Vergiß mein nicht!

Produktionsnotizen

Vor einigen Jahren konfrontierte Pierre Bismuth, ein befreundeter Künstler, Regisseur Michel Gondry mit einer provokanten Idee. Was wäre, wenn man in der Post eine Nachricht fände, die darüber informiert, dass man aus dem Gedächtnis einer anderen Person gelöscht worden war und dass man jetzt nicht länger versuchen sollte, diese zu kontaktieren?

Etwa zur gleichen Zeit las Gondry Charlie Kaufmans Drehbuch zu BEING JOHN MALKOVICH ("Being John Malkovich", 1999) und wollte von diesem Zeitpunkt an einen Film mit dem Autor drehen.

Beide Künstler krempeln in ihren Arbeiten Konventionen völlig um, ob es sich nun um Gondrys viel bewunderte Musikvideos oder um Kaufmans die Realität verbiegende Drehbücher handelt. "Seine Drehbücher inspirieren mich", sagt Gondry. "Bald hatte ich eine völlig andere Vorstellung davon entwickelt, wie ich diesen Film angehen sollte. Es ging nun um Erinnerungen, wie wir durch sie definiert werden, wie unser Leben von ihnen beeinflusst wird. Diese Erinnerungen vor dem Tod zu verlieren, ist eine Tragödie." Charlie Kaufman : "Michel kam mit dieser Idee zu mir. Er fragte mich, ob ich daran arbeiten und daraus ein Drehbuch entwickeln wollte um sie einem Studio vorschlagen zu können. Ich mag Michel und auch seine Videos."

Dieses neue Drehbuch wurde im Originaltitel "Eternal Sunshine of the Spotless Mind" (nach einem Zitat aus einem Gedicht von Alexander Pope) benannt und sollte Romantik, Komödie und Gefühl verbinden - aber zunächst mußste es erst einmal geschrieben werden. "Dafür brauchte ich drei Jahre", gesteht Kaufman. "Ich mußste zunächst einmal dieses andere Skript (Anmerkung: "Adaption") schreiben. Und als ich mich dann schließlich diesem neuen Projekt zuwenden konnte, hatte ich irgendwie keine Ahnung, wie ich es anpacken sollte. Ich glaube, dass mein Verstand sehr logisch arbeitet, aber ich bin nicht unbedingt jemand, der sehr organisiert ist. Meine Arbeit ist normalerweise von Symmetrie geprägt, aber wenn jemand mein Büro sehen könnte ... Es ist nicht so, dass ich von 9 bis 12 schreibe und dann Mittag mache. Bei mir gibt es viele Blockaden und auch Stagnation."

Während Kaufman sich noch bemühte, mit dem Drehbuch zu beginnen, entschied sich Gondry, mit einem anderen Originaldrehbuch des Autors sein Kinoregiedebüt zu absolvieren: HUMAN NATURE - DIE KRONE DER SCHÖPFUNG ("Human Nature", 2001). "Und so begannen wir, gemeinsam zu arbeiten und wir lernten uns dadurch besser kennen", erzählt Kaufman. "Zwischen Charlie und mir besteht ein konstanter Dialog", fügt Gondry hinzu.

"Die beiden ergänzen einander", erklärt Steve Golin, der zuvor BEING JOHN MALKOVICH ("Being John Malkovich", 1999) produziert hatte. "Michel hat ein großes visuelles Talent, aber auch eine große Seele. Die fehlt ja manchmal genau den Künstlern, die einen eher visuellen Background haben, aber bei Michel ist die Menschlichkeit sehr ausgeprägt. Charlie ist vielleicht der fantasievollste Autor, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Er erschafft Figuren und Situationen, die nachvollziehbar, aber sehr ungewöhnlich sind, und seine Ideen sind sehr visuell."

"Charlies Drehbücher bieten immer große Überraschungen, sind intellektuell sehr rigoros, aber auch sehr emotional", ergänzt Anthony Bregman, der zuvor HUMAN NATURE - DIE KRONE DER SCHÖPFUNG produziert hat. "Charakteristisch für Michels Arbeit sind Geschichten, die sich innerhalb von Geschichten entfalten. Dieses Projekt hier zeigte von Beginn an und auf jeder Drehbuchseite starke Einflüsse sowohl des Autors als auch des Regisseurs. Was die Zusammenarbeit mit beiden so spannend macht, ist ihre unglaubliche Vorstellungskraft."

"Unsere frühesten Gespräche, die wir dann kontinuierlich fortsetzten, drehten sich darum, wie stark die Kamera Einfluss nehmen könnte auf die persönliche Realität", erzählt Kaufman. "Ich kenne Michels Videos - einige von ihnen zeigen, wie es im Verstand eines Menschen aussehen könnte. Wir haben uns über Bilder unterhalten, und ich dachte: Das ist es also, was Michel macht - es wird interessant sein zu beobachten, was er mit diesem Stoff erreichen kann. Die Bilder in diesem Film sind sehr ruhig und auch etwas zerbrechlich."

Bregman bemerkt, dass sowohl Gondry als auch Kaufman "gerne mit Einschränkungen spielen. Es macht ihnen Freude, sich von Parametern umschließen zu lassen und dann mit ihnen zu spielen." Mit VERGISS MEIN NICHT! schufen Kaufman und Gondry eine "Lovestory in umgekehrter Entwicklungsrichtung", so die Beschreibung von Anthony Bregman. Wenn der Gedächtnis löschende Prozess von Lacuna Inc. bei Jim Carreys Figur Joel gestartet wird, beginnt sich die turbulente Liebesbeziehung, die er zu Kate Winslets Figur Clementine hatte, zu entfalten - und zwar chronologisch rückwärts.

Die ersten Erinnerungen, die er also noch einmal sieht, sind die jüngsten und damit die vergänglichsten. Wenn jedoch die schmerzlicheren Momente aus dem Gedächtnis getilgt sind, werden die zärtlicheren und glücklicheren Zeiten sichtbar. Und zu diesem Zeitpunkt verliebt sich Joel erneut in Clementine. Das mag ein ungewöhnlicher Ansatz sein, eine Liebesgeschichte zu erzählen, aber laut Kaufman war der Impuls dafür der Wunsch, etwas Realistischeres zu beschreiben: "Ich glaube, dass ich immer etwas machen will, das in meinen Augen Wahrheit oder zumindest Wahrheit in meinem Leben reflektiert. Die meisten Beziehungen im Kino haben nichts mit meinem Leben zu tun. Vielleicht haben sie mit dem Leben der Menschen zu tun, die diese Filme drehen, aber eben nicht mit meinem."

Kaufman entschied sich, mit Gondry nicht über das bevorstehende Projekt zu sprechen, bevor er nicht die erste Drehbuchfassung abgeliefert hatte. "Für Michel war das sehr frustrierend, da ich dafür so lange brauchte. Ich hatte so viele andere Dinge nebenher zu tun. Als ich das Drehbuch schließlich beendet hatte, war mir irgendwie klar, dass dieser Stoff wahrscheinlich weit weniger eine Komödie war als meine früheren Drehbücher."

Bregman erinnert sich, was er nach dem Lesen des fertigen Skripts machte: "Ich schickte Charlie eine E-Mail, gestand ihm darin, dass ich endlich eine Lovestory gelesen hatte, die mir perfekt erzählt schien, eine Lovestory, wie ich sie selbst immer sehen wollte. Sie zeigt Wärme und Emotionen, beginnt an dem Punkt, an dem zwei Menschen voneinander ermüdet sind. Dann geht sie in der Zeit zurück, vermittelt uns, wie es dazu gekommen ist. Zurück zu den Anfängen, zum Moment der ersten Anziehung, des ersten Errötens. Dann umschlingt sie sich selbst, geht zum Ende zurück. Wenn also diese beiden Figuren in ihrer Beziehung zurückgehen, dann tun sie das mit dem Wissen, wie sie sich am Ende entwickeln wird. Vergleichbares hatte ich in keinem Drehbuch je gelesen."

"Man versteht, warum Menschen voneinander angezogen werden", fährt Bregman fort. "Warum man sich verliebt und entliebt, warum man nach langer Zeit in die Banalität einer Beziehung hineingesogen wird. Manches davon ist urkomisch und manches schmerzlich. Man sieht, wie zerbrechlich und instabil Beziehungen tatsächlich sind." Steve Golin erklärt: "Hinsichtlich der Probleme, die es in Beziehungen gibt, ist es ein sehr ehrlicher Film. Man wird Joel und Clementine in dieser Beziehung verstehen können - in den guten wie auch den schlechten Phasen."

Gondrys Ansatz für die Geschichte geht weit über den Beziehungsaspekt hinaus. Er selbst sagt dazu: "Es geht um Erinnerungen, wie sehr wir von ihnen bestimmt werden, wie sie unser Leben beeinflussen und wie tragisch der Verlust von Erinnerungen ist. Jedesmal, wenn bei einer der Figuren die Erinnerungen verblassen, sollte sich das direkt in den Darstellungen widerspiegeln. Deshalb brauchte ich Schauspieler, die bereit dazu waren, erfinderisch zu sein, zu überraschen und selbst überrascht zu werden."

Ein gleichermaßen komisches wie auch philosophisches Drehbuch mußste zwangsläufig die Aufmerksamkeit von Schauspielern und Filmbranche erregen. Als Charlie Kaufman das Drehbuch fertiggestellt hatte, war aus ihm ein mit Preisen ausgezeichneter Autor geworden. dass so lange an dem Drehbuch gearbeitet worden war, vergrößerte die Neugier und Erwartungshaltung zusätzlich. "Um ehrlich zu sein, viele Leute haben das Drehbuch in die Hände bekommen, bevor wir es überhaupt zur Besetzungszwecken in Umlauf bringen konnten", erzählt Golin. Und es wurde immer noch daran gearbeitet, in gewisser Weise handelte es dabei um eine inoffizielle Fassung. Aber es liegt in der Natur Hollywoods, dass Geheimnisse nur schwer bewahrt werden können, und so gelangte das Drehbuch in die Branche." Unter denen, die das Skript gelesen hatten, war auch Jim Carrey, der die Produzenten anrief und unbedingt Joel spielen wollte. "Das war eine gute Situation für uns", bemerkt Golin, "denn damit war unsere Suche für diese Rolle sofort beendet."

Carrey erklärt, was seine Begeisterung auslöste: "Ich bin ein großer Fan von Charlies Arbeit, und das Skript traf einen Nerv bei mir und wird eine ähnliche Reaktion, so glaube ich, bei den meisten auslösen. Obwohl es komplex ist, ist es auch sehr nachvollziehbar. Ich glaube, es ist seine beste Arbeit bisher. Es ist einer dieser seltenen Fälle, in denen man an etwas beteiligt ist, das einen dankbar sein lässt für alle schmerzlichen Erfahrungen. Ich hätte diese Rolle nicht spielen können, ohne sie auch zu leben."

Für Gondry war die Besetzung mit Carrey - mit einem Künstler, der sich durch eine sehr starke Präsenz auszeichnet - perfekt für dieses Projekt. Er wusste, dass dieser eine Menge in die Figur einbringen würde. "Ich glaube, dass man von der Figur sehr überrascht sein wird, die Jim hier verkörpert", fügt Anthony Bregman hinzu. "So einen Charakter hat Jim bisher noch nicht gespielt. In vielen Szenen ist er überhaupt nicht als 'der' Jim Carrey zu erkennen, wie er uns sonst vertraut ist."

"Tatsächlich", so behauptet Hauptdarstellerin Kate Winslet, "spiele ich die Jim-Carrey-Rolle und Jim die Kate-Winslet-Rolle, wenn man das als Maßstab nimmt, was man von uns beiden als Schauspielern vielleicht erwartet. Jim hat aus dieser Figur etwas gemacht, was man von ihm bisher im Kino noch nicht sehen konnte. Hier spielt er eine zurückhaltendere, kontrolliertere Rolle, während ich die absolute Chaotin verkörpere, die Grimassen macht. In diesem Film spielt jeder gegen die Erwartungen, was nur von Vorteil sein kann." Winslet fährt fort: "Ich hatte eigentlich nie wirklich einen Karriereplan. Ich halte immer Ausschau nach etwas, das anders und eine Herausforderung ist. In so einem Film habe ich bisher noch nie gespielt. Das Drehbuch war unglaublich clever, brillant und besaß darüber hinaus auch noch ein großes Herz. Auch die Einfachheit der zentralen Idee, diese zwei Menschen, die sich sehr lieben, war von großer Bedeutung."

"Kate wollte diese Rolle unbedingt spielen", erinnert sich Golin, "und Michel wollte sie auch von Anfang an für diese Figur haben." Und Gondry ergänzt: "Wir brauchten eine sehr talentierte Schauspielerin, denn die Rolle der Clementine ist sehr komplex, sehr präzise vom Drehbuch erfasst und sehr facettenreich. Als ich sie traf, verstanden wir uns auf Anhieb." Die bereits dreimal für einen Oscar® nominierte Schauspielerin stürzte sich auf die Rolle der Clementine: "Sie hat mich völlig ausgelaugt, denn sie ist witzig, überlebensgroß und exzentrisch. Aber letztlich, trotz der verschiedenen Haarfarben, trotz all des grotesken Benehmens, beschreibt Winslet Clementine als "irgendwie verletzlich, scheu und auf der Suche nach ihrer Seele. Sie will herausfinden, wer sie wirklich ist, fühlt sich in ihrer eigenen Haut nicht ganz wohl. Sie ist einerseits überhaupt nicht wie ich und mir andererseits doch in vielen Punkten durchaus ähnlich."

Bregman gibt zu, dass "Kate Winslet und Clementine vieles gemeinsam haben. Beide sind eigensinnig, leidenschaftlich, unvorhersehbar und absolut liebenswert." "Kate ist jemand, von dem man lernen kann", bemerkt Jim Carrey. "Als Schauspielerin ist sie einfach großartig und smart obendrein. Und das Beste ist, dass sie gar nicht so hart ist, wie sie selbst glaubt."

Obwohl Winslet einräumt, dass sie und Jim Carrey auf den ersten Blick "ein wirklich ungewöhnliches Paar abgeben", glaubt sie aber auch, "dass dies nur die Faszination erhöht. Jim liebt es, überrascht zu werden, zu improvisieren und herumzuprobieren, um dann auf etwas zu stoßen, das entweder funktioniert oder eben auch nicht. Das war das Großartige an der Arbeit an diesem Film, wir spielten, spielten und spielten. Manchmal erreichten wir einen Punkt, an dem wir vor Lachen heulten. Ich glaube, manches davon werden sie vielleicht am Ende für den Film benutzen ... Wir haben Michel voll und ganz vertraut."

Die zentrale Liebesgeschichte wird versinnbildlicht durch eine Reihe anderer Charaktere, denen sie in gewisser Weise auch ausgeliefert ist. Gemeint ist das Team, das die Erinnerungen der beiden Hauptfiguren löscht. "Was mich an diesem Abschnitt des Films interessiert hat, war das strukturelle Konzept, mit Zeit zu spielen", enthüllt Charlie Kaufman. "Das alles ereignet sich wirklich in einer einzigen Nacht. Diese Nebenfiguren erleben ihre eigenen kleinen Geschichten in dieser einen Nacht, während die Geschichte von Joel und Clementine sich über zwei Jahre erstreckt. Und diese zwei verschiedenen Geschichten passieren gleichzeitig."

Auch die Nebenrollen zogen talentierte Darsteller an. "Das beweist die Qualität des Stoffes", erklärt Golin. "Das Budget für diesen Film war knapp bemessen, verglichen mit dem der Blockbuster-Filme, in denen einige dieser Schauspieler mitgewirkt haben. Niemand hat diesen Film des Geldes wegen gedreht."

Wie Mark Ruffalo seine Figur Stan, einen der Techniker bei Lacuna, anlegte, gefiel Gondry auf Anhieb. "So etwas wie dieses Skript", gesteht Ruffalo, "hatte ich zuvor noch nicht gelesen. Als ich dann HUMAN NATURE - DIE KRONE DER SCHÖPFUNG gesehen hatte, sagte ich zu mir: 'In diesem Film will ich mitspielen, wie klein auch immer die Rolle ist'. Charlie Kaufman und Michel Gondry sind eine wunderbare Kombination. Michel versteht Charlies Stoffe und die beiden passen einfach zusammen. Charlie kam zu einer unserer Proben, er ist ein unglaublich guter Zuhörer. Er ist neugierig, erkennt das Wesentliche, den roten Faden in den Dingen und macht sich daran, diese Dinge zu entwirren."

Seine Figur sah Ruffalo als "Technik-Freak, der wirklich poetische Vorstellungen über die Liebe hat, aber selbst damit in seinem Leben noch wenige Erfahrungen gemacht hat. Auf diesem Gebiet besitzt er kein großes Selbstvertrauen. Stan ist eher so ein Typ, der dir das Öl wechseln kann, als ein Profi, der bei dieser Technik des Gedächtnislöschens auch weiß, was er tut. Es ist einfach nur ein Job für ihn." Ruffalo fährt fort "Michel hat eine eigene Vision, seine eigene Sicht der Dinge. Er bringt beispielsweise viele Informationen in einer Totalen unter, Menschen etwa, die ins Bild treten, etwas machen und dann wieder ins Off zurückkehren. Und er lässt die Spezialeffekte auch gleich noch auf dem Set einrichten. Und man selbst fragt sich, wie das nur möglich ist. Aber Michel schafft das."

Beim ersten Treffen mit Michel Gondry überraschte Elijah Wood den Regisseur, als er seine Vertrautheit mit und seine Bewunderung für die Arbeiten von Gondry und Kaufman zum Ausdruck brachte. "Ich bin ein großer Fan von beiden", gibt Wood zu. "Für mich war diese Gelegenheit ein Traum. Außerdem schätzte ich mich glücklich, mit Schauspielern zusammenarbeiten zu können, die ich selbst bewundere." Ursprünglich hatte Gondry für die Rolle des Patrick an einen anderen Darstellertyp gedacht, "aber Elijah erwies sich als perfekte Wahl und brachte die Figur einfach zum Leben." Der Schauspieler hatte nach seiner weltweit populären Rolle als Frodo Beutlin in der DER-HERR-DER-RINGE-Trilogie nach einer völlig neuen Herausforderung gesucht. "Die meisten schätzen Patrick sehr schnell als unaufrichtig ein", beschreibt Wood seine Rolle. "Aber er ist kein schlechter Typ. Auf normalem Weg bekommt er wirklich keine Frau, deshalb greift er auf das Wissen eines anderen zurück." Über die Dreharbeiten sagt er: "Auf dem Set war wirkliche Energie spürbar. An den ersten Drehtagen lief die Kamera, ohne dass wir notwendigerweise darüber informiert wurden. Michel ging es darum, reale Momente zu erschaffen, deshalb gab es große Freiheiten hinsichtlich der Art und Weise, wie Szenen gedreht wurden."

Ein Aspekt, der Gondry auffiel, war die Chemie zwischen Wood und Ruffalo. "Es war wie eine Beziehung zwischen großem und kleinem Bruder", erzählt Gondry. "Es machte einfach Spaß, ihnen zuzusehen. Die Haupthandlung kann sehr emotional und intensiv werden, während diese beiden Typen eine wirklich gute Zeit haben." Und Ruffalo ergänzt: "Man sieht, wie Stan und Patrick ungeschickt mit den Dingen umgehen, an ihnen herumwursteln, ihre Ausrüstung herunterfallen lassen und Chips, Coke und anderes Zeug auf den medizinischen Geräten verteilen. Elijah und ich hatten eine wirklich tolle Zeit miteinander."

Charlie Kaufman erklärt den Kontrast zwischen dem kaum noch professionellen Verhalten der Angestellten von Lacuna und dem persönlichen Drama, das sich gleichzeitig entfaltet: "Der Gedanke, der dahinter steckte, war, dass es eben nur ein Job für sie ist. Ich glaube, so fühlt jeder, der im Verkauf oder im Dienstleistungssektor arbeitet. Der Kunde, für den man wirklich arbeitet, ist eigentlich der Feind. Man spricht schlecht über ihn, hasst ihn. Man hat einfach ein sehr bizarres Verhältnis zu jenen, denen man eigentlich zu Diensten sein soll. In diesem konkreten Fall zu jemandem, der bewusstlos ist. Man tritt in Joes Gedankenwelt ein, erkennt das absolute Trauma, das er gerade durchmacht, und dann geht man wieder in die Außenwelt zurück. Und dort machen sie, was sie machen müssen, ohne etwas dabei zu empfinden. Das hielt ich für einen guten und witzigen Kontrast. Gleichzeitig ist es auch irgendwie tragisch. Denn man sieht, wie schwer es ist, Menschen dazu zu bringen, ihr eigenes Leben einmal hinter sich zu lassen und sich um andere zu kümmern. Der Mittelpunkt ihres Lebens sind ihre eigenen Dramen."

Kirsten Dunst ergänzt als Mary das "Hilfspersonal", von dem Joel in seinem Apartment umgeben ist. Ihre Figur ist Sekretärin bei Lacuna (und heimliche Bewunderin von Dr. Mierzwiak). Sie trifft eine schicksalhafte Entscheidung, um den Prozess des Gedächtnislöschens aus erster Hand miterleben zu können. Die Schauspielerin gehörte zu den Leuten, die noch weit vor Beginn der Dreharbeiten das Drehbuch in die Hände bekommen hatten. "Ich habe es 2001 gelesen", berichtet Dunst. "Charlie erfindet so unglaubliche Charaktere. Ich habe es in einem Stück durchgelesen und zu mir gesagt: 'Diesen Film will ich machen'. Meine Lieblingsverfilmung eines Drehbuchs von Charlie Kaufman ist Michels HUMAN NATURE - DIE KRONE DER SCHÖPFUNG. Ich war ein großer Fan von beiden Künstlern. Ich glaube, dass Michel mich zunächst für zu jung hielt. Zwei Jahre später wurde das Projekt dann aber erst Realität und so konnte ich schließlich darin mitwirken."

Gondry erinnert sich, wie überrascht er von der Reife war, die Dunst in ihrer Rolle erkennen ließ: "Meine größten Bedenken waren, dass sie keinerlei Sorgen zu haben schien. Aber sie ist sehr intellektuell, und als ich ihr riet, sich etwas düsterer als sonst zu geben, hat sie auch das großartig bewältigt." Dunst fand Gondry "wirklich witzig. Er hat ein sehr gutes Auge, ist sehr intuitiv, kennt sich im ganzen Spektrum des Filmemachens aus, von der visuellen Gestaltung bis hin zu den Gefühlen. Es gab auf diesem Set keine Egos. Wir drehten sehr schnell, was ich liebte. Wenn wir eine Szene drehten, wurden die Einstellungen für jeden Darsteller zur gleichen Zeit gemacht. Wir drehten Take für Take hintereinander ab. Wenn man wie ich von Big-Budget-Filmen kommt, wo schon eine Szene fünf Stunden dauert, ist es sehr erfrischend, in einem Film wie diesem mitspielen zu können. Es ist gut für die eigene Darstellung und reißt einen nicht aus der Rolle heraus."

Der Oscar®-nominierte Tom Wilkinson hatte bereits BEING JOHN MALKOVICH bewundert und fand auch das neue Drehbuch von Charlie Kaufman "wunderbar geschrieben, enorm intelligent, sehr, sehr witzig und auch berührend. Ich war sehr begeistert davon, in diesem Film mitwirken zu können. Jim Carrey zu treffen und mit ihm arbeiten zu können, war eine Offenbarung für mich. Und überhaupt besteht die ganze Besetzung aus sehr talentierten Akteuren."

Wilkinsons Besetzung als Dr. Mierzwiak, Chef von Lacuna, erwies sich als echter Coup. "Er verleiht diesem Eingriff des Gedächtnislöschens, der manchen Zuschauern als etwas zu futuristisch erscheinen mag, eine unglaubliche Ernsthaftigkeit und Seriösität", erklärt Bregman. "Wenn man Wilkinson darüber reden hört, strahlt das eine absolute Glaubwürdigkeit und Entschiedenheit aus."

Auch Wilkinson teilt die Einschätzung seiner Kollegen über das Drehtempo und den Regiestil von Gondry: "Michel ähnelt keinem Regisseur, mit dem ich bisher zusammengearbeitet habe. Sein Ansatz ist ziemlich unorthodox, aber im Falle eines Zweifels vertraut man ihm, weil man weiß, dass er etwas Aufregendes daraus machen wird. Man wird nicht mit übermäßigen Proben belastet und kann nie sicher sein, wo die Kamera platziert sein wird. Sehr häufig lässt er die Kamera schon dann laufen, wenn man eine Szene zum ersten Mal versucht. Mir gefällt das, denn meiner Erfahrung nach liefert man häufig schon während der Proben seine beste Arbeit ab. Und in diesen Fällen habe ich mich immer gefragt, warum denn eigentlich die Kamera nicht lief. Michel stoppt die Kamera nicht. So kann man zwei oder drei Takes ohne Unterbrechung drehen. Zu Anfang war das etwas irritierend, weil man nie sicher weiß, wie weit man in einer bestimmten Szene gehen kann. Sehr häufig war es der Fall, dass die Kamera weiterlief, bis eine neue Filmrolle eingelegt werden mußste. Aber wenn man völlig aus sich herausgehen wollte, konnte man das auch tun. Er war da sehr flexibel. Wenn man eine Einstellung noch einmal drehen wollte, eine andere Idee als er zu einer Szene hatte, ließ Michel das zu. Deshalb war es ein Traum, mit ihm zu arbeiten."

"Was mich immer noch an dieser Branche interessiert, sind die unterschiedlichen kreativen Methoden der Regisseure", erzählt Produzent Golin. "Als Regisseur ist Michel sehr flexibel. Häufig entwickelt er Ideen erst auf dem Set. Einige Filmemacher können sehr rigide sein, haben alles bereits komplett durchdacht, wollen nicht wirklich, dass im großen Stil am Set improvisiert oder adaptiert wird. Michel hat zwar eine allgemeine Vorstellung von dem, was er am Set drehen wird, aber er mag es, wenn sich eine Idee entwickeln kann, wenn die Schauspieler große Freiheit in ihrer Arbeit besitzen. Er passt dann die Idee seinen Wünschen an, weitet sie aus oder schränkt sie ein."

Das Konzept, dass Erinnerungen gelöscht werden können, war Inspiration für viele kraftvolle visuelle Momente. "Michels Arbeitsmethode funktioniert sehr gut hinsichtlich der Reproduktion dessen, was im Verstand vor sich geht", glaubt Bregman. "Denn auch das Gedächtnis funktioniert nonlinear. Aus kleinen Dingen und Eindrücken entsteht Erinnerung. Szenen und Charaktere sind hier irgendwie auf impressionistische Art verbunden. Weil dies ein Film über Erinnerungen ist, materialisiert sich der intuitive Weg, auf dem sich Dinge und Ereignisse aus der Vergangenheit verbinden, innerhalb der Szenen. Michels Verstand arbeitet auf sehr ungewöhnliche Weise, greift auf Teile des Gehirns zurück, die für die meisten von uns unerreichbar sind. Ich glaube, dass Michel, wenn er Szenen entwirft, sich zunächst an das Drehbuch hält und dann überlegt, wie er das Skript an visuelle Ideen anpassen kann und umgekehrt."

"Regisseure müssen visuell denken, aber Michel ist hyper-visuell", ergänzt Produktionsdesigner Dan Leigh. "Er hat immer eine Kamera dabei. Eines Abends beim Essen nahm er eine Orangenscheibe aus einem Drink und hielt sie vor die Linse. Außerdem schoss er Fotos von seiner Freundin durch eine Flasche."

Von Requisiten einmal abgesehen, erwies sich schon allein das Erzählen einer Lovestory, die sich vor, während und nach dem Auslöschen von Erinnerungen entfaltet, als kreative Herausforderung. Gondry wollte einen Film so wirklichkeitsnah wie möglich drehen. "Sogar eine Geschichte, die pure Science-Fiction ist, sollte glaubwürdig sein", so der Regisseur. Gondrys erster Spielfilm, HUMAN NATURE - DIE KRONE DER SCHÖPFUNG, war eine Art Fabel, wurde unter kontrollierten Bedingungen mit artifiziell aussehenden Sets gedreht. Für VERGISS MEIN NICHT! ließ sich Gondry auf einen komplett konträren Ansatz ein. Er wollte "nie eine vorgefasste Idee davon haben, wie etwas sein oder aussehen sollte, wollte immer offen für alle Möglichkeiten bleiben."

Letztendlich entstand der Film mit nur wenigen speziellen oder artifiziellen Techniken und wurde in einem annähernd dokumentarischen Stil gedreht. Gondry entschied sich für "Effekte, die unauffällig, technisch unaufwändig, aber trotzdem spektakulär sein sollten." Dieser eher organische und handgemachte Ansatz würde Illusionen einschließen, die in der Kamera realisiert wurden, und Tricks, die bereits am Set entstanden. Gondry fühlte sich wohl mit dieser Methode, hatte im Laufe seiner Karriere so schon immer wieder gearbeitet. Als sich sein Interesse am Filmemachen zu entwickeln begann, kaufte er sich, um Menschen zu filmen, eine 16-Millimeter-Kamera.

"Damals drehte ich nichts, wenn ich nicht selbst einen Weg oder eine Lösung finden konnte." Aus diesem autodidaktischen Hintergrund entwickelte er die Maxime "bei der Lösung eines Problems immer auf den eigenen Einfallsreichtum zurückzugreifen." Und das war auch das grundlegende Arbeitsprinzip für seinen neuen Film. Und wo könnte man so etwas besser drehen als in New York, an einem Drehort, der Filmemacher immer ermutigt, schnell zu reagieren. "Ein toller Drehort", meint Gondry, "man ist immer von Energie umgeben."

Für New York entschied man sich schon früh in der Vorbereitungsphase. Es sollte "alles möglichst realistisch und nicht beschönigt wirken", erklärt Bregman. "So ein Gefühl, so einen Look bekommt man an keinem anderen Drehort. Ohne großen Aufwand erhält man dort eine Menge Bildmaterial und Produktionsqualität. In Los Angeles oder einer anderen Stadt ist das nicht zu schaffen. Wir haben uns auch bemüht, Leute zu engagieren, die in New York leben." Dazu zählt auch Ellen Kuras, die zu den angesehensten Kameraleuten des Independentfilms gehört.

Obwohl ein Großteil des Films nicht notwendigerweise im Zentrum New Yorks, sondern eher in Vororten angesiedelt ist, waren die Energie und das Gefühl der Stadt vorteilhaft für die Dreharbeiten. Wichtige Szenen wurden gedreht an der Grand Street in Manhattans Lower East Side (hier befinden sich die Büros von Lacuna Inc.), in Yonkers (für Joels Apartment), in Williamsburg (für Clementines Apartment) und in der Grand Central Station. Besetzung und Crew verbrachten auch eine Woche in Montauk, auf Long Island, um die Szenen, die in Montauk und am Strand spielen, zu filmen. Die Dreharbeiten begannen am 13. Januar 2003 und wurden am 3. April beendet. "Es war eine große Herausforderung", erinnert sich Golin. "Wir waren oft über Nacht draußen beim Drehen und das während eines Winters, der zu den kältesten gehörte, den die großartigste Stadt der Welt je erlebte."

Gondry aber fand die widrigen Wetterumstände als sehr passend für den Film: "Laut Drehbuch schneit es eine Menge. Als wir uns nach geeigneten Drehorten umsahen, erkannten wir, dass künstlicher Schnee zuviel kosten und nicht realistisch aussehen würde. Deshalb entfernten wir den Schnee aus dem Skript. Charlie selbst übernahm das. Aber als wir dann zu drehen begannen, schneite es auf wunderliche Weise fortwährend. Das haben wir für uns ausgenutzt." Einer der Vorteile des Klimas war beispielsweise, dass man für die Szenen am Charles River an einem tatsächlich zugefrorenen See nördlich von New York drehen konnte. "Jedesmal, wenn die Schauspieler sprachen", ergänzt Gondry begeistert, "sah man ihren heißen Atem. Das hat den Film sehr lebendig und real gemacht."

Die Produktion zwang keinem Originalschauplatz ihren Look oder Stil auf. Stattdessen bestimmte die Realität über die Rolle Film. In der Vorbereitungsphase besuchten Gondry, Leigh und andere Crewmitglieder verschiedene Locations. Diese für New York so typischen Schauplätze wurden auf Video festgehalten, ob es sich nun um den Strand in Montauk, einen großen Besitz in Wainscott, eine Bar in Brooklyn, den Madison Square Park oder die U-Bahn-Station an der 125. Straße handelte. Diese Videos nahmen dann darauf Einfluss, wie diese Szenen letztendlich gedreht, wie die Statisten aussehen und von Kostümdesignerin Melissa Toth und ihrem Team eingekleidet würden.

Sogar für die Kopfapparatur des Gerätes zum Gedächtnislöschen, für die man leicht eine völlig exotische Form hätte finden können, ließ man sich von der Realität inspirieren. Leigh und Gondry trafen sich mit einem Neurochirurgen vom Mount Sinai Hospital in Manhattan, um Ideen für das Design des Helms sammeln zu können. Eine Anregung fanden sie schließlich bei einem Gerät, das Neurochirurgen zum Scannen von komplizierten Gehirntumoren verwenden. Fotos dieser helmartigen Apparatur gingen an die Ausstatter. Dann ließ man Recherchen im Internet in die Entwicklung kleiner Modelle einfließen, die für Gondry vorbereitet wurden. Das fertige Modell im richtigen Format fasste die verschiedensten Ideen in sich zusammen, basierte aber immer noch schwerpunktmäßig auf dem realen Vorbild.

"Michel ließ zu, dass sich die Dinge auf sehr organische Art entwickelten", ergänzt Charlie Kaufman. "Mir gefällt an ihm, dass er technisch brillant ist und sich trotzdem so sehr für das Menschliche interessiert. Das ist eine wirklich ungewöhnliche Kombination." Jeder dachte ganz bewusst daran, die Story nicht mit visuellen Elementen zu überschatten. Anfangs diskutierte man noch darüber, ob der Hauptsitz von Lacuna einen glatten High-Tech-Look erhalten sollte. "Michel war der Erste, der zu erkennen gab, dass er gerade das nicht wollte", erinnert sich Leigh. "Er wollte es nicht wie Normalmedizin aussehen lassen. Es sollte wie eine noch nicht etablierte und auch nicht großartig budgetierte Therapieform wirken. Indem man sogar die Büroausrüstung vertraut aussehen ließ, wurde erreicht, dass der Zuschauer sich wohl fühlte. Wenn man dann mit den eher unrealistischen Dingen anfängt, ist der Zuschauer leichter zugänglich."

"Das bedeutet, dass man der Geschichte und den Figuren folgt und nicht von einem verrückten Gerät abgelenkt wird. Ich erinnere mich, dass mir Michel bereits beim ersten Treffen sagte, dass man nie aus den Augen verlieren sollte, dass es bei diesem Film um die Beziehung dieser beiden Menschen geht. Und daran hat er sich konsequent gehalten. Michel fragte mich nach meiner bevorzugten Arbeitsweise", erinnert sich der Produktionsdesigner an dieses erste gemeinsame Treffen. "Ich sagte ihm, dass für mich das Wichtigste die Arbeit der Schauspieler wäre. Riesige Architektur und die damit verbundene Aufbauarbeit interessiert mich nicht wirklich. Ich stelle sicher, dass alles, was ich tue, im Dienst der Charaktere steht, ihnen förderlich ist und den Schauspielern bei ihrer Darstellung hilft. Denn im Kino geht es um Menschen. Michel wollte einen wirklichkeitsnahen Film, auch in den Gefühlen, sogar wenn man sich im Stadium der Erinnerung befindet. Das war für ihn von entscheidender Bedeutung. Je realistischer der Film wirkte, desto erfolgreicher würde auch die Gefühlswelt der Erinnerungen vermittelt werden."

Das Übereinanderlegen von Szenen, die benötigt wurden, um Joels labyrinthische Erinnerungen abzubilden, erforderte die Konzeption und die Entwicklung ungewöhnlicher Szenenübergänge. "Wir saßen stundenlang mit Michel zusammen, als er uns die Übergänge beschrieb, die er sich vorgestellt hatte", erinnert sich Leigh. "Viele davon standen nicht im Drehbuch, waren schwer von ihrem finanziellen Aufwand her einzuschätzen und zu realisieren. Darüber hinaus sollten sie auch noch am Drehort verwirklicht werden. dass unser Budget limitiert war, hat die Kreativität nur gefördert. Die Dinge wurden einfacher und um vieles magischer. Statt uns auf digitale Tricks einzulassen, griffen wir auf viele wirklich alte Techniken des Filmemachens zurück, ganz besonders auf solche, mit französischem Ursprung. Michel kennt viele dieser frühen Techniken, die uns nicht vertraut waren oder die wir fast vergessen hatten. Die Szene am Küchentisch beispielsweise wird als wirklich kompliziert eingeschätzt werden. Tatsächlich basiert sie auf einem optischen Trick, der bereits in der Renaissance-Zeit eingesetzt wurde. In Museen findet man manchmal ähnliche Installationen. Es handelt sich um eine Verzerrungskammer, und vom Design bis zur Realisierung des Tricks benötigten wir nur fünf Tage."

"Was Michel macht", ergänzt Kate Winslet, "habe ich zuvor noch nie gesehen. Wie er etwa das Licht ein wenig verzerrt oder Glasscheiben einsetzt. Ich bin im Bild und verschwinde plötzlich vor aller Augen. Es ist wie Zauberei."

"Michel kennt sich unglaublich gut mit dem Licht und der Kamera aus", erklärt Leigh. "Diese Art Ideen sind ihm sehr nahe und vertraut. Deshalb besitzt er auch ein so großes Wissen über sie und kann sie für Tricksequenzen einsetzen." Auch Leigh selbst hatte einige Tricks auf Lager, wie er ausführt: "Ich komme vom Theater und habe einen Abschluss im Bühnendesign. Deshalb kenne ich einige Bühnentechniken, die Illusionen erzeugen. Vor vielen Jahren habe ich für zwei Zauberer als Designer gearbeitet und dabei einiges über Illusionen gelernt."

Dieser Ansatz mit zurückhaltender Technik und großer Kreativität machte auch den Schauspielern großen Spaß. "Normalerweise werden Digitaleffekte in der Postproduktion verwirklicht und kosten die Studios eine Menge Geld", erzählt Winslet. "Michel dagegen nahm Papier zu Hand, machte daraus etwas, das wie Origami aussah, platzierte es vor die Kamera und erreichte damit die außergewöhnlichsten Effekte. Das beobachten und ein Teil davon sein zu können, war einfach großartig."

Winslet war auch früh an der Entscheidung beteiligt, wie ihre Figur aussehen und aus welchem Umfeld sie stammen würde. "Das Aussehen definiert diese Figur ganz entscheidend. Meine Möglichkeiten der Vorbereitung waren begrenzt. Ich wusste, dass ich nie ganz diese Figur sein konnte, bevor ich nicht diese Perücken, Handschuhe und Ringe tragen konnte. Melissa Toth und ich haben gemeinsam den Look für diese Figur entwickelt. Dabei ging es darum, eine Balance zu finden. Das Offensichtliche wäre gewesen, sie schon in ihrem Aussehen komplett verrückt erscheinen zu lassen, aber das wäre nicht realistisch gewesen."

Und Leigh fügt hinzu: "In der Vorproduktionsphase habe ich mich mit Kate einige Zeit lang über Clementine unterhalten. Das gehörte einfach zu ihrem Prozess, diesen Charakter verstehen zu lernen. Eine Woche, bevor wir in Clementines Apartment drehten, kam Kate vorbei, um es sich selbst anzusehen. Sie hat dann meinen Leuten eine Reihe von Vorschlägen gemacht. Sie fühlte sich dort gleich wie zu Hause, formte aus Aluminium einen kleinen Becher, stellte diesen auf ein Regal und machte noch eine Reihe ähnlicher Dinge. Weil Clementine ihre Haarfarbe permanent wechselt und ganz offensichtlich jemand ist, der sich nicht an etwas oder jemanden binden kann, haben wir das unterschwellig angedeutet und ihr Apartment in zehn verschiedenen Farben gestrichen. Nicht viele Regisseure hätten so etwas erlaubt, aber Michel gab mir großen Freiraum. Als Kate es gesehen hatte, stimmte sie sofort zu."

"Joels Apartment dagegen", führt Leigh weiter aus, "ist nur in Cremefarbe gehalten, sehr ordentlich und auch ein bisschen langweilig. Es ist irgendwie wie nirgendwo, und so denkt Joel wahrscheinlich auch von sich selbst. Schon früh gab Jim einige Anregungen, welche Dinge er in der Wohnung gerne haben würde. Er wollte die Präsenz von Groucho Marx spüren (die sich schließlich in Form einer Bauchrednerpuppe manifestierte, die in den Siebzigerjahren nach Grouchos Vorbild auf den Markt gekommen war).

Außerdem wollte er ein Bild, in dem ein Asteroid auf die Erde zuraste, und das war es dann aber auch schon. Erst einen Tag, bevor wir in Joels Apartment drehen wollten, hat es sich Jim angesehen. Er ging herum, war sehr höflich, setzte sich an den Küchentisch, bestellte sich Essen von einem Lieferservice und nahm es dort auch zu sich. Er machte es sich gemütlich wie zu Hause. Er hat auch einige der Sketche in Joels Journal gezeichnet, und die waren ziemlich gut."

"Details waren extrem wichtig für uns", erinnert sich Carrey. "Ich habe eine Menge Sketche für Joels Bücher gemacht, seine Gedanken niedergeschrieben, oder vielleicht waren es auch meine eigenen Gedanken. Paul Proch hat viele der Zeichnungen im Haus und für den Film angefertigt. Das machte alles sehr realistisch."

Leigh klärt auf, "dass das richtige Apartment sich in Yonkers befand. Aus praktischen Gründen mußsten wir eine Kopie davon im Studio aufbauen. So war es für die Kamera leichter zugänglich, und Michel hatte mehr Zeit, mit den Schauspielern zu arbeiten. In der Regel entwickelte er die Bildübergänge in seiner Vorstellung, nichts davon stand im Drehbuch. Er hatte keine Ahnung, wo er die Kamera platzieren und wie genau er alles inszenieren würde. Das entschied er erst beim Drehen, und wir mußsten alles dafür tun, dies auch zu ermöglichen. Allerdings wusste er ganz genau, wie sich im Schnitt alles zusammenfügen würde." Um das zu erreichen, arbeitete Gondry eng mit Cutterin Valdís Óskarsdóttir zusammen, die als Veteranin der experimentellen Dogma-Filme für alle kreativen Montagekonzepte Gondrys bereit war.

Das Problem, das Verschwinden von Joels fühlbaren Erinnerungen auch physisch deutlich zu machen, wurde ziemlich pragmatisch gelöst. Häufig entfernte man einfach bestimmte Requisiten vom Set oder schränkte die Räumlichkeiten ein. "Es mußste auffallen, wenn Dinge verschwanden", erklärt Leigh. "Das Problem dabei war, dass Michel uns nie rechtzeitig vorher instruieren konnte, was er entfernen wollte. Deshalb mußste ich sicherstellen, dass ein Set, auch wenn es leer war, visuell immer noch interessant blieb, dass noch etwas von dem Menschen, der dort auch lebte, vorhanden war."

Eine Quelle der Inspiration war für Gondry das Kino. "Ich glaube nicht", so Leigh, "dass sich Michel jemals auf einen anderen Film bezogen hat. Aber wir, das heißt Ellen Kuras, Michel und ich, haben uns Filme angesehen, die nicht richtig gelagert worden waren und deren Bildqualität deshalb stark nachgelassen hatte. Wir unterhielten uns darüber, wie wir Erinnerungen verblassen lassen konnten."

"Michel ist ein visuelles Genie", begeistert sich Winslet. "Er ist geheimnisvoll und zur gleichen Zeit gründlich. Die Regisseure, mit denen ich bisher gedreht habe, waren entweder das eine oder das andere. Er aber vereint beides in sich. Zum Ende der Dreharbeiten habe ich nicht mehr auf den täglichen Drehplan gesehen. Ich wusste, dass Michel sich etwas zusammengeträumt hatte und es auch jedem vermitteln würde, wenn er zur Arbeit auf dem Set eintraf. Wir haben sehr gründlich geprobt, kannten deshalb unsere Charaktere genau, wussten, wie sie sich emotional verhalten und verändern würden. Und dann kam Michel mit seinen visuellen Einfällen. Es war aufregend und ein großes Vergnügen."

"Gondrys Spontanität passte sehr gut zu der natürlichen Wirkung, die er für VERGISS MEIN NICHT! anstrebte", erzählt Golin. "Wir hatten ein knappes Budget und einen straffen Drehplan. Manchmal entstand etwas Gedrängel, wenn Michel am Drehtag mit einer Idee ankam. Wir waren alle immer auf dem Sprung, weil wir wussten, das sich alles in jedem Moment verändern konnte. Aber diese Atmosphäre unterstützte Michel dabei, was er kreativ zu erreichen versuchte. Unsere Aufgabe war es, ihm dabei zu helfen, seine Wünsche umzusetzen." Auch Leigh stimmt dem zu: "Diese Arbeitsweise finde ich sehr anspornend und ich würde es sofort wieder so machen. Normalerweise ist ein Film bis ins letzte Detail geplant, so dass man selten so viel Flexibilität hat wie wir hier."

"Die Crew war sehr aufgeschlossen gegenüber meinen in der letzten Minute eingebrachten Vorschlägen", erinnert sich Gondry. "So etwas während der Dreharbeiten zu machen, ist problematisch, aber jeder verstand, dass wir spontan sein wollten. Ich habe versucht, kein allzu großer Kontrollfreak zu sein und Unfälle einfach auch zuzulassen. Wir haben mit einigen Szenen begonnen, die ganz offensichtlich unmöglich zu realisieren waren, und nach und nach erreichten wir schließlich einen Punkt, an dem wir Dinge taten, die wir nie für möglich gehalten hatten."

Besetzung und Crew waren also auf alles vorbereitet, ob es nun Schnee und eiskalte Temperaturen gab, oder Schauspieler durch falsche Türen verschwanden. Und natürlich auch auf das Spülbecken - in dem Jim Carrey und Kate Winslet ein Bad nahmen.

Das Einzige, womit sich das noch übertreffen ließ, war, sich einem Zirkus anzuschließen. Eines Nachmittags auf dem Set in Manhattan bemerkte jemand, dass der berühmte Zirkus Ringling Bros. and Barnum & Bailey nicht nur in der Stadt war, sondern auch seine jährliche mitternächtliche Elefantenparade durch die 34. Straße genau in dieser Nacht abhalten wollte. Ein paar Stunden später konnte man dort Schauspieler und Crew finden, die eine Szene mit Joel und Clementine während der Parade drehten. Bei den Dreharbeiten von VERGISS MEIN NICHT! verbanden sich Präzision und Spontanität, wie man es auch bei einem Zirkus findet. Und jeder, der an dieser filmischen 'Achterbahnfahrt' teilnahm, hatte seinen Spaß daran.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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