Haschisch

Produktionsnotizen

Ein Gebirgszug im Nebel. Ein Junge tanzt zur Musik. ?Wie viele Tage liegen zwischen Land und Land? ? Die Philosophen sagen, 500 Jahre liegen zwischen Land und Land. ? Zwischen Himmel und Himmel? ? Das kann niemand wissen.? Es ist der Beginn unserer Reise zu den Haschisch-Plantagen.

Der Mann, mit dem wir bei glühender Mittagshitze einen Bergpfad hinaufsteigen, ist schwer bepackt. Über der Schulter trägt er eine große Kiste voller Speiseeis. Ein Junge kommt. Der Eisverkäufer gibt ihm zwei Eis und der Junge bezahlt. Aber er bezahlt nicht mit Geld. Er bezahlt mit einem dicken Bündel Marihuana. Das alles scheint ganz normal.

Wir landen in einem riesigen Feld voller Gras. Moskitos surren durch die Luft und ein paar Männer mit Strohhüten bringen die Ernte ein. Berge von Marihuana werden zum Trocknen ausgelegt, um später verarbeitet zu werden. Verarbeitet zu Haschisch.

Im Dorf hören wir rhythmisch monotone Trommelschläge. Bei Tag und bei Nacht. Es wird Haschisch produziert. Die getrockneten Stauden werden auf Stoff ausgelegt und mit einer Plane bedeckt. Zwei sich gegenüberstehende Männer schlagen mit Holzstöcken auf die Pflanzen. Während sie die Plane betrommeln, rieselt durch das engmaschige Textilgewebe der Blütenstaub in einen Behälter.

?Kennst Du das? Das ist super. Beste Qualität. Erste Siebung.?

Haschisch ? die Fakten Südlich des Mittelmeers, 120km vor der spanischen Küste, erhebt sich in Nordmarokko das Gebirge des Rif. Zwischen Chefchaouen im Westen, Al Hoceima im Osten und Taounate im Süden liegt die viertgrößte Erzeugerregion von Haschisch weltweit. 2/3 des Haschischs auf dem europäischen Markt kommen von hier. 200.000 Kleinbauern leben vom Ertrag einer Anbaufläche von knapp 80.000ha. Keine andere Pflanze wächst in diesen Bergen so gut wie Cannabis.

Dabei ist ein traditioneller Anbau der Pflanze offiziell erlaubt. Gemeint ist damit erstens der Anbau nur für den Eigenbedarf der Bauern und zweitens Anbau, der auf die Blätter der Pflanze zur Kifherstellung abzielt- im Unterschied zum kommerziellen Anbau speziell zur Haschischproduktion, wo es um die Gewinnung des viel stärker berauschenden Harzes der Cannabispflanze geht. Dieser sich von der traditionellen Erntemethode unterscheidende Anbau zur Haschischgewinnung, der sich erst seit den 60er Jahren entwickelt hat, ist auch im Rif illegal.

Dagegen ist der traditionelle Anbau sogar nach der Verordnung 1-69-246 bis heute offizielles Staatsmonopol. Im Jahr 1926 war der Cannabisanbau von den Franzosen legalisiert und zum Staatsmonopol erklärt worden, wahrscheinlich in der Hoffnung, selbst die Kontrolle über den Anbau ausüben zu können. Zudem herrschte in dieser Zeit in Europa ein großes Interesse an Hanffasern und anderen Hanferzeugnissen, mit denen die Franzosen in den Jahren ihrer Herrschaft Handel trieben.

Im Jahre 1992 unterschrieb König Hassan II. die Konvention der Vereinten Nationen zur Drogenbekämpfung von 1988. Und zum Beweis, dass dies nicht nur eine Formalität, sondern ernst gemeint war, wurden noch im selben Jahr über 10.000 Drogenhändler verhaftet. Natürlich nur die kleinsten Händler, die, die am wenigsten Einfluss im Land hatten und deren Rache die Regierung nicht fürchten mußste.

1993 kündigte man dann einen Entwicklungsplan an, der der Region Stromleitungen, Straßen, fünf mittelgroße Stauseen, 95.000ha bewässertes Gebiet, 300.000ha Weideland und 200.000ha Obstplantagen versprach. Dies alles sollte es den Bauern ermöglichen, von Hanfbauern zu Obstbauern zu werden. Das Projekt verlief im Sande, und 1,9 Milliarden Euro, zusammengebracht von der EU als Entwicklungshilfegelder, verschwanden mehr oder minder. Gleichzeitig stiegen Produktion und Ausfuhr von Haschisch.

Da von den genannten 1,9 Milliarden Euro nichts bei den Kleinbauern im Rif ankam, sehen diese nicht ein, weshalb sie die Cannabis-Produktion, ihre einzige Lebensgrundlage, einstellen sollten. Ein härteres Durchgreifen gegen den Cannabisanbau ist für den marokkanischen Staat schwierig, insbesondere wegen der Gefahr der offenen Rebellion im Rif.

Das Rifgebirge ist seit alters her eine Unruheregion. Von hier kamen Kahina, die Kämpferin gegen die arabischen Eroberer, und Abdel Krim, der Held der Berber, der eine ganze spanische Armee besiegte und in den 20er Jahren die Freie Rif-Republik ausrief. Bilad as-Siba, "Land der Gesetzlosigkeit", wurde das Rif genannt, und irgendwie ist es das bis heute. Hier herrschen eigene Gesetze.

Haschisch ? die Produktion ?Es war meine erste Marokkoreise und ich war total fasziniert: von der Landschaft, dem Licht und den Farben, aber vor allem von den Menschen denen ich begegnete. Die Hanfbauern in den Bergen von Marokko, das wäre ein super Thema für einen Film, dachte ich. Viele denen ich von meiner Idee erzählte, reagierten skeptisch und rieten mir ab: ?Das ist ein viel zu heißes Eisen!? ?Dafür kriegst Du nie Geld!? ?Wie willst du das überhaupt schaffen, dort zu drehen?? Es sollten in der Region sogar Touristen verschleppt worden sein.

In einem kleinen Café in Köln traf ich Kamal El Kacimi. Ich kannte ihn noch von seiner Zeit als Dozent. Inzwischen hatte er ?Rif Film? gegründet und sich auf die Organisation von Filmprojekten in Marokko spezialisiert. Als ich Kamal gegenüber saß, kamen mir doch Zweifel: Hatte ich mir das Unmögliche vorgenommen? Aber er war sofort begeistert vom Thema und wollte den Film produzieren.

Vor uns hatte sich nur ein englisches Filmteam bis ins Rif vorgewagt und einige Aufnahmen aus dem fahrenden Auto gemacht, um dann im Steinhagel der Plantagenbauern die Flucht ergreifen zu müssen. Bevor wir also mit dem Dreh beginnen konnten, mußsten wir das Vertrauen der Haschischbauern gewinnen. Unser Kontaktmann hatte in den 70er Jahren als Aussteiger bei den Haschischbauern gelebt.

30 Jahre später würde er noch einmal mit uns ins Rif fahren. Die Anspannung war groß. Unser Kontaktmann hatte uns angewiesen, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Unterwegs mußste zweimal das Taxi gewechselt werden. Als wir dann im dichten Schneetreiben hoch oben in den Bergen bei unserer Gastfamilie ankamen, wurden wir sehr herzlich und als Freunde empfangen.

5 Nach einer Woche lernte ich den alten Philosophen kennen. Es war schon dunkel und wir saßen zusammen am Ofen. Ich erzählte ihm, dass ich Dokumentarfilme drehe. Da hatte er eine Idee: "Lass uns hier einen Film machen. Du bringst deine Kamera mit und wir drehen zusammen einen Film über Haschisch in Marokko!" Ich sagte, das sei ein guter Plan und ich würde es mir überlegen.

Zurück in Deutschland tauchten dann doch Probleme auf. Wir konnten keine Geldgeber finden. Schließlich hatten wir nur 4.000 Euro von der Kunsthochschule für Medien. Wir kalkulierten die Kosten für einen sechswöchigen Dreh. Wir sparten am Filmmaterial, den Gagen und Transportkosten und beantragten Förderungen, bekamen aber kein Geld. Jetzt hieß es umdisponieren.

Die 4.000 Euro nehmen und den Rest aus eigener Tasche finanzieren. Statt mit Kamal drehte ich vor Ort mit seinem Bruder Jaouad. Statt auf Film wurde auf DigiBeta gedreht. Kamal besorgte Drehgenehmigungen, machte weitere Kontakte mit Marokko und organisierte Zollformalitäten.

Als ich mit Andreas Hirsch, dem Tonmann, in Marokko ankam, lief dann alles nach Plan. Da Haschischanbau und Haschischverkauf ist in Marokko illegal ist und der marokkanische Staat kein Interesse daran hat, dass im Ausland über Haschisch im Rif berichtet wird, mußste der Dreh unter großer Geheimhaltung stattfinden. Das Equipment konnten wir nur durch einige Tricks ins Anbaugebiet bringen. Niemand durfte das Ziel unserer Reise kennen. Beim Dreh wurde die Kamera zur Tarnung in Tücher gehüllt, das gedrehte Material schließlich auf Umwegen nach Europa zurückgebracht. All diese Vorsichtsmaßnahmen waren nötig, um den Film machen zu können. Andererseits dienten sie aber auch dem Schutz unserer Protagonisten.

Wir versprachen, keine Namen zu nennen. Aussagen, die Einzelne in Gefahr brächten, würden wir im Film nicht verwenden. Nur so wurde es schließlich möglich, dass die Bauern im Film mit völliger Selbstverständlichkeit über ihr Geschäft und ihr Leben sprechen. Ohne verstellte Stimme und schwarzen Balken vor den Augen.

Als wir mit 20 Stunden Film zurück nach Deutschland kamen, wurde ziemlich schnell klar, dass wir hier außergewöhnliches Material vor uns hatten. Bilder, die nie zuvor gedreht worden waren. Wir wollten den Film ins Kino bringen. Kamal unterschrieb die Koproduktion mit der Kunsthochschule für Medien und sicherte sich die Rechte an ?Haschisch?. Zehn Monate saß ich zusammen mit dem Cutter Roland Bauer am Schneidetisch, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden waren. Als Nik Wohlleben den Ton abgemischt hatte, war ich tatsächlich zufrieden: Die Stimmung zwischen Traum und Wirklichkeit, die ich selbst vor Ort erlebt hatte, war auch im Film da.

Mit dem Rohschnitt in den Händen war jetzt der Weg frei, Verleihförderung zu beantragen. Das Filmbüro NW stieg sofort ein und stellte uns einen Teil des benötigten Geldes zur Verfügung. Den Rest mußsten wir anderswo beschaffen. Auf der Suche nach neuen Finanzquellen machten uns auf den Weg nach Bern, wo gerade eine der größten Cannabismessen Europas stattfand. Wasserpfeifen, Spezialblättchen, Hanfzeitungen, alles rund ums Hanf war hier zu haben. Einige der größten Firmen konnten wir als Sponsoren für unseren Film gewinnen.

Von dem Geld produzierten wir eine 35mm Fassung, mit der wir jetzt an internationalen Filmfestivals teilnehmen konnten. Auf Wettbewerben in Deutschland, Frankreich, Spanien und Griechenland lief ?Haschisch? mit überwältigendem Erfolg. Die Säle waren ausverkauft, das Publikum begeistert.

Nun werden wir auch den letzten Schritt tun: Der Film wird von uns selbst in die deutschen Kinos gebracht.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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