung. "Tapperts Kritik war sehr verhalten und ungeheuer konstruktiv", betont Schaack. "Aber im Grunde hatte er ohnehin nur wenig auszusetzen. Er fand die Sache lustig und verstand auch sofort, worauf wir abzielten. Natürlich gab es Anmerkungen, dass er gewisse Dinge als Derrick so niemals sagen würde. Dieser Input war uns sehr wichtig. Immerhin kennt die Figur niemand besser als er. Man wäre ja doof, wenn man ihm Dialogsätze aufdrängen würde, die er als unstimmig empfindet. Originale Elemente, originale Gefühle sind unerlässlich, wenn man will, dass eine Satire funktioniert. Wenn seine Figur funktioniert, funktioniert der Film."

Das Produzententeam setzte sich indes mit dem Drehbuch auseinander. Als großen Vorteil empfand Ralph Christians dabei, dass er bereits seit 20 Jahren im Ausland, u. a. in Island und mittlerweile in Irland, lebt: "Ich habe damit auch einen ganz anderen Blick auf Deutschland. Wenn ich deutsche Drehbücher schreibe, dann ist das ein wenig, als würde ich einen Reisebericht verfassen. Den schreibt man ja auch nicht während der Reise, sondern wenn man zurückgekehrt ist. Dann erst sortiert man aus: Was ist wichtig, was ist von genereller Bedeutung, was ist typisch, was sind nette Anekdoten. Wenn wir Filme machen, die in Deutschland spielen, dann haben die auch den etwas generelleren und nicht den zeitnahen, unmittelbaren Blick. Das ist auch spannend an der Arbeit mit Matthias Walther und der ndF: Sie haben den Blick von innen, wir von außen. Das ergänzt sich wunderbar."

Weil die Produzenten bereits seit Jahren an gemeinsamen Projekten arbeiten, profitierte man von den Erfahrungswerten und einem beinahe blinden Verständnis und Vertrauen in die Stärken des anderen. "Wir haben eine sehr stringente Struktur, wie die Arbeit unter den Produzenten aufgeteilt ist", berichtet Matthias Walther.

"Bei der Bucharbeit war das in der Tat ein langer Weg der gemeinsamen Findung. Jeder hatte gute Argumente und Einwände. Das machte die Arbeit anstrengender, aber letztendlich aufgrund der vielen Kontrollinstanzen auch besser. Unser Vorteil war, dass wir alle einen vergleichbaren Humor haben und uns gemeinsam mit Horst Müller von ZDF Enterprises mit gleich großem Engagement und Spaß in die Sache gestürzt haben."

Ralph Christians ergänzt: "Michael Schaack passt als Regisseur perfekt in die Produktionsstruktur. Wir haben alle denselben Humor. Man kann von bestem gegenseitigem Einverständnis sprechen, das sich seit der ersten Zusammenarbeit von Michael, Matthias und mir im Jahr 1995 entwickelt hat."

Und so gelang es mit vereinten Kräften, DERRICK - DIE PFLICHT RUFT! nach Fertigstellung des Drehbuchs gerade einmal binnen eines Jahres fertig zu stellen, nachdem der Zeichenprozess im Dezember 2002 begonnen hatte.

Abschließend überlegt Matthias Walther: "Zunächst einmal soll DERRICK - DIE PFLICHT RUFT! bei uns in Deutschland funktionieren. Darauf arbeiten wir mit vereinten Kräften hin. Bei Sony wird ein Soundtrack mit der wunderbaren Musik erscheinen, die Jens Langbein und Robert Schulte Hemming für den Film geschrieben und produzierten haben. Das bietet sich an, wenn die Handlung im Schlagermilieu spielt. Und mit dem Song ,Ich schenk' Dir mein Herz` (von Tina Frank gesungen), durch den Harry Klein der Kopf verdreht wird, haben wir auch einen Hit mit Kultpotential anzubieten. Wie das Ausland reagiert, müssen wir abwarten. Da die Serie in mehr als 100 Länder verkauft wurde, sind wir aber zuversichtlich, auch im internationalen Bereich mitzuspielen."

Szenenfoto
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