Mambo Italiano

Produktionsnotizen

Auf der Grundlage des gleichnamigen erfolgreichen Bühnenstücks, das dessen Autor Steve Galluccio und Émile Gaudreault, der Regisseur des Films, fürs Kino adaptierten, behandelt MAMBO ITALIANO die Feinheiten und die Komplexität einer typischen italienischen Familie. Eine Familie, die Kultur und Tradition der alten wie auch der neuen Welt umfasst, die sich bemüht, ihre Wurzeln im Schmelztiegel des nordamerikanischen Kontinents zu bewahren.

Um die Extravaganzen dieses Lebensstils so prägnant einfangen zu können, bedurfte es intimer Kenntnisse der italienischen Immigrantengemeinde von Montreal. Glücklicherweise ist Autor Steve Galluccio ein dreisprachiger Kanadier, dessen italienische Wurzeln fest im Herzen von Montreals Little Italy verankert sind. Galluccio weiß deshalb genau, wovon er spricht. Er macht sich lustig über die überholten Gebräuche und Traditionen mit der Liebe, dem Humor und dem Einblick eines Mannes, der im Grunde großen Respekt vor dieser Immigrantenkultur hat. Für sein Drehbuch griff er auf Situationen aus seinem Leben zurück, auf amüsante Anekdoten, Gespräche und Erinnerungen an melodramatische Tanten, Onkel und Großeltern. "Und meistens waren sie sich nicht einmal bewusst, dass sie witzig waren", sagt Galluccio. "Sie waren einfach Naturtalente."

Der Autor will sich dezidiert nicht über die italienische Kultur lustig machen. Ihn faszinierte vielmehr deren spezielle Ausprägung, die entstand, als in den Fünfziger und Sechziger Jahren mehrere Wellen italienischer Einwanderer aus der Arbeiterklasse nach Montreal kamen: Abgeschnitten von den Traditionen ihrer Vorväter, aber auch in der neuen Heimat isoliert durch Sprache und Kulturunterschiede, entwickelten sie eine neue Kultur, um sich selbst zu schützen. Im Bemühen, sich in ihrer neuen Heimat zu etablieren, umgeben von einer Gesellschaft, die ihnen fremd war, wurde es für die Einwanderer zum Beispiel sehr wichtig, dass ein guter Junge italienischer Abstammung ein gutes Mädchen mit vergleichbaren Wurzeln heiratete. Und wehe dem, der sich nicht daran hielt!

Auf der Grundlage genau dieser Idee begann Galluccio seine Nebenfiguren aufzubauen, bediente sich dabei seiner eigenen italienischstämmigen Familie und Freunde, um Haupt- und Nebenhandlung zu entwickeln. Nach getaner Arbeit lag schließlich ein Drehbuch vor, das voller Überraschungen und Wendungen war, das Charaktere aufwies, die auf liebenswerte Weise berührend, witzig und sehr menschlich waren.

Émile Gaudreault, Galluccios Freund, Mitarbeiter und später auch der Regisseur des Films, war einer der Ersten, die das fertige Manuskript zu lesen bekamen. Der junge, aufstrebende Filmemacher, der gerade sein Regiedebüt NUIT DE NOCES (2001) vorbereitete, verliebte sich auf Anhieb in das Stück und nahm seinem Freund das Versprechen ab, dass er es inszenieren dürfe. Scherzhaft ließ sich Galluccio darauf ein, dachte aber nicht im Traum daran, dass es jemals auch dazu kommen würde. Da aber täuschte er sich gewaltig.

Gaudreault schlug das Projekt der Produzentin Denise Robert von Cinémaginaire vor, mit er gerade an seinem Film arbeitete. Mit ihrer feinen Nase für Erfolg versprechende Stoffe erkannte Robert sofort das komische Potenzial des Stücks und sicherte sich eine Option darauf. Nun befand sich Galluccio in einer beneidenswerten Position: Sein Stück war noch nicht einmal uraufgeführt worden, er aber durfte bereits an der Adaption fürs Kino arbeiten. Er konnte sein Glück nicht fassen - ganz besonders, als Gaudreault Michel Tremblay überzeugen konnte, das Stück zu lesen. Der hoch angesehene Bühnenautor aus Quebec mochte das Stück sofort und erklärte sich nicht nur dazu bereit, es ins Französische zu übersetzen, sondern tat dies auch noch ohne Honorar.

Damals kannten sich Galluccio und Gaudreault bereits mehrere Jahre. Sie lernten sich 1996 kennen, als Gaudreault einen Übersetzer für eines seiner Drehbücher suchte. Sie verstanden sich auf Anhieb und begannen bald, gemeinsame Projekte vorzubereiten. So arbeiteten sie an einigen Episoden von "Histoire de filles" zusammen, einer 1998 ausgestrahlten Sitcom aus Quebec, und im Jahr darauf an einer weiteren Situationskomödie namens "Un gars, une fille". In den zwei Jahren, in denen sie an diesem Projekt mitwirkten, gewannen sie jeweils einen Gemini Award für herausragende Drehbuchleistungen. Zuletzt entwickelten und schrieben sie für Radio Canada und CBC die Dramödie "Ciao Bella" und arbeiteten gemeinsam an den 13 Episoden der ersten Staffel.

18 Monate dauerte es, die Bühnenfassung in ein Kinodrehbuch zu verwandeln. Dem Autoren-Duo ging es darum, typisch theaterhafte Wesenszüge und Momente zu entfernen, aber den Geist und die Seele des Stücks zu konservieren. So wurden Szenen zusammengelegt oder aufgegeben, andere hinzugefügt, Schauplätze gewechselt, Charaktere verändert und der Rhythmus gestrafft, um das Ganze noch knackiger zu machen. Schließlich lag Ende 2001 eine Fassung vor, die sie guten Gewissens vorzeigen konnten. Denise Robert war von dieser letzten Version beeindruckt und setzte alle Hebel in Bewegung, damit MAMBO ITALIANO Gaudreaults zweiter Film werden konnte. Weil die gemeinsame Arbeit an seinem Erstling so ein großer Erfolg war, wollten beide diese Erfahrung natürlich gern wiederholen.

Als Galluccios Theaterstück von Kritik und Publikum gut aufgenommen wurde, begannen Robert und Gaudreault mit den ersten Vorbereitungen für den Film. Am wichtigsten war zunächst einmal die Besetzung und innerhalb kürzester Zeit wurde jeder ihrer Wunschkandidaten auch verpflichtet.

Für die Rolle von Angelos Mutter wählten sie Ginette Reno, die sensationelle Sängerin aus Quebec, die in ihrem Film C'T'À TON TOUR, LAURA CADIEUX (1998) und der Fortsetzung LAURA CADIEUX...LA SUITE (1999) sehr erfolgreich war. Die warmherzige, aufrichtige Schauspielerin ist für ihre kraftvolle Stimme bekannt, sammelte aber auch großes Kritikerlob für ihre Filmarbeit, seit sie in Jean-Claude Lauzons Film LÉOLO ("Léolo", 1992) eine Mutter aus der Arbeiterklasse geradezu brillant verkörpert hatte. Robert und Gaudreault hielten sie für die Idealbesetzung von Angelos Mutter Maria.

Und dann, einem Impuls folgend, besetzten sie Hollywood-Veteran Paul Sorvino in der Rolle ihres Ehemanns Gino. Sorvino mag als Darsteller in Filmen wie Martin Scorseses GOODFELLAS ("Goodfellas", 1990) oder Warren Beattys DICK TRACY ("Dick Tracy", 1990) berühmt sein, aber er ist auch ein ausgebildeter Tenor, der bereits an der Metropolitan Opera in New York gesungen und darüber hinaus drei CDs veröffentlicht hat.

Wenn man die beiden zusammenbrächte, das spürten Robert und Gaudreault, käme wunderschöne Musik zustande. Und genauso war es auch. Sorvino mochte das Drehbuch vom ersten Moment an, verliebte sich auch in Renos Stimme und sagte, sie sei die Einzige, die mit dem Herzen sänge, und für ihn sei es eine Ehre, mit ihr in einem Film zu spielen.

Weiterhin konnte Mary Walsh, bekannt aus der TV-Reihe "This Hour Has 22 Minutes", für die Rolle der Lina gewonnen werden - die dynamische, dominante, aber letztlich liebende Mutter Ninos. In ihren Augen war das Drehbuch so witzig, dass sie schon beim Lesen hätte laut auflachen müssen. Etwas, was sie sonst nur sehr selten erlebe. Für die Rolle ihres Sohnes fand man Peter Miller, einen athletisch gebauten Exfootball-Profi, der erste Schauspiel-Erfahrungen gesammelt hatte im kanadischen TV-Hit "Lance et Compte: Nouvelle Génération" und schließlich auch in der realistischen Biker-Miniserie "The Last Chapter". Sein gutes, etwas grüblerisches Aussehen war perfekt für die Figur eines zerrissenen und von Geheimnissen umgebenen Cops, der in seinen besten Freund Angelo verknallt ist.

Was jetzt noch fehlte, war ein Schauspieler, der eben diesen Freund verkörpern konnte. "Ihn zu finden, war für uns am schwersten", erinnert sich Regisseur Gaudreault. "Die Figur mußste dramatisch, emotional und einfühlsam sein, vor allem aber mußste das Publikum sich mit ihr identifizieren können. Für jeden Hauptdarsteller ist das noch immer die wichtigste Eigenschaft." Aus ganz Kanada bewarben sich Schauspieler für diese Rolle, aber Gaudreault fand sie alle etwas zu glatt für die Figur. Dann aber sprach Luke Kirby vor. Gaudreault gefiel, was er sah, und verpflichtete den jungen Darsteller.

Für die Nebenrollen versammelte Gaudreault namhafte Darsteller aus Quebec, geradezu ein Who's who von Film und Bühne. Dazu gehörten Sophie Lorain, preisgekrönt für die TV-Serie "Fortier", als sexy Verführerin Pina. Außerdem die wunderbar witzige Pierrette Robitaille als Rosetta, Claudia Ferri als Angelos Pillen schluckende Schwester Anna, Bühnen-Veteranin Diane Lavallée als Melanie sowie der bekannte kanadische Schauspieler Tim Post als Peter.

Im Sommer 2002 begannen die Dreharbeiten. In nur 36 Tagen mußsten 200 Szenen im Kasten sein - eingefangen an Schauplätzen rund um Montreals Little Italy und der Region Rivière des Prairies. Gaudreault erinnert sich, dass alles reibungslos verlief. Jede Sorge, dass Paul Sorvino vielleicht den Hollywoodstar herauskehren und schwierig am Set sein würde, erwies sich schnell als unbegründet. Spätestens am vierten Drehtag, als Sorvino nach einer besonders emotionalen Szene Gaudreault und Galluccio gestand, dass die Dialogkomik mit das Beste sei, das er je gelesen habe. "Dieser Mann ist als Schauspieler ein Meister, gibt sogar Unterricht. Wenn einer wie er so etwas sagt, bedeutet mir das eine Menge", erinnert sich der Regisseur.

Die gute Chemie zwischen Reno und Sorvino half, die richtige Atmosphäre am Set zu stabilisieren. Beide sollten in einer Szene zusammen singen und Sorvino war sofort dafür. Immer wieder gab es Stegreif-Proben für dieses Duett. "In jedem Moment mußste man damit rechnen, dass beide zu singen anfangen würden", erinnert sich Gaudreault. "Es war einfach wunderbar." Wenn also Besetzung und Crew gerade eine neue Szene vorbereiteten, wurden sie mit einem Spontanvortrag populärer Songs verwöhnt. Auch Mary Walsh erwies sich bei den Dreharbeiten als beeindruckende Persönlichkeit. Die Rolle der dominanten Patriarchin Lina passte ihr perfekt und Walsh verhalf dieser Figur zu einer ganz neuen Dimension.

"Sie ist die geborene Komödiantin", schwärmt Gaudreault, "überlebensgroß und voller Energie." Sie ist stets schlagfertig und hat immer einen guten Witz parat. Je weiter die Dreharbeiten voranschritten, desto mehr wurde auch Ginette Reno eins mit ihrer Figur. Am Ende konnte sie sich Regisseur Gaudreault gar nicht mehr anders vorstellen als eine italienische Hausfrau, die ihr ganzes Leben in Little Italy verbracht hat. Sie war einfach Maria Barberini. "Ginette ist nicht nur eine großartige Sängerin", so der Regisseur, "sondern auch eine wunderbare Schauspielerin."

Luke Kirby hingegen hatte die Nuancen seiner Rolle so gut verinnerlicht, dass Gaudreault manchmal das Gefühl hatte, bei ihm als Regisseur völlig zurücktreten zu können. "Man versteht, was in ihm vorgeht, wie er seine Familie liebt und auch den Schmerz, den er spürt, den er seiner Familie mit seiner Enthüllung bereitet."

Gaudreault arbeitete mit allen wichtigen Abteilungen eng zusammen, ganz besonders mit den Kostümbildnern und Ausstattern. "Von Beginn an wollte ich realer als die Realität sein ... sie überzeichnen ... sie farbiger als das Leben machen." Kostüme und Bauten sollten verspielt sein und gute Laune machen, sollten die komischen Aspekte des Drehbuchs spiegeln. Gaudreault ging es nicht darum, einen harten, treffenden Gesellschaftskommentar zur Homosexualität abzugeben. Sein Ziel war ein Mainstream-Film über eine Immigrantenfamilie, die lernt, mit der neuen, sich ständig verändernden Welt um sie herum zurechtzukommen. "Es ist ein Film mit einer sehr positiven Stimmung, ein Feelgood-Movie, das man überall herausbringen könnte. Es geht um Konflikte, Mitgefühl und letztlich auch um Akzeptanz."

Die Resonanz des Publikums auf den Film war von Beginn an ausgezeichnet. Viele Italiener haben MAMBO ITALIANO gesehen und erkannten sich darin wieder. Er ist einfach authentisch. Geschrieben in Englisch von einem englischsprachigen Italiener aus Montreal, gespielt von Darstellern aus Quebec, dem englischsprachigen Kanada und den USA, und inszeniert von einem französischsprachigen Regisseur aus Quebec. So reflektiert Gaudreault abschließend: "Vielleicht braucht man einen Film über Italiener in Montreal, um das englisch- und französischsprachige Kanada zusammenzubringen."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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