Before Sunset

Produktionsnotizen

Als "Before Sunrise" 1995 in die Kinos kam, feierten die Kritiker ihn als höchst ungewöhnliche Liebesgeschichte - ein Abend, den wir mit den Augen zweier Fremder erleben, die durch eine ihnen fremde Stadt wandern und sich dabei näher kommen. Die Zuschauer fühlten sich an das prickelnde Versprechen der Jugend erinnert, das zwei junge Menschen spontan in einem Zug zusammenführt: Sie verbringen die Nacht mit Gesprächen über Gott und die Welt.

"Irgendwie wirkte das wie eine Anti-Hollywood-Romanze", sagt Regisseur Richard Linklater über seinen dritten Film (nach "Slacker" und "Dazed and Confused"). "Einfach gesagt: Das ist eine Lovestory für Realisten. Wir versuchen die Realität einzufangen - die Geschichte passt eher ins wirkliche Leben der Zuschauer als in einen Film. Wahrscheinlich empfinden die Menschen, die sich davon angesprochen fühlen, genauso wie wir, und deswegen wollen wir herausfinden, was mit diesen beiden Figuren weiter geschieht."

Wahrscheinlich kam der dokumentarische Charakter des Films noch besser an als Linklaters bisherige Filme, denn Jesses und Celines Beziehung spiegelt erstaunlich präzise den Rhythmus und die subtilen Feinheiten tatsächlicher Liebesbegegnungen wider. "Ich sehe unsere Filmfiguren als die Archetypen von Mann und Frau", kommentiert Hawke. "Wir sprechen eher über das Wesen von Beziehungen, als dass wir konkret werden. Die Zuschauer erleben die beiden ja nie in ihrem Alltag. Wir bekommen nur einige wenige Bruchstücke mit."

Vor dem ersten Film schrieb Linklater Hawke einen Brief: "Er stellte fest, dass er noch nie die Action, die dramatischen und gewalttätigen Situationen erlebt hätte, die in so vielen Filmen dargestellt werden, aber trotzdem komme ihm sein Leben sehr dramatisch vor", erinnert sich Hawke, der in fünf Linklater-Filmen aufgetreten ist (neben "Before Sunrise" und der Fortsetzung auch in "Newton Boys", "Tape" und "Waking Life"). Der Schauspieler verbuchte aktuell begeisterte Kritiken für seine Leistung als Partner von Denzel Washington in "Training Day". "Als Filmthema wählte Richard den ernsthaften Versuch zweier Menschen, einander wirklich zu verstehen", fährt Hawke fort. "Und genau das ist die Botschaft beider Filme - die Dramatik entsteht aus einer normalen, natürlichen Lebenssituation."

"Diese ganz besondere, sehr poetische Stimmung ging uns sehr zu Herzen", berichtet Produzentin Anne Walker, die mit Linklater seit seinem ersten Film zusammenarbeitet. "Wir hatten damals gleich das Gefühl, etwas Einzigartiges zu machen - so hatte es das noch nicht gegeben. Wir sind überzeugt, dass der Film Erfolg hatte, weil er so allgemeingültig, so zeitlos ist. Jeder hat schon einmal etwas Ähnliches erlebt, und genau das wollten wir im ersten Film einfangen: den Moment, in dem wir jemanden kennen lernen und etwas Unfassbares in uns vorgeht."

Seit Fertigstellung von "Before Sunrise" haben die Hauptverantwortlichen Hawke, Julie Delpy und Linklater immer wieder über die Möglichkeit eines Sequels nachgedacht, das man vielleicht sogar zu einer ganzen Serie ausbauen könnte. "Vom zweiten Film haben wir bereits bei den Dreharbeiten des ersten geträumt", berichtet Hawke. "Wäre das nicht interessant, diese beiden nach ein paar Jahren wiederzusehen? Daraus ergäbe sich ein gewaltiges Dokument über Liebe und Beziehungen, das zwei Schauspieler durch ihr Leben begleitet. Das ist der Traum. Jedenfalls bringt es Spaß, wieder in die Rolle zu schlüpfen. Auf diese Weise denkt man auch über sich selbst nach, wie man sich verändert."

Delpy empfand ihr eigenes Leben als irgendwie unfertig, weil das Versprechen der beiden Filmhelden am Ende nicht eingelöst wird. "Das Ende bleibt offen", sagt sie. "Sie gehen auseinander, und wir hatten das Gefühl, dass da auch in unserem Leben etwas fehlte, irgendetwas blieb unvollendet, was richtig merkwürdig war. Ich freue mich riesig, dass wir das jetzt nachholen können."

Alle Beteiligten beschäftigten sich auch weiterhin mit den Filmfiguren Jesse und Celine, und bei jedem Treffen sprachen sie über die Richtung, die ihre Geschichte zukünftig einschlagen sollte. Unzählige Möglichkeiten wurden in den folgenden Jahren durchgespielt, und aus ihnen erwuchs die Idee, die Handlung eins zu eins auf die Filmlänge zu beschränken: anderthalb Stunden aus dem Leben von Jesse und Celine in Echtzeit. "In dem Moment wussten wir, dass es funktioniert", kommentiert Hawke. "Die Vorgabe, einen Lebensabschnitt zu erzählen, bekommt dadurch eine neue Dimension."

Nachdem Delpy und Hawke in Linklaters Film "Waking Life" 2001 einen Gastauftritt absolviert hatten, nahmen ihre Pläne konkretere Formen an, und über den Zeitraum mehrerer Tage entwickelte das Trio in Los Angeles ein detailliertes Konzept. Anschließend tauschte man sich per E-Mail aus, weitere Treffen in New York und Los Angeles folgten. "Wir gingen erstmal schwanger mit unserer Idee", sagt Hawke. "Rick sagte immer wieder: ,Versucht mal darüber etwas zu schreiben, versucht mal über jenes etwas zu schreiben', und eines Tages präsentierte Julie uns Massen von Dialogen, und da kamen wir erst richtig in Fahrt."

"Plötzlich schickte Julie immer mehr E-Mails mit Monologen für Celine", erinnert sich Linklater. "Julie ist unglaublich kreativ, wenn sie sich in ihre Figur hineindenkt und das aufschreibt, und viele Texte waren urkomisch, absolut echt und sehr tiefsinnig. Dann schickte auch Ethan Texte. Als Autoren haben sie wirklich ihr Innerstes durchforscht."

Am Ende von "Before Sunrise" verabschieden sich die beiden mit dem Versprechen, sich in einem halben Jahr wiederzutreffen. "Before Sunset" beginnt etwas über neun Jahre später in einer Pariser Buchhandlung.

"In ,Before Sunrise' geht es um zwei junge Leute, die sich in einem Zug kennen lernen und einfach eine Nacht miteinander verbringen", erklärt Hawke. "Was sie erleben, ist so zauberhaft und überwältigend, dass sie am Ende beschließen, sich nicht zu schreiben und auch den Kontakt nicht zu suchen. Denn sie haben Angst, dass der Zauber dadurch verfliegen könnte. Stattdessen wollen sie sich in exakt sechs Monaten wiedertreffen. So endet der erste Film. Der zweite beginnt neun Jahre später, und Jesse hat inzwischen ein Buch über jene Nacht geschrieben. Und Celine taucht auf, als er daraus vorliest." "Beide leben ihr eigenes Leben", fügt Delpy hinzu. "Sie haben völlig verschiedene Wege eingeschlagen, ihre Persönlichkeiten haben sich komplex entwickelt. In ,Before Sunrise' lebten sie noch in einer Traumwelt, glaubten in die Zukunft schauen zu können. Jetzt geht es darum, den Augenblick auszukosten."

Als die Lesestunde vorbei ist, bleibt Jesse nur sehr wenig Zeit, bevor er am Flughafen für seinen Rückflug nach New York einchecken mußs. Celine, die in Paris lebt, ist bereit, bei einer Tasse Kaffee die verbleibende Zeit mit ihm zu verbringen. "Er hat einen Roman geschrieben, seine Lesereise ist abgeschlossen, abends fliegt er zurück", kommentiert Linklater. "Dadurch haben sie noch weniger Zeit als damals. Mehr oder weniger dauert ihre Begegnung so lang wie der Film. Ihnen bleiben 85 Minuten, bevor er ins Taxi zum Flughafen steigt."

"Als kleines Kind wollte ich Politikerin werden", erklärt Delpy. "Davon habe ich geträumt. Doch ich habe das später nicht weiter verfolgt, weil ich schon sehr früh Schauspielerin geworden bin und mir das Spaß macht. Ich bedauere also gar nichts, aber es ist natürlich aufregend und interessant, wenn man dann im Film das werden darf, wovon man immer geträumt hat. In der Realität kann ich meine Träume nicht alle vollständig ausleben, aber als Celine kann ich auf der Klaviatur all dieser Gefühle spielen. Ich möchte sie als Vertreterin einer Generation von Frauen zeigen, die sehr unabhängig, aber trotzdem noch sehr sensibel sind."

"Beide leben in einer festen Beziehung, beide fragen sich, ob sie die richtige Entscheidung getroffen haben", sagt Produzentin Walker. "Die meisten Menschen heiraten, und wahrscheinlich denken viele irgendwann darüber nach, ob sie den Richtigen ausgesucht haben oder nicht. Gerade wenn es da jemanden gibt, der einem sehr viel bedeutet."

Weil sie so wenig Zeit haben, führen sie ein komplexes Gespräch über das Leben, die Liebe, wie sie sich verändert haben und was ihnen sonst noch einfällt. "Ich empfinde das ganz klar als eine Bestandsaufnahme ihrer derzeitigen Lebenssituation", sagt Linklater. "Wir können uns im Leben nun mal nur vorwärts bewegen, und wir arrangieren uns mit unserer Umgebung, so gut wir können. Darin ähnelt der Film sehr deutlich dem ersten - er ist eine Momentaufnahme. Die Handlung von ,Before Sunrise' erstreckte sich über etwa 14 oder 15 Stunden im Leben der beiden, eine zufällige Begegnung in einer Stadt, die beiden fremd war - sie schufen sich durch ihre Fantasie fast eine eigene, flüchtige Welt. Der zweite Film ist dagegen deutlich in der realen Welt angesiedelt, und er macht diese Welt zum Thema: Paris. Celine lebt in Paris. Das ist ihre Welt. Die ist sehr real."

Wie im ersten Film können Jesse und Celine sich selbst sehr gut analysieren, und sie haben keine Schwierigkeiten, ihre Lebensphilosophie zu artikulieren. "Sie denken über ihre Situation ganz bewusst und sehr intensiv nach", sagt Linklater. "Der Film wird nicht zuletzt dadurch charakterisiert, dass die beiden ihre Situation sehr gut einordnen können, sie teilen gern ihre Ansichten, ihre intensiven Gefühle. Wie im ersten Film geraten sie in eine Situation, in der sie sich bereitwillig öffnen und Dinge gestehen, die man seinem Ehepartner nicht sagen würde. Aber einem Menschen, dem man wie in einer Beichtsituation begegnet, dem kann man sich anvertrauen. In diesem Film dringen sie also langsam immer tiefer vor. Es dauert eine Weile, bis sie am Ziel ankommen, aber sie schaffen es."

"Obwohl sie sich verstehen, unterscheiden sie sich von anderen Paaren", sagt Delpy. "Vielleicht sind sie füreinander bestimmt, vielleicht auch nicht. Aber selbst wenn Menschen vollkommen zueinander passen, finden sie nicht unbedingt zueinander, und falls doch, dann mußs der richtige Zeitpunkt gegeben sein."

Eine übliche Handlung über zwei Menschen, die sich wiederfinden, gibt es zwar nicht, aber Hawke weist darauf hin, dass die Story eher in den Zwischenbereichen unsers Menschseins angesiedelt ist. "Die Figuren sind die Geschichte", sagt er. "Was in unseren Köpfen vorgeht, warum wir uns gerade so und nicht anders verhalten, was uns antreibt, was wir für wichtig halten - das Innenleben der Figuren ist die Geschichte des Films. Rick hat schon immer mit der herkömmlichen Erzählstruktur experimentiert.

Sogar sein Erstling "Slacker" hat eigentlich keine nennenswerte Handlung, und trotzdem reißt er uns mit. Unser Leben läuft eben nicht in so klar umrissenen Erzählstrukturen ab. Dadurch gewinnen wir oft den Eindruck, das Leben sei langweilig, denn unser Leben, unsere Beziehungen haben nicht Anfang, Mitte und Ende. So eindeutig ist das nie. Das lässt sich nicht so einfach begreifen. Und genau das möchten wir zeigen: Was Leben eigentlich bedeutet - wir entwickeln den Naturalismus auf einer neuen Ebene weiter."

Über die Produktion "Before Sunset" wurde über einen langen Zeitraum entwickelt, aber das Drehbuch entstand dann innerhalb von fünf Monaten. Die Dreharbeiten fanden schließlich unter sehr viel komplizierteren Bedingungen statt - innerhalb von 15 Tagen. "Bei ,Before Sunrise' probten wir den Film etwa vier Wochen im Voraus, die Dreharbeiten dauerten dann nur etwa fünf Tage", sagt Ethan Hawke. "Diesmal war das sogar noch anstrengender. Wir konnten nur wenig mehr als zwei Wochen proben, und alles mußste in drei Wochen abgedreht sein. Man kommt sich vor wie ein Sprinter, aber wir haben das Ganze natürlich sehr lange im Voraus geplant."

Das Trio arbeitete genauso entspannt zusammen wie bei den früheren Projekten. Linklater lobt Hawkes Engagement und Intelligenz: "In jedem Moment der Dreharbeiten verhält er sich absolut professionell, er sprüht vor Ideen. Nie ist er zufrieden, ständig denkt er sich etwas Neues aus. Sowohl persönlich als auch als Schauspieler will er sich neuen Herausforderungen stellen, zu immer neuen Grenzen vorstoßen, sich neu motivieren. Es ist toll, an diesem Prozess teilzuhaben."

Genauso freute sich der Regisseur auf die erneute Arbeit mit Delpy: "Ich habe selten einen so interessanten Menschen wie Julie kennen gelernt und als Mitarbeiter erleben dürfen. Sie ist ungeheuer begabt, leidenschaftlich bei der Sache, wunderschön und sehr klug. Wenn ich keinen anderen Grund hätte, würde es mir allein schon reichen, diesen Film zu machen, nur um wieder mit Julie Delpy arbeiten zu können."

Delpy beschreibt Linklater als "sehr locker: Stress ist für ihn ein Fremdwort. Er verlangt harte Arbeit von uns, ohne dass wir sie als hart empfinden, weil er so relaxed ist und genau weiß, was er will. Aber ich glaube, wir könnten unmöglich zusammen arbeiten, wenn wir nicht echte Freunde wären - das ist die Voraussetzung."

Hawke hat in der Hälfte aller Linklater-Filme mitgewirkt. Er fügt hinzu: "Ich vertraue ihm blind. Ich hätte nicht fünf Filme mit ihm gedreht, wenn ich nicht an ihn glaubte. Und ich würde auch gern noch fünf weitere mit ihm machen. Rick hat eine unnachahmliche Art zu sagen: ,Ich sage euch jetzt, was ich mir für heute vorgenommen habe. Wahrscheinlich bekommen wir im ganzen Leben nie wieder die Chance, das zu machen.'"

Walker weist auf Linklaters außergewöhnliche Gabe hin, Realität, Dramatik und Komödie mit zahllosen weiteren Themen zu verknüpfen: "Er bringt die verschiedenen Aspekte des Lebens so vor die Kamera, dass wir uns selbst wiedererkennen: Er regt uns zum Nachdenken an, ohne uns jemals zu langweilen."

Delpy empfand ihre sehr umfangreichen Dialoge im Film als große Anstrengung, die sich aber ausgezahlt hat: "Wir wollen uns so natürlich wie möglich unterhalten: als ob man so vor sich hinplappert. Das ist aber äußerst kompliziert. Denn jeder Satz war vorher schriftlich festgelegt. Beim Drehen improvisieren wir nicht, aber der Dialog soll trotzdem improvisiert wirken."

"Ohne so unglaublich begabte Schauspieler wie Julie und Ethan wäre dieser Film gar nicht denkbar", sagt Walker. "Wir drehten eine Acht-Minuten-Szene in einem Auto, und die beiden zogen das einfach so von Anfang bis Ende durch, ohne Unterbrechung, ohne einen Patzer. Absolut außergewöhnlich."

Anders als im ersten Film wird der Dialog in "Before Sunset" praktisch nie unterbrochen. "Der erste Film wirkte viel romantischer, weil er großenteils nachts spielt", vergleicht Hawke. "Viel schwieriger wird es, wenn die Filmhandlung nur 90 Minuten umfasst. Da gibt es keine Ablenkung. Im ersten Film gab es Rezitatoren auf der Straße, Bauchtänzerinnen, das Riesenrad, die Eisenbahn. Dagegen wirkt der neue Film äußerst karg und ökonomisch. Und reifer. Und hoffentlich spürt man, dass er noch mehr von Herzen kommt."

Linklater wollte den Film unbedingt in Paris ansiedeln, weil Celine dort zu Hause ist. Entsprechend wollte er nichts vom Paris der Touristen wissen, sondern vielmehr die alltägliche Stadt zeigen, in der sie lebt. "Auch im ersten Film was das ihr Zuhause; sie wohnt nach wie vor dort", sagt Linklater. "Paris zählt zu den wunderbarsten Städten der Welt - vielleicht ist sie sogar die schönste. Aber ich sage es noch einmal: Jesse und Celine erleben innerhalb der Stadt ihre eigene Welt, wir drehen also keinen ,Eiffelturm-Film'. Das wollte ich tunlichst vermeiden, und trotzdem befinden wir uns in Paris, und so kommt die Schönheit dennoch zum Ausdruck - egal, was man anstellt."

"Before Sunset" entstand komplett in Paris. Ein Schauplatz ist zum Beispiel der bekannte Buchladen Shakespeare & Co. am linken Seineufer, und die beiden können während ihrer Bootstour auf der Seine einen Blick auf Notre Dame werfen. Bei der Ausstattung von Celines Apartment ließ sich Linklater von Delpy beraten - sie sollte sagen, was ihr gefiel, wie sie sich einrichten und was auf ihrem Wohnzimmertisch liegen würde. "Ich kenne mich in Paris bestens aus", sagt sie. "Und Richard weiß, dass ich genau weiß, was Celine gefallen würde und warum. Rick hat auf dieser engen Zusammenarbeit bestanden. Also schauten wir uns Apartments an - er fragte dann: ,Würdest du hier wohnen wollen?', und ich antwortete: ,Auf keinen Fall, aber die Treppe gefällt mir.' Solche Sachen."

Wenn die Filmhandlung in Echtzeit abläuft, erweist sich die Lichtgebung als besonders kompliziert. "Alles geschieht innerhalb von etwa 90 Minuten an einem Spätnachmittag. Wir können also nicht mittags drehen", erklärt der Regisseur. "Denn wenn die Sonne im Zenit steht, passen die Bilder nicht zum Rest des Films. Wir mußsten jeweils alles vorbereiten und konnten dann nur während der kurzen Zeitfenster drehen. Das ganze Konzept geht davon aus, dass ich Ethan und Julie zutraute, sie könnten einfach am Drehort erscheinen und innerhalb sehr kurzer Zeit vollkommen in ihren Rollen aufgehen, etwa nach dem Motto: ,Okay, das Licht bleibt jetzt zwei Stunden so. Also los.' Peng. Wir drehen die Szene. Und Julie und Ethan packen das. Ich bin überzeugt, dass diese Energie sich auf den Film überträgt. Denn davon handelt der Film ja: Die beiden haben eben nur sehr begrenzt Zeit. Also los."

Der genau ausgeklügelte Drehplan forderte vom gesamten Team einen höchst konzentrierten Einsatz, und weil es für alle eine Liebesarbeit war, feuerten sie einander zu Höchstleistungen an. Delpy berichtet: "Morgens um sechs ging es los, und manchmal dauerte es bis abends um acht. Anschließend probte ich drei Stunden lang mit Ethan, denn am nächsten Drehtag warteten zehn weitere Dialogseiten auf uns. Wenn wir nicht vor der Kamera standen, probten wir. Wenn wir nicht probten, schrieben wir Szenen um. Aber mir gefällt diese Arbeitsweise. Das ist sehr anstrengend, aber gleichzeitig auch sehr spannend und befriedigend."

"Wenn man mit Freunden ein neues Projekt anpackt, dann deswegen, weil man gern zusammenarbeitet, und das macht immer Spaß, auch wenn es wirklich kompliziert wird", fügt Linklater hinzu. "Man kommt sich vor wie im Kreise einer Familie. Dennoch treiben wir uns zu Höchstleistungen an, weil wir sehr hohe Ansprüche haben."

"Wahrscheinlich ist das Ganze so spannend, weil es aufgrund der harten Arbeit zu magischen Momenten kommt - oder eben auch nicht", sagt Delpy. "Ich arbeite gern beim Film, weil wir uns um diese Momente bemühen. Wahrscheinlich kann jeder solche Situationen in seinem jeweiligen Beruf erleben, aber ich erlebe sie eben in diesem Bereich."

Obwohl das Projekt erhebliche Risiken barg, spürten alle Beteiligten, wie ihre Kreativität bei der gemeinsamen Arbeit genauso stimuliert wurde wie beim ersten Film. "Damals haben wir unser ganz eigenes Ding durchgezogen, und jetzt machen wir das wieder genauso", sagt Linklater. "Diesmal steht sogar noch mehr auf dem Spiel. Wir jonglieren hier ohne Netz und doppelten Boden. Wir alle spüren den Druck, aber der wirkt sich auf die Arbeit sogar günstig aus. Ich habe echt Glück gehabt, dass ich diese Chance bekomme. Wir müssen jeden Tag hart ran, aber das bringt Spaß."

"So lange Menschen uns Geschichten erzählen, werden wir uns im Universum wohl nicht einsam fühlen", fügt Hawke hinzu. "Aber wenn man etwas ausprobiert, was sich außerhalb der eingefahrenen Bahnen bewegt, ist das sehr aufregend, weil wir ja auch eine Bauchlandung in Kauf nehmen müssen. Doch wenn das funktioniert, entsteht etwas Einzigartiges. Und es ist gut, wenn man sich als Künstler ein derartiges Ziel im Leben setzt, wenn man versucht, eine eigene Handschrift zu finden. Wir alle haben sehr viel Herzblut in dieses Projekt investiert."

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Warner Bros. © 1994 - 2010 Dirk Jasper