Die Geschichte vom weinenden Kamel

Ausführlicher Inhalt

"Vor vielen Jahren schenkte Gott dem Kamel ein Geweih für seine Gutmütigkeit. Eines Tages kam ein listiger Hirsch und bat das Kamel, ihm das Geweih zu leihen. Er wollte sich damit für ein Fest im Westen schmücken. Das Kamel vertraute dem Hirschen und gab ihm sein Geweih. Aber der Hirsch brachte das Geweih nie zurück. Seitdem halten die Kamele am Horizont Ausschau nach dem Hirschen und warten immer noch auf seine Rückkehr."

Süd Mongolei, Wüste Gobi, Frühjahr 2002. "Auf dass du kraftvoll stehende Höcker und starke Füße bekommst!" Eine Nomadenfamilie begrüßt das erste in diesem Frühjahr geborene Kamelfohlen, schmückt es mit einem bunten Halfter, das aus der Wolle eines erwachsenen Tieres geflochten ist. Ein wenig Milch wird als Opfer dargebracht, damit die Wünsche in Erfüllung gehen. So wird das Fohlen von den Menschen willkommen geheißen. Seine Mutter nährt es und gibt ihm Schutz.

Auch die Nomaden haben Kinder, um die sie sich liebevoll kümmern. Byambasuren Davaa und Luigi Falorni zeigen den Alltag der Hirten - Feuerholz sammeln, Tee kochen, Kamele, Schafe und Ziegen füttern. Der kleine Ugna hilft bei den Tieren schon kräftig mit, während sein Bruder noch bei der Urgroßmutter in der Jurte bleibt. Der Film entdeckt die Parallelen zwischen Mensch und Tier, die hier ganz nahe zusammen leben und auch verwandte Bedürfnisse haben: nach Wärme und Wasser, Nahrung und Liebe.

Ein Kamelfohlen nach dem anderen wird geboren, nur eines lässt auf sich warten. Für die Mutter ist es die erste Geburt; zwei Tage quält sie sich, bis ihr Junges endlich zur Welt kommt - es ist ein weißes Fohlen. Ein verklebtes, nasses Etwas liegt hilflos und schwach im Sand; der Urgroßvater haucht ihm den eigenen Atem ins Ohr. Als die Nomaden der Mutter ihr Fohlen zeigen, bleckt diese jedoch die Zähne und dreht sich immer wieder weg. So verstört, zornig und misstrauisch ist sie nach der schweren Geburt, dass sie das Junge ablehnt.

Die Filmemacher beobachten ein Ritual der Nomaden, die die guten Geister zurückholen wollen, die durch den Abbau von Bodenschätzen in der Region vertrieben worden sind. "Wir sollten bedenken", warnt der Lama, "dass wir nicht die letzte Generation auf Erden sind." Das weiße Fohlen wird von seiner Mutter nach wie vor abgelehnt. Immer wieder nähert es sich, kämpft um Milch und Liebe, aber die Mutter drängt es zornig weg. Schließlich werden die Hinterbeine des Kamels gefesselt, damit das Fohlen in Ruhe trinken kann. "Mama, wenn das Kleine von der Mutter keine Milch bekommt, mußs es dann sterben?", fragt Ugna.

Die Nomadenfamilie beschließt, ein Hoos-Ritual durchzuführen, um die beiden zusammen zu bringen, dafür braucht sie einen guten Geiger. Dude, der älteste Sohn, soll einen Musiker aus dem Aimak-Zentrum in der Stadt holen. Ugna will unbedingt mit. Und weil er schon reiten kann, wie er immer wieder betont, darf er tatsächlich dabei sein. Stolz sitzt er auf seinem Kamel, als er und sein Bruder aufbrechen, obwohl er kaum über den Höcker gucken kann. Viele einsame Kilometer liegen zwischen dem Lager und der nächsten Stadt.

Der Film begleitet Ugna und Dude auf ihrem Weg, die beiden übernachten bei einer befreundeten Nomadenfamilie. In der Jurte steht ein Fernseher, Ugna ist völlig gebannt von einem Zeichentrickfilm. Am nächsten Tag geht es weiter, die Strommasten entlang, fast hätte ein Sturm die beiden Reiter erreicht. Endlich erreichen sie die Stadt, wo die Jungen wieder bei Freunden übernachten. Ugna bekommt ein Eis, kauft Batterien für das Radio des Großvaters und entdeckt im Supermarkt einen Fernseher, den er am liebsten sofort mitnehmen würde. Die Jungen finden aber auch den Musiker, den sie gesucht haben. Er ist beschäftigt, verspricht aber zu kommen, sobald er Zeit hat.

Endlich kommt der Tag, auf den die Nomaden gewartet haben. Der Musiker hat sich angekündigt! Man serviert Tee und Gebäck, plaudert höflich mit dem Gast. Und dann beginnt das Ritual, das die Natur wieder versöhnen soll, alle Familienmitglieder haben sich dazu eingefunden. Ugnas Mutter beginnt zu singen, die Pferdekopfgeige begleitet ihren Gesang. Und das Kamel wird ruhiger, scheint einen Klang zu hören, dem es nicht widerstehen kann ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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